TIGER von Anshul Chauhan beim Nippon Connection Filmfestival in Frankfurt am Main

© Tiger Production Partners

„Vor zwei Jahren begann ich, Geschichten von meinen LGBTQ+-Freunden aus der japanischen Schauspielszene zu sammeln“, sagt Anshul Chauhan, der Regisseur von TIGER. „Am meisten berührten mich dabei die ganz spezifischen Herausforderungen schwuler Männer mittleren Alters – ihre Sorgen um Sichtbarkeit, Familie und das Älterwerden in einer Gesellschaft, in der gleichgeschlechtliche Ehen nach wie vor nicht anerkannt sind. Ich hatte schon immer den Wunsch, einen Film über diese verborgenen Schwierigkeiten zu drehen; doch irgendetwas fühlte sich noch unvollständig an – als sähe ich zwar Bruchstücke der Wahrheit, könnte aber das Gesamtbild noch nicht wirklich erfassen.“

Dass der aus Indien stammende Filmemacher Anshul Chauhan irgendwann in Japan landen sollte, ist ein größerer biografischer Umweg. Zunächst hatte er die Militärakademie besucht, dann studierte er in Vadodara, einer Millionen- und Industriestadt im westlichen Indien. Im Jahr 2006 begann er bei den Paprikaas Studios in Bangalore als Animator zu arbeiten, sprich er animierte für Animationsfilme fürs Fernsehen. Im Jahr 2008 kam er zum Team des Films Delhi Safari und wurde schließlich Teamleiter, wobei er die Produktion der BBC-Fernsehserie Everything’s Rosie beaufsichtigte. 2011 wechselte er zu Polygon Pictures und zog dafür nach Tokio. Er arbeitete an der Emmy-prämierten Serie Tron: Uprising (Disney XD) und an der Transformers-Fernsehserie, schließlich für andere bedeutende japanische Studios. Parallel trieb er seine Regiekarriere voran und gründete seine Produktionsfirma Kowatanda Films. Sein Regiedebüt gab er mit dem Spielfilm Bad Poetry Tokyo (2017), der ihm prompt den Grand Prix beim Brussels International Film Festival einbrachte. Sein zweiter Spielfilm, Kontora (2019), gewann in Tallinn und brachte ihm den prestigeträchtigen Obayashi Award ein. Im Jahr 2022 führte Anshul Regie bei December, einem Gerichtsdrama, das seine Premiere beim Busan International Film Festival (BIFF) erlebte und eine Nominierung für den Kim Ji-seok Award erhielt. Tiger ist nun sein vierter Spielfilm. Derzeit entwickelt er eine japanisch-taiwanesische Koproduktion, die auf Okinawa spielt, und er dreht eine Dokumentation über Stierkämpferinnen auf der Insel Ishigaki.

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Wir befinden uns im Tokio der Gegenwart. Taiga ist 35 Jahre alt, schwul und er befindet sich in einem Leben, das er sich so nicht erhofft oder erträumt hat. Ein bisschen Kohle verdient er mit gelegentlichen Jobs als freiberuflicher Masseur, dazwischen versucht er in der Pornobranche Fuß zu fassen. Die Tage und die Nächte verschwimmen ineinander, neben seinen beruflichen Bemühungen begibt er sich auch in Saunen und in Clubs auf die Suche nach flüchtigen Begegnungen – und mittels Dating-Apps. Er trifft sich mit Freunden Kollegen, man unterhält sich über alles aus dem schwulen Arbeits- und Freizeitalltag. „Shinjukus gays are waiting for me“, ruft sein Kumpel unternehmungslustig. Und von einer Einstellung zur nächsten wechselt es von Tag zu Nacht, man merkt es kaum, eigentlich ist es egal, ob Tag oder Nacht ist. Die Clubszenen flirren. Die Saunaszenen sind elegisch. Doch sein alltäglicher stream of consciousness findet einen jähen Unterbruch, als sich seine ältere Schwester Minami bei ihm meldet. Erst nimmt er ihre Anrufe nicht an, dann doch. Ihrem Vater ginge es schlechter. Darmkrebs. Sie käme nicht mehr alleine zurecht. An einem abgelegenen Ort am Stadtrand hat er noch ein Bewerbungsgespräch. Und das erinnert irgendwie an ein normales Gespräch mit der HR eines mittelständischen Unternehmens. Aber dann reist Taiga in die Heimat, obwohl die Geschäfte eigentlich gerade nicht sehr gut laufen und er auch noch ein paar Kunden absagen muss. Mit dem Shinkanzen fährt er in die Kleinstadt, aus der er stammt. Am meisten freut er sich auf die Tochter seiner Schwester. Eine schwere Operation steht an, erfahren die beiden Geschwister. Taiga wird schließlich am Krankenbett des Vaters damit konfrontiert, dass er den Familienbesitz aufteilen müsse. Insbesondere das Wohnhaus und die Zahnarztpraxis. Doch wie in vielen Familien sorgt das für innerfamiliäre Auseinandersetzungen. Minami meint, dass Taiga, schwul und kinderlos, doch gar keinen Anspruch auf einen gleichen Erbteil hätte. Von seiner Homosexualität weiß aber der Vater noch nichts, das ist ein Geheimnis – und das verwendet Minami nun als Erpressungsmittel: Wenn er nicht nachgibt, outet sie ihn. Hin- und hergerissen zwischen Pflichtgefühl und Angst, baut Taiga eine enge Bindung zu Minamis junger Tochter Kaede auf und er füllt damit eine Leere, von der er gar nicht wusste, dass er sie hat. Dann trifft er auf eine alte Jugendliebe, die ihn im Park für den Vater von Kaede hält – er genießt diese Rolle heimlich. Aber Minami wird immer wütender. Als Taiga endlich eine Rolle für einen Pornofilm erhält, schlägt sie zu: Sie outet ihn ihrem Vater gegenüber, der bricht den Kontakt zu ihm ab. Taiga fühlt sich verraten und allein gelassen.

