„Ich bin nicht Filmemacherin geworden, um auf Nummer sicher zu gehen”. Muriel d’Ansembourgs Debütfilm TRULY NAKED ab dem 11. Juni 2026 im Kino.

Tru­ly Naked © Myrthe Moster­mann

„Ich bin nicht Filmemacherin gewor­den, um auf Num­mer sich­er zu gehen, son­dern um etwas Authen­tis­ches und Wahres zu schaf­fen”, erzählt die Regis­seurin Muriel d’Ansembourg über ihren Debüt­film. „Und Wahrheit kann an Orten leben, die man uns zu ver­ber­gen lehrt. TRULY NAKED hätte es nie gegeben, wenn ich meinem Instinkt gefol­gt und geschwiegen hätte. Ich habe erkan­nt, dass der Wun­sch, von allen gemocht zu wer­den, eine Falle ist, allerd­ings eine sehr knif­flige, weil sie so tief in unser­er Kul­tur und in der Art und Weise der Erziehung viel­er Mäd­chen ver­wurzelt ist. Ich ver­suche, mich davon nicht davon abhal­ten zu lassen, meine Stimme zu erheben, meine Mei­n­ung zu äußern oder anderen zu wider­sprechen. Es ist viel inter­es­san­ter, wenn jemand seine echte Stimme zum Aus­druck bringt.”

Muriel d’Ansembourg stammt ursprünglich aus New York, ihre spätere Kind­heit ver­brachte sie aber in Ams­ter­dam – um schließlich in Lon­don zu lan­den, wo sie an der Lon­don Film School Regie studierte. Pawel Paw­likowsky, dessen Film „Vater­land” über Thomas Mann und seine Tochter Eri­ka Mann in der Nachkriegszeit ger­ade in Cannes gefeiert wurde und auf den wir alle ungeduldig warten, eben jen­er Pawel Paw­likowsky war ihr Men­tor. Ihre ersten Kurz­filme liefen auf unzäh­li­gen Fes­ti­vals und wur­den mit Preisen über­häuft, ihr Abschlussfilm GOOD NIGHT wurde sog­ar für einen BAFTA nominiert. TRULY NAKED ist nun ihr erster Lang­film. „Die Geschichte von TRULY NAKED zog mich immer wieder an einen Ort, an dem ich noch nie zuvor gewe­sen war, und ich fol­gte ihr. Ich wollte einen Film machen, der sich in unan­genehmes Ter­rain vor­wagt, jedoch mit Bedacht. Einen Film, der dazu ein­lädt, sich ohne Vorurteile ganz nah an die Fig­uren her­anzuwa­gen. Nicht um alles zu erk­lären oder aufzulösen, son­dern um zu fühlen.” Muriel d’Ansembourgs Film lief auf der 76. Berli­nale in der Sek­tion Per­spec­tives. Auch die bei­den Hauptdarsteller*innen sind New­com­er, Caolán O’Gorman und Safiya Benad­di. Andrew Howard als Dylan ken­nt man zum Beispiel aus TENET.

Tru­ly Naked © Myrthe Moster­mann

Mit gold­en­er Farbe bemalte nack­te Haut. Das erin­nert natür­lich mas­siv an einen einzi­gen Film aus der Filmgeschichte, JAMES BOND 007 – GOLDFINGER aus dem Jahr 1964, Jill Mas­ter­son heißt die Frau, gespielt von Shirley Eaton, Mas­ter­son stirbt, weil der Bösewicht, dargestellt durch Gert Fröbe, sie kom­plett mit gold­en­er Farbe bemalen ließ, ange­blich, was längst wider­legt ist (spätestens durch die MYTHBUSTERS), weil ihre Haut nicht mehr atmen kon­nte. Jet­zt, in TRULY NAKED, haben wir es mit ein­er ganz anderen Geschichte zu tun – und mit ess­bar­er Farbe. Mit Gold kom­plett bemalt ist eine Porn­odarstel­lerin, die wir erst in ästhetisch unschar­fen Zeitlu­pe­nauf­nah­men und dann in grell aus­geleuchteten Bil­lig­pornoäs­thetikauf­nah­men sehen. „Meine kleine Gold­schlampe”, sagt ihr Sex­part­ner, neb­st dem üblichen Stan­dard­di­alo­greper­toire, nicht unfrei­willig komisch. Mit ein­er recht son­der­baren Kle­in­fam­i­lie haben wir es im weit­eren Ver­lauf des Films zu tun – die Mut­ter ist schon vor Jahren gestor­ben, erzählt Alec irgend­wann. Dylan, der Vater, gespielt von Andrew Howard und sein Sohn Alec (Caolán O’Gorman) betreiben zusam­men eine Film­pro­duk­tions­fir­ma. Und zwar eben eine Pornofilm­pro­duk­tions­fir­ma. „Oh Mann, das mit der Gold­farbe ist der Ham­mer”, lobt der Vater die inszena­torische Kreativ­ität seines Sohnes. Doch die finanzielle Sit­u­a­tion der bei­den ließ zu wün­schen übrig und so sahen sie sich gezwun­gen, aus dem unsag­bar teuren Lon­don in ein bil­ligeres, ver­schlafenes Prov­inznest an der Küste zu ziehen – aber dort ist es natür­lich schwierig, diesen Lebensstil auszuleben. „Wir sind der Club der ein­samen Wölfe!” sagt Dylan irgend­wann. Alec glaubt, dass die neue Lebenssi­t­u­a­tion sein Leben ändern kön­nte, dass er Fre­unde find­en kön­nte – aber dazu ist es ins­beson­dere in der Prov­inz notwendig, den son­der­baren Lebensstil zu ver­ber­gen.

