
El Tren Fluvial | The River Train von Lorenzo Ferro, Lucas A. Vignale
ARG 2026, Perspectives
© Cinco Rayos
„Wir haben Filmemachen immer als eine Art Weg betrachtet, ohne zu wissen, ob er überhaupt existiert“, erzählen die Filmemacher von ‚El Tren Fluvial. „Dennoch gehen wir voran, im Vertrauen darauf, dass etwas vor der Kamera auftauchen wird: ein Gesicht, Stille, ein Zug, ein Tier. In diesem Sinne entstand unser Film, wie eine Reise ohne Plan, geleitet von Intuition statt von einem festgelegten Kurs. Es gibt Bilder, die uns auf unserem Weg begleiten und uns helfen, die Lücken der Ungewissheit zu füllen, die diese Reise mit sich bringt.“
Lorenzo Ferro und Lucas A. Vignale sind zwei junge, aus Buenos Aires stammende Regisseure. Ferro ist 1998 geboren, war bisher vor allem Schauspieler tätig. Er war unter anderem in der Hauptrolle des Films El Ángel (Regie: Luis Ortega) zu sehen, der in Cannes lief. Sowohl dafür als auch für seine Rolle in Simón de la montaña (Regie: Federico Luis) wurde er gleich auf mehreren Festivals als bester Schauspieler ausgezeichnet. Auch in Serien war er zu sehen, etwa Narcos, Fanático und El Marginal. Vignale, Jahrgang 1997 geriet als Editor in die Filmbranche und drehte dann Musikfilme. Tripolar 360° ist eine Doku über die Band Usted Señalemelo. Sein erster Kurzfilm, La Pasión, entstand in Zusammenarbeit mit Lorenzo Ferro. El Tren Fluvial ist ihr Langfilmdebüt.
In erfreulich kurzen 75 Minuten erzählen die beiden die Geschichte des neunjährigen Jungen Milo. Milo steht schon im jungen Alter unter dem familiären Druck, ein großer „Malambo“-Tänzer werden zu sollen – und unter dem Druck der perfekte Sohn werden zu müssen. Malambo ist ein argentinischer Volkstanz, der mit den Gauchos verbunden ist und der von zwei Männern vollführt wird, die in einen tänzerischen Wettbewerb gegeneinander antreten. Populär wurde der Malambo bereits Anfang des 19. Jahrhunderts, es gibt berühmte Festivals mit jahrzehntelanger Tradition.
Der Film beginnt mit einem Lockerungsspiel, „no piense, diga“ – denk nicht, sag! Bei dem möglichst ohne großes Nachdenken assoziativ Wörter genannt werden sollen. Es endet mitveinem „estoy listo“ – ich bin bereit. Dann treten die Jungs an zu ihrem Malambowettbewerb, vor den Augen der stolzen Mütter, die die Wettbewerbe ihrer Söhne handyfilmend begleiten. Mit kritischem Blick verfolgen die Richter die Nuancen des Auftritts.
Doch Milo träumt davon, sein Leben selbst bestimmen zu können – und seinen verhassten Haushaltspflichten und dem Malambotraining entkommen zu können. Er träumt davon mit dem Zug nach Buenos Aires zu reisen, die Stadt seiner Träume, die er aus so vielen Filmen und Telenovelas kennt. Schweigsam lässt sein Vater ihn trainieren, mit strengstem Blick. Zu Hause wird er rumkommandiert, während seine große Schwester nichtstuend auf dem Sofa sitzt. Die Tagesabläufe sind durch viel Schweigen und Pflichterfüllung geprägt. Und dann sitzt Milo – im Traum oder wirklich? im Zug in die Hauptstadt. Die Metropole ist ein wundersamer Ort voller geheimnisvoller Begegnungen. Voller Neugierde saugt Milo das Beobachtete in sich auf. Er begegnet dem „Terrible Black“ und dem sonderbaren Cristal, die ihm Ratschläge geben.
„Schon früh begriffen wir, dass man das Leben nicht durch das Finden von Antworten erfasst, sondern durch brennende Fragen“ erzählen die Filmemacher. „Aus diesem Impuls heraus erschufen wir Milo: eine Fragestellung in Form von Bewegung, die aus unserer Neugier entspringt; ein Kind, das vorwärts geht, während etwas in ihm unruhig wird. In ihm koexistieren Mut und Angst, der Wunsch zu gehen und der geheime Wunsch zu bleiben. Vielleicht brauchten wir deshalb jemanden, der nicht aus der Welt der Schauspielerei kam, sondern aus dem Leben selbst; jemanden, der nicht genau wusste, was er tat, aber bereit war, das Risiko einzugehen. Wir formten uns in tiefer Einsamkeit, in einem Land in der Krise und in einem Kontext, in dem das Kino von der aktuellen Regierung untergraben wird. Wir lernten, ohne Garantien zu arbeiten, zu unseren eigenen Entscheidungen zu stehen und auch ohne Unterstützung weiterzumachen. Diese Erfahrung durchzieht den Film und prägt ihn.“
„El Tren Fluvial“ ist eine großartige, mysteriöse Geschichte, ein wundersames Abenteuer, das Milo erlebt. Milo, gespielt von Milo Barria, ist auf dem Weg, seine eigene Freiheit zu erleben. Sehr überzeugend ist seine Reise erzählt, eine wundervoll berührende und traumhafte Geschichte.