
Als ich Anfang der Neunziger Jahre damit begann, mich mit der Filmgeschichte tiefer zu beschäftigen, dazu einerseits wie wild ins Kommunale Kino in Freiburg ging und andererseits die Mediathek der Uni Freiburg frequentierte, stieß ich naturgemäß irgendwann auf die Nouvelle Vague. François Truffaut hatte es mir am meisten angetan, ich glaube ich habe in jenen Jahren alle Truffaut-Filme gesehen, bis heute ist SIE KÜSSTEN UND SIE SCHLUGEN IHN einer meiner Lieblingsfilme, aber auch JULES UND JIM oder GERAUBTE KÜSSE gehören dazu. Das Werk von Jacques Rivette hingegen entdeckte ich im Kino, mein erster Rivette-Film war 1991 DIE SCHÖNE QUERULANTIN, mit der wunderbaren Emmanuelle Béart. Die früheren Rivette-Filme entdeckte ich erst später. Auch die Filme von Eric Rohmer lernte ich aktuell im Kino kennen, in Form der vier Jahreszeitenfilme, die ich bis heute liebe und die ich längst mal wieder sehen müsste. Auch einiges, wenn auch nicht alles, von Claude Chabrol habe ich damals gesehen, am meisten ist mir wohl DER SCHLACHTER in Erinnerung geblieben, den sah ich im Fernsehen, gerade neulich hab ich wieder einmal in diesen großartigen Genrefilm hineingezappt. Auch Louis Malles Filme habe ich damals weitgehend komplett gesehen, von der wunderbaren Agnès Varda habe ich bis heute eigentlich zu wenig gesehen, aber der beeindruckende VOGELFREI ist mir schon in Erinnerung geblieben, als ich ihn im Fernsehen sah, weit bevor ich mich mit der Filmgeschichte auseinandersetzte.
Einer der französischen Regisseure aus der Zeit der Nouvelle Vague ist mir aber bis heute weitgehend durchgerutscht: Jean Eustache. Eustache stammt im Gegensatz zu den meisten Regisseuren der Nouvelle Vague – vielleicht noch mit Ausnahme von Truffaut – aus einfachen Verhältnissen. Chabrol stammt aus einer traditionsreichen Apothekerfamilie – ebenso übrigens Jacques Rivette. Godards Vater war ein wohlhabender Augenarzt mit Privatklinik. Louis Malles Vater war Ingenieur und Geschäftsführer einer Fabrik, seine Mutter war Erbin eines großes Konzerns.
Truffauts Kindheit hingegen war geprägt von Vernachlässigung und Traumata. Auch Eustaches Kindheit war geprägt von Armut, er war Sohn eines Maurers und einer ungelernten Näherin. Er lebte weitgehend bei seiner Großmutter. Eustache machte eine Ausbildung zum Elektriker, eine Filmausbildung genoss er nie, er war reiner Autodidakt und begann irgendwann seine Klassenherkunft in seinen Filmen zu bearbeiten. In jedem Fall war Eustache ein Außenseiter im Vergleich zu den meisten seiner französischen Regiezeitgenossen.
