Jazz & Berlinale: „Everybody Digs Bill Evans” von Grant Gee im Wettbewerb der Berlinale

Anders Danielsen Lie. Every­body Digs Bill Evans von Grant Gee. IRL, GBR 2026, Wet­tbe­werb © Shane O’Connor 2026 Cow­town Pictures_Hot Prop­er­ty. —

Von Jazz habe ich so uner­freulich wenig Ahnung. In mein­er Jugend habe ich ein­mal ein paar Jaz­zsam­pler gekauft und natür­lich habe ich in meinem Leben schon eine Hand­voll Filme mit Jazzbezug gese­hen. „Green Book” von Peter Far­rel­ly zum Beispiel. „Whiplash” von Damien Chazelle. „Cot­ton Club” von Fran­cis Ford Cop­po­la. „Bird” von Clint East­wood. „Die Glenn Miller Sto­ry” von Antho­ny Mann. „Mo’ Bet­ter Blues” von Spike Lee. Und nicht zu vergessen „The Jazz Singer” von Alan Crosland aus dem Jahr 1927 – der als der allererste Ton­film gilt. Ich zitiere die Berlin­er Börsen­zeitung vom 28.11.1929:

„Im Glo­ria-Palast zeigt man jet­zt die Ton­film­fas­sung des Al-Jol­son-Films ‚Der Jaz­zsinger‘, den wir bekan­ntlich in der vorigen Sai­son bere­its in der stum­men Ver­sion ken­nen­lern­ten. Wir haben es hier mit dem früh­esten großen amerikanis­chen Ton­film zu tun, der noch vor dem ‚Singing Fool‘ vor etwa drei Jahren drüben hergestellt wurde. Der beispiel­lose Erfolg des ‚Jaz­zsinger‘ rief dann die umfan­gre­iche amerikanis­che Ton­film­pro­duk­tion ins Leben. In Würdi­gung dieser Tat­sachen hat der ver­spätet zu uns kom­mende Film ein gewiss­es his­torisches Inter­esse. Ton­tech­nisch wirkt naturgemäß heute vieles über­holt; die Trä­nenseligkeit des Sujets und ins­beson­dere die mit der bekan­nten schluchzen­den Rührung vor­ge­tra­ge­nen Lieder Al Jol­sons (nicht zulet­zt sein „Kol nidrei”) wer­den bes­timmt auch heute noch ihre Wirkung nicht ver­fehlen. Das große Ereig­nis, das er bes­timmt vor einem Jahr gewe­sen wäre, ist dieser Film für uns heute natür­lich nicht mehr.“

Meine vielle­icht inten­sivste Jaz­zhör­phase ist noch gar nicht so lange her, es gab Zeit­en in denen ich, wenn ich Radio hörte, dann vor allem auf meinem bat­teriebe­triebe­nen UKW-Radio das Berlin­er Jaz­zra­dio hörte, das allerd­ings mit­tler­weile seine UKW-Fre­quenz aberkan­nt bekom­men hat und nun nur noch dig­i­tal zu emp­fan­gen ist. Jeden­falls war Jaz­zra­dio jen­er UKW-Sender, auf dem mich das Gerede am wenig­sten gestört hat – zumin­d­est in meinen eskapis­tis­chsten Phasen, in denen ich keine Lust auf Welt­nachricht­en hat­te.

Nun stellt der britis­che Regis­seur Grant Gee auf der Berli­nale eben seinen Jaz­zfilm „Every­body Digs Bill Evans” – Anlass genug, dass ich mich vor­ab etwas mit Leben und Werk von Bill Evans beschäfti­gen sollte – doch halt, wer ist eigentlich Grant Gee? Also: Brite, Jahrgang 1964, Kam­era­mann, Regis­seur, Wikipedia sagt: „He is most not­ed for his 1998 doc­u­men­tary Meet­ing Peo­ple Is Easy about the British alter­na­tive rock group Radio­head.” Okay. Im Jahr 2007 machte er noch eine Joy Divi­sion-Doku, 2011 der Film „Patience: After Sebald” und 2015 die Doku­men­ta­tion „Inno­cence of Mem­o­ries” nach dem Orhan Pamuk-Roman „Das Muse­um der Unschuld”, der in Venedig am Film­fes­ti­val lief.

