„Four, three, two, one… Rocket away!”

Pop­ulär­wis­senschaftlich­es über die Raum­fahrt aus den späten 1940er Jahren

New York, 1. Mai 1949. Auf dieses Datum ist das Vor­wort des pop­ulär­wis­senschaftlichen Sach­buchs „The Con­quest of Space” datiert. Das Buch führt zwei Men­schen zusam­men, die in jen­er Zeit eine entschei­dende Rolle für die Pop­u­lar­isierung der Wel­traum­fahrt gespielt haben: der Illus­tra­tor und Maler Ches­ley Bon­estell und der Autor Willy Ley.

Doch zunächst die Frage: Auf welchem Stand befind­et sich denn die Wel­traum­fahrt zu jen­er Zeit, vier Jahre nach Ende des Zweit­en Weltkriegs? Die berühmten „land­marks” der Wel­traum­fahrt befind­en sich noch in fern­er Zukun­ft: Sput­nik 1 ist auf dem 4. Okto­ber 1957 datiert, Lai­ka reist am 3. Novem­ber 1957 ins All, am 12. April 1961 fliegt Juri Gagarin ins All, am 20. Juli 1969 betritt Neil Arm­strong die Mon­dober­fläche.

Bis 1945, um es etwas kurz zu machen, ist die deutsche A4, Aggre­gat 4, die als Waffe V2, Vergel­tungswaffe 2 hieß, das Maß aller Dinge, was Rake­ten­tech­nik anging. Mit ein­er dieser A4 gelang dann in der Tat im Jahr 1944 erst­mals ein Raketen­start in den Wel­traum, zumin­d­est nach heutiger Def­i­n­i­tion. Die „MW 18012“ flog 127 Kilo­me­ter hoch. Die Geschichte der V2/A4 ist mit­tler­weile mit ein­er Menge Lit­er­atur gut erforscht, inklu­sive der Opfer, die sie gefordert hat, bei Zwangsar­beit­ern in Deutsch­land und durch die Beschüsse in Bel­gien und Großbri­tan­nien.

Das Über­raschende nun ist, dass die A4/V2 auch nach dem Zweit­en Weltkrieg das Maß aller Dinge in der Rake­ten­tech­nik blieb – und zwar gle­ich in mehreren Län­dern und noch erstaunlich lange. Die USA, die Sow­je­tu­nion, Eng­land und Frankre­ich nah­men nach dem Krieg die Dien­ste der deutschen Raketen­forsch­er an, oder nah­men zumin­d­est die noch vorhan­de­nen V2-Raketen mit in ihre Län­der und nutzten sie als Grund­lage der Wel­traum­forschung. Alleine die USA nah­men neben Wern­her von Braun mehr als 100 Raketen mit, acht Stück und 800 Men­schen an Tech­nikper­son­al beka­men immer­hin die Briten noch ab. Frankre­ich bekam Bauteile für unge­fähr 30 Raketen und entwick­elte auf Basis der V2 eine eigene Rakete namens Veronique. Das Stan­dard­w­erk zu den weltweit­en Rake­ten­typen, „Raketen – Die inter­na­tionale Enzyk­lopädie” von Eugen Reichl und Diet­mar Röt­tler nen­nt die A4 den „Stam­m­vater prak­tisch aller Träger­raketen weltweit”. Auch die Sow­je­tu­nion testete A4-Raketen vom Test­gelände Kapustin Jar aus.

Weit­ge­hend alles, wom­it die Raum­fahrt in der zweit­en Hälfte der Vierziger Jahre zu tun hat, ist also A4 oder baut direkt auf deren Tech­nik auf. Noch weit vor Sput­nik schaf­fen die Amerikan­er einige „Firsts” der Wel­traum­fahrt, die ersten biol­o­gis­chen Exper­i­mente und die erste Fotografie der Erde aus dem All im Jahr 1946, die ersten Tiere im Weltall, im Jahr 1947: Frucht­fliegen. Vierzehn Tage, nach­dem Willy Ley sein Vor­wort geschrieben und datiert hat­te, kommt es zu einem der spek­takulär­eren – aber erstaunlich unbekan­nten „Firsts”: Wer dachte, Lai­ka sei das erste Säugeti­er im All irrt. Bere­its achtein­halb Jahre vor der rus­sis­chen Hündin, erre­ichte der Rhe­susaffe „Albert II” das All, mit 134 Kilo­me­tern Höhe. Über­lebt hat­te er nicht, Lai­ka ja auch nicht. Alberts gab es mehrere, Albert I kam nur bis in 63 Kilo­me­ter Höhe.

Das also war das raum­fahrthis­torische Umfeld zur Zeit der Buchveröf­fentlich durch Bon­estell und Ley.

