İlker Çatak wieder auf der Berlinale: GELBE BRIEFE im Wettbewerb und ab 5.3.2026 im Kino

Tan­su Biçer, Özgü Namal .Gelbe Briefe | Yel­low Let­ters von İlker Çatak. DEU, FRA, TUR 2026, Wet­tbe­werb. © Ella Knorz_ifProductions_Alamode Film

„Wie gehen wir damit um, wenn wir es mit einem Régime zu tun haben, das uns daran hin­dert, unsere Arbeit so auszuüben, wie wir es für richtig hal­ten, unsere Mei­n­ung so zu sagen, wie wir sie sagen wollen? Wie gehen wir mit einem Sys­tem um, das uns in den zivilen Tod schickt, also vom gesellschaftlichen Leben auss­chließt, uns zwar physisch am Leben lässt, doch rechtlich, sozial und beru­flich aus­löscht?” Diese Fra­gen stellt İlker Çatak in seinem neuen Film, den er bei der 76. Berli­nale vorstellt: „Gelbe Briefe”. Zunächst stellt er diese Fra­gen in Bezug auf das türkische Régime, aber wir wer­den bald sehen, dass das eine beina­he glob­ale All­ge­me­ingültigkeit zu bekom­men dro­ht. Aber zuallererst, bevor es poli­tisch wird, ist „Gelbe Briefe” eine Fam­i­liengeschichte, und das will ich vor­weg­nehmen, das macht den Film beson­ders stark.

Der Film erzählt uns die Geschichte von Aziz (Tan­su Biçer) und Derya (Özgü Namal), einem erfol­gre­ichen Ehep­aar in der türkischen Haupt­stadt Ankara. Die bei­den sind am Staat­sthe­ater tätig, er als Regis­seur und Dra­maturg, Unipro­fes­sor ist er auch noch. Sie ist die gefeierte Darstel­lerin in den Stück­en ihres Mannes. Die hohe Kun­st spielt für bei­de eine Rolle, so etwas wie TV-Ange­bote beispiel­sweise hat Derya immer abgelehnt. Und was sie auch scheut, ist die Öffentlichkeit nach der The­ater­premiere, schnurstracks ver­schwindet sie in der Garder­obe und schließt sich ein. Vielle­icht verärg­ert Derya damit auch ein paar wichtige Män­ner der türkischen Gesellschaft, vor allem ver­passt sie – Gott sei Dank denkt sie – die Begeg­nung mit ein­er wichti­gen Agentin, die extra aus Istan­bul angereist ist, um sie zu tre­f­fen: Kübra (Jale Arikan). Die will sie näm­lich für eine lukra­tive Rolle in ein­er Fernsehserie gewin­nen, wie gut, denkt Derya, dass sie das ver­passt hat. Und dass der Gou­verneur kein Foto mit ihr bekom­men hat: Der Kerl hat nicht ein­mal sein Handy in der Vorstel­lung aus­gemacht. Zu Hause erwartet das gefeierte Ehep­aar deren wenig an der mondä­nen The­ater­welt inter­essierte Tochter Ezgi (Ley­la Smyr­na Cabas), 13 Jahre alt. Schon im Taxi war im Autora­dio zu vernehmen, dass es in der türkischen Öffentlichkeit rumort: Am näch­sten Tag wird eine bedeu­tende Friedens­demon­stra­tion auf Ankaras Straßen abge­hal­ten wer­den, fast alle aus Aziz’ Unikurs haben sich angeschlossen – und die paar weni­gen pflicht­be­wussten Stu­den­ten, die doch da sind, muss er dann an ihre demokratis­che Pflicht erin­nern – und er überre­det sie kurz­er­hand, auch auf die Straße zu gehen.

Doch das sollte noch Kon­se­quen­zen haben. Kurz­er­hand entlässt die Uni alle ren­i­ten­ten Dozen­ten, die sich gegen das Régime gewandt haben. Alle erhal­ten den „Gel­ben Brief”, den Ent­las­sungs­brief. Zum Teil sind es Vor­wände, die vorge­bracht wer­den: Man hätte nicht die geforderten Wochen­stun­den abgear­beit­et und man hätte mit her­ablassenden Bemerkun­gen Per­sön­lichkeit­srechte ver­let­zt.

