
An Tom Kummer kann ich mich noch ganz gut erinnern. Daran, dass er um die Jahrtausendwende Interviews mit Hollywoodstars gefälscht hat. Kummer schrieb damals für „Tempo“, eines jener legendären Magazine aus der Hoch-Zeit des Magazinjournalismus. Und er schrieb für das SZ-Magazin. „Frei erfunden“, „nie geführt“, schrieb der FOCUS damals, als er den Skandal aufdeckte. Interviews mit Sharon Stone, Kim Basinger, Brad Pitt, Courtney Love entstammten dem Reich der Phantasie. „Offensichtlich beendete Chefredakteur Ulf Poschardt, 33, zwar die Zusammenarbeit mit Kummer“, schrieb der Focus, „vermied es aber, seine Leser über die fragwürdige Wahrheit von dessen Promi-Prosa in Kenntnis zu setzen. Was doppelt peinlich gewesen wäre, denn Poschardt hatte seinem Starautor im Juli 1997 ein geradezu hymnisches Vorwort für dessen in Buchform weiterverwertete Interview-Sammlung (‚Gibt es etwas Stärkeres als Verführung, Miss Stone?‘) gegönnt: Die ‚harte Arbeit‘ beginne ‚mit der gewissenhaften Anhäufung von Wissen, steigert sich zu höchster Konzentration während des Interviews und endet schließlich mit dem stilistischen Feilen beim Abschreiben der Bänder‘.“ Dass der Focus das aufgedeckt hatte, habe ich in der Tat vergessen – und welche Rolle Poschardt spielte auch.
Natürlich kann ich mich noch viel mehr an die Geschichte um Claas Relotius und seien gefaketen Reportagen für den SPIEGEL und andere erinnern, aber auch das ist schon erstaunliche acht Jahre her, ausgerechnet schon in jenen Zeiten, als Donald Trump begann, den Begriff „Fake News“ als politisches Kampfmittel gegen bestimmte Medien einzusetzen.
Aber am besten kann ich mich immer noch an die von Konrad Kujau gefälschten Hitler-Tagebücher erinnern, obwohl ich damals, als der Stern auf sie hereinfiel, gerade einmal 12 Jahre alt war. Für immer im popkulturellen Gedächtnis wird der Skandal natürlich durch Helmut Dietls grandiosen Film „Schtonk!“ bleiben, einer der legendärsten Filme der jüngeren deutschen Filmgeschichte.
Warum mir aber der Skandal um den TV-Fälscher Michael Born aus den Neunziger Jahren so wenig im Gedächtnis haften geblieben ist, kann ich mir gar nicht so recht erklären. War es, weil ich mich in den Neunzigern praktisch gar nicht mit Fernsehen beschäftigt habe? Die schöne kleine Fernsehwelt meiner Jugend mit Timm Thaler und Ein Colt für alle Fälle lag in tiefer Vergangenheit, dem Privatfernsehen hatte ich mich noch verweigert – eigentlich ja bis heute – und überhaupt habe ich mich zu Zeiten meines Studiums ja dann doch eher mit Literatur – und später dann mit Film beschäftigt. SAT.1, RTL & Co gehörten nicht zu dem, womit ich mich beschäftigte.
Umso dankbarer muss ich also nun den beiden Dokumentarfilmemachern Erec Brehmer und Benjamin Rost sein, dass sie die sagenumwobene Skandalgeschichte um Michael Born wieder aus dem Schleier der Vergangenheit gerissen haben. Ein kleines Wunder eigentlich, dass diese Geschichte so lange aus meinen Erinnerungen gelöscht war, wo doch eigentlich alles um mediale Fakes in den letzten Jahren von großer öffentlicher Bedeutung war.