Willy Ley ist 1906 in Berlin geboren und wuchs dort auch auf. Mit 19 veröf­fentlicht er bere­its span­nende, pop­ulär­wis­senschaftliche Artikel, beispiel­sweise den Beitrag „Tiere die Werkzeuge benutzen”, der im Feb­ru­ar 1926 im Vor­wärts erschien. Im März erschien „Selb­st­mord bei Tieren” und im Mai ein­er sein­er ersten Wel­trau­mar­tikel: „Boten aus dem Wel­tenraum” über Mete­oriten. Er spekuliert in dem Artikel über das Leben auf anderen Plan­eten – und darüber, dass diese „Bazillen” oder andere ein­fache Lebe­we­sen trans­portieren kön­nten, das, was später Pansper­mi­ethe­o­rie genan­nt wurde: „Wie reisen denn aber diese Bazillen? Der leere Raum bildet doch sog­ar noch für den Men­schen eine Schranke, die er—sehr gegen seinen Willen —respek­tieren muß. Es heißt, daß diese Schranke dem­nächst fall­en werde, mit Riesen­raketen will man, wahrschein­lich noch in diesem Jahre der Schwere auf den Leib rück­en.”

Eigentlich wollte Ley Paläon­tologe wer­den, doch schon 1927 war er Mit­be­grün­der des berühmten „Vere­ins für Raum­schif­fahrt”. 1930 wirk­te er am Raketen­flug­platz in Berlin-Reinick­endorf mit, regelmäßig berichtet er über die Raketen­ver­suche. 1933 gibt es sog­ar Pläne der Gruppe um den Raketen­flug­platz, in Magde­burg eine beman­nte Rakete starten zu lassen. Ein­tritts­gelder am Raketen­flug­tag soll­ten das Pro­jekt mit­fi­nanzieren. Sog­ar der „Pilot” stand bere­its fest: Kurt Heinisch. Er sollte aus einem Kilo­me­ter Höhe die Rakete ver­lassen und mit der Fallschirm absprin­gen. Es wurde schließlich nichts daraus.

1935 ver­ließ Ley Deutsch­land und ging nach Großbri­tan­nien, dann in die USA. Den­noch schreibt er bis Anfang der 40er für deutsche Zeitun­gen. 1944 erschien sein Fach­buch, „Rock­ets”, das mehrere Aufla­gen und Erweiterun­gen erlebte, später unter den Titeln „Rock­ets and Space Trav­el” und „Rock­ets, Mis­siles, and Space Trav­el”. Er war als Forsch­er, Jour­nal­ist und Buchau­tor tätig. Bisweilen hat­te er gar Fernse­hauftritte, irgend­wo in den Tiefen des Inter­nets gibt es eine Talk­showaufze­ich­nung aus dem Jahr 1952, wo er sich zu UFOs äußern soll. Eines der faszinierend­sten Büch­er Leys ist „Fire” aus dem Jahr 1963, ein reich illus­tri­ertes Buch über – Feuer. Haus­brände, Wald­brände, die wis­senschaftliche Erk­lärung von Feuer, die Geschichte des Feuers, seine Kul­turgeschichte. 1969 starb Ley in New York, einen Monat vor der Apol­lo 11-Mond­lan­dung.

Ches­ley Bon­estells Lebenslauf kön­nte kaum anders ausse­hen, aber auch er ist von einem frühen Inter­esse am Weltall geprägt. Geboren ist er 1888 in San Fran­cis­co, mit zehn las er die Neb­u­larhy­pothese über die Entste­hung des Son­nen­sys­tems von Pierre-Simon Laplace aus dem Jahr 1796. Er war regelmäßiger Besuch­er divers­er Obser­va­to­rien und bald begann er astronomis­che Zeich­nun­gen zu entwer­fen – stets im Bewusst­sein, dass er dazu ein fundiertes Wis­sen über die Physik und den Auf­bau des Weltalls brauchte. Mit 18 studierte er schließlich am Hop­kins Art Insti­tute of San Fran­cis­co und arbeit­ete tagsüber im Papiergeschäft seines Opas. Als Geschäfts­mann erwies er sich als Niete – und bevor das allzusehr Schaden verur­sachte, schlug ihm sein Opa vor, doch Architek­tur zu studieren, als Kom­pro­miss zur brot­losen Kun­st. Er lernte Per­spek­tive und Schat­ten von einem Mann, der gle­ichzeit­ig Dichter als auch Math­e­matik­er war, Frank Demp­ster Sher­man. Und diese Fähigkeit­en soll­ten sich auch auf seine Wel­trau­mil­lus­tra­tio­nen auswirken. Den Cas­par David Friedrich des Plan­eten­sys­tems nan­nte ihn die ZEIT im Jahr 1969. „Als Illus­tra­tio­nen zierten sie die älteren Aus­gaben von Bruno Bürgels Pop­ulär-Astronomie ‚Aus fer­nen Wel­ten’ ”, schrieb Gus­tav Adolf Hen­ning damals. „In der Schulk­lasse gin­gen sie dere­inst von Hand zu Hand. Sie ver­mit­tel­ten uns Dreizehn- oder Vierzehn­jähri­gen den Ein­druck, daß die ‚Wel­traum­schif­fahrt’, wie man damals sagte, eine zweifel­los men­schen­würdi­ge Beschäf­ti­gung sein müßte.”