Aber nun zu Bill Evans. Bill Evans ist 1929 in Plain­field in New Jer­sey geboren, „in ein­er Fam­i­lie des weißen Mit­tel­stands”, Zitat Wikipedia. Er studierte Musik stieß auf den Jazz, auch sein Brud­er Har­ry war mit der Musik ver­ban­delt, er wurde schließlich Musik­lehrer. Bill ging zur Army, zog dann nach New York und begann mit Auftrit­ten bei Ver­anstal­tun­gen Geld zu ver­di­enen. Es fol­gten etliche Plat­ten­veröf­fentlichun­gen mit Trios und diverse Pro­jek­te, 1958 ging er acht Monate mit Miles Davis auf Tour. Mit Schlagzeuger Paul Mot­ian und dem Bassis­ten Scott LaFaro grün­det er ein Trio, dessen kreative Arbeit ein jäh­es Ende durch den plöt­zlichen Unfall­tod LaFaros nimmt. Dro­gen­prob­leme bes­tim­men fürder­hin sein Leben. Den­noch ver­bringt er noch erfol­gre­iche Jahre, bevor er 1980, mit ger­ade ein­mal 51 Jahren, an diversen Fol­gen sein­er Dro­gen­süchte starb.

„It is vir­tu­al­ly impos­si­ble to imag­ine the past 45 years of mod­ern jazz with­out Bill Evans”, schreibt Kei­th Shad­wick in sein­er Evans-Biogra­phie. „The New Jer­sey-born pianist and composer’s ground­break­ing ideas were so wide­ly absorbed by his peers and sub­se­quent­ly by every new gen­er­a­tion of musi­cians that he ranks along­side the most influ­en­tial fig­ures in post-war jazz – Thelo­nious Monk, Charles Min­gus, Miles Davis, John Coltrane, Char­lie Park­er and Dizzy Gille­spie.” 

DIE ZEIT schrieb 1980 in ihrem Nachruf: „Er kon­nte gle­ich­sam aus Erde Porzel­lan machen. Ganz fil­igranes Porzel­lan.” Und: „Mit Bill Evans betrat nun ein Pianist das Feld, der eine Art von Demokratie inner­halb des Trios ein­führte. (…) Der großkotzige Monolog des Solis­ten hat­te aus­ge­spielt.”

Dann noch ein let­ztes Zitat, und zwar seines Biografen Peter Pet­tinger, der in der 1998 erschienen Biografie „Bill Evans: how my heart sings” schrieb:

„Then my friend brought along the trumpeter’s lat­est— some­thing called ]azz Track. The piano on this stun­ning record was being played by an unknown musi­cian with an ordi­nary name: Bill Evans. But the way he was shad­ing his tone was any­thing but ordi­nary; he sound­ed like a clas­si­cal pianist, and yet he was play­ing jazz. I was cap­tured there and then— the arche­typ­al piv­otal moment. The con­cept of the ‚Bill Evans sound’ instant­ly enshrined and dis­tilled what I had always hoped to hear. It was the plain­tive har­mo­ny, the lyri­cal tone, and the fresh tex­tures that cap­ti­vat­ed so; it was the very idea that one style of music could be played with the skills and finesse nor­mal­ly only brought to anoth­er; it was a time­less qual­i­ty, a feel­ing that the music had always been there; and above all, it was a yearn­ing behind the notes, a qui­et pas­sion that you could almost reach out and touch.”

