DEAR TOMORROW beim Nippon Connection Filmfestival

Ein Mann mit ein­er Eule auf der Schul­ter. Worum soll es wohl in diesem Doku­men­tarfilm gehen?

“Jeden Mor­gen wache ich auf und denke, ah ich bin schon wieder aufgewacht.” Während­dessen sehen wir die Tokiot­er Stadt­land­schaft, jene Stadt also die (noch?) die größte Stadt der Welt ist. Der Nahverkehr fährt durchs Bild, fast möchte man meinen, es ist eine Spielzeugeisen­bahn­land­schaft. So wie im Miniatur Wun­der­land.

“Ich frage mich, wann ich wohl glück­lich bin.” Eine bedrück­ende Frage.

Gle­ich schon­mal ein Ein­schub: Die Kam­era, die auch der Regis­seur führt, schafft fan­tastis­che Bilder. Sie erzählen von vorne bis hin­ten das The­ma dieses Films: Die Ein­samkeit in der Großs­tadt. “Ein­samkeit ist eine glob­ale Her­aus­forderung”, heißt es im Radio. Ein Para­dox unser­er Welt sei das. In der Tat. In aller­lei Sprachen wird es wieder­holt, auch in deutsch. Ein­samkeit sei so tödlich wie Rauchen.

So ein­sam leben auch die Zier­fis­che im Zoohan­del. “Sie scheinen etwas anti­sozial zu sein”, bemerkt der Kunde. Ob sie uns als Men­schen erken­nen kön­nen? MASATO, Busi­ness Trad­er, 45 Jahre alt ist der Kunde, wird ein­er der bei­den Pro­tag­o­nis­ten dieses Doku­men­tarfilms sein. Masato ist jet­zt eben Zier­fis­chbe­sitzer. Das erfordert Ver­ant­wor­tung. Vielle­icht hört ja jet­zt der Fisch seinen Selb­st­ge­sprächen zu. Oder eben der Inter­netchat­bot: Ein­samkeit und Arbeit­sprob­leme habe er, erzählt er dem Com­put­er. Bei Arbeit sei er ein Sün­den­bock. Aber keine Antwort zunächst, alle Mitar­beit­er seien belegt. Der Chat­bot fordert echte Men­schen an, die wür­den jet­zt gebraucht wer­den, aber die haben viel zu tun.

“A Place For You” heißt dieses Start­up, wo man sich 24/7 an Men­schen wen­den kann, wenn man ein­sam ist, wenn man Prob­leme hat, wenn man Sor­gen hat. Koki Ozo­ra ist der Erfind­er des Ganzen. 1000 Chats wer­den am Tag abgewick­elt. Inzwis­chen haben wir als Zuschauer ver­standen, dass es sich um einen Doku­men­tarfilm han­delt, am Anfang war das gar nicht so klar — und das ist als Kom­pli­ment gemeint.

37% der Tokiot­er fühlen sich ein­sam, eine Mil­lio­ne­nauf­gabe für “A Place For You”. Zwei von den Mil­lio­nen begleit­en wir heute. Neben Masato ist es SHOKO. Auch sie schreibt an die helfend­en Men­schen bei “A Place For You”, aber sie schreibt auch Tage­buch und sie sitzt gerne am Meer. Sind es schon suizidale Gedanken, die sie da äußert?

Es gibt mit­tler­weile sog­ar einen Markt, der die Ein­samen als Geschäftsmod­ell sieht. Es gibt en Restau­rant, in dem man ungestört alleine sitzen kann. Robot­er bedi­enen, die hin­ter­fra­gen sowieso nicht, warum jemand alleine kommt. Es gibt einen Eulen­zoohändler, der seine Tiere in einem son­der­baren weißen Raum hält. Sie sind manch­mal Haustiere, zu denen man eine Beziehung auf­bauen könne.

