OUTLIVING SHAKESPEARE von Inna Sahakyan und Ruben Ghazaryan beim goEast Filmfestival in Wiesbaden und beim DOK.fest München

Wir befinden uns irgendwo in Armenien in einem Seniorenheim. Man probt gerade das Stück „Shakespeares Sünden“, in dem der Dramatiker seinen eigenen Figuren begegnet. Ach ich vergaß: bei diesem Film handelt es sich um einen Dokumentarfilm, das hätte man anhand der Filmbeschreibung fast vergessen können. „Wo wird mit dem Krückstock Billard gespielt, ereignen sich kleine und große Dramen, sucht ein Theatermacher händeringend nach Darstellenden?“ fragt nämlich schon der Festivaltext. Zeitweise befinden wir uns in der Tat in – ich möchte sagen – einer Dokumentarfilmkomödie mit kleinen, feinsinnigen Szenen. Da ist beispielsweise der unglaublich lustige Versuch einer überforderten Rollstuhlfahrerin, mit dem störrischen Aufzug zu fahren. Da ist die Frau, die mit sich selbst Backgammon spielt. Und jetzt wird’s richtig dokumentarisch, wir bekommen ja auch einen Blick in den Alltag der Bewohner dieses Seniorenwohnheims: Wir begegnen natürlich ihren Erinnerungen. Manche entdecken hier wieder die Liebe. Manche wären doch lieber wieder bei Familie oder in ihrer Heimat. Und ein bisschen ist dieses Senioren-Habitat auch mit seinen bröckelnden Wänden ein kleiner Hauptdarsteller. Ach und dann gibt es noch streunende Katzen und einen ziemlich modernen Roboter. Eine sonderbare Erscheinung in einer Einrichtung, die ansonsten so wirkt, als wäre sie kurz nach dem Zweiten Weltkrieg das letzte Mal saniert worden.

Und manchmal ist die Kamera so unglaublich nahe dran, dass man jedes Härchen und jede Falte der Seniorinnen und Senioren erkennen kann. Aber das hat trotz allem etwas Schönes. Und fürs Theaterstück wird sich natürlich auch geschminkt. Im Moment müssen noch die Rollen verteilt werden, Hamlet, Ophelia, Richard der Dritte und so weiter. Immerhin hat sich für Shakespeare schon einer gemeldet. Aber auch für Romeo gibt es bald einen Freiwilligen. Und dann beginnen die Probenarbeiten für das Shakespeare-Stück. Dazu wird erst einmal geredet, über alles Mögliche, sozusagen über Gott und die Welt, aber das ist ja erstaunlich zielführend, dass man sich erst einmal über das Leben unterhält, um dann irgendwann ans Ziel zu kommen, eine Theateraufführung zu inszenieren. Und mit dem Leben hat ja Shakespeare auch immer wieder zu tun. Und so entsteht allmählich das Stück und die dazugehörige Aufführung, inklusive Musikbegleitung durch eine der Seniorinnen, die die Musik auch gleich selbst komponiert. Und so naht den der Tag der Aufführung…

Gedreht wurde der Film von den beiden Filmemacher*innen Inna Sahakyan und Ruben Ghazaryan. Sahakyan ist Dokumentarfilmregisseurin, Produzentin als auch Drehbuchautorin. Sie stammt aus Jerewan in Armenien, ihr Langfilmregiedebüt gab sie 2010 mit dem Film The Last Tightrope Dancer in Armenia (2010, Co-Regie mit Arman Yeritsyan). Das Werk wurde beim Golden Apricot IFF mit dem Preis für den besten armenischen Film ausgezeichnet. Im Jahr 2021 drehte sie schließlich gemeinsam mit Paul Cohen den Film Mel und erhielt dafür 2022 beim Internationalen Dokumentarfilmfestival von Thessaloniki eine „besondere Erwähnung“. Aurora’s Sunrise ist ihr Animationsfilm aus dem Jahr 2022, er gewann mehrere Preise, darunter den Asia Pacific Screen Award 2022 für den besten Animationsfilm, den Silver Award beim Golden Apricot Yerevan International Film Festival 2022 und den Grand Prix beim FIFDH – Internationales Filmfestival und Forum für Menschenrechte in Genf 2023.

Ruben Ghazaryan ist ebenfalls ein armenischer Regisseur. Er studierte am Staatlichen Institut für Theater und Kinematographie Jerewan und hat zusammen mit Inna Sahakyan bereits an verschiedenen Projekten gearbeitet, unter anderem „Aurora’s Sunrise“. Aus dem Jahr 2017 stammt seine 12-teilige Miniserie „The Road“.

In einem Interview erzählte Inna Sahakyan vor einiger Zeit über die Entstehung des Films: „Überraschenderweise stieß ich in einem Seniorenheim, einem Ort, der gemeinhin mit Schwere assoziiert wird, auf ein solches Thema. Dieses Heim in Armenien ist einzigartig: Es verfügt über ein Seniorentheater und einen KI-gesteuerten Roboter, der den älteren Bewohnern als Berater dient. Der Dokumentarfilm (…) begleitet die Theatergruppe der älteren Bewohner bei ihrer Shakespeare-Aufführung. (…) Wir lernen viel von unseren Protagonisten – es ist nie zu spät zu träumen, zu lieben, kreativ zu sein und das Leben zu genießen.“

Die Charaktere, die Szenen, die Story, die Komik, das ist so großartig, dass man zwischendurch immer wieder vergisst, dass es sich um einen Dokumentarfilm handelt. Die Bilder sind so grandios inszeniert und gebaut, dass man auch hier das Gefühl bekommt, dass das ganze an einem Spielfilmset entstanden sein müsste. Ein großes Speziallob damit an den Kameramann Bagrat Saroyan. Ich habe versucht, etwas über ihn herauszufinden, immerhin war er schon für die Bildgestaltung im Dokumentarfilm „The Tales of The Blue Sky“ zuständig, 2023, aber auch in dem Spielfilm „Syu“ von Grant Abovyan, auch aus dem Jahr 2025, das war in der Tat ein Spielfilm – denn eigentlich hätte ich erwartet, dass Saroyan viel Spielfilmerfahrung hat. Aber es ist noch etwas anderes, was ich faszinierend finde: Ich kenne mich ja in deutschen Seniorenwohnheimen nicht aus, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass die nicht so lebhaft, so vielfältig, so sozial ist, wie dieses Wohnheim in diesem Film. Ich muss nochmal auf die Charaktere zurückkommen. Wenn ich mir einen Spielfilm vorstelle, der in einem solchen Wohnheim spielen sollte, dann würde ich mir die Charaktere ungefähr so zusammensuchen, wie das hier passiert ist. 

ARM, NLD 2025 / 94 min / OmeU
Sprache: Armenisch, Russisch
Regie: Inna Sahakyan, Ruben Ghazaryan

Vorstellungen goEast Wiesbaden

  • Caligari So, 26.04. / 14:00 Uhr
  • Apollo Mo, 27.04. / 16:15 Uhr

Vorstellungen DOKfest München

ZusammenLeben 2026

  •  Do., 07.05.26
    15.30
    Neues Rottmann
  •  So., 10.05.26
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    Pinakothek der Moderne
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    Filmmuseum
  •  Sa., 16.05.26
    20.30
    HFF – Kino 2

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