Kurzkritiken zur Berlinale

Nos­so Seg­re­do ☆☆☆☆
von Grace Passô, Per­spec­tives
Grace Passô gelingt ein so wun­der­bar poet­is­ch­er, metapho­risch­er, melan­cholis­ch­er, trau­riger, aber auch hoff­nungsvoller Film über die Trauer und den Schmerz des Ver­lustes. Es sind die Bilder, die Geheimnisse – und allem voran der wun­der­volle Cast, der diesen Film zum Leben erweckt. Dass dieser Film irgend­wann ins Sur­reale gleit­et, gibt ihm eine visuelle und erzäh­lerische Kraft, die man so schnell nicht ver­gisst. Grace Passôs Film ist ein wun­der­voller Debüt­film, ein traumhaft poet­is­ches Werk.

No good men ☆☆☆
von Shahrbanoo Sadat, Eröff­nungs­film
Es ist toll, mit Shahrbanoo Sadat eine weib­liche Stimme des afghanis­chen Kinos zu sehen, wun­der­bar, dass es sich um eine Liebesgeschichte, eine Geschichte über die Rolle der Frau und über die afghanis­che Gegen­wart han­delt. Mir ist der Film bisweilen filmisch und erzäh­lerisch zu unbe­holfen und ich glaube es hätte ihm bess­er getan, wenn er nicht als Eröff­nungs­film so sehr auf die Plat­tform gehoben wor­den wäre.

Der Heimat­lose ☆☆☆☆
von Kai Stänicke, Per­spec­tives
14 Jahre war Hein auf dem Fes­t­land, nun kehrt er in seine Heimat zurück, eine kleine, kaum bewohnte Nord­seein­sel, die noch geprägt ist von archais­chen Struk­turen und kaum Kon­takt zum Fes­t­land hat. Zu sein­er Über­raschung will ihn dort kein­er wieder­erken­nen. Sog­ar sein ehe­mals bester Fre­und Friede­mann glaubt ihm nicht, obwohl sie einst unz­ertrennlich waren – was denkt die mit­tler­weile erblind­ete Mut­ter Heins? Beein­druck­ende Insel­erzäh­lung, ver­fremdet und mit über­raschen­der Wen­dung.

A Prayer for the Dying ☆☆☆
von Dara van Dusen, Per­spec­tives
Friend­ship, Wis­con­sin, 1870: Das kleine Örtchen lei­det unter der Som­mer­hitze. Der Sher­iff lebt hier mit sein­er Fam­i­lie. Eines Tages bedro­ht eine unheim­liche Krankheit den Frieden im Dorf. Teils bek­lem­mendes Diph­terie-Epi­demie-Dra­ma, das über weite Streck­en beein­druck­end erzählt ist, gegen Schluss aber etwas unnötig wirr, lan­gat­mig und fan­tastisch wird.

Gelbe Briefe ☆☆☆☆,5
von İlker Çatak, Wet­tbe­werb
Çatak dreht eine berührende Fam­i­liengeschichte, ver­mei­det drama­tis­che Höhep­unk­te, bleibt sich selb­st treu, nimmt sich vielle­icht sog­ar noch mehr zurück, bleibt nahe an dieser Fam­i­lie dran. Wie dankbar bin ich İlker Çatak für dieses Fin­ger­spitzenge­fühl. Was diesen Film aber noch viel mehr zu einem abso­lut außergewöhn­lichen Werk macht ist fol­gende Entschei­dung: Dass er ein solch regimekri­tis­ches Werk nicht in der Türkei drehen kon­nte, schien klar. Also filmte er schlicht in Deutsch­land, aber nicht ein­fach so: Er ernen­nt Berlin zu Ankara und Ham­burg zu Istan­bul, ver­heim­licht das nicht und tut auch nicht so, als ob das jet­zt halt zwei türkische Städte wären. „Gelbe Briefe” gehört für mich daher in jedem Fall jet­zt schon zu den Bären­fa­voriten dieser Berli­naleaus­gabe. Und das gilt ins­beson­dere auch für diesen grandiosen Cast.

À voix basse ☆☆☆,5
von Ley­la Bouzid, Wet­tbe­werb
Die junge Lil­ia reist zur Beerdi­gung ihres Onkels in ihre Heimat Tune­sien. Ihre les­bis­che Beziehung hält sie geheim, aber auch in ihrer Fam­i­lie herrscht ein Kli­ma des Ver­schweigens. Berühren­des queeres Dra­ma. 

Every­body digs Bill Evans ☆☆☆,5
von Grant Gee, Wet­tbe­werb
Außergewöhn­lich­es Jazzbiopic über den intro­vertierten Pianis­ten Bill Evans, weit­ge­hend über dessen Eltern erzählt.

The Moment ☆☆☆,5
von Aidan Zamiri, Panora­ma
Das Char­li xcx-Mock­u­men­tary steckt voller Pow­er und Dri­ve.

Hey­sel 85
von Teodo­ra Ana Mihai, Berli­nale Spe­cial Gala
Schales, klis­cheevolles bel­gis­ches Katas­tro­phen­dra­ma über die berühmte Fußball­sta­di­enkatas­tro­phe.