Auch am The­ater passiert Drama­tis­ches: Aziz‘ Stück wird abge­set­zt, stattdessen ein altes Stück wieder aufge­führt. Doch die Schika­nen beschränken sich nicht nur aufs Beru­fliche: Abends taucht plöt­zlich ihr Ver­mi­eter, Herr Züli­fikar (Vedat Erincin), auf, die Polizei sei dagewe­sen, Ver­räter und Ter­ror­is­ten wür­den im Haus verkehren. Wut erfasst die bei­den – aber auch Hil­flosigkeit: Ihre wirtschaftliche Grund­lage ist mas­siv in Gefahr. Wovon sollen sie leben, wenn sie bei­de ihre Jobs ver­lieren? Und vor allem: Wie sollen sie das ihrer Tochter Ezgi erk­lären? Bei der Demon­stra­tion der The­aterkol­le­gen hat Aziz jeden­falls schon ein schlecht­es Gefühl. Und da erhält auch Aziz ihren gel­ben Brief.

Verzweifelt zieht die kleine Fam­i­lie nach Istan­bul zu Aziz’ Mut­ter (İpek Bil­gin) in deren beengte Woh­nung. Doch es wird noch schlim­mer kom­men: Gegen Aziz ist eine Klage ein­gere­icht wor­den und der Staat­san­walt fordert eine Haft­strafe wegen Belei­di­gung des Präsi­den­ten. Aziz sucht Hil­fe, in seinen Istan­buler Net­zw­erken, Derya zieht in Erwä­gung, ihre kün­st­lerischen Prinzip­i­en über Bord zu wer­fen. Vielle­icht sollte sie nun doch Kon­takt aufnehmen mit jen­er TV-Agentin, die neulich zur Pre­mière in Ankara war…

Nach dem großen Erfolg seines Films „Das Lehrerz­im­mer”, der unter anderem mit ein­er Oscarno­minierung geehrt wurde, kehrt Regis­seur İlker Çatak mit „Gelbe Briefe” wieder zur Berli­nale zurück, dies­mal im Wet­tbe­werb. „Die Idee ent­stand 2019, als ich für einen früheren Film in Istan­bul war”, erzählt er. „Kolleg:innen aus der Branche erzählten mir damals von den Ent­las­sungss­chreiben, die sie erhal­ten hat­ten, und den zum Teil hanebüch­enen Begrün­dun­gen. Etwa: Sie hät­ten in der Umk­lei­de des The­aters ger­aucht und deshalb müsse ein Diszi­pli­narver­fahren ein­geleit­et wer­den. Cir­ca zweitausend Künstler:innen und Akademiker:innen wur­den zwis­chen 2016 und 2019 sus­pendiert und vor Gericht gestellt, weil sie eine Frieden­spe­ti­tion unterze­ich­net hat­ten. Dies waren umfassende Säu­berun­gen in den Bere­ichen Wis­senschaft und Kul­tur, die nach der Reak­tion der Regierung auf die Peti­tion ein­set­zten und sich nach dem Putschver­such im Som­mer 2016 noch ver­schärften. Berufsver­bote wur­den aus­ge­sprochen,
Gerichtsver­fahren ließen auf sich warten—die Men­schen wur­den in eine Wartepo­si­tion gezwun­gen, in der sie allein vom Warten mürbe wur­den. Für mich war es entschei­dend, nicht ein­fach den Staat anzuprangern, son­dern das Ganze aus der Per­spek­tive ein­er zunächst intak­ten Ehe zu betra­cht­en. (…) Mir war es wichtig, diese Fra­gen im Kon­text ein­er Fam­i­lien­dy­namik zu erzählen, denn ich glaube, dieses The­ma geht uns alle an, und diese Fra­gen wer­den in den kom­menden Jahren immer lauter, egal ob wir in der Türkei, der EU oder in den USA leben.”