Als ich mich nun also in den frühen Neunziger Jahren durch die Filmgeschichte arbeitete, war „Reclams Filmführer” meine „Bibel”, an der ich mich orientierte und darüber informierte, ob ich einen Film sehen wollte oder nicht. Und während Truffaut ungefähr mit einem halben Dutzend Filme in dem Buch vertreten war, und Chabrol und Malle ebenso, fand sich Jean Eustache mit einem einzigen Werk wieder: LA MAMAN ET LA PUTAIN aus dem Jahr 1973. Eustache selbst wird in dem Beitrag zitiert, der Film sei „die Erzählung einiger scheinbar bedeutungsloser Dinge. Es könnte die Erzählung ganz anderer Dinge an ganz anderen Orten sein. Was da passiert, und die Orte, an denen sich die Handlung abspielt, sind ohne jede Bedeutung. Eine Zusammenfassung des Drehbuchs würde keine Vorstellung von den Ambitionen und Möglichkeiten des Films geben. (…) Der einzige Grund, warum das geschieht, was geschieht, ist der, dass ich es mir so ausgedacht habe.” Der Beitrag spricht dann davon, dass der Film „ein verwirrend komplexes Werk” sei. Das „rororo Filmlexikon” fasst hingegen zusammen: „Der Film markiert den bitteren Abschied einer Generation von einer revolutionären, optimistischen Entwicklungsphase und leitete, indem er sich völlig privaten Problemen zuwandte, eine neue Ära im französischen Film ein, deren führender Vertreter Eustache ist.” Selbst das deutlicher am Mainstream orientierte Buch „Die Chronik des Films” hatte den Film aufgenommen: „Eustaches Figuren haben Abschied genommen von einer vergangenen Epoche, die der Befreiung und Rebellion. Sie ziehen sich ins Private zurück. Damit leitet auch Eustache eine neue Ära im Französischen Film ein.” Und Wolf Donner schrieb 1973 in der ZEIT: „Der Film erweckt den Eindruck beiläufiger Skizzen aus dem Pariser Studentenleben und ist zugleich äußerst stilisiert und formbewusst; gelöst und fasziniert folgt man Szenen, die nahezu in Realzeit ablaufen und die einem wie improvisierte Ausschnitte einer unmittelbar nachvollziehbaren Realität erscheinen: sehr behutsam und sensibel, gelassen, aber auch rigoros bohrend und manchmal geradezu schmerzhaft intensiv.”
LA MAMAN ET LA PUTAIN war der erste Langspielfilm von Jean Eustache, der in die Kinos kam. Seinen ersten Film hatte er mit 24 gedreht, Du côté de Robinson, 42 Minuten lang, gefolgt von Le père Noël a les yeux bleus, 1966, 47 Minuten. Über seine frühen Filme erzählte er später einmal in einem Interview: „Mein erster Film, Du côté de Robinson, war ein ziemliches Durcheinander – auch wenn ich ihn mag –, aber es war ein Durcheinander, weil man in jeden Erstlingsfilm all die Ideen hineinpackt, die einem gerade durch den Kopf gehen. Man hat zuvor noch nichts gesagt, also will man so viel wie möglich zum Ausdruck bringen. Das kann durchaus ein interessantes Ergebnis hervorbringen, auch wenn es unausgewogen ist. Der zweite Film war Le père Noël. Er war schon deutlich weniger erfolgreich als der erste; er enthielt – vermischt mit den übrigen Elementen – jene dokumentarische Komponente, die inzwischen mein Werk dominiert. (…) Ich muss dazu sagen, dass ich mich mit einer Vorstellung ins Filmemachen gestürzt hatte, die lange Zeit von den alten Cahiers du cinéma vertreten wurde: die politique des auteurs – es gibt keine Filme, es gibt nur Autoren… Anfangs war ich von der Richtigkeit dieser Idee überzeugt, ebenso wie die Filmemacher, die ich schätzte. Doch sobald ich zu drehen begann, stellte ich das automatisch infrage.”
Grandfilm Re:Visited, der Verleih, der jetzt am 16. Juli 2026 LA MAMAN ET LA PUTAIN und MES PETITES AMOUREUSES in die Kinos bringt, man könnte sagen die beiden Hauptwerke von Eustache, hat aber noch weitere Filme von ihm im Verleih, eben jene beiden genannten kürzeren Filme etwa, aber auch LA ROSIÈRE DE PESSAC (1968), NUMÉRO ZÉRO (1971), UNE SALE HISTOIRE (1977), LA ROSIÈRE DE PESSAC 79 (1979) und LES PHOTOS D’ALIX (1982). Das Arsenal Kino Berlin zeigt in einer Eustache-Retrospektive das ganze Programm, das Grandfilm Re:Visited anbietet: https://www.arsenal-berlin.de/kino/filmreihe/retrospektive-jean-eustache/ . Hier das Eustache-Programm von Grandfilm: https://grandfilm.de/eustache/ .
Als LA MAMAN ET LA PUTAIN 1973 in die Kinos kommt, hat Eustache also bereits Erfahrungen mit seiner Filmsprache in mehreren kürzeren Filmen und Dokumentarfilmen sammeln können. Natürlich ist es bemerkenswert, dass er bei seinem ersten „richtigen” Film schon 35 ist, Truffaut, Godard, Chabrol, alle waren noch in den Zwanzigern, als sie ihre ersten bedeutenden Kinofilme gedreht hatten.

