
„Der Film entstand nicht aus einer einzelnen Idee, sondern aus Erfahrungen, die sich über mehrere Jahre angesammelt haben“, erzählt Regisseur Alain Gomis. „Ein entscheidender Moment war die Trauerzeremonie für meinen Vater in Guinea-Bissau. Diese Erfahrung war sehr stark, und ich hatte das Gefühl, daraus irgendwann etwas machen zu wollen – ohne zu wissen, in welcher Form. Ein oder zwei Jahre später war ich auf einer Hochzeit. Diese beiden Rituale wurden schließlich zum Ausgangspunkt des Films. Mit dem Schreiben begann ich 2018, nach meinem Film FÉLICITÉ. Während ich parallel an anderen Projekten arbeitete, entwickelte sich DAO langsam und schichtweise.“
DAO ist jener Film, bei dem ich mich am meisten geärgert habe, dass ich ihn nicht auf der diesjährigen Berlinale gesehen habe. Oder vielleicht auch nicht, denn es ist nicht der Film, den ich zwischen drei, vier anderen Filmen während des Festivals hätte sehen wollen. DAO braucht Luft, für DAO braucht man Zeit (185 Minuten dauert er immerhin), für DAO braucht man auch Ruhe, und die habe ich zumindest auf der Berlinale nicht.
Alain Gomis ist ein französisch-senegalesischer Filmregisseur, Jahrgang 1972, geboren ist er in Paris. Seinen ersten Spielfilm L’AFRANCE zeigte er 2001 in Locarno. Prompt wurde der Film mit dem Silbernen Leoparden ausgezeichnet. Im Jahr 2007 folgte sein zweiter Film, ANDALUCIA, eine französische Migrantenkomödie um einen Sohn algerischer Einwanderer auf der Suche nach seiner eigenen Identität. 2012 zeigte er AUJOURD’HUI im Berlinale-Wettbewerb: „Regisseur Alain Gomis kehrt ein Thema des senegalesischen Kinos um: Anders als in vielen Filmen, die sich mit Auswanderung und Neokolonialismus befassen, geht es hier um einen Mann, der aus Amerika in sein Heimatland zurückgekehrt ist. An seinem letzten Tag, an dem man ihn zu Beginn liebevoll begleitet und wie einen Heiligen behandelt, entdeckt er auch die Boshaftigkeit und die Gier seiner Mitmenschen“, hieß es damals im Berlinale-Festivaltext. Auch sein nächster Film, FÉLICITÉ, lief wieder auf der Berlinale, 2017, er erhielt den Großen Preis der Jury, den Étalon d’or beim FESPACO und vertrat den Senegal im Rennen um den Oscar® für den besten internationalen Film, wo er es auf die Vorauswahlliste schaffte. Im Jahr 2022 war dann sein erster abendfüllender – naja mit 65 Minuten fast abendfüllender – Dokumentarfilm zu sehen, dieses Mal im Forum der Berlinale, eine Doku über Thelonious Monk. „Das Material zeigt in erschreckender Weise, welchen Stereotypen Monk ausgesetzt ist und wie er versucht, sich ihnen zu entziehen.
Rewind & Play ist das Porträt eines Ausnahmekünstlers, der nur für seine Musik leben möchte, und mit einer lächerlichen und abstoßenden Reproduktionsanstalt für Klischees konfrontiert wird“, schrieb das Forum über den Film, der dann in Toronto beim Hot Docs Festival den Preis für den besten Dokumentar-Mittellangfilm erhielt.
„Es gab nur wenige Dialoge, die vorher festgeschrieben waren“, erzählt Alain Gomis über die Entstehung von DAO. „Die Proben dienten vor allem dazu, Beziehungen zwischen den Figuren zu entwickeln. Es ging darum, ein System zu schaffen, in dem der Film gemeinsam bereichert wird – fast so, als würde man ihn zusammen schreiben. Während des Drehs trugen die Kamerafrau Céline Bozon und ich Kopfhörer und kommunizierten ständig miteinander. Wir haben uns stark auf das konzentriert, was im Moment passiert. Manche Einstellungen dauerten bis zu dreißig Minuten. Am Ende ging der Dreh sogar über den Film hinaus. Menschen interagierten weiter, auch außerhalb des Kamerabereichs. Irgendwann wurde die Hochzeit zu einer „echten“ Hochzeit und die Trauerzeremonie zu einer ‚echten‘ Trauerzeremonie.“
Frankreich, ein Filmcasting. Migrantinnen, women of Colour erzählen vor der Kamera von sich. Wie sie einst nach Frankreich kamen. Wo sie gelandet sind, was ihnen passiert ist. Sie sind gezeichnet von ihren Schicksalen, oder sie strahlen Lebensfreude aus, etc. Sie erzählen von ihren Kindern, von ihren Familien, ihren Männern. „Du wirst zu einem Krokodil, zu einem Drachen“, schildert eine ihre Gefühle. „Aber ich versuche diese Rüstung abzulegen.“ Dann begeben sich die Frauen in Zweierpaarungen, unterhalten sich miteinander, gleiten langsam in fiktionale Rollen hinüber. Sie unterhalten sich über das Heiraten, das Kinderbekommen, die Schicksale, die Gefühle. Man diskutiert, man streitet, man widerspricht sich.