„Der Film blickt zurück, um zu zeigen, wie gegenwärtig er geworden ist“, schreibt das Presseheft zum Film. „Was damals wie ein spektakulärer Einzelfall wirkte, erscheint heute als frühe Vorform eines Problems, das längst unseren Alltag bestimmt: Bilder überzeugen oft schneller als ihre Prüfung. Sichtbarkeit ersetzt Glaubwürdigkeit. Dramaturgie wirkt stärker als Herkunft. Und die Frage ist nicht nur, was gefälscht ist, sondern warum etwas überhaupt geglaubt werden will. Michael Born ist in diesem Film deshalb nicht nur der Fernsehfälscher von damals. Er wird zur Schlüsselfigur einer größeren Geschichte: über Medien und Verführung, über den Hunger nach Evidenz, über ein System, das starke Bilder wollte und zu selten fragte, wie sie entstanden sind. In einer Gegenwart, in der über KI, Deepfakes und den Verlust von Gewissheit verhandelt wird, bekommt dieser Fall eine neue Schärfe. Born to Fake ist kein nostalgischer Rückblick auf einen TV-Skandal. Es ist ein Film über die Gegenwart der Bilder.“
„Nach der mittleren Reife tingelte er mit einem Freund als Musikantenduo ‚Flop‘ durch seine Heimatstadt Lahnstein, besuchte später in Hamburg die Fachoberschule für Nautik und arbeitete zeitweise als dritter Offizier auf einer Ostseefähre“, hieß es in dem 1997 bei Kiepenheuer und Witsch erschienenen Buch „Michael Born: Wer einmal fälscht… Die Geschichte eines Fernsehjournalisten“. Und weiter: „1982 heiratete er, übernahm die Zoohandlung seiner Mutter, machte hohe Schulden und ging bankrott. Kurz darauf zerbrach auch seine Ehe. Nach diesem Fiasko entschloss sich Born, die Welt künftig ‚als Journalist zu beschreiben‘. Der Moment war günstig. Mit dem Aufstieg der Privatsender entstand Mitte der 1980er Jahre ein Fernsehen, das dringend Stoffe, Bilder und Sensationen brauchte. Born gründete seine Firma Trans-World-Pictures / Reportagen, TV-Produktionen, Risikoeinsätze — ein Name, der bereits sein Selbstbild verriet. In den folgenden Jahren berichtete er aus Angola, Eritrea, dem Jemen, Irak, Somalia, Afghanistan, Ex-Jugoslawien und immer wieder aus dem Libanon. Er inszenierte sich als Krisenreporter, Abenteurer und Nahostkenner — als einer, der dahin ging, wo andere nicht hinkamen.
Und so nahm der Skandal seinen Lauf, aber beginnen wir hier mit der Geschichte, wie sie der Film erzählt.
Wegen Betrugs in 17 Fällen, Verstoß gegen das Tierschutzgesetz, Sachbeschädigung, die Vortäuschung von Straftaten usw. wurde Michael Born zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Stern TV, Spiegel TV und andere waren die wichtigsten Abnehmer. „Ich hoffe dass ich das Gericht davon überzeugen konnte, dass Michael Born uns und die Zuschauer betrogen hat“, sagt Günther Jauch damals in einem Interview, Zweifel an der Echtheit der Beiträge, die Michael Born dem Format angeboten hatte, habe er nie gehabt. Immerhin warf das Gericht, so wird es in einem TV-Beitrag erzählt, dem Format „mangelnde Sorgfaltspflicht“ vor. Born selber meinte, dass man seine Fälschungen mühelos hätte erkennen können. Und dazu sieht man Ku Klux Klan-Bilder und diverse andere Ausschnitte aus den von Born gefälschten Beiträgen.
„Aber was ist Wahrheit? Gibt es die überhaupt?“
„Wenn mich jemand fragen würde, wer Michael Born war, würde ich sagen, ein ganz ein lieber Mensch“, erzählt ein Freund von ihm, Roland Berger, „Pazifist, Anarcho, er konnte hervorragend kochen.“ Hyperintelligent sei er gewesen. 1998 hatten sich die beiden kennengelernt, lange nach dem Skandal. Sympathisch seien sie sich gleich gewesen. Und prompt stellte er Born ein. Kreativ sei er nun mal gewesen. Den Rest des Handwerks habe er nicht so recht beherrscht. Und immerhin entstand eine Freundschaft zwischen den beiden. Aber das Schwindeln habe immer dazugehört. Born habe das gebraucht, sagt Berger. Lügen sei das gar nicht wirklich gewesen, eher seine eigene Vorstellung von Wahrheit. Und was tagein tagaus sein Thema war, waren seine Fälschungen.
