Die kleinen Fiesheiten: Rosanne Pels zweiter Spielfilm DONKEY DAYS in der Queerfilmnacht und ab 25. Juni 2026 im Kino

Geschla­gene acht Jahre sind seit Rosanne Pels Debüt­film LIGHT AS FEATHERS ver­gan­gen. Das Dra­ma über einen 15-jähri­gen pol­nis­chen Jun­gen in ein­er Welt voller Gewalt und ohne Per­spek­tive schaffte es damals nicht bis in die deutschen Kinos, immer­hin kann man ihn auf „Soon­er” nach­holen. Pel studierte einst an der Utrecht School of Arts, 2011 schloss sie in den Fäch­ern Regie und Drehbuch ab. Im Jahr 2015 machte sie ihren Mas­ter an der Nether­lands Film Acad­e­my. LIGHT AS FEATHERS lief in Toron­to und anschließend bei diversen weit­eren Fes­ti­vals, wo seine raue Machart, sowohl tech­nisch, als auch erzäh­lerisch, auffiel und der Film mit diversen Preisen aus­geze­ich­net wurde. DONKEY DAYS erlebte nun in Locarno seine Welt­premiere.

„Am Anfang haben meine Pro­duzentin Floor Onrust und ich viel über Frauen und ihre Beziehung zu ihren Kör­pern gesprochen”, erzählt die Filmemacherin über die Entste­hung des Films. „Ich denke, viele Frauen hat­ten min­destens eine Phase in ihrem Leben, in der das ein wichtiges The­ma war und in einem direk­ten Zusam­men­hang mit dem The­ma Ernährung stand: essen oder nicht essen. Das hängt natür­lich mit ein­er umfassenderen Vorstel­lung von dem zusam­men, wie eine Frau sein sollte, an welche Stan­dards sie sich hal­ten sollte. Ich glaube, viele Frauen lei­den schon von klein auf psy­chisch darunter. Mein­er Mei­n­ung nach sollte man das nicht auf die leichte Schul­ter nehmen, son­dern als Symp­tom eines prob­lema­tis­chen sozialen Kon­struk­ts betra­cht­en. Den­noch emp­fand ich das selb­st auch als eine Art Fas­sade und wollte etwas schaf­fen, das darüber hin­aus­ge­ht. Das brachte mich zu ein­er Geschichte über ein Kon­troll­sys­tem, in dem Frauen sich gegen­seit­ig gefan­gen hal­ten … und dann wurde daraus eine schwarze Komödie.”

Anna und Char­lotte sind Schwest­ern, wie sie gegen­sät­zlich­er kaum sein kön­nten. Anna ist les­bisch, trägt eine auf­fäl­lig runde Brille, lebt mit ihrer Lebens­ge­fährtin Noé zusam­men und ist unangepasst. Char­lotte ist die attrak­ti­vere von bei­den und die möglicher­weise erfol­gre­ichere. Die schon recht alte Mut­ter Ines geht seit Jahren ein­mal pro Jahr mit den bei­den in den Urlaub, damit Noé das auch weiß, denn sie ist da nicht einge­plant. Mal ist Ines auf Annas Seite, mal auf Char­lottes, aber die jew­eils andere bekommt es in jedem Fall zu spüren. Und dies­mal ist es auch gle­ich so anstren­gend, dass der angepeilte Dreierurlaub in Frankre­ich kurz­er­hand platzt. Dies­mal war’s irgend­wie das Essen, das das Prob­lem war. Doch Ines meint, sie fand den Urlaub gut.

Zur etwas über­raschen­den Aussprache kom­men dann die drei dann doch wieder im Haus auf dem Lande, in dem Anna und Char­lotte ihre Kind­heit ver­bracht haben, zusam­men. Was ist das denn jet­zt hier für ne Num­mer, fragt Anna weit­ge­hend rhetorisch. Erst mal ein paar Cock­tails. Aber die Stim­mung will nicht bess­er wer­den. Anna will sich lieber ver­drück­en, aber sie hat ja keinen Führerschein.

Aber auch zurück in der Stadt mit Noé läuft der All­t­ag schwierig. Gibt es Gründe für Eifer­sucht? „War’s das jet­zt für heute das Gespräch oder was?” keift Anna herum. Und als dann unter Fre­un­den ein­er eine drama­tis­che Geschichte aus der eige­nen Ver­gan­gen­heit erzählt, fällt Anna nichts anderes ein, als ihre doofe Essens-Urlaubs-Fam­i­liengeschichte zu erzählen. Wie pein­lich ist das. Rat­los hören ihre Fre­unde zu. Ein durchgängiges Desaster ist Annas Leben.

