Der absolute Tanz

Schülerinnen der Tanzschule Hertha Feist in „Hände – Das Leben und die Liebe eines zärtlichen Geschlechts“, 1927, Konzept Stella Simon, Regie Miklos Bandy © Image Entertainment Inc.

Etwa hundert Meter von uns zu Hause entfernt liegt der Anita-Berber-Park. Seit 2017 heißt dieser ehemalige Friedhof so. Der Park war lange ein ziemlich vergessenes Stück Land, das die Einflugschneise zum Flughafen Tempelhof war. Noch heute stehen dort die Signalmasten, die den Flugzeugen, die auf dem Flughafen landeten, den Weg wiesen. Drogensüchtige hingen dort herum, Obdachlose; seit der Ort ein ausgebauter Park ist, bin ich gerne dort, wenn’s mir auf dem Tempelhofer Feld zu sonnig oder zu voll ist. Jedenfalls war die Benennung in „Anita-Berber-Park“ meine erste Begegnung mit diesem Namen. Und – Asche auf mein Haupt – viel mehr als dass Anita Berber eine Tänzerin war, wusste ich nicht.

Seit April 2021 zeigt das Georg Kolbe Museum in Berlin-Westend die Ausstellung „Der absolute Tanz. Tänzerinnen der Weimarer Republik“. Die Ausstellung ist nun bis zum 17. Oktober 2021 verlängert worden. Und sie hilft Menschen wie mir, zu lernen, wer Anita Berber war, sowie all die anderen Tänzerinnen, die in der Ausstellung in wunderbaren Fotografien, Filmen, Zeichnungen und Dokumenten vorgestellt werden, und welche Rolle sie in der Kulturszene der Zwanziger Jahre gespielt haben.

Anita Berber in „Unheimliche Geschichten“ Regie Richard Oswald, 1919 © Deutsches Filminstitut Wiesbaden

Anita Berber wurde 1899 in Leipzig geboren, in einen Künstlerhaushalt. Ihr Vater war Geiger, ihre Mutter Kabarettistin. Recht bald nach ihrer Geburt ließen sich die beiden scheiden und ab 1906 wuchs sie bei ihrer Großmutter in Dresden auf. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs zog sie wieder zu ihrer Mutter, und zwar nach Berlin-Wilmersdorf. In Berlin wurde sie dann in die Tanzschule von Rita Sacchetto aufgenommen. Bald trat sie als Tänzerin in Berliner Theatern, aber auch in alternativen Spielstätten der damaligen Berliner Kulturszene – in Nachtclubs, Varietés und lesbischen Bars.

Bald trat sie in Solotanzabenden auf, zum Beispiel im Apollo Theater in der Friedrichstraße, wo sie ihren „Koreanischen Tanz“ aufführte. Noch während des Ersten Weltkriegs wurde sie zu einem Star in der Berliner Kulturlandschaft. Sie kleidete sich mit einem Smoking, noch bevor Marlene Dietrich dafür berühmt wurde, und wurde damit zu einer Ikone, die in der mondänen Welt Berlins zu einem oft kopierten Vorbild wurde.

Im Jahr 1918 wurde sie dann auch für den Film entdeckt, und zwar von Richard Oswald, für den sie in einem guten halben Dutzend Spielfilme mitspielte, etwa in „Das Tagebuch einer Verlorenen“ (1918), „Das Dreimäderlhaus“ (1918), „Die Reise um die Erde in 80 Tagen“ (1919), „Die Prostitution“ (1919) oder „Unheimliche Geschichten“ (1919). Später wurde sie auch von anderen Regisseuren gebucht und hatte dann 1922 sogar einen Kurzauftritt in Fritz Langs „Dr. Mabuse, der Spieler“.

Gemeinsam mit Sebastian Droste, den sie später heiratete, entwickelte die das Bühnenprogramm „Tänze des Lasters, des Grauens und der Ekstase“, das 1922 in Wien mit großem Aufsehen uraufgeführt wurde. Je bekannter Anita Berber wurde, desto mehr säumten Skandale ihren Weg, sie verfiel dem Alkohol, dem Morphin und dem Kokain. Aber sie tourte auch durch Europa und sogar in den Nahen Osten. 1928 brach sie in Damaskus auf einer Bühne zusammen und erkrankte an Tuberkulose. Mit Mühe schaffte sie es noch nach Berlin zurück, wo sie noch im selben Jahr im Bethanien-Krankenhaus starb und auf jenem Friedhof beerdigt wurde, der heute als Park nach ihr benannt ist.

Valeska Gert, Canaille, Fotografie auf Silbergelatinepapier, 19,6 x 16,2 cm, Foto Suse Byk © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek

Zu den weiteren Tänzerinnen, die die Ausstellung vorstellt, gehören Valeska Gert, Hertha Feist, Vera Skoronel, Berthe Trümpy, Charlotte Bara, Tatjana Barbakoff, Claire Bauroff, Jo Mihaly, Oda Schottmüller und Celly de Rheidt, alles Tänzerinnen, die auf ihre Art und Weise für die Tanzszene der Weimarer Republik von Bedeutung waren.

Die Ausstellung stellt auch etliche Skulpturen und Zeichnungen Georg Kolbes den Fotografien und Dokumenten zu den Tänzerinnen gegenüber und greift damit den „Dialog der Disziplinen“, der für Georg Kolbes Werk von Bedeutung war, auf.

Vera Skoronel, Bewegungsstudie, Fotografie, um 1927, 22,1 x 14,6 cm, Foto Suse Byk © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek

Kuratiert wurde die Ausstellung von der Kunsthistorikerin Dr. Julia Wallner und der Choreographin und Kuratorin Brygida Ochaim.

„Der absolute Tanz. Tänzerinnen der Weimarer Republik“ strahlt eine unglaubliche Faszination auf mich aus und erweckt wie selten die kulturelle Welt vor hundert Jahren zum Leben. Für mich schafft die Ausstellung das sogar besser als zum Beispiel die (wie ich finde dennoch großartige) Fernsehserie BABYLON BERLIN oder aktuell die (noch bessere) Erich Kästner-Verfilmung FABIAN ODER DER GANG VOR DIE HUNDE. Und wir erkennen, wie modern das war, was diese Tänzerinnen damals gemacht haben, und wir erkennen überall Parallelen zur Gegenwart.

Überhaupt ist das Georg Kolbe Museum ein so wunderbares Kleinod im Westen der Stadt, mit einem tollen Garten und einem neu eröffneten Café im Nebengebäude. Und ich werde von nun an in meinen Kiezspaziergängen hier in Neukölln durch den Anita-Berber-Park an diese wunderbare Künstlerin denken.

Georg Kolbe Museum
Sensburger Allee 25
14055 Berlin
Öffnungszeiten: täglich 10:00-18:00 Uhr
Anfahrt: S3 oder S9, Bahnhof Heerstraße

Der Katalog zur Ausstellung ist im Georg Kolbe Museum erhältlich; 224 Seiten, 21 Euro.

Aktstudie Claire Bauroff, 1925, Silbergelantinepapier, 11,4 x 8,3 cm, Foto Trude Fleischmann © Galerie Johannes Faber

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