Zum Beispiel: Die Geschichte von der Drogenkröte. Deren Sekret so ähnlich wirke wie LSD, wenn man an der Haut der Kröte schleckt. Größter Bullshit, nicht so für Stern TV. Ein Geheimtipp sei die Krötendroge mittlerweile. Und dann kompilierte Born dazu manipulierte, gekürzte Interviews von Spezialisten, lässt angebliche Drogensüchtige beim Tierhandel anrufen und daraus wird ein scheinbar glaubhafter Beitrag über die Froschjunkies. Und als Drogensüchtiger dient der verpixelte Kameraassistent von Michael Born. Born ist quasi fassungslos, dass ihm dieser Bullshit abgekauft wurde. Hauptsächlich von Stern TV. Und die sollen auch noch gekauft haben, als Verdacht aufkam, dass nicht alles mit rechten Dingen zugeht.
Dann äußert sich Martin Lettmayer, ein ehemaliger Stern TV-Reporter. Er erzählt, wie er seinen Job geliebt hatte. Das Klima sei großartig gewesen. Eine paradiesische Landschaft sei das gewesen. Kriegsreporter war er, in Jugoslawien. Born sei damals in aller Munde gewesen. Und er wird Stern TV und Günther Jauch in Schutz nehmen.
Gabriele Schuster, Borns Schwester erzählt von der Geschichte, wie Born zum TV-Journalismus geriet. Es war die Zeit, als der Hoechst-Manager Rudolf Cordes in Beirut entführt und gefangen gehalten worden war. Born kaufte sich eine Kamera und fuhr mit einem libanesischen Freund nach Beirut. Cordes traf er nicht, aber er wurde kurzerhand zum Kriegsberichterstatter, in Beirut, Irak, Äthiopien. Bis jetzt war das alles noch echt. Und vor allem: Kaum ein anderer Journalist traute sich an die entsprechenden Orte. Und deshalb fand er auch Abnehmer. Und dann begegnen wir Claudia Bern, Borns Assistentin und Ex-Partnerin, die Fotos von Born mit Arafat hervorzaubert und Stories erzählt, wie das so mit Born war.
Und irgendwann kamen die Fakes in die Geschichte. In Bangladesh? Die Sender forderten krassere Bilder, meinte Born. Mit Leichen. RTL wollte mehr. Aufgedunsene Kinderleichen? Abmachungen wurden nicht eingehalten. „Die bauen sich eine fiktive Welt in den Fernsehanstalten“, sagt Born über die Fernsehsender, „und benutzen uns und unsere Bilder. Dann bauen wir ab jetzt ihre Welt.“ Und das war der Anfang der Fakebeiträge. Sie beschlossen, sagt Born, eine fiktive Welt zu bauen, wie sie nur in den Köpfen der Redakteure bestehe. Doch stimmt das? „Never ever“, sagt Martin Lettmayer. Er sei nie von irgendwelchen Redaktionen zu irgendwas gedrängt worden.
Und dann werden die Fälschungen immer dreister. Und der Film nimmt an erzählerischer Fahrt auf, wir sehen das den gefälschten Beiträgen zugrundeliegende Material, mit den geschauspielerten Szenen – im Vergleich zu den Beiträgen, wie sie dann im Fernsehen zu sehen waren. „Die Regeln des Anstands gelten auch für Fernsehreporter“, meint Martin Lettmayer.
Dann kommt Thomas Pritzl, der ehemalige Pressesprecher von Stern TV. Und das ist natürlich spannend, weil er die Geschichten aus der Perspektive der Redaktion erzählen kann…
„Denn der Fall Michael Born ist mehr als ein TV-Skandal in den 1990ern“, schreibt das Presseheft. „Er erzählt von einem Mann, der früh verstand, was ein Medium sehen wollte, und von einem System, das Sensation, Zuspitzung und Bilder oft lieber hatte als Wahrheit. Damit wird Born to Fake auch zu einem Film über unsere Gegenwart: über die Manipulierbarkeit von Bildern, über den schwindenden Grenzverlauf zwischen Inszenierung und Realität – und über die neue Brisanz dieser Fragen im Zeitalter von KI.“
Erec Brehmer und Benjamin Rost erzählen eine faszinierende Geschichte und sie ist umso faszinierender, weil ich mir nicht so richtig gut erklären kann, wie wir, die wir damals alt genug waren, das eigentlich vergessen konnten. Es ist zutiefst beeindruckend, Michael Born dabei zuzusehen, wie er das Material inszeniert, gefälscht, kompiliert, gefaked hat – und dann im Kontrast dazu den fertigen Beitrag, samt Erzählerstimme (oft in authentisch wirkender 1. Person erzählt) – und samt Einordnung des Geschehens durch Günther Jauch. Die Entstehungsgeschichte des Ku Klux Klan-Beitrags ist geradezu atemberaubend, verblüffend und skurril. Aber dann fallen Ungereimtheiten auf. Der Skandal nimmt seinen Lauf – und bis heute wird darüber diskutiert: Welche Rolle nahm Stern TV ein? Waren die Redakteure Opfer oder Täter?
