THE LIMIT beim Nippon Connection Filmfestival

Eigentlich hat die Regis­seurin Rei­ka Kama­ta eine zutief­st kon­se­quente Vorkar­riere, bevor sie Film­regis­seurin wurde. Ehrlich gesagt kann ich mich nicht erin­nern, dass jemand Polizei- und Jus­tizre­por­terin gewe­sen ist, um dann Doku­men­tar- oder gar Spielfilm­regis­seurin zu wer­den. Warum eigentlich nicht? Eigentlich gibt es doch nicht so riesig viele Berufe, die so sehr mit dem Abgründi­gen, mit dem Men­schlich-Allzu­men­schlichen, mit dem Drama­tis­chen zu tun hat, wie Gerichts- und Polizeire­porter? Was mag ich mich an die drama­tis­chen Fotos des Krim­i­nal­fo­tografen WeeGee, eigentlich Arthur Fel­lig, erin­nern, der, in Lem­berg geboren, in New York tief­drama­tis­che Fotografien gemacht hat. In New York habe ich mal eine Ausstel­lung mit seinen beein­druck­enden Fotografien gese­hen. Aber auch er hat es nicht zum Film­regis­seur gebracht. Rei­ka Kama­ta wurde 1985 in der Präfek­tur Aichi geboren, auf der Hauptin­sel Hon­shu, sie studierte an der Mei­ji Uni­ver­si­ty, ein­er der berühmtesten japanis­chen Pri­vatu­ni­ver­sitäten und begann schließlich im Jahr 2008 als Polizei- und Jus­tizre­por­terin bei Tokai Tele­vi­sion zu arbeit­en. Für den Sender drehte sie unter anderem die Doku­men­tarfilme TWO DEATH ROW INMATES (2015) und SLEEPING VILLAGE (mit Junichi SAITO, 2018), mit dem sie schon auf dem Nip­pon Con­nec­tion Film­fes­ti­val zu sehen war.

Eine gebeugt gehende alte Frau, auf einen Stock gestützt, schre­it­et über einen Fried­hof. Miyoko ist 94 Jahre alt, sie ist die jün­gere Schwest­er von Masaru, der im Grab der Fam­i­lie Oku­n­ishi begraben liegt. Im Gegen­satz zu den beina­he mod­er­nen Gräbern auf dem Fried­hof wirkt das Oku­n­ishi-Grab­mal alt, prächtig, es sticht her­vor. Sie betet zu den Vor­fahren, dass sie dem toten Brud­er helfen mögen. Die Schwest­er küm­mert sich liebevoll um das Grab, Pflanzen, Räuch­er­stäbchen. Und dann bekom­men wir die Geschichte von Masaru Oku­n­ishi erzählt, der 89 Jahre alt wurde — bis er sich, als Todeskan­di­dat in der Todeszelle sitzend, das Leben nahm. Die Geschichte geht auf Ereignisse im Jahr 1961 zurück. Wir sehen Schwarzweißauf­nah­men aus den 60ern von den Gerichtsver­hand­lun­gen, ein nach­den­klich­es, betrof­fenes Gesicht.

3. März 2022, mit­ten in der Coro­na-Pan­demie. Der zehnte Antrag auf Wider­auf­nahme des Ver­fahrens gegen Masaru Oku­n­ishi wurde abgelehnt, in einem juris­tis­chen Fall, der sich bere­its seit einem hal­ben Jahrhun­dert hinzieht. Demon­stran­ten vor dem Gerichts­ge­bäude kri­tisieren Ver­stöße gegen Men­schen­rechte. „Die Sach­lage ist der­art, dass man gezwun­gen ist zu sagen: Die Staat­san­waltschaft und die Gerichte steck­en unter ein­er Decke, um Beweise zu ver­tuschen“, erk­lärt der 77-jährige Recht­san­walt Izu­mi Suzu­ki. Miyoko erhält die schlimme Nachricht. “Sie haben es abgelehnt. Das ist mehr als schmerzhaft”, sagt die Frau. “Das hält mein Herz nicht aus.”

