
Christophe Boltanski heißt der Autor, an dessen Kindheitserinnerungen sich „La Cache“ bzw. „The Safe House“ orientiert, 2025 war Lionel Baiers Film schon im Wettbewerb der Berlinale zu sehen. Wir befinden uns im Mai 1968, zur Zeit jener in Frankreich mindestens so bedeutenden Zeit wie in Deutschland, in Frankreich, so brachte uns damals unser Französischlehrer, Herr Lempfert bei, habe das eine feste Redewendung erzeugt: „les évènements du Mai ’68“. Ich meine, dass Herr Lempfert damals dabei war und an der Sorbonne studiert hat. Er hat uns jedenfalls auch von den Slogans der Studenten erzählt. „CRS – SS“ und so. Kommt im Film dann auch vor.
Studentenrevolte, Generalstreik. Christophe Boltanski, Jahrgang 1962, verbringt diese Zeit in der Pariser Wohnung der Großeltern. Aber natürlich ist er noch zu jung, daran teilzunehmen, und erst recht zu jung, das alles zu verstehen, was da gedacht und getan wird. Gleich vier Generationen leben in der Rue de Grenelle. Chaos prägt den Alltag, große Freiheit und Vielfalt – und ein sicherer Hafen stellt das Leben in dieser jüdisch-christlichen Familie Boltanski für den kleinen Christophe dar. Die Uroma hört am liebsten dramatische klassische Musik, Oma lässt sich auf der Straße „Tante“ nennen, um nicht zu alt zu wirken. Und dann gibt es da noch ein Geheimversteck in dieser Wohnung, das einst, zur Zeit der deutschen Besatzung Leben gerettet hat. Und wie kurzweilig und lehrreich das Multigenerationenleben für ihn doch ist. Und so poppen sie auf, die Geschichten, aus dem Krieg, und von wann auch immer. Die Aufruhr von draußen findet weitgehend im Schwarzweißfernsehen statt – ob man da Mama und Papa sehen kann, wie sie demonstrieren? Den Unruhen begegnet man mit Sympathie, Premierminister Pompidou weniger. Die gesellschaftlichen Verhältnisse werden engagiert diskutiert, mit der Religion und deren Regeln sieht man es weniger streng. Es gelten schon immer die eigenen Boltanski-Gesetze. Und wenn’s Christophe doch mal ausnahmsweise langweilig wird, dann steht ihm die Welt der Comics offen. Und dann gibt es ja noch jene Katze, die in der Wohnung lebt – in der Fantasie von Christophe. Oder? Und dann wird’s mal kurz aufregend, wenn die Unruhen vorm Haustor vorüberziehen. Aber nach zwei Minuten ist das erledigt. Das alles nimmt seinen unterhaltsamen Lauf und man hat großen Spaß daran, den ganzen Vertretern der einzelnen Generationen zu folgen. Aber dann kommt der 29. Mai 1968. Der Film nimmt eine dramatisch-amüsante Wendung: Prominenz taucht plötzlich auf. Und nun muss das Geheimversteck reaktiviert werden…
Lionel Baier ist 1975 in Lausanne in der Schweiz geboren. Dort studierte er in den Neunzigern auch unter anderem Filmwissenschaften, in Lausanne wurde er dann später auch Dozent an der Filmhochschule. Seine Regiekarriere begann er mit Dokumentarfilmen, etwa mit „Celui au pasteur (ma vision personelle des choses)“, einem Film über seinen Vater, einem evangelischen Pastor. „The Parade“ dokumentiert die erste GayPride im katholischen Wallis. Sein erster Spielfilm war „Stupid Boy“, er lief in Cannes, es folgten Filme wie „Schockwellen – Der Fall Mathieu“ und „Nathalie – Überwindung der Grenzen“.
Lionel Baier gelingt mit „La Cache“ ein wunderbar-buntes, dramatisch-amüsantes, voller Zeit- und Lokalkolorit gestaltetes Werk über jene dramatischen Pariser Wochen des Jahres 1968. Die Perspektive des kleinen Christophe ist unterhaltsam, die Charaktere (und deren Darsteller) sind großartig, die Story sehr kurzweilig. Ab 6. Mai 2026 ist der Film beim Jüdischen Filmfestival Berlin Brandenburg zu sehen.
https://jfbb.info/programm/filme/la-cache
Credits
Originalitel The Safe House
Internationaler Titel The Safe House
Deutscher Titel The Safe House
JFBB Sektion Wettbewerb Spielfilm
- Regisseur Lionel Baier
Land/Länder CH/LU/FR
Jahr 2025
Dauer 90