Berlinale-Wettbewerbsbeitrag DAO ab 4. Juni 2026 im Kino

„Der Film ent­stand nicht aus ein­er einzel­nen Idee, son­dern aus Erfahrun­gen, die sich über mehrere Jahre ange­sam­melt haben”, erzählt Regis­seur Alain Gomis. „Ein entschei­den­der Moment war die Trauerz­er­e­monie für meinen Vater in Guinea-Bis­sau. Diese Erfahrung war sehr stark, und ich hat­te das Gefühl, daraus irgend­wann etwas machen zu wollen – ohne zu wis­sen, in welch­er Form. Ein oder zwei Jahre später war ich auf ein­er Hochzeit. Diese bei­den Rit­uale wur­den schließlich zum Aus­gangspunkt des Films. Mit dem Schreiben begann ich 2018, nach meinem Film FÉLICITÉ. Während ich par­al­lel an anderen Pro­jek­ten arbeit­ete, entwick­elte sich DAO langsam und schichtweise.”

DAO ist jen­er Film, bei dem ich mich am meis­ten geärg­ert habe, dass ich ihn nicht auf der diesjähri­gen Berli­nale gese­hen habe. Oder vielle­icht auch nicht, denn es ist nicht der Film, den ich zwis­chen drei, vier anderen Fil­men während des Fes­ti­vals hätte sehen wollen. DAO braucht Luft, für DAO braucht man Zeit (185 Minuten dauert er immer­hin), für DAO braucht man auch Ruhe, und die habe ich zumin­d­est auf der Berli­nale nicht.

Alain Gomis ist ein franzö­sisch-sene­gale­sis­ch­er Film­regis­seur, Jahrgang 1972, geboren ist er in Paris. Seinen ersten Spielfilm L’AFRANCE zeigte er 2001 in Locarno. Prompt wurde der Film mit dem Sil­ber­nen Leop­ar­den aus­geze­ich­net. Im Jahr 2007 fol­gte sein zweit­er Film, ANDALUCIA, eine franzö­sis­che Migrantenkomödie um einen Sohn algerisch­er Ein­wan­der­er auf der Suche nach sein­er eige­nen Iden­tität. 2012 zeigte er AUJOURD’HUI im Berli­nale-Wet­tbe­werb: „Regis­seur Alain Gomis kehrt ein The­ma des sene­gale­sis­chen Kinos um: Anders als in vie­len Fil­men, die sich mit Auswan­derung und Neokolo­nial­is­mus befassen, geht es hier um einen Mann, der aus Ameri­ka in sein Heimat­land zurück­gekehrt ist. An seinem let­zten Tag, an dem man ihn zu Beginn liebevoll begleit­et und wie einen Heili­gen behan­delt, ent­deckt er auch die Boshaftigkeit und die Gier sein­er Mit­men­schen”, hieß es damals im Berli­nale-Fes­ti­val­text. Auch sein näch­ster Film, FÉLICITÉ, lief wieder auf der Berli­nale, 2017, er erhielt den Großen Preis der Jury, den Étalon d’or beim FESPACO und ver­trat den Sene­gal im Ren­nen um den Oscar® für den besten inter­na­tionalen Film, wo er es auf die Vorauswahlliste schaffte. Im Jahr 2022 war dann sein erster abend­fül­len­der – naja mit 65 Minuten fast abend­fül­len­der – Doku­men­tarfilm zu sehen, dieses Mal im Forum der Berli­nale, eine Doku über Thelo­nious Monk. „Das Mate­r­i­al zeigt in erschreck­ender Weise, welchen Stereo­typen Monk aus­ge­set­zt ist und wie er ver­sucht, sich ihnen zu entziehen.
Rewind & Play ist das Porträt eines Aus­nah­mekün­stlers, der nur für seine Musik leben möchte, und mit ein­er lächer­lichen und abstoßen­den Repro­duk­tion­sanstalt für Klis­chees kon­fron­tiert wird”, schrieb das Forum über den Film, der dann in Toron­to beim Hot Docs Fes­ti­val den Preis für den besten Doku­men­tar-Mit­tel­lang­film erhielt.