Eigentlich ist Alec total intro­vertiert. Er sitzt da, dreht und schnei­det die Pro­duk­tio­nen, sein Vater hinge­gen ste­ht im Zen­trum der Filme – er ist der Haupt­darsteller. Und obwohl Alec noch zur Schule geht, ist er der organ­isatorische Kopf der Fir­ma, sein Vater ist da viel zu unzu­ver­läs­sig. In der Schule soll er sich mit gesellschaftlichen Prob­le­men beschäfti­gen, das The­ma Inter­net­sucht ist für ihn übrig geblieben. Gam­ing? Porno? Porno. „Pornosucht geht oft­mals Hand in Hand mit Angst­störun­gen”, erläutert die Lehrerin. Na gut, dumm gelaufen, dass er aus­gerech­net auf das The­ma stößt. Die männliche und die weib­liche Per­spek­tive will die Lehrerin dabei unbe­d­ingt sehen, und so lernt er die selb­st­be­wusste, unab­hängige Nina (Safiya Benad­di) aus sein­er Klasse näher ken­nen. „Und geht die Sache kreativ an, das ist eine Mul­ti­me­di­aauf­gabe”, hin­ter­lässt die Lehrerin als Arbeit­san­weisung noch bei den bei­den.

Und wo sollen sie sich zusam­menset­zen? Bei Nina geht nicht, da wird ren­oviert (übri­gens nur durch weib­liche Handw­erk­erin­nen: pos­i­tive Diskri­m­inierung). Bei Alec natür­lich auch nicht, man ahnt es. „Mein Vater will keinen Besuch, wenn er arbeit­et”, find­et Alex als Aus­flucht. Also nimmt sie ihn mit an ihren Liebling­sort an der rauen Felsenküste: „Willkom­men in mein­er Woman Cave”. Nina ist ganz beson­ders, ganz anders. Von ihr, kön­nte es sein, lernt er vielle­icht, mit echt­en Gefühlen, mit Nähe umzuge­hen, eine Real­ität, die ihm bish­er in der Form noch nicht begeg­net ist – in jen­er Welt, in der pornographis­che Bilder so all­ge­gen­wär­tig sind. Sie ziehe es vor, erzählt sie, Sex­u­al­ität nicht durch die Erfahrun­gen ander­er ver­mit­telt zu bekom­men. Und wir erin­nern uns: Alec wollte ja im Prov­inz­dorf erst­mal ver­mei­den, dass man seine Tätigkeit ent­deckt. Doch zunächst taucht Nina unver­mit­telt bei ihnen zu Hause auf, weil Alec sie verse­hentlich ver­set­zt hat – wie gut dass sie nicht ger­ade in Pornoauf­nah­men here­in­platzt. Ger­ade noch ein­mal gut­ge­gan­gen. Nun begin­nt sich eine der außergewöhn­lich­sten Com­ing of Age-Geschicht­en der jün­geren Filmgeschichte zu ent­fal­ten – in der Tat fällt jen­er außergewöhn­liche Lebensstil, den in Lon­don kein Schwein inter­essiert hat, allmäh­lich auf – und Alecs Schulka­m­er­aden begin­nen zu reden. Dann fliegt die Pornokar­riere von Dylan bei Alecs Mitschülern auf. Nun ste­ht Nina ohne Diskus­sion auf der Seite Alecs.

