Stolz & Eigensinn von Gerd Kroske ab 9. Oktober 2025 im Kino

„Der Man­tel der Geschichte weht zugun­sten der­jeni­gen, die genug Puste haben, die Win­drich­tung zu bes­tim­men“, lautet das Christa Wolf-Zitat, das Gerd Kroskes Doku­men­tarfilm „Stolz & Eigensinn“ voranste­ht. Um die ehe­ma­li­gen Indus­triear­bei­t­erin­nen der DDR-Groß­be­triebe aus dem Bere­ich Chemie, Led­er und Berg­bau geht es Gerd Kroske. Es sind Frauen, die damals gebraucht wur­den in der DDR, um die Indus­trie am Laufen zu hal­ten. Haus­frau zu sein war ver­pönt. Nach ein­er kurzen Pause nach der Geburt der Kinder ging man wieder arbeit­en, die kleinen Kinder kamen in die Krippe. Die Frauen hat­ten sich dadurch aber auch eine Unab­hängigkeit erar­beit­et, während im West­en etwa in der Fernse­hwer­bung das Bilder der Haus­frau hochge­hal­ten wurde, die ihrem von der Arbeit nach Hause kehren­den Ehe­mann das Aben­dessen bere­it­et, den besten Kaf­fee zur Ver­fü­gung stellt, die Wäsche gewaschen hat uns selb­stver­ständlich die Kinder erzo­gen.

Doch schnell nach der Wende kam es zu ein­er großen Ent­las­sungswelle der Groß­be­triebe – und die traf zuallererst die Frauen. Plöt­zlich standen die Frauen in ein­er beru­flichen Konkur­ren­zsi­t­u­a­tion zu den Män­nern, plöt­zlich soll­ten nur noch die Män­ner die Arbeit machen. Die Selb­ständigkeit war schla­gar­tig zunichte gemacht. Kroske zeigt alte U‑mat­ic-Bän­der des ein­sti­gen Leipziger Piratensenders Kanal X aus der Zeit nach dem Mauer­fall und vor der Wiedervere­ini­gung, auf denen die Inter­views mit den Arbeit­ern und Arbei­t­erin­nen der dama­li­gen Zeit erhal­ten geblieben sind, ein beein­druck­ender Archivschatz. Der Sender kam damals weit­ge­hend ungeschoren davon, die DDR-Geset­zge­bung hat­te für das ille­gale Betreiben eines TV-Senders gar nicht die passenden Para­grafen.

Und so sucht Kroske die Arbei­t­erin­nen jen­er Zeit heute wieder auf, filmt sie, inter­viewt sie, stellt die Auf­nah­men von heute denen von damals gegenüber. Und so erzählt eine Frau, die mit 16 ihre Aus­bil­dung zur Bergar­bei­t­erin im Braunkohle­tage­bau begonnen hat­te. Ein rauer Ton habe da geherrscht für die Frauen in diesem Män­ner­beruf. Bis sie sich durch­set­zen kon­nte, hat­te Jahre gedauert.

In der Schuh­fab­rik hinge­gen waren vor allem Frauen tätig. Es gab Dämpfe und Kle­ber, den man einat­mete. Die Win­ter­schuhe wur­den im Som­mer hergestellt. Bis 1992 war die Arbei­t­erin dort beschäftigt. Kinder­schuhe aus der dama­li­gen Zeit hat­te sie sich aufge­hoben, die sind bis heute nicht kaputt. Die Frauen klebten die Schuhe, getack­ert wurde aber an Maschi­nen, die von Män­nern bedi­ent wur­den: „Die Män­ner woll­ten doch auch etwas zu tun haben“, sagt sie, aber das Ver­hält­nis zu den Män­nern, sagt sie, sei gut gewe­sen.

Eine andere Arbei­t­erin war Mas­chin­istin für Anla­gen und Geräte. Auch in ihrer VEB waren die Frauen in der Min­der­heit. Die Arbeit mit den Män­nern sei aber wun­der­bar gewe­sen. Ihr eigen­er Mann war ihr Vorge­set­zter. Sie war ohne ihre Eltern aufgewach­sen, der Vater starb im Krieg, die Mut­ter an Blind­darm ein Jahr nach ihrer Geburt. „Es war ein Scheiß Leben“, sagt sie. Die Ehe war dann schön­er, die Schwiegermut­ter gut: „Da ging das Leben erst richtig los“. Aber sie sagt auch: „Ich hab mich immer unter­ge­ord­net.“