Rose­bush Prun­ing ☆☆☆☆
von Karim Ain­ouz, Wet­tbe­werb
Zwis­chen ver­rückt, absurd und genial, auch mal nervig: Eine span­nende Stimme des Gegen­wartki­nos. Grandios­er Sound­track.

Alle­gro Pastell ☆☆☆,5
von Anna Roller, Panora­ma
Berlin- und Prov­in­zlit­er­aturver­fil­mung aus Hes­sen und Berlin, ein dur­chaus schön­er Liebesfilm mit ein­er tollen Beset­zung. Vielle­icht das Gen Z‑Werk.

Wax and Gold ☆☆☆☆
von Ruth Beck­er­mann, Berli­nale Spe­cial
Ruth Beck­er­mann erzählt uns von Äthiopi­en, dem Hilton in Addis Abe­ba und von Haile Selassie. Span­nend!

Riv­er Dreams ☆☆☆,5
von Kristi­na Mikhailo­va, Forum
Wun­der­voller poet­is­ch­er Doku­men­tarfilm aus Kasach­stan, über einen Fluss und Mäd­chen.

Rose ☆☆☆☆☆
von Markus Schleinz­er, Wet­tbe­werb
Ein atem­ber­auben­des Schwarzweiß­dra­ma um einen Sol­dat­en, der in einem abgele­ge­nen Dorf ein Erbe annimmt, heiratet, in Wahrheit aber eine Frau ist.

Enjoy your stay ☆☆☆☆
von Dominik Locher, Panora­ma
Bedrück­endes Dra­ma um philip­pinis­che ille­gale Reini­gungs­frauen in der Schweiz­er Touris­musin­dus­trie.

The Edu­ca­tion of Jane Cum­ming ☆☆☆,5
von Sophie Held­man, Panora­ma
Edin­burgh, 1810. Jane Pirie und Mar­i­anne Woods sind Lehrerin­nen. Sie ver­wirk­lichen ihren Traum und grün­den ein kleines Inter­nat abseits der Stadt. Als eine Adlige ihr une­he­lich­es 15-jähriges Enkelkind – Jane Cum­ming – aus Indi­en dort hin­be­ingt, verän­dert dies das Leben der bei­den. Schön erzähltes, berühren­des Dra­ma.

At the sea ☆☆,5
von Kornél Mundruczó, Wet­tbe­werb
Ent­täuschen­des Cape Cod-Alko­hol-Reichen-Fam­i­lien-Dra­ma. Was wiederum her­aussticht und die Klis­cheek­lip­pen umschifft, ist die Mut­ter-Tochter-Geschichte.

Nina Roza ☆☆☆,5
von Geneviève Dulude-de Celles, Wet­tbe­werb
Schöne kanadisch-bul­gar­ische Geschichte um einen Kura­tor und ein – ver­meintlich­es? – achtjähriges Kunst­wun­derkind aus einem abgele­ge­nen bul­gar­ischen Dorf.

Ich ver­ste­he Ihren Unmut ☆☆☆☆
von Kil­ian Arman­do Friedrich, Panora­ma
Heike ist Objek­tlei­t­erin bei ein­er Reini­gungs­fir­ma. Eines Tages bekommt sie Stress mit einem Sub­un­ternehmer. Ein beein­druck­endes Dra­ma um die Arbeitswelt im Niedriglohnsek­tor mitvein­er außergewöhn­lichen Laien­darstel­lerin in der Haup­trol­le.

Staatss­chutz ☆☆☆
von Faraz Shari­at, Panora­ma
Span­nen­des Dra­ma um die junge Staat­san­wältin Seyo Kim und rechte Gewalt

Foret Ivre ☆☆☆,5
von Manon Coubia, Per­spec­tives
Ein­fache, wun­der­schöne Berggeschichte über eine Berghütte, die Frauen, die diese auf­se­hen und die Besuch­er in dieser Hütte.

Etwas ganz Beson­deres ☆☆☆,5
von Eva Tro­bisch
Die Kle­in­stadt Greiz rückt ins Zen­trum des Filminter­ess­es. Teils schön erzählte Kle­in­stadt­fam­i­liengeschichte aus ver­schiede­nen Per­spek­tiv­en, bisweilen fehlt mir etwas die Ori­en­tierung, in welche Rich­tung das gehen wird.

Moscas ☆☆☆☆
von Fer­nan­do Eim­bcke, Wet­tbe­werb
Wun­der­schöne mexikanis­che Kindergeschichte um einen Jun­gen, der sich alleine in der Stadt zurechtfind­et, seine Mut­ter sucht und seine Lei­den­schaft in einem beson­deren Com­put­er­spiel ent­deckt.

The Only Liv­ing Pick­pock­et in New York ☆☆☆☆
von Noah Segan, Berli­nale Spe­cial Gala
Was eine wun­der­voll alt­modis­che New York­er Krim­igeschichte, wie schön John Tur­tur­ro und Steve Busce­mi in tollen Rollen wiederzuse­hen. Oh wie schön!