Mir scheint, dass die beiden Filmemacher auch stilistisch durchgehend versuchen, möglichst weit vom Duktus, vom Stil einer Stern TV-Reportage entfernt zu sein. Der Film kommentiert nicht mittels Off-Stimme, er ordnet nicht ein, seine Position entsteht aus der Bilderauswahl, aus der Selektion der Interviewausschnitte usw. – bisweilen wird aber das Prinzip der Verfälschung, zu dem Born einst griff, beinahe satirisch überhöht aufgegriffen, in dem die zu Interviewenden gebeten werden, durchs Bild zu laufen oder dies oder jenes zu tun – was dann im Film auch gezeigt wird. Was der Film damit nahelegt, ist ja, dass die Grenze zwischen Fiktion und Dokument fließend ist. Jene Zwischenbilder, xy nimmt einen Ordern aus dem Regal, xy geht von links nach rechts durchs Bild, haben ja eine lange dokumentarische Tradition, auch bei den allerfrühesten Dokumentationen kurz nach Erfindung des Films, gab es das ja schon: Der Eskimo angelt ausgerechnet da, wo schon die Kamera parat steht. Und natürlich ist es ja im Prinzip so, dass das Weglassen eines Off-Kommentars im Dokumentarfilm, was derzeit in manchen Bereichen dieses Genres immer häufiger vorkommt (zumindest scheint mir das so, ohne dass ich das statistisch analysieren mag), Objektivität nahelegt: Der Zuschauer darf das, was er in einem Dokumentarfilm sieht, selbst bewerten, selbst einordnen. Das ist ja aber eine Schein-Objektivität, denn dennoch steuert der Regisseur ja – fast – alles, was es im Film zu sehen gibt: Wo wird die Kamera hingerichtet? Was wird außerhalb des Bildes weggelassen? Wer wird interviewt und befragt? Welche Kommentare schaffen es in den Film, welche werden herausgeschnitten? Das Weglassen des Off-Kommentars verhindert nicht die Subjektivität des Gezeigten und sie verhindert auch nicht die Verfremdung oder gar Verfälschung des Dokumentarischen. Mir fehlt das sogar ganz oft mittlerweile. Wenn ich einige Filme zum Beispiel von Festivals wie DOK Leipzig oder so hintereinanderweg sehe, dann wünsche ich mir geradezu, öfters wieder Off-Kommentare hören zu dürfen, die den Film einordnen, die Äußerungen Protagonist*innen bewerten und so weiter. Eigentlich ist das viel ehrlicher, weil der Off-Kommentar noch viel mehr auf die Entstehungsumstände der Bilder eingehen kann.
Wie auch immer: Erec Brehmer und Benjamin Rost spielen ja auch ein bisschen mit dem Verhältnis des Dokumentarfilmemachers zum Medium, zur Wahrheit, zum Dokument – und das macht „Born to Fake“ zu einem großartigen, spannenden Dokumentarfilm, der in der Vergangenheit des Verfälschens gräbt und das kommentiert – aber auch eine gewisse Sympathie mit der Person Michael Born nicht verhehlen kann – und das finde ich darf ein Dokumentarfilm auch machen. Mir spielt in dem Film ansonsten diese Theaterinszenierung um ein Born-Stück eine etwas zu große Rolle, das hätte ich nicht gebraucht. Dass wir am Schluss – Achtung Spoiler – einen KI-animierten Michael Born aus heutiger Sicht zu sehen bekommen, ist eine geradezu raffinierte Wendung und ein Kommentar, dazu, in welcher Fake-Situation wir uns im fortgeschrittenen 21. Jahrhundert befinden. Und wir sind erst am Anfang dieser Situation, wir lernen erst – oder besser gesagt, wird versuchen gerade erst, uns eine Position zu KI-Bildern zu finden. Und ich glaube in baldiger Zukunft werden wir milde Lächeln über dieses Fake-Kapitel aus dem ausgehenden 20. Jahrhundert.