TOKYO TAXI beim Nippon Connection Filmfestival

©2025 “TOKYO TAXI” Film Part­ners, Remake rights: cour­tesy of Pathé. Une HIRONDELLE PRODUCTIONS
Based on the film “UNE BELLE COURSE” writ­ten by Chris­t­ian Car­i­on and Cyril Gély direct­ed by Chris­t­ian Car­i­on © 2022 UNE HIRONDELLE PRODUCTIONS- PATHE FILMS ARTEMIS PRODUCTIONS TF1 FILMS PRODUCTION

Tax­i­fahrer ist ein stres­siger Job, um so mehr in ein­er der größten Städte der Welt, Tokio. So geht es auch Koji Usa­mi, der regelmäßig von schlauchen­den Nachtschicht­en zu Hause ins Bett fällt. Seine Frau küm­mert sich um Haushalt und Kind, näm­lich die Teenager­tochter, die, wie toll, eine Empfehlung für die Auf­nahme auf eine Musikhochschule bekom­men hat. Wie großar­tig! Was Koji nicht bedacht hat: Es han­delt sich um eine Pri­vatschule, die der Teenag­er besuchen will, und die ist teuer, alleine zum Beginn des Studi­ums sind 1 Mil­lion Yen fäl­lig! Na gut in Euro klingt das etwas weniger, 5.500€, aber trotz­dem, für die Fam­i­lie ist das eigentlich nicht zu stem­men. Aber nun hat er sich schon aus dem Fen­ster gelehnt, klar würde er die Kosten übernehmen, warf er der eupho­rischen Tochter ent­ge­gen, bevor er auch nur eine Ahnung hat­te, was das kostet. Aber in seinem Kopf läuft schon ein Film: Eigentlich ist das nicht zu bezahlen. Die Erspar­nisse sind seit der Pan­demie aufge­fressen. Omas altes haus in Nagano kön­nte man verkaufen, aber erst ein­mal prokras­tiniert Koji das Finanzprob­lem lieber weg.

Und dann kommt der Punkt im Drehbuch, wo man ahnt, dass es jet­zt einen Zufall benötigt, der das Ganze in die richtige Rich­tung bringt, auch wenn man das jet­zt noch gar nicht ahnt. Der Zufall beste­ht im Klin­geln von Kojis Handy und dem Anruf eines Arbeit­skol­le­gen, der krank zu Hause sitzt und den seit Tagen gebucht­en Fahrauf­trag ein­er älteren Dame, Takano Sumire, nicht durch­führen kann. Koji jam­mert, die Nachtschicht und so, aber naja, es ist eine Über­land­fahrt, und das Geld… Da muss er wohl in den sauren Apfel beißen. Also taucht er bei der old lady in pink auf, die erst ein­mal kom­plett gen­ervt ist, weil Koji gar nicht weiß, wohin die Fahrt geht. Nach Haya­ma in Kana­gawa, da wo die kaiser­liche Vil­la ste­ht, erk­lärt sie ihm ungeduldig. Das liegt so anderthalb Stun­den südlich von Tokio, man verzei­he mir meinen kurzen enzyk­lopädis­chen Ein­schub: Kle­in­stadt in der Präfek­tur Kana­gawa, 32.000 Ein­wohn­er, Erhol­ung­sort mit Yachthafen. Beschaulich liegt das Örtchen, dessen Inter­net­seite zeigt einen wun­der­schö­nen Sand­strand und einen Wald im Hin­ter­grund, ein paar Hotels am Strand, alles hüb­sch, gelobt wird zum Beispiel der “Mor­gen­markt”: “Dieser Mor­gen­markt wird gemein­sam von der Japanis­chen Land­wirtschaftsgenossen­schaft (JA), der Fis­chereigenossen­schaft und der Han­del­skam­mer ver­anstal­tet. Hier find­en Sie alle Spezial­itäten aus Haya­ma.”

