AnyMart im Forum der Berlinale

Shota Sometani
Any­Mart von Yusuke Iwasa­ki
JPN 2026, Forum
© NOTHING NEW, TOHOKUSHINSHA FILM CORPORATION

„Wir Men­schen, unaufhalt­sam dem Tod ent­ge­gen­marschierend, leben alle in dem verzweifel­ten Wun­sch, ‚jemand’ zu wer­den”, sagt Regis­seur Yusuke Iwasa­ki. „Wir ver­suchen, Sinn und Bedeu­tung in unserem Leben zu find­en, doch egal, wie sehr wir uns in eine Rolle ein­fü­gen, egal, wie sehr uns die tägliche Geschäftigkeit über­fordert, die Exis­tenz selb­st ist im Grunde von Zufall geprägt und hoff­nungs­los.
Doch diese Null­sum­men­per­spek­tive lässt uns nur leer und deprim­iert zurück. In der Annahme, es gin­ge bess­er, klam­mern wir uns verzweifelt an die Auf­gaben und Rollen, die vor uns liegen. Oder wir schla­gen uns ein­fach mit Flex­i­bil­ität durchs Leben.”

Im Forum der Berli­nale läuft nun nach seinem Debüt­film VOID der näch­ste Film von Yusuke Iwasa­ki, Jahrgang 1993. Und die Inhalt­sangabe des Films im Presse­heft ist schon beina­he so poet­isch und schön for­muliert, dass ich sie gerne ganz wiedergeben würde, sehr lange ist sie nicht: „Ein Lebens­mit­tel­laden in Tokio. Sakai, der stel­lvertre­tende Fil­ialleit­er und Pro­tag­o­nist, arbeit­ete jeden Tag wie betäubt, geplagt von vagen Äng­sten um seinen Job und seine Zukun­ft sowie einem Gefühl der Ohn­macht gegenüber der Gesellschaft. Eines Tages geschah etwas Uner­wartetes: Fil­ialleit­er Imai beg­ing im Hin­terz­im­mer Selb­st­mord. Danach tauchte eine unheim­liche, geis­ter­hafte Präsenz im Laden auf.”

Also: Sakai ste­ht im Laden, verkauft irgend­was an einen Kun­den, der kommt wieder und bean­standet, dass ihm zu seinem Einkauf eine Tüte verkauft wor­den sei. Sakai kon­trol­liert, ja, der Kunde hat recht, aber dem geht das dann doch zu lange und er entschwindet. Kommt der Fil­ialleit­er, ob Sakai vielle­icht zu wenig fokussiert gewe­sen sei? Und ob ihm noch etwas auf­falle? Kein Rooi­bus­tee mehr vor­rätig. Wenn ihm der Kunde am herzen läge, wäre das nicht passiert meint der Fil­ialleit­er. Und das könne er beweisen, er habe die Überwachungskam­era gecheckt. Nun ist der Fil­ialleit­er aber sauer.

Jeden Mor­gen sagen die Angestell­ten ihr Verkäufer­cre­do auf: man ver­spräche, pünk­tlich zu sein, passend gek­lei­det, sorgfältig vor­bere­it­et, grüßen, antworten und so weit­er. Und vor allem die fehlen­den Pro­duk­te wieder nachzuräu­men.

Aber was da alles für Kun­den vor­beikom­men. Der enthu­si­astis­che Besitzer des neu eröffneten Restau­rants gegenüber, der noch einen Gutschein vor­beib­ringt. Jemand mit son­der­bar­er Maske vor dem Gesicht. Sakai muss die Per­son darauf hin­weisen, dass sie die anderen Kun­den nervt. Und dann wiederum nervt der Chef schon wieder mit weit­eren Son­der­wün­schen. Und zwis­chen­drin ist da dann immer der Eigen­tümer des Ladens, der poten­tielle neue Mitar­beit­er im Jobin­ter­view hat. Und nervige Ein­stel­lungs­fra­gen stellt.

Dazwis­chen erleben wir dann immer wieder den Gegen­pol: Sakai unter­wegs mit Fre­un­den, im Restau­rant, beim Dat­ing, unter­wegs. Gott sei Dank, denken wir, hat er zu dem drö­gen Arbeit­sall­t­ag noch einen Gegen­pol. „Fühlst du dich lebendig?” wird er irgend­wann von ein­er Fre­undin gefragt, aber darauf hat er keine Antwort. Und dann kommt eben der oben erwäh­nte drama­tis­che Moment: Fil­ialleit­er Imai hat sich irgend­wo im Hin­terz­im­mer aufge­hängt. Wie mit einem Hor­ror-Jump­scare bekom­men wir das serviert, mit kreis­chen­der Musik. Was nun? Der Eigen­tümer macht sich vor allem darüber Sor­gen, dass er jet­zt jemand Neues ein­stellen muss.

Die Welt unseres Any­Marts schwebt irgend­wo zwis­chen Kap­i­tal­is­muskri­tik und Groteske, Satire – und Hor­ror. Und Gen­re­wan­derun­gen untern­immt das Werk dann auch immer wieder. Manch­mal weiß ich nicht so recht, in welche Rich­tung das gehen soll, aber das Groteske nimmt zu und das ist erfreulich schräg genug, dass ich unter­hal­ten bin und die Stim­mungswech­sel gerne mit­ge­he. Ein biss­chen mehr Ein­blick in die Charak­tere hätte ich schon ganz gerne bekom­men, den­noch ist „Any­Mart” ein erfreulich son­der­bar­er Forums-Beitrag.

Noch ein­mal zu Yusuke Iwasa­ki: „Unsere Kör­p­er mögen funk­tion­ieren, aber das kann man kaum als wahres Leben beze­ich­nen. Der innere Kon­flikt des Pro­tag­o­nis­ten liegt in einem tiefen Hass auf jene, die schein­bar ‚wahrhaftig leben’, gepaart mit Neid auf ihr Zuge­hörigkeits­ge­fühl. Diese Exis­tenz ist sinn­los. Sie ist ein­fach. Und doch fühlt sie sich gle­ichzeit­ig an, als berge sie eine immense, uner­messliche Frei­heit.”

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