Dazwis­chen schob sich bei Bon­estell eine erstaunlich erfol­gre­iche Kar­riere beim Film als Spe­cial Effects-Kün­stler für Filme wie End­sta­tion Mond (1950), Der jüng­ste Tag (1951), Kampf der Wel­ten (1953), Cat-Women of the Moon (1953), Die Eroberung des Weltalls (1955).

1986 starb Bon­estell in Carmel, Kali­fornien.

Ley und Bon­estell gelingt jeden­falls mit „The Con­quest of Space” ein visionäres, beein­druck­endes pop­ulär­wis­senschaftlich­es Buch über das Weltall und die Raum­fahrt, ein Vor­läufer von Büch­ern von Autoren wie Carl Sagan, Wern­er Büdel­er, Nor­man Mail­er etc. Die Erzäh­lung des Buchs nimmt uns mit nach White Sands, nördlich von El Paso, Texas, wo seit 1945 das Raketenübungs­gelände der Army lag. „The rock­et stand­ing on the con­crete apron of the fir­ing table half a mile away will reach more than 600,000 feet into the sky, falling back to the ground some 25 miles north from its launch­ing point”, schreibt Willy Ley. „So far every­thing is qui­et. The rock­et is ful­ly fuelled.” Atem­ber­aubend span­nend schildert er die let­zten Minuten des Count­downs. „Now the valves jump open, var­i­ous sets of the in suc­ces­sion. Liq­uid oxy­gen and alco­hol fall down through pipelines from the tanks into the motor. They catch fire. The vis­i­tors half a mile away hear a noise.” Und dann: „Zero!” – „Rock­et away!”

Ley schildert die tech­nis­chen und physikalis­chen Details des Raketen­starts – und dann begeg­nen wir – über­raschend beim englis­chen Text und heute im Raum­fahrt­sprech undenkbar: einem deutschen Wort. „Brennschluss”. Ley muss das erk­lären, die englis­che Sprache wäre da nicht so dif­feren­zierend, nicht so genau, „burnout” wäre ein Wort, das zu mehrdeutig wäre. Und dann erk­lärt er uns, und auch das ist über­raschend, warum denn Raketen senkrecht nach oben geschossen wer­den wür­den. Wie denn son­st, drängt es uns zu fra­gen. Weil anders ken­nen wir es gar nicht. Aber eigentlich braucht die Rakete, um den Orbit zu gelan­gen (noch sind wir nicht bei Orbital­raketen angekom­men), die Seitwärts­be­we­gung – und dazu muss sie irgend­wann vom senkrecht­en Pfad abwe­ichen und gekippt wer­den. Immer wieder wird uns das Wort Brennschluss, immer kur­siv gedruckt, auf­fall­en. Und dann, gegen Ende des Kapi­tels, bringt Ley die Idee ein­er beman­nten Raum­sta­tion ins Spiel – und eigentlich schildert er nun in Grundzü­gen das Bauprinzip von Raum­sta­tio­nen wie der ISS.

Bevor wir uns im zweit­en Kapi­tel der Reise zum Mond wid­men, zeigt das Buch nun die ersten Illus­tra­tio­nen Bon­estells: seine Visio­nen von einem tran­skon­ti­nen­tal­en Raketen­flugzeug.

„Tar­get for tonight: Luna” ist dieses zweite Kapi­tel über­schrieben. Wir erfahren von den the­o­retis­chen und prak­tis­chen Über­legun­gen der Durch­führung ein­er beman­nten Mond­lan­dung. „Prob­a­bly the manned moon­ship will have to be post­poned until there is an orbital sta­tion”, spekuliert Ley – und er trifft damit im Prinzip recht genau die Apol­lomis­sio­nen, bei denen zwar keine feste Orbital­sta­tion um den Mond ein­gerichtet wurde, jedoch ein Mod­ul genutzt wurde, das den Mond umrun­dete, während das Lan­de­mod­ul zum Mond hinabreiste. Im Jahr 1956 prog­nos­tizierte er in einem Radioin­t­er­view, dass die Mond­lan­dung nur noch unge­fähr 15 bis 20 Jahre in der Zukun­ft läge. Recht präzise und sog­ar ein biss­chen zu pes­simistisch.