Doch schon bald tre­f­fen sie sich wieder in Mut­ters Haus, irgend­wie geht’s Ines nicht gut. Und jet­zt hat Anna an Char­lotte rumzunölen, nicht gut sehe sie aus, fahle Haut und so, wohl das Alter. Und dies­mal ist Char­lotte wirk­lich getrof­fen. Warum bist du so böse, fragt Char­lotte. „Ach quatsch, das ist doch nicht böse”, erwidert diese. Sie würde sich schließlich nur Sor­gen um ihre Schwest­er machen. Ganz schön giftig ihre Sticheleien. „Wir passen halt aufeinan­der auf in der Fam­i­lie”, sagt sie zynisch. Tox­isch?

Und am näch­sten Mor­gen? Ines ist plöt­zlich wieder das blühende Leben. Und verteilt nun ihre Liebe dann doch eher wieder an Anna. Aber dann tauchen son­der­bare Fra­gen auf. Warum über­weist die Mut­ter jeden Monat 100 Euro an eine ungarische Esels­farm? Für Eddi, erläutert Ines. Eddi, der Esel. Seit 10 Jahren zahlt sie für ihn. „Ich will pro Tag 3.50€ für diesen Esel geben!” stellt sie kat­e­gorisch fest. Das Gespräch eskaliert, „du dumme Gans” beschimpft Ines Char­lotte.

Und dann ist da noch das Prob­lem mit der Urne von Onkel Hen­ry… Und nun begin­nen sich die bei­den so gegen­sät­zlichen Schwest­ern dann doch wieder näher zu kom­men. Aber für den Rest des Films wer­den wir noch einige Wen­dun­gen ver­fol­gen kön­nen…

„Als Fam­i­lie set­zt man sich mit der Ver­gan­gen­heit auseinan­der, die manch­mal auch auf selt­same Weise in die Zukun­ft pro­jiziert wer­den kann”, erzählt die Regis­seurin. „Ich wollte eine Mut­ter­fig­ur schaf­fen, die schon fast eine Ikone ist und dadurch abstrakt bleibt. Ich glaube, die Schwest­ern set­zen sich nicht nur mit ihrer eige­nen Mut­ter auseinan­der, son­dern auch mit einem prob­lema­tis­chen Erbe, das durch ein soziales Kon­strukt ent­standen ist, das Frauen im Laufe der Zeit geprägt hat und ihnen vorgibt, wie sie zu sein haben und welchen Nor­men sie fol­gen sollen. Durch die Ein­führung ein­er jün­geren Ver­sion kon­nte ich diese Seite der Geschichte auf­greifen. Tat­säch­lich habe ich die drei Haupt­fig­uren so beze­ich­net, wie Frauen häu­fig kat­e­gorisiert wer­den oder sich selb­st kat­e­gorisieren: die Mut­ter (oder: die Alte), die Hüb­sche, die Dicke. Ich habe sie so beze­ich­net, um die mit diesen Beze­ich­nun­gen ver­bun­de­nen Erwartun­gen zu zer­schla­gen und die Fig­uren dann in ihrer Kom­plex­ität und ihren Wider­sprüchen aufzubauen.”

Eigentlich ist es ziem­lich her­rlich, wie grotesk und skur­ril sich die Geschichte des Films entwick­elt und Rosanne Pel beweist dabei eine Menge erzäh­lerischen Mut. Das ist schwarzhu­morig, über­raschend, absurd, manch­mal bewusst ver­wirrend. Bisweilen wirkt das ein kleines biss­chen wie eine Satire auf die drama­tisch-trock­e­nen Filme der Berlin­er Schule. Pel nutzt aber auch immer wieder die Bilder ihrer Kam­er­afrau Aafke Beernink um dem Film etwas im wahrsten Sinne des Wortes Schräges mitzugeben: Mal wird die Kam­era gekippt, mal wer­den die Bilder kalei­doskopar­tig gespiegelt, mal eine rot­ge­filterte Kun­st-Nackt-Per­for­mance abge­filmt, mal gibt es über­raschende, mutige Zwis­chen­schnitte.