Von einem Dänen stammt diese Doku­men­ta­tion. Kas­par Astrup Schröder ist im Jahr 1979 in Kopen­hagen geboren. Er studierte am Euro­pean Film Col­lege, heute ist er Regis­seur, Cut­ter und Drehbuchau­tor — und auch Kam­era­mann und diesem Film alles gle­ichzeit­ig. Im Jahr 2014 hat er die Pro­duk­tions­fir­ma Good Com­pa­ny Pic­tures mit­be­grün­det. Er hat ein Faible für Japan, dieser ist nicht sein erster Film mit Japan­the­matik. Sein Lang­filmde­büt war THE INVENTION OF DR. NAKAMATS (2009), dann fol­gte RENT A FAMILY INC. (2012).

Schröders Film geht in die Tiefe, er kommt den bei­den Haupt­fig­uren sehr nahe, wir kom­men ihnen nahe. Der Film lotet die Vari­anten der Ein­samkeit in dieser Metro­pole aus, es sind zwei Vari­anten, jed­er ist anders ein­sam. Schröder gelingt mit “Dear Tomor­row” ein zutief­st beein­druck­ender, berühren­der und auch ästhetisch gelun­gener Doku­men­tarfilm.

“In den let­zten 25 Jahren bin ich häu­figer nach Japan gereist als in jedes andere Land”, erzählt der Regis­seur. “Zunächst als Tourist, dann als Kün­stler mit einem japanis­chen Agen­ten; doch seit 2008 drehe ich dort Filme. Zuerst real­isierte ich einen Film über den pro­duk­tivsten Erfind­er der Welt, Dr. Naka­Mats, der ver­suchte, seine eigene Unsterblichkeit zu erfind­en; später fol­gte ein Film über japanis­che Unternehmen, die falsche Fam­i­lien­mit­glieder ver­mi­eten, um Geheimnisse und Lügen zu ver­tuschen. Bei­de Geschicht­en wirken wie aus ein­er anderen Welt – sind aber zugle­ich Erzäh­lun­gen, die das Pub­likum dazu anregten, über das eigene Ver­mächt­nis und jene Geheimnisse nachzu­denken, die uns Men­schen miteinan­der verbinden. Japan hat mich all diese Jahre über in seinen Bann gezo­gen – nicht nur auf­grund der vie­len Gemein­samkeit­en, die wir teilen, son­dern vor allem wegen jen­er Aspek­te, die sich so grundle­gend von mein­er eige­nen Kul­tur unter­schei­den: die men­schlichen Werte und Emo­tio­nen, mit denen die Men­schen dort auf eine Weise umge­hen, die sich fun­da­men­tal von unserem dänis­chen Ansatz unter­schei­det. Wir Dänen leben in ein­er Blase; doch indem wir beobacht­en, wie andere mit uni­versellen und grundle­gen­den Emo­tio­nen umge­hen, kön­nen wir viel über uns selb­st ler­nen. In dieser Hin­sicht wirkt Japan wie ein außergewöhn­lich­es Ver­größerungs­glas. Die Ein­samkeit ist in Japan all­ge­gen­wär­tig und tief­greifend. Angesichts ein­er der weltweit niedrig­sten Geburten­rat­en gerät Japan in einen Teufel­skreis – ein Szenario, das mein­er Überzeu­gung nach schon bald auch am Hor­i­zont viel­er ander­er Natio­nen auf­tauchen kön­nte. Als ich daher von Japans Plan las, ein ‘Min­is­teri­um für Ein­samkeit’ einzuricht­en, erkan­nte ich darin eine faszinierende Geschichte, die wertvolle Lehren für uns alle bere­i­thält. Ich machte mich daran, eine zutief­st men­schliche Erzäh­lung zu gestal­ten – eine Geschichte darüber, warum ein solch­es Min­is­teri­um über­haupt notwendig ist.”

Eine faszinierende Geschichte zu drehen ist Kas­par Astrup Schröder in der Tat gelun­gen. Ich bin sehr ges­pan­nt auf seinen näch­sten Film.

https://db.nipponconnection.com/de/event/1975/dear-tomorrow

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