Alexandre, wunderbar gespielt von Jean-Pierre Léaud, wacht morgens auf, geht leise ins Bad um seine derzeitige Lebensgefährtin – oder? – Marie nicht zu wecken, verlässt geräuschlos die Wohnung. Er leiht sich bei der jungen Frau, die untendrunter wohnt das Auto, Achtung der Blinker ist kaputt. Im Auto sitzt er, liest Le Monde, und dann fängt er – naja – seine Ex Gilberte ab – oder sind sie noch gar nicht getrennt? Er will ihr ein Buch schenken, das er ihr gewidmet hat, macht ihr quasi im Nebensatz einen Heiratsantrag, er habe ihr ja jetzt Zeit gelassen, nachzudenken, ob das mit ihrer Beziehung weitergehe. Aber sie ist genervt, will sich aber auch nicht konkret äußern und lässt ihn stehen.
Schnitt. Im Park sitzt er mit ihr auf der Bank und versucht sie – immer noch – zu überreden, dass sie bei ihm bleibt. Immerhin: Sie geht mit ihm einen Kaffee trinken. Ein Teilerfolg. Immer noch wirkt sie abgeneigt, aber für ein endgültiges Nein reicht es doch nicht. Es ist kompliziert, sagt sie ihm quasi in tausend Variationen. Und da gibt sie zu, dass es auch mit ihrem Liebhaber zu tun hat, der sie nämlich heiraten will, und da weiß sie aber auch nicht recht. Immerhin lässt sie sich Alexandre gegenüber auf ein „Ich hab dich gern” ein. Und er erwidert: „Ich hänge nicht an dir, sondern an meinem Schmerz.” Und dann geht er.
Zurück bei Marie lernen wir im Folgenden einiges Überraschendes: Sie siezen sich. Und vor allem es ist ihre Wohnung, manchmal ist sie seine Lebensgefährtin, manchmal seine Geliebte, dann wieder ist er ihr Mitbewohner. Wir schauen ihnen beim Leben zu – und wir hören ihnen ganz viel beim Reden zu, denn überhaupt wird in diesem Film sehr viel geredet. Alexandre hält sich auch gar nicht bedeckt darüber, dass er gerade eine neue Bekanntschaft gemacht hat, die fürderhin noch eine große Rolle in seinem Leben spielen wird: Veronika heißt sie. Und vor allem wird Veronika ständig bei ihm – naja es ist Maries Telefonanschluss – bei ihr anrufen.
Als nächstes begegnet er wieder Gilberte: Sie heiratet, teilt sie ihm mit. Das wirft ihn fast aus der Bahn. Ob er auch eingeladen sei? Ja. Und ob sie den Verlobten mehr liebe als ihn? Keine eindeutige Antwort. Alexandre glaubt nicht, dass sie ihn wirklich liebt. Er wird ganz melodramatisch und erzählt die großen Geschichten. Aber eigentlich ist ja Alexandre gerade mit Veronika verabredet, die ihn aber kurzerhand versetzt.

Und so entspinnt sich ein Reigen zwischen den drei oder vier Frauen, mit Alexandre im Mittelpunkt. Er geht mit Veronika essen. Dann wiederum ist er eifersüchtig auf Marie, weil ein Mann angerufen hat und mit ihr sprechen wollte. Irgendwann begegnet er Gilberte unterwegs. Von allen Begegnungen mit Frauen, ist vielleicht jener Abend der emotionalste, tiefste, persönlichste, als er mit Veronika in einem Bahnhofsrestaurant essen geht. Und dann erkennt man, wie er bisweilen ist. Sie ist authentisch, erzählt vom echten Leben bei ihrer Arbeit, sie lächelt, sie ist so lebendig – und das erste Mal schweigt er. Weil er ist ja eigentlich der Loser, er hat keinen Job, er hat keine eigene Wohnung und er ist nicht in der Lage, eine Beziehung aufrecht zu erhalten. Und das wird an diesem Abend deutlich. Was bald noch deutlicher werden wird: Die starken Figuren dieses Films sind die Frauen dieses Films. Nicht immer sind sie das, aber oft – und gerade im Kontrast zu diesem herumirrenden Alexandre wird das deutlich.