Die alten Auf­nah­men waren in der Tat ein Zufalls­fund. „Ich saß im Herb­st 2023 im Archiv der Bürg­er­be­we­gung e.V. Leipzig an Recherchen für einen anderen Stoff, als mich ein Archivar ansprach und mir erzählte, dass er ger­ade ein Riesen­Konvolut an Sende­bän­dern des in Wen­dezeit­en aktiv­en Piratensender KANAL X dig­i­tal­isiert“, erzählt der Regis­seur Gerd Kroske. „Es stellte sich dann her­aus, dass auch mein Film ‚Kehraus‘ aus dem Früh­jahr 1990 dort über den Sender ging. Nun wusste der Archivar nicht, wie mit der Recht­e­si­t­u­a­tion umzuge­hen sei, und er wollte meinen Film von den Unikat­en löschen. Ich war aber der­art begeis­tert von dieser Pirate­nak­tion, dass ich ihm die Rechte­lage erk­lärte und vorschlug, er solle das ein­fach so ver­merken. Er war wohl sehr erle­ichtert über meine Reak­tion. Kurz danach stellte er mir Mate­r­i­al aus dem Jahr 1994 vor: Roh­ma­te­r­i­al von Inter­views mit Indus­triear­bei­t­erin­nen. Diese waren für einen Film mit dem Titel ‚Früher waren wir gut genug‘ von Nor­bert Meiss­ner und Bär­bel Minx im Jahr 1994 geführt wor­den. Die Sou­veränität, mit der sich die Frauen aus der Indus­trie in Erwartung der zweit­en großen Ent­las­sungswellen, die damals im Osten durchs Land fegten, artikulierten, beein­druck­te mich sehr. So ent­stand die Idee, diese Frauen wiederzufind­en, um mit ihnen über die unerzählte Lücke zu sprechen.“

Und der Ver­gle­ich der alten Auf­nah­men mit den heuti­gen Inter­views übt in der Tat eine tiefe Fasz­i­na­tion auf ich aus. Über­haupt sind Bilder und Erzäh­lun­gen von Arbeit oft zutief­st faszinierend, es gibt ja auch im Spielfilm ein regel­recht­es Genre, das von Arbeit erzählt. „Mich hat über­rascht, wie präzise die Erin­nerun­gen waren“, erzählt Kroske. „Es bedurfte oft nur ein Anstupsen, und alles war wieder da. Geholfen hat dabei natür­lich die Ver­wen­dung des alten Mate­ri­als. Zuweilen kom­men­tieren sich die Frauen beim Schauen der Auf­nah­men von früher selb­st. Über diese Momente habe ich mich sehr gefreut. Ich kon­nte mir ja nicht sich­er sein, dass meine filmis­che Idee tat­säch­lich aufge­hen würde. Ist sie aber zum Glück.“

In der Tat. „Stolz & Eigensinn“ ist für mich ein­er der schön­sten und beein­druck­end­sten Doku­men­tarfilme dieses Jahres, ger­ade durch seine unspek­takuläre Erzählweise. Und er ist ein wertvolles, bleiben­des his­torisches Doku­ment.

GERD KROSKE (Regie & Buch) wurde geboren in Dessau/DDR. Lehre als Beton­werk­er. Telegramm-bote. Jugend­kul­tur­ar­beit. Studi­um der Kul­tur­wis­senschaften an der Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin und Regie an der HFF „Kon­rad Wolf“, Pots­dam-Babels­berg. Arbeit als Autor und Dra­maturg im DEFA-Doku­men­tarfilm­stu­dio (1987−1991). Zusam­me­nar­beit mit den Regis­seuren Jür­gen Böttch­er, Helke Mis­sel­witz und Volk­er Koepp. Eigene Regiear­beit­en ab Herb­st 1989. Freis­chaf­fend­er Autor und Regis­seur seit 1991. Ver­schiedene Jury- & Lehrtätigkeit­en für Film. Pro­duzent bei real­ist­film seit 1996. (Pres­se­text)

Fil­mo­grafie:

  • 2025 „Stolz & Eigensinn“
  • 2018 „SPK Kom­plex“
  • 2015 „Gren­zpunkt Beton“
  • 2014 „Striche ziehen“
  • 201012 „Heino Jaeger – look before you kuck“
  • 2009 „Schranken“
  • 20057 „Wol­lis Paradies“
  • 2006 „Die Stun­dene­iche“
  • 2006 „Kehraus: wieder“
  • 20034 „Auto­bahn Ost“
  • 199900 „Der Box­prinz“
  • 199697 „Kehrein, Kehraus“
  • 199697 „Galera“
  • 199394 „Vokzal – Bahn­hof Brest“
  • 1993 „Kurz­schluss“
  • 1991 „Kurt oder Du sollst nicht lachen“
  • 1991 „Kluge Frauen, helle Mäd­chen“
  • 1990 „Kehraus“
  • 1990 „La Vil­lette“
  • 1989 „Leipzig im Herb­st“

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