RUN ME WILD beim Max-Ophüls-Festival

RUN ME WILD, © Lea Dähne

Herum­stre­unende gefährliche Raubtiere füllen ja nicht erst seit dem Berlin­er für einen Löwen gehal­te­nen Wild­schwein entsprechende Nachricht­en­rubriken. Da gab es Hunde fressende Welse, blutrün­stige Wölfe, Prob­lem­bären und was weiß ich noch alles. In Catha­ri­na Lotts Film „Run me wild” ist es eben ein Tiger, der sich ange­blich herumtreibt – und der dann irgend­wann kein Alp­traum son­dern bloße Wirk­lichkeit ist. „Tiger ste­hen in den meis­ten Kul­turkreisen für Mut, Kraft, Erhaben­heit – aber auch für Angst”, sagt die Regis­seurin. „Wir woll­ten Toni”, also die Haupt­fig­ur, „mit einem sym­bol­is­chen Bild in Verbindung brin­gen, welch­es sie als Fig­ur stärkt. Toni sollte niemals nur Opfer ihrer Ver­gan­gen­heit sein. Toni ist eine Kämpferin und das verbindet sie mit dem Tiger. Auch wenn Toni erst ler­nen muss, mit dem Erlebten umzuge­hen, find­et sie einen Weg, sich ihrer Angst und schlussendlich auch dem Tiger zu stellen.”

Die Vögel zwitsch­ern, in den Wellen spiegelt sich ein Tiger. Oder? Toni (Luna Jor­dan) ist fleißig und beschei­den. Sie spricht nicht gerne über ihre Ver­gan­gen­heit. In der Gärt­nerei ihrer Eltern (Johan­na Wokalek und Thomas Loibl) ist sie kaum von der Arbeit abzuhal­ten. Aber jet­zt muss sie mal aufhören mit schaufeln, pflanzen, gießen, dün­gen. Es gibt ein Glas Sekt, Pflau­menkuchen und etwas zu feiern… Neben dem Gärt­nern ist es das Muskel­train­ing, das ihren Tag bes­timmt, und das ihr wichtig ist. Und nun kommt auch noch der Tiger in den Nachricht­en. Seine Exis­tenz sei belegt, aber kein­er weiß, wo er herkommt, „die Behör­den rat­en zur Vor­sicht, ins­beson­dere nachts.” Was es zu feiern gibt? Toni geht in die Stadt, weil sie ein Agrar­wis­senschaftsstudi­um aufnehmen wird, wohnen wird sie aber weit­er­hin zu Hause, die Uni ist nicht so weit. Aber Toni wird von dun­klen, trau­ma­tis­chen Erin­nerun­gen einge­holt, immer wieder. Was ist es, das sie bedrückt? Dann trifft Toni auf die lebens­fro­he wie aben­teuer­lustige Anna und zwis­chen den bei­den entwick­elt sich eine Fre­und­schaft. Sie spazieren durch den Wald, spekulieren über den Tiger. Toni verun­sichert das, über­haupt ist sie verun­sichert, will sie das mit dem studieren über­haupt? Wie gut, dass durch die entste­hende Fre­und­schaft zu Anna etwas mehr Leichtigkeit in Tonis All­t­ag kommt. Und bald entste­ht da sog­ar mehr als eine Fre­und­schaft.

„Ich wollte einen Film machen, der nicht immer ein­deutig und leicht zu greifen ist”, sagt Catha­ri­na Lott. „Ein Film, der weh tut, ehrlich ist und trotz­dem die schö­nen Momente des Lebens gegenüber­stellt. Beson­ders wichtig war mir, Toni innere Kraft zu schenken, damit sie ihrem Schmerz und ihren Prob­le­men in Zukun­ft bewusst und aktiv nachge­hen kann. Nicht ver­meintlich äußer­liche Stärke. Tonis Kör­per­lichkeit wankt von schein­bar stäh­lern­er Härte zu ein­er frag­ilen Ver­let­zlichkeit. Zwei Enden eines Spek­trums, das Weib­lichkeit und Men­sch­sein mit Leichtigkeit in ein­er Fig­ur vere­int. Klis­chees sollen aufge­brochen wer­den. Das sich Eingeste­hen von Schwäche und das sich Bewusst­wer­den der eige­nen Beson­der­heit­en gehörten zu den prä­gend­sten Momenten meines Erwach­sen­wer­dens. Der Film zeigt keine emo­tion­al-abgeschlossene Reise mit Hap­py-End. Er zeigt, wie man es schafft, sich langsam auf die große Reise vorzu­bere­it­en, indem man lernt, Rückschläge zu akzep­tieren und kleine Fortschritte wertzuschätzen. Der Film ver­ste­ht Iden­tität nicht als Ziel, son­dern als Prozess.”

Catha­ri­na Lott hat etliche Jobs an Film­sets hin­ter sich, bevor sie 2020 in München mit ihrem Film­studi­um begann. „Run Me Wild“ ist ihr Abschlussfilm an der HFF München und ihr Lang­filmde­büt. Ihr gelingt ein berühren­des Porträt über Fre­und­schaft und Liebe, über Trau­ma­ta der Ver­gan­gen­heit. Die bei­den Haupt­fig­uren sind großar­tig erzählt, Luna Jor­dan und Renée Ger­schke füllen die Rollen wun­der­bar aus. Lott gelingt ein wun­der­bar poet­is­ch­er und behut­sam erzählter Erstlings­film.

Zum Schluss noch ein­mal die Regis­seurin: „Ich würde mir wün­schen, dass Men­schen, die selb­st unbear­beit­ete Prob­leme in sich tra­gen, den Mut bekom­men, sich zu öff­nen oder sich im ersten Schritt selb­st eingeste­hen, dass etwas in ihnen schlum­mert, das bewusst oder unbe­wusst ver­drängt wurde. Für alle anderen wün­sche ich mir, dass der Film eine Art Feinge­fühl für Men­schen in ähn­lichen Sit­u­a­tio­nen schafft. Also, dass man etwas wach­samer und sen­si­bler durchs Leben geht und wom­öglich sog­ar selb­st Hil­fe anbi­eten kann.” Vom 20. bis zum 24. Jan­u­ar 2026 läuft „Run me wild” auf dem Film­fes­ti­val Max Ophüls Preis in Saar­brück­en.

Regie: Catha­ri­na Lott | Deutsch­land 2026 | Spielfilm | Farbe | 86 Min. | Urauf­führung

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