Dann sind wir in Guinea-Bissau, überall sieht man die Landesfarben, Rot-Gelb-Grün. Zwei der Frauen werden in ein Dorf gefahren, es ist das Dorf aus dem einer der Frauen stammt, Gloria, auch ihre Tochter Nour ist dabei. „Willkommen im Dorf deiner Vorfahren“, werden sie empfangen. „Die lange Reise hat sich gelohnt“, meint eine der Frauen. Die erst zögerliche Begrüßung wandelt sich zu einem berührenden Fest der Umarmungen. Sie betreten das Haus des Großvaters, Glorias Vater, der verstorben ist. Die Abschiedsrituale sind geplant. An den Wänden hängen Fotos aller Verwandten.
Immer wieder wechselt der Blick zurück nach Frankreich, Szenen des Castings oder des Probens. Und je mehr das wechselt, umso weniger wissen wir, wieviel von der Handlung real, dokumentarisch ist, und wieviel gespielt und fiktional. Dann sind wir bei einer rauschenden Hochzeitsfeier in Paris, im Gegensatz zu Guinea-Bissau sind hier alle teuer gekleidet, es gibt ein Autokorso durch die Straßen. Immer wieder changiert die Handlung des Films zwischen Europa und Afrika, zwischen Tradition und Moderne, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Leben und Tod, zwischen Fiktion und Realität, zwischen Familie und kollektiver Erinnerung. Und eben ging es noch um Traditionen, um den Kolonialismus der Vergangenheit – wer war schlimmer, die Franzosen oder die Portugiesen? Da springen wir plötzlich zurück nach Paris, und wir hören dort vom heutigen Rassismus. Von der Unsichtbarkeit der People of Colour. Und dann schnappen wir den Smalltalk an der Hochzeitsfeier in Frankreich auf, ein entspanntes Fest unter freiem Himmel, im Sommer. Und allmählich schält sich heraus, dass es darum geht, was vom Familienleben bleibt, wenn die Familien über Kontinente und Länder hinweg geteilt, getrennt, ja auseinandergerissen werden. Wie wirkt sich das auf die Gespräche aus? Wie auf die Geschichten, die erzählt werden? Wie auf das Schweigen, das Verschweigen? Wer bleibt und warum? Wer geht und warum? Wie verändert die Migration die Menschen?
„Inspiriert von taoistischen Ideen steht der Titel DAO für einen fortwährenden, kreisenden Fluss des Lebens, der alles verbindet und das Gleichgewicht von Gegensätzen wie Geburt und Tod, Migration und Heimat, Fiktion und Realität verkörpert“, sagt der Pressetext. Von taoistischen Ideen habe ich in der Tat keinerlei Ahnung, aber der Idee des Flusses des Lebens kann ich folgen – und diese Gegensatzpaare, die in Alain Gomis‘ Film immer wieder spür- und erkennbar sind, machen den Film zu einem wundervoll tiefgründigen Werk. Diese Paare setzen sich in allem fort, was den Film ausmacht: professionelle und nicht-professionelle Schauspieler (auchFamilienmitglieder von Gomis sind dabei), Improvisation versus geplantes Drehen, Dokumentation und Spielfilm. Das ist „ein immersives Epos, das seine Philosophie erlebbar macht, statt sie zu erklären“, steht irgendwo, und das ist es in der Tat, in all seiner Vielfalt, in seiner Ausfaserung und manchmal auch in seiner fordernden Länge. DAO ist ein Rausch, ein philosophisches Werk, ein Generations- und und und -epos. Auch wenn ich gar nicht alles auf Anhieb verstehe, gar nicht alles verstehen muss: Das ist zutiefst beindruckend.
„Der Film ist als Raum kollektiven Ausdrucks gedacht“, sagt Alain Gomis. „Gemeinsam fragen wir uns, wie wir gesehen werden möchten. Die Fiktion erlaubt es, sich gegenseitig stärker zu befragen. Oft sind wir frustriert darüber, wie wir betrachtet werden. Auch aus diesem Wunsch heraus ist DAO entstanden. In diesem Sinne ist der Film sowohl eine Feier als auch ein Akt der Selbstbehauptung. Die Menschen im Film fordern nichts – sie sind einfach da, für sich selbst und für die Welt.“
Und so ist es bei allem konsequent, hier am Schluss eine der Hauptdarstellerinnen zu Wort kommen zu lassen, Katy Corréa: „Am Anfang wollte ich die Rolle nicht annehmen, weil ich keine Schauspielerin bin. Ich konnte mir sehr gut professionelle Schauspielerinnen in dieser Rolle vorstellen und fühlte mich selbst nicht legitim. Erst als ich verstand, wie persönlich dieses Projekt für Alain war – und wie sehr es mit seiner Familie und seinem Herkunftsdorf verbunden ist –, habe ich zugesagt. Ich habe begriffen, dass dieser Film auch eine Hommage an seinen Vater und an unsere gemeinsamen Traditionen ist.“