LE TEMPS von François Delisle bei den Hofer Filmtagen 2025

Was ein beein­druck­endes Film­still ist diesem Film beige­fügt, LE TEMPS aka WAITING FOR THE STORMS, des kanadis­chen Regis­seurs François Delisle, das Bild ist oben zu sehen. Eine junge blonde Frau mit Kopf­tuch, den sie auch als Mund­schutz ver­wen­det, die Stirn gerun­zelt, die Haare schauen unter dem Tuch her­vor, leuch­t­ende Punk­te, Glut? Schwarze Hände – ist es Schmutz oder sind es Ver­bren­nun­gen? „Über ver­schiedene Zeitach­sen und Orte hin­weg ver­flecht­en sich die Schick­sale von vier Charak­teren, die darum kämpfen, Beziehun­gen und Sinn in ein­er durch den Kli­mawan­del verän­derten Welt zu find­en”, sagt der knappe Fes­ti­val­text der Hofer Film­tage. Es wird um die Kli­makatas­tro­phe gehen. Es wird um die men­schliche Wider­stands­fähigkeit angesichts der Katas­tro­phe gehen. Die vier Pro­tag­o­nis­ten sind Marie, eine junge Mut­ter, die ihr Kind mit ein­er hoff­nungslosen Zukun­ft kon­fron­tieren wird. Ter­ence ist ein Flüchtling, ein Kli­maflüchtling. McKen­zie ist ein revoltieren­der Vertreter der Staatssicher­heit. Kira ist eine desertierte Sol­datin, die sich einem Nomaden­stamm anschließen will; das sind die vier Charak­tere, um die sich LE TEMPS dreht.

1979. Mau­rice Guernier, Mit­glied des Club of Rome erläutert in einem Fernse­hin­ter­view, was seit der Veröf­fentlichung des Berichts des Club of Rome im Jahr 1972, „Die Gren­zen des Wach­s­tums”, geschehen ist. Wach­s­tum, Kon­sum, Umweltver­schmutzung. Die Prob­leme der Nahrungs­kette, des Bevölkerungswach­s­tums, der Energiev­er­sorgung.

2021. „Ich erzählte ihm meine Lebens­geschichte. Meine Bio”, sagt eine weib­liche Stimme aus dem Off. Sie begin­nt zu erzählen, dass sie während der Coro­n­a­pan­demie schwanger wurde, dass sie begann, Äng­ste zu entwick­eln. Unter­malt wird die Erzäh­lung von ein­er Diashow von Stadt­fo­tos, von street pho­tog­ra­phy, aufgenom­men während der Pan­demie, man erkan­nt das an den Masken, die die Men­schen tra­gen. Die Bilder­erzäh­lung wech­seln ins Per­sön­liche: die Frau mit ihrem Baby.

Dann der Sprung ins Jahr 2042. Immer noch wird der visuelle Teil der Geschichte auss­chließlich mit Stills erzählt, keine bewegten Bilder. Ein mit Men­schen beladen­er Pick­up­truck mit­ten in der Steppe. Migranten? Flüchtlinge? Eine zer­fled­derte USA-Flagge. Der Wagen hält an, die Men­schen steigen ab, ein­er ist ohn­mächtig? Tot?

2088. Ein ver­let­zter Mann auf einem Floß. Ein Staren­schwarm. Dann Fotos von zer­störten Großstädten. Ruinen, Brände, Über­schwem­mungen. Der Icherzäh­ler war einst ein Kriegs­berichter­stat­ter. Durch seinen Beruf durfte er sich frei bewe­gen, auch in abges­per­rten Zonen. Er kon­nte das Elend sehen. Ver­botene Fotos machen. „The world col­lapsed in silence”, sagt er schließlich. Die Kli­makatas­tro­phe ist einge­treten.

Und so erzählt LE TEMPS auf eine stilis­tisch höchst ungewöhn­liche Weise, eben als Bilder­erzäh­lung, eine postapoka­lyp­tis­che Geschichte. Das ist ein­er­seits dur­chaus anstren­gend, weil man ständig Bewe­gung erwartet, aber immer nur Stills bekommt und viele Zusam­men­hänge nur mit der Ton­spur erschließt. Aber es ist den­noch beein­druck­end, fes­sel­nd, erschreck­end und poet­isch.

Zwei han­dliche Kam­eras zeigt der Regis­seur im Intro vor, das den Fil­men des Fes­ti­vals immer vor­angestellt wird, eine Leica und eine Spiegel­re­flexkam­era. „Jet­zt kön­nen Sie sich also vorstellen, dass der Film vielle­icht etwas ungewöhn­lich ist. Aber trotz sein­er Form hoffe ich, dass er Sie berührt und eine Weile bei Ihnen bleibt.” Es gibt zu den meis­ten Fil­men der Hofer Film­tage auch ein kurzes Q+A mit Fra­gen an die Filmemach­er. Was sein erster Film gewe­sen sei, wird Delisle gefragt: Disney’s Schnee­wittchen sagt er, es hätte ihn möglicher­weise trau­ma­tisiert. Zu seinen Ein­flüssen gehören Chris Mark­ers La jetee, sagt er. Wie per­sön­lich sein Film sei, wird Delisle als näch­stes gefragt. Alle seine Filme seien per­sön­lich, naja die Frage ist vielle­icht nicht so riesig sin­nre­ich.

Françoise Delisle ist 1967 in Mon­tréal, Kana­da geboren. Sein erster Spielfilm heißt RUTH, stammt aus dem Jahr 1994, im Jahr 2003 grün­dete Delisle seine Pro­duk­tions­fir­ma Films 5312, auch seine weit­eren Spielfilme liefen erfol­gre­ich auf diversen Fes­ti­vals, zulet­zt CASH NEXUS aus dem Jahr 2019. LE TEMPS wird mir in guter Erin­nerung bleiben, Zeit mich mit Delisles früheren Fil­men zu beschäfti­gen.

1989 WHO CARES ABOUT THE SEA! Kurz­film

1990 KNIFE AND GUN, Kurz­film

1991 BEEBE-PLAIN, Kurz­film

1994 RUTH, Spielfilm

2004 HAPPINESS IS A SAD SONG, Spielfilm

2007 YOU, Spielfilm

2010 TWICE A WOMAN, Spielfilm

2013 THE METEOR, Spielfilm

2015 CHORUS, Spielfilm

2019 CASH NEXUS, Spielfilm

2020 CHSLD, Kurz­doku­men­tarfilm

2025 WAITING FOR THE STORMs, Spielfilm HOF 2025

https://stream.hofer-filmtage.com/movies/le-temps

Regis­seur: François Delisle

Schaus­piel­er: Emmanuelle Lussier-Mar­tinez, Mylène Mack­ay, Vic­to­ria Dia­mond, Dominick Rus­tam, Robert Nay­lor, Lau­rent Lucas, Julian Casey, Rose-Marie Per­reault, Masha Bash­mako­va

2025 Länge 94 Minuten, Spielfilm

Pro­duk­tion: François Delisle

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