„Es gab nur wenige Dialoge, die vorher fest­geschrieben waren”, erzählt Alain Gomis über die Entste­hung von DAO. „Die Proben dien­ten vor allem dazu, Beziehun­gen zwis­chen den Fig­uren zu entwick­eln. Es ging darum, ein Sys­tem zu schaf­fen, in dem der Film gemein­sam bere­ichert wird – fast so, als würde man ihn zusam­men schreiben. Während des Drehs tru­gen die Kam­er­afrau Céline Bozon und ich Kopfhör­er und kom­mu­nizierten ständig miteinan­der. Wir haben uns stark auf das konzen­tri­ert, was im Moment passiert. Manche Ein­stel­lun­gen dauerten bis zu dreißig Minuten. Am Ende ging der Dreh sog­ar über den Film hin­aus. Men­schen inter­agierten weit­er, auch außer­halb des Kam­er­abere­ichs. Irgend­wann wurde die Hochzeit zu ein­er „echt­en“ Hochzeit und die Trauerz­er­e­monie zu ein­er ‚echt­en’ Trauerz­er­e­monie.”

Frankre­ich, ein Film­cast­ing. Migran­tinnen, women of Colour erzählen vor der Kam­era von sich. Wie sie einst nach Frankre­ich kamen. Wo sie gelandet sind, was ihnen passiert ist. Sie sind geze­ich­net von ihren Schick­salen, oder sie strahlen Lebens­freude aus, etc. Sie erzählen von ihren Kindern, von ihren Fam­i­lien, ihren Män­nern. „Du wirst zu einem Krokodil, zu einem Drachen”, schildert eine ihre Gefüh­le. „Aber ich ver­suche diese Rüs­tung abzule­gen.” Dann begeben sich die Frauen in Zweier­paarun­gen, unter­hal­ten sich miteinan­der, gleit­en langsam in fik­tionale Rollen hinüber. Sie unter­hal­ten sich über das Heirat­en, das Kinder­bekom­men, die Schick­sale, die Gefüh­le. Man disku­tiert, man stre­it­et, man wider­spricht sich.

Dann sind wir in Guinea-Bis­sau, über­all sieht man die Lan­des­far­ben, Rot-Gelb-Grün. Zwei der Frauen wer­den in ein Dorf gefahren, es ist das Dorf aus dem ein­er der Frauen stammt, Glo­ria, auch ihre Tochter Nour ist dabei. „Willkom­men im Dorf dein­er Vor­fahren”, wer­den sie emp­fan­gen. „Die lange Reise hat sich gelohnt”, meint eine der Frauen. Die erst zöger­liche Begrüßung wan­delt sich zu einem berühren­den Fest der Umar­mungen. Sie betreten das Haus des Groß­vaters, Glo­rias Vater, der ver­stor­ben ist. Die Abschied­srituale sind geplant. An den Wän­den hän­gen Fotos aller Ver­wandten.

Immer wieder wech­selt der Blick zurück nach Frankre­ich, Szenen des Cast­ings oder des Probens. Und je mehr das wech­selt, umso weniger wis­sen wir, wieviel von der Hand­lung real, doku­men­tarisch ist, und wieviel gespielt und fik­tion­al. Dann sind wir bei ein­er rauschen­den Hochzeits­feier in Paris, im Gegen­satz zu Guinea-Bis­sau sind hier alle teuer gek­lei­det, es gibt ein Autoko­r­so durch die Straßen. Immer wieder chang­iert die Hand­lung des Films zwis­chen Europa und Afri­ka, zwis­chen Tra­di­tion und Mod­erne, zwis­chen Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart, zwis­chen Leben und Tod, zwis­chen Fik­tion und Real­ität, zwis­chen Fam­i­lie und kollek­tiv­er Erin­nerung. Und eben ging es noch um Tra­di­tio­nen, um den Kolo­nial­is­mus der Ver­gan­gen­heit – wer war schlim­mer, die Fran­zosen oder die Por­tugiesen? Da sprin­gen wir plöt­zlich zurück nach Paris, und wir hören dort vom heuti­gen Ras­sis­mus. Von der Unsicht­barkeit der Peo­ple of Colour. Und dann schnap­pen wir den Smalltalk an der Hochzeits­feier in Frankre­ich auf, ein entspan­ntes Fest unter freiem Him­mel, im Som­mer. Und allmäh­lich schält sich her­aus, dass es darum geht, was vom Fam­i­lien­leben bleibt, wenn die Fam­i­lien über Kon­ti­nente und Län­der hin­weg geteilt, getren­nt, ja auseinan­derg­eris­sen wer­den. Wie wirkt sich das auf die Gespräche aus? Wie auf die Geschicht­en, die erzählt wer­den? Wie auf das Schweigen, das Ver­schweigen? Wer bleibt und warum? Wer geht und warum? Wie verän­dert die Migra­tion die Men­schen?

