HANGAR ROJO von Juan Pablo Sallato in Perspectives auf der Berlinale

Nicolás Zárate, Aron Hernán­dez
Hangar rojo | The Red Hangar von Juan Pablo Sal­la­to
CHL, ARG, ITA 2026, Per­spec­tives
© Vil­lano

Die Vögel zwitsch­ern, die Sonne scheint, Ästchen wack­eln in der Luft. Alles in aus­drucksstarkem Schwarzweiß; eine liebliche Musik aus dem Off wird aber plöt­zlich tiefer und ern­ster. Eine Lager­halle an einem Flughafen, ein LKW fährt vor. 205 Bet­ten, die Kadet­ten müssten mor­gens um sechs auf­ste­hen, in ein paar Minuten ihr Bett gemacht haben, Dusche, Früh­stück, alles hat seinen fes­ten Plan, erzählt eine Stimme. Die poli­tis­chen Reden, die im Radio erklin­gen, das sollen die Kadet­ten aber bess­er nicht mit­bekom­men. 164 Uni­for­men, 50 Fallschirme. Wir befind­en uns in ein­er Aus­bil­dungss­chule der chilenis­chen Luft­waffe in San­ti­a­go de Chile am Mon­tag, den 10. Sep­tem­ber des Jahres 1973. Trotz der anges­pan­nten Sit­u­a­tion ist es eigentlich ein ruhiger Abend in der Mil­itärakademie, beina­he Langeweile mache sich bre­it, urteilt ein­er der Auszu­bilden­den. Es ist die Zeit des Mil­itär­putsches, der sich in Chile aus­bre­it­et. Cap­tain Jorge Sil­va, der ehe­ma­lige Leit­er des Luft­waf­fenge­heim­di­en­stes, ist jet­zt der Leit­er der Akademie. Er hat Feier­abend, als plöt­zlich eine ominöse Liefer­ung angeliefert wird, begleit­et von einem höher­rangi­gen Mil­itär. Jorge ist ver­wun­dert, lässt sich aber nicht beir­ren und fährt nach Hause. Seine Frau schläft schon, doch ein ominös­er Anruf stört noch die Ruhe. Am näch­sten Mor­gen ist Jorge etwas besorgt, er ver­sucht seine Frau zu überre­den, heute zu Hause zu bleiben, aber auch sie hat viel zu tun, an der Uni. Als er schließlich mor­gens in der Akademie ein­trifft, herrscht Unruhe, Sire­ne­nalarm. Was ist los? Aus Sorge, die Unruhen kön­nten das ganze Land erre­ichen, ver­sucht er seine Frau an der Uni zu erre­ichen, um sie zu war­nen.

Und dann erhält er einen entschei­den­den Befehl: Er soll aus der Akademie ein Haft- und Folterzen­trum für die kom­mu­nis­tis­chen Gefan­genen machen. Der „Rote Hangar” soll der Name sein, in dop­pel­ter Bedeu­tung. Sil­va hält sich mit der Umset­zung des Befehls zurück, er glaubt, dass diese Ein­rich­tung nur von vorüberge­hen­der Natur sein soll. Doch Colonel Jahn, ein alter Rivale, mit dem er noch Rech­nun­gen offen hat, lässt eine Zurück­hal­tung nicht zu – und er ist mit weitre­ichen­den Macht­befug­nis­sen aus­ges­tat­tet. Wer zu fliehen ver­sucht, wird erschossen. Sil­va ist besorgt über den bru­tal­en Umgang mit den Gefan­genen. Ein Last­wa­gen nach dem anderen kommt, der Hangar füllt sich. Die Lage dro­ht nun, aus der Kon­trolle zu ger­at­en – und Sil­va scheint es sich nicht leis­ten zu kön­nen, einzu­greifen. Unge­hor­sam kön­nte ihn das Leben kosten. Drama­tis­che Entschei­dun­gen muss er tre­f­fen, aber allem voran treibt ihn seine Angst um seine Ehe­frau um.

„Hangar Rojo” ist der Debüt-Spielfilm des Regis­seurs Juan Pablo Sal­la­to. Der Pres­se­text stellt fest, dass es sich um den ersten Thriller aus Lateinameri­ka han­dle, der inner­halb des Mil­itärs zur Zeit der Dik­taturen in den 1970er-Jahren spielt. Sal­la­to führte Regie bei dem Doku­men­tarfilm Ojos Rojos und bei den Dokuse­rien Adic­tos al Clax­onLa Cul­tura del Sexo und Libre. Er ist Mit­be­grün­der von Vil­lano Pro­duc­ciones und pro­duzierte unter anderem die TV-Serien Zamu­dio und La Cac­ería. „Die Geschichte von Jorge Sil­va ist in Chile nicht weit ver­bre­it­et; sie kur­siert haupt­säch­lich in einem kleinen Kreis von Men­schen, die sich mit dieser Epoche befasst haben”, erzählt der Regis­seur in einem Inter­view. Und weit­er: „Was mich an der Geschichte faszinierte, war dieser Akt der Men­schlichkeit inmit­ten der Bar­barei. Die Gräueltat­en der lateinamerikanis­chen Dik­taturen sind zwar wei­thin bekan­nt, aber ich hielt es für wichtig, den Kon­flikt aus einem anderen Blick­winkel zu betra­cht­en.”

In der Tat gelingt Sal­la­to ein faszinieren­des wie bedrück­endes Debüt, das ins­beson­dere auch durch die schwarzweißen Bilder des Kam­era­manns Diego Pequeño eine Kraft und Tiefe erhält. Die Kam­era ist immer nahe dran. Und man bekommt das Gefühl, dass die Ereignisse sich beina­he in Echtzeit vor unseren Augen abwick­eln. Nicolás Zárate spielt die Haup­trol­le des Jorge Sil­va, seinen Gegen­spiel­er Jahn spielt Mar­cial Tagle nicht weniger inten­siv. Beein­druck­end.

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