The Tes­ta­ment of Ann Lee ☆☆☆☆,5
von Mona Fastvold, Berli­nale Spe­cial Gala
Eine grandiose, bildge­waltige, his­torische Geschichte mit Aman­da Seyfried in der Haup­trol­le – um eine faszinierende wie absurde religiöse Sek­te im Eng­land und den USA des 18. Jahrhun­derts.

Soum­soum, la nuit des astres ☆☆,5
von Mahamat-Saleh Haroun, Wet­tbe­werb
Die 17-jährige Kel­lou hat übersinnliche Kräfte… Erst die Schlussszene hat dann jene filmis­che Lebendigkeit, die ich mir schon deut­lich früher erhofft hätte.

The Loneli­est Man in Town ☆☆☆☆,5
von Tiz­za Covi, Rain­er Frim­mel, Wet­tbe­werb
Halb­fik­tionales Biopic des Musik­ers Al Cook. Von einem solch wun­der­baren Charme und ich habe Trä­nen gelacht. Großar­tig.

Hukkunud Alpin­isti hotell ☆☆☆,5
von Grig­ori Kro­manov, Berli­nale Clas­sics
Über­raschend frisch­er und mod­ern­er sow­jetis­ch­er Sci­ence-Fic­tion-Kri­mi aus dem Jahr 1979.

Yo (Love is a rebel­lious bird) ☆☆☆☆
von Anna Fitch, Wet­tbe­werb
Wun­der­volle und außergewöhn­liche Doku über die Kün­st­lerin Yo, eine Fre­undin der Regis­seurin – und über Yos Tod.

Josephine ☆☆,5
von Beth de Arau­jo, Wet­tbe­werb
Schw­er zu ertra­gen­des Dra­ma um eine Verge­wal­ti­gung und ein Kind, das Zeuge der Tat wurde.

El hangar rojo ☆☆☆,5
von Juan Pablo Sal­la­to, Per­spec­tives
In der Tat gelingt Sal­la­to ein faszinieren­des wie bedrück­endes Debüt, das ins­beson­dere auch durch die schwarzweißen Bilder des Kam­era­manns Diego Pequeño eine Kraft und Tiefe erhält. Die Kam­era ist immer nahe dran. Und man bekommt das Gefühl, dass die Ereignisse sich beina­he in Echtzeit vor unseren Augen abwick­eln. Nicolás Zárate spielt die Haup­trol­le des Jorge Sil­va, seinen Gegen­spiel­er Jahn spielt Mar­cial Tagle nicht weniger inten­siv.

Any­Mart ☆☆☆,5
von Yusuke Iwasa­ki, Forum 
Die Welt unseres Any­Marts schwebt irgend­wo zwis­chen Kap­i­tal­is­muskri­tik und Groteske, Satire – und Hor­ror. Und Gen­re­wan­derun­gen untern­immt das Werk dann auch immer wieder. Manch­mal weiß ich nicht so recht, in welche Rich­tung das gehen soll, aber das Groteske nimmt zu und das ist erfreulich schräg genug, dass ich unter­hal­ten bin und die Stim­mungswech­sel gerne mit­ge­he. Ein biss­chen mehr Ein­blick in die Charak­tere hätte ich schon ganz gerne bekom­men, den­noch ist „Any­Mart“ ein erfreulich son­der­bar­er Forums-Beitrag.

For­est up in the Moun­tain ☆☆,5
von Sofia Bor­de­nave, Forum
Jen­er Teil mit der his­torischen Einord­nung der Geschichte der Mapuche ist in der Tat span­nend und lehrre­ich, aber ich habe mir in den meis­ten anderen Teilen des Films so sehr gewün­scht, dass mir jemand bei der Einord­nung des Gezeigten und Erzählten hil­ft. Ein Off-Kom­men­tar, erläuternde Zwis­chen­ti­tel oder Ähn­lich­es. Das hat mich lei­der alleine gelassen und nicht abge­holt, was schade ist.

Not a Hero ☆☆☆,5
von Rima Das, Gen­er­a­tion Kplus
Der elfjährige Mivan in einem Leben zwis­chen Stadt und Dorf.

Vier minus drei ☆☆☆☆

Meine Frau weint ☆☆

El Tren Flu­vial ☆☆☆,5

The Day She returns ☆☆☆,5
von Hong Sang­soo, Panor­ma­ma
Für mich sind die Filme von Hong Sang­soo eigentlich immer auch so etwas wie eine wun­der­bare, erwün­schte 90-minütige Wirk­lichkeits­flucht, anderthalb Stun­den Eskapis­mus. Das trifft es natür­lich nicht voll­ständig, was Hong Sang­soo ver­mut­lich beab­sichtigt, aber es trifft in meinen Augen die Stim­mung, die Atmo­sphäre, die er ausstrahlt – und das ist in jedem Fall pos­i­tiv gemeint. Natür­lich ist das kon­stru­iert und arti­fiziell, aber ich kann da mit­ge­hen in dieser Kon­struk­tion

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