LA MAMAN ET LA PUTAIN gelingt es so viele Stimmungen zu vereinen: Mal ist der Film traurig, dann lustig, ernst, philosophisch, emotional. Nie neigt er zu dramaturgischer Überspitzung. Der Sog, der Fluss ist das Erzählprinzip des Films. Und das ist das Raffinierte, das Überzeugende: Dreieinhalb Stunden lang hält er dieses Prinzip aufrecht – und ist dennoch nie langweilig. Es sind ganz viele Themen, mit denen wir es zu tun bekommen: Beziehungen, Sex, Eifersucht, Philosophie, die Sprache, das Reden, aber auch das Politische scheint immer wieder durch. Immer wieder ist der Film gefüllt mit Zitaten, Sprüchen, Pointen, Anekdoten, Witze, Geschichten. Zu jedem der Themen des Films würde man sich gerne das eine oder andere Zitat merken – und man ärgert sich, wenn man diese Zitate dann doch vergisst. „Wenn es sein muss, rede ich in kürzester Zeit wahnsinnig viel Mist”, sagt Veronika irgendwann. Wie er denn im Bett sei, fragt Veronika Alexandre irgendwann: „Je nach Tag und Meinung”, erwidert er. Die Musik spielt eine Rolle, insbesondere Marlene Dietrich, es wird ganz viel über Filme geredet: „Filme lehren einen zu leben und das Bett zu machen”, erkennt Alexandre. Und dann wiederum wird er philosophisch: „Ich glaube nicht, dass das Leben wie eine dieser Fabelwelten ist, deren Pforten sich für immer schließen.” Manchmal ist er tiefgründig, aber oft bleibt er auch bei den Floskeln hängen. Und irgendwann stößt zu diesen Sprüchen, Geschichten, Anekdoten, Pointen sogar eine kleine Kriminalgeschichte, samt passendem Zitat: „Als Zeitungsmeldungen sind Morde und Skandale immer ein wenig abstrakt.”
Jean Eustache gelingt ein meisterhafter Film um – naja – das Leben, und eben jene vielen Themen, über die wir schon gesprochen haben. Er lebt von den Dialogen, von den Gesprächen, vom Wechsel zwischen Floskel, Wahrheit und Widerspruch. Dass er es schafft, weitgehend auf herkömmliche Dramaturgie zu verzichten – wie sie übrigens immer auch bei seinen Nouvelle Vague-Kollegen vorkam – ist mutig und es ist auch gelungen. Der Gradmesser ist, dass man in den dreieinhalb Stunden nie Langeweile empfindet. James Monaco brachte es in seinem Buch „Film verstehen” auf den Punkt: „Es gelang Eustache in 3 1⁄2 Stunden intensiven Kinos, nicht nur viele Konventionen der nun alten Nouvelle Vague einzufangen, zu analysieren und zu parodieren, sondern zugleich auch die spezielle, bisweilen stickige Atmosphäre, mit der sich französische Intellektuelle umgeben.” Eustache – und noch viel mehr und radikaler vielleicht Chantal Akerman, die zwei Jahre später „Jeanne Dielman, 23, quai du Commerce, 1080 Bruxelles” drehte, sind damit die Vorbilder für viele jener Regisseure der Gegenwart, die sich in den folgenden Jahrzehnten der Genredramaturgie verschlossen haben. Um noch einmal zu meiner Film-„Bibel”, dem Reclam Filmführer zurückzukommen, der fasste damals den Hintergrund des Films folgendermaßen zusammen: „Eustache gibt die von Resignation überschattete Bilanz einer Generation. Die Personen des Films haben den Glauben an eine politische Umwälzung längst verloren; die Mai-Unruhen von 1968 sind für sie nur noch eine ferne Erinnerung. Ihr Protest gegen das Bürgertum ist nur mehr eine leere Geste.” Und: „Doch Eustache ist ehrlich und klug genug, diesen Abgesang auf eine revolutionäre Idee nicht als abschließende Bilanz auszugeben.”