Der erste kurze Pres­se­text, der nach der Veröf­fentlichung des Berli­nalepro­gramms erschien, hob die Bedeu­tung des Todes LaFaro her­vor, und weit­er heißt es: „Der Film zeigt das Innen­leben eines musikalis­chen Genies, das ler­nen muss, dass zur Musik auch Pausen gehören.”

Grant Gee sagt: „I first became aware of Bill Evans as a pho­to­graph. A pho­to­graph by Lee Fried­lan­der (cap­tioned as 1961 but prob­a­bly 1962). A pianist is sat at a piano in the fore­ground, cen­ter frame and fac­ing us. Two oth­er musi­cians are just behind, fram­ing him. These two are younger and hav­ing a ball, laugh­ing like they can’t believe their luck. The pianist, who at first glance is an Ivy League Mid-Cen­tu­ry jazz dream is, at sec­ond glance, look­ing like he’s seen a ghost. The pho­to­graph made me want to find out what kind of music was made by the man who’d seen a ghost. When I heard that music, I was gone. Couldn’t believe the …light­ness, I guess.”

Der Film ist in der Tat kein gewöhn­lich­es Musiker­biopic mit den entsprechen­den Klis­chee­standard­fig­uren und den üblichen Plot­points, mit denen man es oft zu tun bekommt. Der größte Teil des Films spielt in der Zeit nach dem Tod von Scott LaFaro, als Bill Evans sich zu seinen Eltern zurück­zog, die inzwis­chen zur Rente nach Flori­da gezo­gen sind. Es gibt eine Hand­voll Zeit­sprünge in die Ver­gan­gen­heit und Zukun­ft, die wir erleben, aber das Grundgerüst der Hand­lung spielt in eben jenen Wochen, die der Musik­er bei seinen Eltern ver­bringt. Und jet­zt wird’s inter­es­sant: Ist Bill Evans vielle­icht son­st schon nicht sehr gesprächig, ist er in dieser Zeit wohl noch intro­vertiert­er als son­st. Eigentlich bekom­men wir gar nichts aus ihm her­aus. Macht nichts, sein Vater (großar­tig und toll ihn mal wieder zu sehen: Bill Pull­man) redet für zwei und untern­immt einiges mit seinem Sohn, golfen gehen, in die Kneipe und so weit­er. Die Mut­ter hinge­gen ist für­sor­glich und freut sich, sich um ihren Sohn küm­mern zu kön­nen. Und so ler­nen wir einiges über diesen außergewöhn­lichen Kün­stler, aber eigentlich kaum über ihn, son­dern vor allem über die Men­schen um ihn herum, vor allem seine Eltern. In den Rück- und Vor­blenden kommt dann noch einiges dazu, näm­lich in Begeg­nun­gen mit Bills Brud­er, der auch immer Musik­er war, aber nicht so erfol­gre­ich, über Bills Lebens­ge­fährtin. Und irgend­wann taucht sog­ar seine (Ex-)Freundin bei den Eltern auf: Sein Plat­ten­la­bel hat sie geschickt, weil er nicht für eine Ver­trag­sun­terze­ich­nung zu erre­ichen war.

Das Ganze ist in dur­chaus ein­drück­lichem Schwarzweiß gefilmt – und weil wir das so vol­lkom­men anders als herkömm­liche Biopics präsen­tiert bekom­men, finde ich das auch toll, den­noch hat­te ich so gewisse Prob­leme damit, das Leben eines kom­plett intro­vertierten Men­schen erzählt zu bekom­men. Aber: Vieles funk­tion­iert – und am meis­ten habe ich mich über das Wieder­se­hen mit Bill Pull­man gefreut.

Und zulet­zt noch ein­mal der Regis­seur: „My dad lis­tened to a lot of Oscar Peter­son and Errol Gar­ner and what I heard remind­ed me of that, but Bill’s music just had some kind of space, light and light­ness which I’d nev­er heard before. It made – still makes – nor­mal life feel kind of galumph­ing.”

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