„The Solar Fam­i­ly” ist dann das dritte Kapi­tel betitelt. Das Kapi­tel erzählt vom Auf­bau des Son­nen­sys­tems und von den Möglichkeit­en sein­er Erforschung durch Raum­son­den. Die dazu gehören­den Illus­tra­tio­nen sind die schön­sten Bilder – aber natür­lich auch die speku­la­tivsten. „As of 1949: the Canals of Mars do exist”, schreibt Ley. Heute wis­sen wir, dass die Spuren auf der Mar­sober­fläche, die damals für Kanäle gehal­ten wur­den, optis­che Täuschun­gen waren. Es existieren keine Kanäle, der heutige neueste Stand zur Mar­sober­fläche wurde durch die Marsrover doku­men­tiert. Was aber bis heute nicht fotografiert wurde, sind zum Beispiel Bilder vom Mars aus der Per­spek­tive der Marsmonde – oder die wun­der­schö­nen Sat­urn­bilder aus der Sicht mehrerer der Sat­urn­monde.

Im Jahr 1952 erschien das Buch dann auch auf deutsch, der Alb-Bote schrieb damals:

„Bei der greif­baren Nähe der Ver­wirk­lichung ural­ter Träume ist es erk­lär­lich, daß utopis­che und sen­sa­tionelle Berichte über Wel­traum­fahrten in Men­gen erscheinen. An all­ge­mein­ver­ständlich­er Lit­er­atur, die die physikalis­chen und astronomis­chen Grund­la­gen erar­beit­et, herrscht dage­gen kein Über­fluß. Angeregt von den far­bigen Zeich­nun­gen des Amerikan­ers Ches­ley Bon­estell von frem­den Him­mel­swel­ten schrieb der deutsche Raketen­forsch­er, Natur­wis­senschaftler und Astronom Willy Ley dieses Buch vom Vorstoß ins Weltall. Erläßt seine Leser den Start und den Flug der ersten Ver­such­sraketen miter­leben, und er führt sie in die Prob­leme und Möglichkeit­en der Eroberung des Wel­tenraumes ein. Ohne daß der Leser mit allzu viel The­o­rie belastet wird, macht ihm der Ver­fass­er das Welt­bild der mod­er­nen Astronomie ver­ständlich. Willy Ley und Ches­ley Bon­estell gelingt es auf Grund sach­lich­er wis­senschaftlich­er Unter­la­gen ein Bild davon zu entwer­fen, wie es auf dem Mond und auf den Plan­eten aussieht und was der Men­sch dort antr­e­f­fen wird, wenn er eines Tages den küh­nen Flug in eine neue Welt mit Erfolg über­standen hat.”

In der Tat ist „The Con­quest of Space” ein wun­der­schönes, mit­tler­weile weit über siebzig Jahre altes Buch, das zu einem inter­es­san­ten Zeit­punkt der Geschichte der Erforschung des Wel­traums ent­standen ist, Jahre bevor die konkrete Erforschung und Eroberung des Weltalls wirk­lich Fahrt auf­nahm. Es ist faszinierend zu sehen, was in diesen Jahrzehn­ten alles geschehen ist. So vieles hat sich geän­dert, so viel würde Ley und Bon­estell heute faszinieren und über­raschen, trotz ihrer Visio­nen und Voraus­sagen. Aber was bleibt, ist die Fasz­i­na­tion für das Weltall. „The sky is an end­less dome of very clear and very blue glass”, schreibt Willy Ley.

Lit­er­atur
Willy Ley, Ches­ley Bon­estell: The Con­quest of Space. Sidg­wick and Jack­son 1949.
Willy Ley: Fire. Nel­son Dou­ble­day 1963.
Alb-Bote 30.11.1952
Col­in Burgess: The Great­est Adven­ture: A His­to­ry of Human Space Explo­ration. Reak­tion Book 2021.
https://de.wikipedia.org/wiki/Aggregat_4
https://de.wikipedia.org/wiki/Zeitleiste_der_Erkundung_des_Weltraums
https://www.bonestellgallery.com/
Eugen Reichl, Diet­mar Röt­tler: Raketen. Die inter­na­tionale Enzyk­lopädie. Motor­buch Ver­lag 2020.
Gün­ter Sie­far­th: Geschichte der Raum­fahrt. C.H. Beck 2001.
Jesco von Put­tkamer: Der erste Tag der neuen Welt. Umschau Ver­lag Brei­den­stein 1981.
Carl Sagan: Unser Kos­mos. Droe­mer­sche Ver­lagsanstalt 1982.
Har­ald Neck­el­mann: Der Raketen­flug­platz in Berlin. Sut­ton 2025.

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