Ein Jahr später, 1974, kam sein zweiter Langspielfilm in die Kinos, MES PETITES AMOUREUSES, auf deutsch MEINE KLEINEN GELIEBTEN. Er unterscheidet sich in einer Vielzahl von Merkmalen von seinem Vorgängerfilm: Zunächst einmal spielt er auf dem Land – und es wird eindeutig viel weniger geredet. Es gibt einen Off-Kommentar des Protagonisten Daniel, gespielt von Martin Loeb. Die Szenen sind viel kürzer, viele blenden ins Schwarz ab – es ist eine viel elliptischere Erzählweise als bei LA MAMAN ET LA PUTAIN, manche Handlungsstränge werden gar nicht auserzählt. Und es ist ein Coming-of-age-Film, die Hauptfiguren sind alles Jugendliche.
Daniel lebt bei seiner Großmutter auf dem Land, die Kirche und die Schule prägen den Alltag der Kinder – und es gibt ein kleines Kino – und damit sind wir vielleicht bei der ersten großen Parallele zu seinem Vorläuferfilm: Das Kino spielt auch hier eine große Rolle im Alltag der jungen Protagonisten. Das Verkehrsmittel der Wahl für die Kinder ist das Fahrrad, nicht jeder hat eins, man teilt sich das auch mal zu dritt gleichzeitig und lässt sich bergab gemeinsam nach Hause rollen – die Kamera rollt mit in einer rasanten Bergabfahrt und dabei sehen wir, dass im Hintergrund ein Zirkus gastiert, der gerade sein Zelt aufbaut. Die Hausaufgaben sind Daniel nicht so wichtig, seine Freizeit verbringt er lieber mit den Freunden, oder damit, mit seiner Vogelfalle Vögel einzufangen und sie wieder freizulassen. Und natürlich saugt er eben alle Attraktionen auf, die das Dorf hin und wieder bietet, eben das Kino oder der Zirkus, und der hat immerhin Lamas und Geier zu bieten, und einen Schwertschlucker, der sich auch in Scherben wälzt. Und weil’s eben auch mal langweilig ist in dem Dorf, greift Daniel diese Zirkuserlebnisse auf und macht selber kleine Scherben- und Fakiraufführungen vor den anderen Kindern.

Aber da ist plötzlich eine neue Attraktion, die sich Daniel bietet: Mädchen. Da ist etwa in der Kirche das Mädchen vor ihm, gegen das er „versehentlich” stößt, und das sonderbare Mädchen, das ihn immer für jemand anderes hält. Da ist auch das Mädchen, das er gerne neckt und mit ihm rangelt, und da ist das Mädchen, das ihn aber immer nur ignoriert. Die Scherze, die sie mit ihr treiben, sind grob.
Eines Tages kommt ihm ein Gerücht zu Ohren: Es scheint, dass er in das nächstgrößere Städtchen soll, um das Collège zu besuchen, seine Noten sind gut genug. Und dann – Schwarzblende – ist er auch schon auf der weiterführenden Schule, er umgibt sich mit älteren Jungs, die ihm schon die ganzen Details zu Mädchen und Küssen erzählen können. Irgendwann werden zwei Jungs gar vor seinen Augen mit einem älteren Mädchen rummachen.
Er wohnt bei einer älteren Frau in einem Zimmer. Und endlich erfahren wir, was es denn mit der bisher abwesenden Mutter Daniels auf sich hat. Sie lebt in Narbonne mit einem Geliebten, José, den sie in den Briefen an ihren Sohn nie erwähnt hatte, und sie arbeitet als Schneiderin. Die Mutter ist ganz städtisch aufgebrezelt, nichts will sie mehr mit der dörflichen Einfachheit zu tun haben. Immerhin schenkt sie Daniel, als sie mit José einmal zu Besuch kommt, einen Comic und einen Füller. Maman erzählt Oberflächliches, vom Wetter in Narbonne, José ist Spanier, Landarbeiter und redet wenig. Neugierig schaut Daniel den beiden beim Küssen zu. Immerhin erzählt José ein paar wenige Dinge, als Daniel gemeinsam mit ihm die Einkäufe erledigt.