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„Im Gegensatz zu den meisten japanischen LGBTQ+-Erzählungen über jugendliche Romanzen legt TIGER die schonungslosen, unausgesprochenen Herausforderungen des queeren Erwachsenseins offen – die Einsamkeit, die Kompromisse und jenes grundlegende menschliche Bedürfnis nach Zugehörigkeit“, erzählt Anshul Chauhan. „Doch in diesem Film geht es nicht allein um Sexualität. Es geht um das Aufeinanderprallen von Kapitalismus und queerer Identität; er zeigt auf, wie Wirtschaftssysteme Unterdrückung verfestigen, wenn eine Regierung untätig bleibt. Dies sind Geschichten, die zu lange im Schatten verharrt sind: Warum das Risiko eines Coming-outs eingehen, wenn man dadurch mit 50 obdachlos werden könnte? Warum für Sichtbarkeit kämpfen, wenn Konzerne ihre Pride-Logos mit Regenbogenfarben ‚rainbow-washen‘, einen aber entlassen, weil man die Hand des Partners hält? TIGER rückt diese verborgenen Kämpfe ins Licht.“

Die Bildgestaltung von Vinod Vijayasankaran ist beeindruckend. Gleich in der schweigsamen Anfangsszene im Massagesalon ist die halbnackte Hauptfigur in zwei sich gegenüberliegenden Spiegeln vervielfältigt, tausendfach, eine Metaphorik, die einem viele Möglichkeiten der Interpretation überlässt. Die Bildvariationen sind unzählig. Nach der Eröffnungsszene trifft sich Taiga mit einem Freund und unterhält sich über die heutige Klienten, die Kamera fährt parallel zu den beiden mit, während sich die beiden über Schwanzgrößen etc. unterhalten. Schnitt. Wir fahren hinter den beiden her, als sie durch eine Unterführung laufen, Zentralperspektive.

Beim Wechsel in die Kleinstadt folgt auch ein kompletter Wechsel des Erzählstils, die Bilder sind ruhig, die Einstellungen lange, die Tonspur leise. Der Film erzählt eine beeindruckende, schonungslose Geschwistergeschichte, eine Geschichte über Familie und die Geheimnisse, die sich in solch einer Familie halten können. Irgendwie ist TIGER auch ein später queerer Coming-of-age-Film und ein Film über Wünsche, Lebensträume und über die Erkundung der eigenen Identität. Es ist auch ein beeindruckender Film über die Gegensätze zwischen Provinz und Metropole. In der Mitte hängt er mir dramaturgisch bisweilen etwas durch und er hätte auch eine Viertelstunde kürzer sein dürfen, aber insbesondere der Erzählstil und die narrativen Tempiwechsel haben mir sehr gefallen.

© Tiger Production Partners

https://db.nipponconnection.com/de/event/1988/tiger

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