Aber zurück ins Taxi. Gesprächig ist die Dame nun ein­mal, da kann sie dem Tax­i­fahrer auch gle­ich ein­mal einiges vom Altern erzählen. Müll raus­brin­gen und so sei mit­tler­weile beschw­er­lich, und so habe sie in Haya­ma einen Ort gefun­den, an dem sie gut ver­sorgt sei. Aber, und nun rückt sie mit einem entschei­den­den Detail her­aus: Die Fahrt dor­thin soll nicht direkt gehen, nein, erst ein­mal wolle sie noch ein vielle­icht let­ztes Mal einige bes­timmte Orte in Tokio auf­suchen. Na gut, dann wird das eben eine kleine Reise­führer­tour, das kann Koji nur recht sein, das bringt näm­lich mehr Geld. Es geht los mit der Koto­toi-Brücke über den Sum­i­da-Fluss. Keine aus­gemachte hüb­sche Sehenswürdigkeit, heute eher eine unschein­bare, hässliche Aller­welts­brücke. Aber: Es ist ein beson­der­er Ort, erzählt Sumire. Dort ist näm­lich ihr Vater gestor­ben. Kein Unfall, son­dern im Krieg, am 10. März 1945, als Tokio bom­bardiert und gebran­nt hat, da war sie fünf Jahre alt. Detail­liert schildert sie ihm ihre Erin­nerun­gen. Dann geht es weit­er in die Gegend, in der sie aufwuchs, gemein­sam mit ihrer Mut­ter, die ein Café betrieb. Einst war es eine boomende Gegend, mit lauter Kinos und engen Gäss­chen. Und dann erzählt sie von ihrer ersten Liebe, zu einem kore­anis­chstäm­mi­gen Fab­rikar­beit­er. Sie schwärmt von ihm. Es war eine große Liebe, doch eines Tages ging er zurück, um dabei zu helfen, Nord­ko­rea aufzubauen. Sie sah ihn nie wieder, hin­ter­ließ ihr aber ein “Geschenk”: Sie war von ihm schwanger.

So kom­men sich die bei­den näher und selb­st er, der am Anfang noch mür­risch und ver­schlossen ist, öffnet sich etwas, erzählt ihm von sein­er Fam­i­lie, von sein­er Teenager­tochter. Die alte Dame wächst und mit ihren rühren­den, emo­tionalen, span­nen­den Geschicht­en immer mehr ans Herz. So erzählt sie die vie­len schö­nen und schw­eren Phasen ihres Lebens, während wir mit den bei­den durch Tokio fahren und immer wieder die Geschichte, die Zeit­geschichte, die Kul­turgeschichte Japans durch ihre Erzäh­lun­gen durch­scheint.

Yoji Yama­da ist ein japanis­che Regiele­gende, mit­tler­weile 94 Jahre alt und er dreht immer noch Filme. Seine Fil­mo­gra­phie ist über 90 Filme lang. Die meis­ten davon lan­den nicht auf deutschen Lein­wän­den, aber es gab eine Phase unter Dieter Kosslick, als Yoji Yama­da zu fast jed­er Berli­nale ein­ge­laden war, insofern hat er in Deutsch­land dur­chaus einen gewis­sen Bekan­ntheits­grad. “Tokyo Taxi” ist ein Remake des franzö­sisch-bel­gis­chen Films “Dri­ving Madeleine” von Chris­t­ian Car­i­on aus dem Jahr 2022, damals fuhren die bei­den Haupt­fig­uren durch Paris, die entsprechen­den Geschicht­en erzählen natür­lich von franzö­sis­ch­er Ver­gan­gen­heit. Yoji Yama­da erzählt den Film weit­ge­hend stil­sich­er und voller Emo­tio­nen, wir sind gerührt von der alten Dame und dem Tax­i­fahrer mit Geld­sor­gen. Der Film ist berührend aber er ist bisweilen auch lustig und er ist kurzweilig. Die schumm­ri­gen Rück­blenden, in denen die frühen Jahre der Dame erzählt wer­den, sind etwas bieder erzählt, auch visuell haut mich das nicht immer vom Hock­er, die Auf­nah­men aus einem hin­ter­her­fahren­den Auto und die Fronta­lauf­nah­men auf das Taxi, in dem ja der größte Teil des Films spielt, sind nicht sehr aufre­gend — man merkt das vor allem dann, wenn die Kam­era bisweilen den POV der Pro­tag­o­nistin ein­nimmt, dann wird es emo­tion­al und sub­jek­tiv und visuell inter­es­san­ter. Trotz allem, ich mochte den Film und habe mich gut unter­hal­ten!

Der Film ist im Juni in Frank­furt am Main beim Nip­pon Con­nec­tion Film­fes­ti­val zu sehen.

https://nipponconnection.com/de/start

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