
„Ich habe diese ambivalente, sprunghafte, leidenschaftliche und manchmal herausfordernde Figur über viele Jahre hinweg entwickelt“, berichtet die Regisseurin Alexandra Makarová. „Inspiriert von den Frauen in meiner Familie, war es für mich entscheidend, dass der Film Perlas Geschichte nicht nur als ein individuelles Schicksal positioniert, sondern auch als ein Kommentar zum feministischen Widerstand und der anhaltenden Notwendigkeit, Systeme zu zerschlagen, die Gewalt gegen Frauen dulden und aufrechterhalten.“
Alexandra Makarová stammt aus der Slowakei aus der Stadt Košice, 1985 ist sie geboren. Als der Eiserne Vorhang gefallen war, zog sie zu ihrer Mutter, der Malerin Saša Makarová, nach Wien, wo sie später am Filmcollege in Wien Drehbuch und Regie studierte. Ihr Debütfilm hieß „Zerschlag mein Herz“, ein Film über in Wien bettelnde slowakische Roma. „Perla steht für mich für eine ganze Generation von Menschen, jungen Menschen, die einst Hoffnung hatten – Hoffnung auf Demokratie und Freiheit, bis diese über Nacht zerschlagen wurde, Demokratie und Freiheit plötzlich weg waren“, sagt sie. „Das ist es, was undemokratische Systeme Menschen antun und was auch Perla erfahren musste. Perla verkörpert die Hoffnung und letztlich auch die Enttäuschung einer Generation, die die rasche Aushöhlung demokratischer Ideale miterlebt hat – ein Übergang, der sich in ihrem eigenen persönlichen Weg nachzeichnet.“
Es ist die Nacht vom 20. auf den 21. August des Jahres 1968. Die Panzer des Warschauer Pakts rücken in der Tschechoslowakei ein. Ruhe zu bewahren wird im Rundfunk geraten, und keinen Widerstand zu leisten. Der „Prager Frühling“, die Reformversuche der kommunistischen Partei der CSSR nehmen ein jähes und gewaltsames Ende. Der Erste Sekretär der Partei, Alexander Dubcek, wird verhaftet und in die Sowjetunion gebracht. Aus Angst fliehen etliche Tschechoslowaken insbesondere nach Österreich, einige Tausend werden dort bleiben. Eine dieser Flüchtenden ist Perla, die sich in Wien als Künstlerin eine neue Existenz aufbaut, 1981 setzt die Filmerzählung ein. Julia ist ihre Tochter, sie ist eine begabte junge Pianistin, die Klavierlehrerin ist streng, herrisch braust sie nach jedem Fehler auf. „Sie müssen sie mehr fördern“, sagt die Lehrerin. Aber Perla unterstützt ihre Tochter, wo es geht, auch wenn die Bezahlung der Unterrichtsstunden für Perla schwierig ist, sie lebt in ständigen Existenzsorgen. Julia selbst glaubt, sie könnte der nächste Vladimir Horowitz werden. Perlas Kunst verkauft sich mäßig gut – „nicht gerade subtil“, meckert irgendwann ein nörgelnder Wiener. „Subtil ist etwas für Weicheier“, kontert die Künstlerin. Über ihre Vergangenheit hat sie eigentlich abgeschlossen, auch ihrem neuen Liebhaber gegenüber (dem nörgelnden Wiener von eben) möchte sie lieber nichts über Julias Vater und die Vergangenheit in der kommunistischen Tschechoslowakei erzählen. „Ich bin nicht geflohen, ich habe ein Stipendium bekommen“, behauptet Perla über ihre Vergangenheit.
Doch dann gibt es dramatische Nachrichten aus der Tschechoslowakei: Julias Vater, Andrej, wurde aus dem Gefängnis entlassen, schwerkrank. „Was willst du?“ fragt sie ihn. Seine Tochter wolle er sehen, sagt er. Schließlich sei sie der Grund, warum er es geschafft habe, all die Jahre zu überleben. Perla ist zutiefst erschüttert über die neue Situation: „Ich komme nie wieder zurück“, sagt sie. „Du bist es mir schuldig“, fordert er am Telefon. Doch dann beschließt sie, sich auf die gefährliche Reise zurück in die kommunistische Tschechoslowakei zu begeben. Plötzlich befindet sie sich zwischen allen Stühlen, ihre Vergangenheit holt sie dramatisch ein. Für welche Seite wird sie sich entscheiden?
Insbesondere die Bilder aus der Kamera von Georg Weiss sehen sehr authentisch, sehr nach den frühen Achtzigern aus – sicher auch ein Ergebnis der Arbeit des Ausstattungsdepartments unter der Leitung von Klaudia Kiczak. Perla wird überzeugend gespielt von Rebeka Poláková, die aus Bratislava stammt. Im Jahr 2025 wurde „Perla“ mit dem Wiener Filmpreis für den besten österreichischen Film ausgezeichnet, die Jurybegründung lautete: „Dieser perfekt inszenierte Film zieht einen von der ersten Sekunde an in seinen Bann. PERLA ist ein Werk, das man nicht nur sehen und hören, sondern auch riechen kann – und das einen mit Sicherheit bewegen wird. (…) Dieses Drama, das sich langsam zu einem Thriller über staatliche Unterdrückung wandelt, wagt eine komplexe Herangehensweise bei der Darstellung jenes Orts, aus dem Perla einst floh. Es ist ein meisterhafter Film über Identität und die vielen Gesichter des Kalten Krieges.“
„Perla“ ist ein überzeugendes und authentisches Achtzigerjahre-Ostblockdrama mit einer großartigen Figurenzeichnung und einem tollen Cast. In der zweiten Hälfte des Films ist mir das bisweilen aber etwas erzählerisch ziellos, dennoch ein toll gemachtes Stück Zeitgeschichte.
Am 20. und 21. Janaur 2026 läuft „Perla“ beim Filmfestival Max Ophüls-Preis: https://tickets.ffmop.de/section/perla-nj5i
Regie: Alexandra Makarová
Buch: Alexandra Makarová
Kamera: Georg Weiss
Montage: Joana Scrinzi
Musik: Johannes Winkler, Rusanda Panfili
Ton: Johannes Baumann
Ausstattung: Klaudia Kiczak
Kostüm: Monika Buttinger
Casting: Eva Roth, Martina Poel, Monika Krčmárová, Petra Svarinská
Cast: Rebeka Poláková, Simon Schwarz, Noël Czuczor, Carmen Diego, Hilde Dalik
Produzenten: Arash T. Riahi, Sabine Gruber, Tomas Krupa, Ruth Beckermann
Produktion: Golden Girls Filmproduktion & Filmservices
Koproduktion: Hailstone, Ruth Beckermann Filmproduktion
Förderung: ÖFI+, Österreichisches Filminstitut, Filmfonds Wien, Slovak Audiovisual Fund Cash Rebate, Slovak Audiovisual Fund, ORF Film/Fernseh-Abkommen, Land Niederösterreich (Abteilung Kunst und Kultur), STVR – Slovak Television and Radio