Dann kommt der Tag, an dem er alleine in die große Stadt reist, weil seine Mutter ihn zu sich holt. Mutter holt ihn am Bahnhof ab, mit dem Taxi fahren sie in sein neues Zuhause. Unterwegs zeigt sie ihm die urbanen Sehenswürdigkeiten, immerhin gibt es ein Kino. Die Wohnung ist eng, er muss auf einer Matratze auf dem Boden schlafen, vielleicht, hat ihnen die Vermieterin angedeutet, können sie bald noch ein zusätzliches Zimmer nehmen. Alleine erforscht er die Stadt, und bald lernt er einen älteren Jungen kennen, dem er sich anschließt. Sie gehen zusammen ins Kino und Daniel lässt sich die städtischen Gepflogenheiten erklären, etwa das Promenieren, bei dem man Mädchen oder Jungs kennenlernt: „So war’s schon immer!” Dann promenieren sie eben versuchsweise auch. Erst allmählich erfährt Daniel mehr über das Leben seiner Mutter mit José. Aber zunächst beginnt Daniels Leben in der Stadt mit einer großen Enttäuschung, die sein Leben prägen wird. Seine Mutter beabsichtigt nicht, ihn aufs Collège zu schicken. Das kostet zwar nichts, aber die Bücher, die Klamotten, die Hefte. Damals habe sie, sagt die Mutter, auch noch Träume gehabt. „Ich hätte einiges zu sagen gehabt, doch ich schwieg”, erzählt uns Daniels Off-Stimme. Und das erste Mal greift Eustache hier zu einem dramaturgischen Kniff, er erzeugt bewusst Emotionen im Zuschauer – und man meint in diesem Kniff Autobiografisches angedeutet zu bekommen – ein Schmerz, den der junge Jean Eustache, mit seiner einfachen Herkunft, vielleicht auch selbst empfand. Und so deutet sich an, dass Daniel, der noch gar keine eigenen Passionen, Interessen, Leidenschaften, Träume entwickelt hat, seine Zukunft aus den Händen gerissen wird. Statt Schule soll er nun in irgendeiner Zweiradwerkstatt arbeiten, ein langweiliger Job, an dem er kein Interesse hat. Aber immerhin: Mädchen gibt es ja auch in der Stadt…

Der SPIEGEL schrieb damals: „Die spröde Heiterkeit und milde Trauer, die der Film ausstrahlt, wirkt nirgends aufdringlich, kein Bild, das nur um irgendeiner Beweisabsicht willen da wäre. Eustache nimmt sich sehr viel Zeit für seine Figuren, seine Kamera beobachtet zärtlich und einfühlsam die so scheinbar alltäglichen Verwirrungen der Pubertät. War ‚Die Mama und die Hure’ ein Film der Worte und der Mauern, die sie bilden und einzureißen versuchen, so ist dies ein Film der Blicke, der unartikulierten und zaghaften Versuche, sich selbst zu finden in den anderen und sich zurechtzufinden in Verhältnissen, deren erdrückenden Einfluss Daniel hilflos verspürt.”
In der Tat übt auch MES PETITES AMOUREUSES einen Sog, eine Faszination auf den Zuschauer aus, auf ganz andere Weise, mit ganz anderen erzählerischen Mitteln, auch wenn es schwierig ist, in den Protagonisten hineinzusehen. Eustache bleibt mit der Daniels Charakterisierung weitgehend an der Oberfläche, auch wenn wir bisweilen mittels des Voiceovers kurz in seine Gedankenwelt hineinhorchen können. Der Unterschied bei der Figurencharakterisierung im Vergleich zu LA MAMAN ET LA PUTAIN beruht vor allem darauf, dass Daniel, aber auch die meisten der Figuren um ihn herum eben nicht so viel reden, wie Alexandre im Vorgängerfilm. Gemeinsam mit Daniel versucht der Zuschauer im Laufe des Films herauszufinden, wer den dieser Protagonist ist, was er will, wo er hin will, was er denkt, was er von Mädchen hält. Das ist einerseits schwierig, weil sich eben in der Charakterisierung des Protagonisten eine Lücke auftut (so wie ja die Lücke eines der wichtigsten Erzählprinzipien des Films ist), andererseits ist es durchaus spannend, wenn wir dabei sind, diese Lücke füllen zu wollen und alle möglichen Einzelheiten, Gestik, Mimik, die wenigen Worte, aufschnappen und einordnen wollen. Dabei kommt uns dieser Protagonist durchaus nahe, man versetzt sich in ihn hinein, vergleicht, wie das bei einem selbst so war, als man in Daniels Alter war. Das ist erzählerisch durchaus auch ein Experiment, ähnlich wie LA MAMAN ET LA PUTAIN auch schon eine narrative Versuchsanordnung war.