„Inspiri­ert von taois­tis­chen Ideen ste­ht der Titel DAO für einen fortwähren­den, kreisenden Fluss des Lebens, der alles verbindet und das Gle­ichgewicht von Gegen­sätzen wie Geburt und Tod, Migra­tion und Heimat, Fik­tion und Real­ität verkör­pert”, sagt der Pres­se­text. Von taois­tis­chen Ideen habe ich in der Tat kein­er­lei Ahnung, aber der Idee des Flusses des Lebens kann ich fol­gen – und diese Gegen­satz­paare, die in Alain Gomis’ Film immer wieder spür- und erkennbar sind, machen den Film zu einem wun­der­voll tief­gründi­gen Werk. Diese Paare set­zen sich in allem fort, was den Film aus­macht: pro­fes­sionelle und nicht-pro­fes­sionelle Schaus­piel­er (auch­Fam­i­lien­mit­glieder von Gomis sind dabei), Impro­vi­sa­tion ver­sus geplantes Drehen, Doku­men­ta­tion und Spielfilm. Das ist „ein immer­sives Epos, das seine Philoso­phie erleb­bar macht, statt sie zu erk­lären”, ste­ht irgend­wo, und das ist es in der Tat, in all sein­er Vielfalt, in sein­er Aus­faserung und manch­mal auch in sein­er fordern­den Länge. DAO ist ein Rausch, ein philosophis­ches Werk, ein Gen­er­a­tions- und und und ‑epos. Auch wenn ich gar nicht alles auf Anhieb ver­ste­he, gar nicht alles ver­ste­hen muss: Das ist zutief­st bein­druck­end.

„Der Film ist als Raum kollek­tiv­en Aus­drucks gedacht”, sagt Alain Gomis. „Gemein­sam fra­gen wir uns, wie wir gese­hen wer­den möcht­en. Die Fik­tion erlaubt es, sich gegen­seit­ig stärk­er zu befra­gen. Oft sind wir frus­tri­ert darüber, wie wir betra­chtet wer­den. Auch aus diesem Wun­sch her­aus ist DAO ent­standen. In diesem Sinne ist der Film sowohl eine Feier als auch ein Akt der Selb­st­be­haup­tung. Die Men­schen im Film fordern nichts – sie sind ein­fach da, für sich selb­st und für die Welt.”

Und so ist es bei allem kon­se­quent, hier am Schluss eine der Haupt­darstel­lerin­nen zu Wort kom­men zu lassen, Katy Cor­réa: „Am Anfang wollte ich die Rolle nicht annehmen, weil ich keine Schaus­pielerin bin. Ich kon­nte mir sehr gut pro­fes­sionelle Schaus­pielerin­nen in dieser Rolle vorstellen und fühlte mich selb­st nicht legit­im. Erst als ich ver­stand, wie per­sön­lich dieses Pro­jekt für Alain war – und wie sehr es mit sein­er Fam­i­lie und seinem Herkun­fts­dorf ver­bun­den ist –, habe ich zuge­sagt. Ich habe begrif­f­en, dass dieser Film auch eine Hom­mage an seinen Vater und an unsere gemein­samen Tra­di­tio­nen ist.”

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