Am span­nend­sten ist aber allem voran der Cast. Rosanne Pel erzählt: „In ein­er frühen Phase haben wir noch nach etablierten Schaus­pielerin­nen gesucht, die die Rolle der Anna spie­len kön­nten. Um ehrlich zu sein, waren die Optio­nen, die wir hat­ten und die wir über Agen­turen gefun­den haben, sehr begren­zt. Zusam­men mit Maris Eufin­ger haben wir deshalb mit einem Street Cast­ing begonnen und sind so auf Jil Kram­mer gestoßen. Seit meinem Debüt­film ‚Light as Feath­ers’ liebe ich es, mit Men­schen zu arbeit­en, die keine Schaus­piel­er­fahrung haben. Das erfordert eine inten­sive Vor­bere­itung und einen inten­siv­en Proben­prozess. Es ist kein ein­fach­er Weg zum Erfolg, aber wenn es funk­tion­iert, habe ich das Gefühl, dass ich dafür eine Per­son bekomme, die eine ganz bes­timmte Rolle möglicher­weise vol­lkom­men verkör­pert. Die Art und Weise, wie Jil Kram­mer Anna gespielt hat, hat dem Film eine enorme emo­tionale Wirkung und Glaub­würdigkeit ver­liehen. Indi­rekt bedeutete das auch, dass Schaus­pielerin Susanne Wolff das Gle­iche leis­ten musste. Ich finde, sie hat da wirk­lich etwas ganz Beson­deres geleis­tet, denn sie hat es vol­lkom­men glaub­haft gemacht, dass die bei­den Schwest­ern sind.”

Ich finde diese raf­finierte Castingidee geht wirk­lich auf. Pel gelingt es, die Beziehung der Schwest­ern immer wieder wech­seln zu lassen – und par­al­lel dazu gleit­et Ines immer mehr ins Son­der­bare. Toll ist auch, wie der Film immer wieder Dinge nur andeutet und die eine oder andere Lücke lässt, statt alles überzuerzählen. Und in der Mitte des Films begeg­nen wir plöt­zlich der jün­geren, lebens­fro­hen Vari­ante der Mut­ter – und einem kom­plett sur­realen Wei­h­nachts­fest… Dazu noch ein­mal die Regis­seurin: „Als Fam­i­lie set­zt man sich mit der Ver­gan­gen­heit auseinan­der, die manch­mal auch auf selt­same Weise in die Zukun­ft pro­jiziert wer­den kann. Ich wollte eine Mut­ter­fig­ur schaf­fen, die schon fast eine Ikone ist und dadurch abstrakt bleibt. Ich glaube, die Schwest­ern set­zen sich nicht nur mit ihrer eige­nen Mut­ter auseinan­der, son­dern auch mit einem prob­lema­tis­chen Erbe, das durch ein soziales Kon­strukt ent­standen ist, das Frauen im Laufe der Zeit geprägt hat und ihnen vorgibt, wie sie zu sein haben und welchen Nor­men sie fol­gen sollen. Durch die Ein­führung ein­er jün­geren Ver­sion kon­nte ich diese Seite der Geschichte auf­greifen. Tat­säch­lich habe ich die drei Haupt­fig­uren so beze­ich­net, wie Frauen häu­fig kat­e­gorisiert wer­den oder sich selb­st kat­e­gorisieren: die Mut­ter (oder: die Alte), die Hüb­sche, die Dicke. Ich habe sie so beze­ich­net, um die mit diesen Beze­ich­nun­gen ver­bun­de­nen Erwartun­gen zu zer­schla­gen und die Fig­uren dann in ihrer Kom­plex­ität und ihren Wider­sprüchen aufzubauen.”

Ich mag diese ver­rät­selte Erzählweise sehr und lasse mich gerne von dem Film in die Irre führen. Das ist erfrischend und über­raschend. Wun­der­bar. Und in den allerbesten Phasen des Films fühlte ich mich auch ein kleines biss­chen an Luis Buñuel erin­nert. Bleibt eine Frage: Warum die Esel? Dazu dann noch ein­mal die Regis­seurin: „Das ent­stand eigentlich aus ein­er kleinen Probeübung, die etwas außer Kon­trolle geri­et. Die Töchter soll­ten etwas über die Spendenge­wohn­heit­en ihrer Mut­ter erfahren. (…) Ich dachte auch: Sie wis­sen eigentlich gar nicht, wer sie wirk­lich ist. So lustig es auch erscheinen mag, kön­nte es auch als tragis­ches Sym­bol für ihre Beziehung gese­hen wer­den. Das Gemälde hat es auch in den Film geschafft.”

Salzge­ber bringt diesen wun­der­vollen, kleinen, skur­rilen Film ab dem 25. Juni 2026 in die deutschen Kinos, zuvor schon Anfang/Mitte Juni in die Queer­film­nacht, hier die Ter­mine: https://www.queerfilmnacht.de/index.php?article_id=147

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