Wie nahm der Fall seinen Anfang? Kuzuo, ein kleines Dorf in der Präfek­tur Nara, auf der Hauptin­sel Hon­shu, unge­fähr auf halbem Weg zwis­chen Tokio und Hiroshi­ma. Nur zwanzig Haushalte gibt es in dem an einem Hang gele­ge­nen Dorf. Schwarzweißauf­nah­men vom 28. März 1961 zeigen, dass sich das Dorf kaum verän­dert hat. Es sind Bilder von einem drama­tis­chen Ereig­nis. Fünf Frauen star­ben nach einem Fest an giftigem Wein. Es ist der “Nabari Pois­ened Wine Case”. Miyoko hat­te damals von dem tragis­chen Ereig­nis in dem Dorf gehört, bei dem auch ihre Schwägerin gestor­ben war. Jemand hat­te sie geweckt und zu dem Ort des Geschehens gebracht. Sie sei ohn­mächtig gewor­den, erzählt sie. Ein Dorf­be­wohn­er, Ishi­hara, hat­te den Wein gekauft, am Nach­mit­tag, zwei Flaschen Sake, eine Flasche Wein. Ein paar Stun­den standen die Flaschen unbeauf­sichtigt herum. Masaru, damals 35 Jahre alt, trug die Flaschen, als er sie herum­ste­hen sah, zum Gemein­dezen­trum, er war ein stiller aber hil­fs­bere­it­er Mann. Sechs Tage später wurde er festgenom­men. Es gibt ein Geständ­nis. Er habe den Wein mit Pes­tiziden ver­set­zt, wegen irgen­dein­er Beziehungs­geschichte. Der Fall schien gelöst. Später wird er das Geständ­nis zurückziehen und sagen, dass er dazu gedrängt wor­den sei. Ob jemand anders das Ver­brechen bege­hen hätte kön­nen, wird schließlich unter­sucht. Es gibt Unstim­migkeit­en darüber, wann der Wein über­haupt gekauft wurde. Die Verkäuferin ändert ihre Aus­sage zwis­chen­zeitlich und kann sich dann nicht mehr erin­nern. Die Aus­sagen sind zutief­st ver­wirrend. Bei der ersten Ver­hand­lung drei Jahre später hat der Richter mas­sive Zweifel am Geständ­nis, es kommt zu einem Freis­pruch. Den Behör­den wer­den Manip­u­la­tio­nen vorge­wor­fen: „Dies ist das Ergeb­nis der außeror­dentlichen Bemühun­gen der Staat­san­waltschaft, den vom Über­bringer des Weins genan­nten Zeit­punkt gewalt­sam mit dem vom Empfänger genan­nten Zeit­punkt in Übere­in­stim­mung zu brin­gen – eine Tat­sache, die bere­its bei bloßer Lek­türe der entsprechen­den Vernehmung­spro­tokolle unschw­er zu erken­nen ist.“ Masaru wird freige­lassen, in der Fam­i­lie herrscht Erle­ichterung.

Doch dann kommt es zum Beru­fungsver­fahren, ange­blich wer­den neue Beweise ent­deckt. Am 10. Sep­tem­ber 1969 wird Masaru vom Oberg­ericht Nagoya zum Tode verurteilt, drei Jahre später wird das Urteil recht­skräftig. Der Kampf um Masarus Leben begin­nt.

Die Jour­nal­istin Shoko Egawa äußert sich zu dem Fall: Das Jahr 1972 – in dem das Todesurteil recht­skräftig wurde – markierte das Ende der japanis­chen Ära des ras­an­ten Wirtschaftswach­s­tums. Es war das Jahr, in dem Oki­nawa unter japanis­che Sou­veränität zurück­kehrte, die diplo­ma­tis­chen Beziehun­gen zu Chi­na nor­mal­isiert wur­den und sich der ‘Asama-San­so-Vor­fall’ unter Beteili­gung der ‘Vere­inigten Roten Armee’ ereignete. In der Folge führte die durch die Kriege im Nahen Osten aus­gelöste Ölkrise zu ein­er starken Aufw­er­tung des Yen und ein­er galop­pieren­den Infla­tion, was die Wirtschaft in ihre schw­er­ste Rezes­sion der Nachkriegszeit stürzte. (…) Doch selb­st damals fan­den sich Men­schen, die bere­it waren, den Hil­fer­ufen dieses ‘isolierten und hil­flosen Todeskan­di­dat­en’ Gehör zu schenken. Eine Gruppe ehre­namtlich­er Anwälte bildete ein Vertei­di­gerteam. Sie reicht­en einen fün­ften Antrag auf Wieder­auf­nahme des Ver­fahrens ein und stießen damit eine konz­ertierte Bewe­gung an, um einen neuen Prozess zu erwirken. Der Kreis der Unter­stützer begann, Stück für Stück zu wach­sen. Genau während des Ver­fahrens zu diesem fün­ften Wieder­auf­nah­meantrag erfuhr auch ich erst­mals vom ‘Nabari-Vor­fall’ und begann meine eigene Berichter­stat­tung über den Fall.”

Berührend sind ins­beson­dere jene Szenen, in denen seine Schwest­er von ihrer gemein­samen Ver­gan­gen­heit erzählt. Auch von der Mut­ter gibt es noch Auf­nah­men aus der Zeit, als sie noch lebte. Rei­ka Kama­ta gelingt eine beein­druck­ende, ergreifende Doku­men­ta­tion. Es schmerzt zu sehen, dass ein junger Mann seines gesamten Lebens in Frei­heit beraubt wurde — ver­mut­lich auf der Basis falsch­er Beweise.

https://db.nipponconnection.com/de/event/1977/the-limit

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