
„Obwohl Bartas’ Kino meist als unzugänglich beschrieben wird, finden seine Filme auf Festivals und im regulären französischen Kinobetrieb regelmäßig ein kleines Publikum“, schreibt Wikipedia über den litauischen Filmregisseur Šarūnas Bartas. Geboren ist er 1964 in Šiauliai in Litauen. Studiert hat er in Moskau, in Vilnius gründete er in den 80ern ein eigenes Filmstudio. „Seine Werke verzichten weitgehend auf Narration, sie sind meist düster, zeigen Menschen an entlegenen Orten und in extremen Situationen“, schreibt Wikipedia wiederum, das ist für mich eine spannende Mischung zwischen interessant und nervig. In der deutschsprachigen Wikipedia erkennt man übrigens an einem Zeichen, wie sehr ein Regisseur im deutschen Kino gelandet ist: Gibt es Wikipedia-Artikel über seine Filme? Gibt es nicht, lautet die Antwort, außer „Pola X“ von Leos Carax, in dem er als Schauspieler mitspielte und „Visions of Europe“, ein paneuropäischer Episodenfilm, zu dem er eine Episode lieferte. In der Tat kannte ich ihn bisher nicht und in der Tat habe ich bisher noch keinen Film von ihm gesehen. Ich habe mal in den Trailer von „Seven Invisible Men“ hineingeschaut, okay, rätselhaft, aber trotzdem hat das eine Genreanmutung. Ich sollte mir vielleicht doch bei Gelegenheit ein paar Filme von ihm ansehen.
Der Dokumentarfilm „Laguna“ hat einen traurigen Anlass. Im Jahr 2021 verlor Šarūnas Bartas seine 24-jährige Tochter Ina Marija bei einem Autounfall, ein betrunkener Autofahrer hatte sie angefahren, als sie mit dem Fahrrad fuhr. Ina Marija war Schauspielerin. Der Regisseur und seine jüngere Tochter Una machen sich auf die Spurensuche nach der verstorbenen Ina Marija. Wir befinden uns auf einem Boot in einem Mangrovenwald an der Westküste Mexikos. Stille, nur ein paar Vögel hört man, leise Musik begleitet die Szenerie aus dem Off. „Meine Tochter Ina Marija liebte die Natur, seit sie ein Kind war“, hören wir Šarūnas Bartas aus dem Off. Eines Tages, erzählt er, sei sie dazu eingeladen worden, in Mexiko einen Film zu drehen. Sie rief in von dort an, teilt ihm seine Begeisterung über die Gegend mit, es sei so, als ob sie dort geboren worden wäre. Bald besuchte er sie in Mexiko, sie wanderten durch die Natur, beobachteten die Vögel und die anderen Tiere.
Und nun ist er eben mit der jüngeren Schwester, Una, in Mexiko. Sie schauen sich den Pazifik an. Voller Poesie beschreibt er das Leben an der Küste. Wir beobachten eine Meeresschildkröte am Strand, Vögel im Sand. Schließlich sind wir in einem kleinen, einfachen mexikanischen Dorf. Wir begleiten die Dorfbevölkerung bei ihren alltäglichen Verrichtungen, die Kinder beim Spielen. Sehr berührend ist dann die Szene, wie Šarūnas Geburtstag hat und Una die kleine Feier für ihn vorbereitet hat, samt Geschenken. Eine alte Dorfbewohnerin erzählt von der Vergangenheit in Armut. Als es nur einmal am Tag zu essen gab. Vater und Tochter setzen ihre Ruderboottouren durch die Flusslandschaft fort. Dabei erzählt er ihr von der Natur, von den Mangroven, von den Hurricanes, von den Schildkröten. Sie beide genießen es, so viel Zeit füreinander zu haben. Bisher haben die beiden noch gar nicht so sehr über die verstorbene Schwester gesprochen, aber nun hat Una einen Gedenkschrein neben ihrem Bett, mit einem Bild der Schwester und einer Kerze, die zu ihrem Andenken brennt. Hin und wieder sehen wir Filmausschnitte, die die große Schwester zeigen. Irgendwann unterhalten sich die beiden darüber, was sie glauben, was passiert, wenn jemand stirbt.
Und während Una einen gleichaltrigen Freund im Dorf findet, mit dem sie bisweilen Zeit verbringt, findet der Vater einen Leguan, von dem er fasziniert ist. „Laguna“ ist ein wundervoller, stiller, berührender Film über den Tod, aber eigentlich über das Leben. Oder beides. Der Film strahlt eine Kraft und eine Ruhe aus, die bewundernswert ist. Šarūnas Bartas gelingt ein Film, der alles andere als „unzugänglich“ ist, er ist nicht „düster“ und er verzichtet auch nicht auf Narration. Vielleicht hat Šarūnas Bartas im Tod seiner Tochter die Sinnhaftigkeit des Erzählens entdeckt; vielleicht das Licht; vielleicht die Ruhe. „Laguna“ ist zutiefst berührend.
LAGŪNA
FRA, LTU 2025 / 102 min / OmeU
Sprache: Litauisch, Spanisch
Regie: Šarūnas Bartas
Caligari Fr, 24.04. / 17:00 Uhr
DFF, Frankfurt Sa, 25.04. / 17:00 Uhr
Apollo Sa, 25.04. / 18:00 Uhr
Drehbuch: Šarūnas Bartas, Geoffroy Grison
Kamera: Lukas Karalius, Alina Lu
Schnitt: Alina Lu, Lucie Jego
Ton: Simona Venckauskaite, Gabriele Dikciute, Alex Serbulo, Yuri Laguna
Besetzung: Šarūnas Bartas, Una Marija Bartaite, Ina Marija Bartaite, Bryan Ordonez Ruiz
Produktion: Šarūnas Bartas, Alina Lu, Jurijus Stancikas, Janja Kralj