Zunächst habe ich oft ein mul­miges Gefühl im Bauch, wenn ein Regis­seur, der vorher weit­ge­hend unbekan­nt war, nun einen großen Erfolg ein­fährt: Wie wird sein näch­ster Film ausse­hen? Das war auch meine Sorge nach dem Erfolg von „Das Lehrerz­im­mer”. Ich hätte ja befürchtet, dass İlker Çatak sich nun vorn­immt, etwas richtig Großes zu drehen, einen Gen­re­film, mit CGI, mit drama­tis­chen Plot­points, mit Action oder was weiß ich. Aber er tut genau das Gegen­teil: Er dreht eine berührende Fam­i­liengeschichte, ver­mei­det drama­tis­che Höhep­unk­te, bleibt sich selb­st treu, nimmt sich vielle­icht sog­ar noch mehr zurück, bleibt nahe an dieser Fam­i­lie dran. Wie dankbar bin ich İlker Çatak für dieses Fin­ger­spitzenge­fühl. Was diesen Film aber noch viel mehr zu einem abso­lut außergewöhn­lichen Werk macht ist fol­gende Entschei­dung: Dass er ein solch regimekri­tis­ches Werk nicht in der Türkei drehen kon­nte, schien klar. Also filmte er schlicht in Deutsch­land, aber nicht ein­fach so: Er ernen­nt Berlin zu Ankara und Ham­burg zu Istan­bul, ver­heim­licht das nicht und tut auch nicht so, als ob das jet­zt halt zwei türkische Städte wären. Er blendet es ein: Berlin ist Ankara und Ham­burg ist Istan­bul. Und dann sieht man halt auch mal den Fernse­hturm und die Elbphil­har­monie und deutsche Autos und Straßen­schilder. Er baut diese Umbe­nen­nung der Städte gar in die Hand­lung ein: Aziz wun­dert sich ein­mal, dass man „Taxi” heute nicht mehr mit „ks” schreibt. Oder die Fahrt mit dem Boot vom asi­atis­chen zum europäis­chen Teil wird durch eine Boots­fahrt im Ham­burg­er Hafen erset­zt. Diese Idee ist so grandios, dass man eigentlich all die anderen Vari­anten (Stadt x wird in Stadt y gedreht; oder gle­ich in mehreren Städten; Drehorte wer­den per CGI angepasst oder im Stu­dio gedreht etc.) erst gar nicht mehr sehen möchte. Berlin ist Ankara und Ham­burg ist Istan­bul. Punkt. Der Film gewin­nt dadurch näm­lich an Ehrlichkeit, er gewin­nt eine Veror­tung, man spürt, dass hier alles stimmt, die Straßen, die Wege, der Charak­ter der bei­den Städte.

Aber das Raf­finierte dieser beson­deren Idee ist auch, dass man in jed­er Minute, in der man die Ein­schränkung der Frei­heit dieser Fam­i­lie mit erlebt, man gle­ichzeit­ig denkt: Wie ist das, wenn so etwas bei uns passiert? Der Film erhält einen ger­adezu uni­versellen Sub­text. Was passiert, wenn bei uns eine autoritäre Kraft an die Macht käme? Die DOP des Films, Judith Kauf­mann erzählt: „Bei GELBE BRIEFE kam aber noch etwas hinzu, was für uns alle ganz neu war. Denn obwohl der Film in der Türkei spielt, haben wir in zwei deutschen Städten gedreht, die stel­lvertre­tend für die Türkei ste­hen: Berlin verkör­pert Ankara, Ham­burg Istan­bul. Die Idee war, auf visueller Ebene eine abstrak­tere Form zu find­en – und so eine uni­verselle Geschichte zu erzählen: darüber, wie Men­schen unter Druck ger­at­en, ihre Werte hin­ter­fra­gen und ihre moralis­chen Gren­zen neu definieren müssen. Genau darin lag die Her­aus­forderung. Wir erzählen mit auss­chließlich türkischen Schauspieler:innen, in ihrer Sprache und ‚ihrer Heimat’ – und sind zugle­ich nie wirk­lich dort. Dieses Spiel mit der Frage ‚Wo befind­en wir uns?’ wurde zu einem zen­tralen Bestandteil des Pro­jek­ts. Ist der Ort über­haupt entschei­dend? Oder erzählen wir etwas, das über­all auf der Welt geschehen kön­nte? Uns war es wichtig, diese ‚Orts-Trans­for­ma­tion’ bewusst und spielerisch anzuge­hen – ohne den Ver­such, die Türkei kün­stlich zu imi­tieren, etwa durch Straßen- oder Num­mern­schilder. Wir woll­ten Ori­en­tal­is­mus ver­mei­den, keinen touris­tis­chen, sen­ti­men­tal­en Türkei-Blick, son­dern eine klare, for­male Hal­tung. Dafür haben wir uns eine Art Regel­buch erstellt, das unsere gestal­ter­ische Lin­ie vor­gab.
Eine weit­ere große Her­aus­forderung war für mich die Sprache – die auss­chließlich türkischen Dialoge.”

„Gelbe Briefe” gehört für mich daher in jedem Fall jet­zt schon zu den Bären­fa­voriten dieser Berli­naleaus­gabe. Und das gilt ins­beson­dere auch für diesen grandiosen Cast. Özgü Namal, Tan­su Biçer, Ley­la Smyr­na Cabas und İpek Bil­gin tra­gen diesen wun­der­vollen Film.

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