Tru­ly Naked © Myrthe Moster­mann

„TRULY NAKED eröffnet einen Diskus­sion­sraum für die Frage, wonach wir uns sehnen und was uns stattdessen in Bezug auf Sex und soge­nan­nte ‚Intim­ität’ im Inter­net geboten wird”, sagt die Regis­seurin. „Dafür wollte ich nicht nur pornografis­che Inhalte auf den Com­put­er eines Teenagers laden, son­dern ihn direkt in die Pro­duk­tion dieser Inhalte ein­beziehen. Hier han­delt es sich nicht nur um ein Geschäft, son­dern um ein Fam­i­lienun­ternehmen, in dem Alec durch die Beteili­gung des Mannes, zu dem er in seinem Leben am meis­ten auf­schaut, näm­lich seinem Vater, erfahren kann, was hin­ter all dem steckt.” Muriel d’Ansembourg gelingt es mit dieser außergewöhn­lichen Fig­urenkon­stel­la­tion eine Com­ing-of-age-Geschichte zu erzählen, die außergewöhn­liche Rich­tun­gen und Wen­dun­gen ein­nimmt. „Das Ein­fan­gen von rohen, nat­u­ral­is­tis­chen Dar­bi­etun­gen ist etwas, das mich lei­den­schaftlich inter­essiert. Ich habe mit ein­er Mis­chung aus erfahre­nen und erst­ma­li­gen Schaus­piel­ern gear­beit­et. Außer­dem habe ich Alessa Sav­age, die in der Erotik­branche tätig ist, für die Rolle der Lizzie gecastet. Ihre Darstel­lung brachte eine Authen­tiz­ität mit sich, die wir son­st nicht hät­ten erre­ichen kön­nen, und sie spielte außer­dem eine wichtige Rolle als Bera­terin, die dabei half, die Welt, in der der Film spielt, genau darzustellen. Ich wollte nah an der Wirk­lichkeit bleiben, um etwas Echt­es zu zeigen. Manch­mal auf Kon­fronta­tion­skurs, aber immer mit dem Herzen.” Muriel d’Ansembourg provoziert mit ihrer Geschichte, aber sie spielt auch mit den Klis­chees und bricht diese – und das gle­ich in mehrfach­er Weise. Und genau vor der Kulisse des harten Pornogeschäfts entspin­nt sich zunächst eine langsame und zärtliche Liebesgeschichte zwis­chen Alec und Nina. Ger­ade die erste intime Szene zwis­chen den bei­den spielt sich in absoluter Anti-Pornoäs­thetik ab, näm­lich prak­tisch in kom­plet­ter Dunkel­heit. Doch ihre Worte: „Ich bin noch nicht so weit”, ignori­ert Alec.

Die Regis­seurin sagt: „An Teenagern fasziniert mich, dass viele Dinge für sie eine Pre­mière sind. Sie haben noch nicht diese Stimme in ihrem Kopf, die sagt: ‚Warte, denk erst ein­mal darüber nach.’ Ihre Emo­tio­nen sind so rein und inten­siv. Diese Ver­let­zlichkeit berührt mich sehr. Wenn wir älter wer­den, bauen wir eine Schutzhülle auf. Wir haben schon schlechte Erfahrun­gen gemacht, sind also vor­sichtiger und aufmerk­samer. Wir ler­nen, eine polierte Ver­sion von uns selb­st zu präsen­tieren. Aber Teenag­er? Sie sind wie bloßliegende Ner­ve­nen­den.” TRULY NAKED nimmt mehrere über­raschende Wen­dun­gen ein und seine Stärke ist es, dass der Film keine ein­fachen Posi­tio­nen zulässt. Wir kön­nen uns nicht ein­fach auf eine Seite schla­gen, dazu sind alle Fig­uren zu wider­sprüch­lich, zu kom­plex – und diese Wider­sprüch­lichkeit überzeugt.

Noch ein­mal Muriel d’Ansembourg: „Ich kann mir vorstellen, dass die Leute in gewiss­er Weise über­rascht sein wer­den, wie san­ft dieser Film ist. Es ist die Geschichte eines Jun­gen, der zum ersten Mal her­aus­find­et, wie man intim wird. Die Tat­sache, dass wir – Drehbuchau­torin, Regis­seurin, Pro­duzentin­nen und Kam­er­afrau – Frauen sind, die einen Film über die Pornow­elt aus weib­lich­er Per­spek­tive drehen, bringt eine neue Sichtweise auf ein The­ma, das nor­maler­weise durch eine patri­ar­chalis­che Brille betra­chtet wird. Den­noch hoffe ich, dass das Pub­likum erken­nt, dass es in diesem Film nicht um die Erotikin­dus­trie geht, son­dern um die Kom­plex­ität des Men­schen. Es geht um das Men­schliche; um fehler­hafte, lustige, ver­let­zliche Men­schen, deren Leben von Sehn­sucht und dem Bedürf­nis nach Ver­bun­den­heit geprägt ist.”

Am 11. Juni 2026 startet TRULY NAKED in den deutschen Kinos.

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