Social Media im Kino: BABYSTAR von Joscha Bongard beim achtung berlin Filmfestival

„Wir alle wer­den von unseren Eltern geprägt”, erzählt der Filmemach­er Joscha Bon­gard. „Im Guten wie im Schlecht­en schreiben sich Werte,
Wün­sche, Erfahrun­gen und Gewohn­heit­en in Teilen in uns fort. Doch was passiert, wenn dieses
 Eltern-Kind-Ver­hält­nis zur Ware wird? Und wie bildet eine junge Frau ihre Iden­tität aus, wenn sie als ständi­ge Pro­jek­tions­fläche und Wer­bekör­p­er aufwächst?”
Sein erster Lang-Doku­men­tarfilm, Porn­flu­encer, war so etwas wie ein Fes­ti­val­hit, es ging um „Ver­i­fied Cou­ples“ – ver­i­fizierte, echte, nicht schaus­piel­ernde Paare in Pornofil­men, konkret um Jamie und Nico, die auf Only­fans Sex haben, mit dem Ziel, reich zu wer­den. Im Jahr 2022 lief der Film unter anderem auf dem DOK.fest München, Joscha Bon­gard steck­te noch mit­ten im Film­studi­um. Salzge­ber nahm den Film sog­ar ins Ver­leih­pro­gramm. Geboren ist Bon­gard 1994 in Wolfs­burg, er arbeit­ete beim YouTube-Chan­nel-Net­zw­erk TubeOne, das sich um die Ver­mark­tung und das Man­age­ment von YouTuber:innen küm­mert – er saß bei der Auswahl sein­er Filmthe­men qua­si an der Quelle. 2017 nahm er dann das Regi­es­tudi­um an der Fil­makademie Baden-Würt­tem­berg auf. „Babystar” ist nun sein zweit­er Lang­film – und sein Diplom­film. Ab 23. April 2026 wird „Babystar” im Kino zu sehen sein, jet­zt schon­mal auf dem Film­fes­ti­val Max Ophüls Preis in Saar­brück­en, mit Vorstel­lun­gen am 23. und 24. Jan­u­ar 2026.

Eine Fam­i­lie lebt ein Influ­encer-Leben: Bere­its mit ihrer Geburt ist die heute 16-jährige Luca im Ringlicht der Handykam­eras, von Anfang an ist sie ein Star des Fam­i­ly-Social-Media-Busi­ness. Fast vier Mil­lio­nen Follower:innen hat sie heute und ver­di­ent damit auch gutes Geld. „Wir sind ein­fach unheim­lich frei, und das Beste ist eigentlich, dass wir dafür bezahlt wer­den, dass wir ein­fach wir sind”, erk­lärt eine der Influ­encerin­nen ihren Fans. „Das ist schon nice.” – „Ihr seid ja schon krank reich?” fragt irgend­wann eine junge Fol­low­erin. Es ist eine Welt von Yoga, Designvil­la, teur­er Innenein­rich­tung und Clips und Reels und Posts. Sätze wie: „Ich hab ein­fach keine Lust, wie die übel­ste Cold-Bitch dazuste­hen”, fall­en.

Doch als sich ihre Eltern entschei­den, ein weit­eres Kind zu bekom­men: „Was würd­ste denn sagen, wenn dein Vad­der und icke noch eins ins Nest leg­en wür­den?” Und am besten das Ganze gle­ich online ver­brat­en: Deine Emo­tio­nen sind deine Stärke, redet ihr die Mut­ter ein. Und ein Mut­ter-Tochter-Talk, natür­lich in der Öffentlichkeit, wäre auch mal wieder dran. Will sie aber nicht. Die Teenagerin stürzt nun in eine tiefe Krise. Und dann wird Luca auch noch das Pro­jekt eines KI-Avatars nahegelegt: „Du wirst die per­fek­te flu­ide Pro­jek­tions­fläche!” – und eine beina­he echte KI-Fre­undin für alle ihre Fans. „Diese ganze KI-Skep­sis, die ist so wahnsin­nig deutsch”, wis­cht jemand jegliche poten­tielle Bedenken gle­ich vom Tisch. Luca aber geht das irgend­wann zu weit. Und als Luca dann ein­fach mal Jugendliche sein möchte, und vielle­icht auch ein­fach nor­male Zeit mit ihren Eltern ver­brin­gen möchte, merkt sie, dass diese eigentlich nur mit der dig­i­tal­en Ver­mark­tung beschäftigt sind, nicht mit ihrer Tochter selb­st. „Hey, die Engage­ments sind ein­fach bei über 300 Prozent!”, murmelt die Mut­ter irgend­wann und bemerkt nicht, dass Luca eigentlich nur mit ihren Eltern im Pool rum­tollen wollen würde. Dass Luca sich dann auf dem Boden des Pools tot stellt, merken ihre Eltern erst gar nicht. Sie begin­nt sich nun zu fra­gen, wer sie über­haupt ist, und sie ver­sucht, sich von der Fremdbes­tim­mung, Käu­flichkeit, Kün­stlichkeit, Vir­tu­al­ität, Öffentlichkeit, Ver­logen­heit zu befreien.

Der faszinierende Sound­track ist das, was zuallererst auf­fällt. Und die Sto­ry ist erstaunlich außergewöhn­lich, das Drehbuch schon fast radikal, das Leben der Influ­encer-Fam­i­lie ist großar­tig imag­iniert. Offen­bar hat Joscha Bon­gard mit „Porn­flu­encer” auch eine tiefe, nüt­zliche Recherc­hear­beit für „Babystar” angestellt. Raf­finiert dek­lin­iert er die Frage durch, wie es aussieht, wenn das Influ­encerin­nen­da­sein ein Fam­i­lien­leben von Anfang an durch­dringt. Bisweilen hat das was von frühkindlich­er Indok­tri­na­tion und Sek­ten­leben. Eine Gen­er­a­tion von nicht „Dig­i­tal Natives” son­dern „Influ­encer Natives” wächst da vielle­icht her­an. Ger­adezu genial ist das Influ­encer-Bull­shit-Bin­go, die gekün­stel­ten Sätze, die immer wieder fall­en, dann geht der Film ins Satirische, wech­selt ins sub­til Komis­che um kurz danach in Rich­tung Dystopie zu gleit­en. „Das wird noch viel krass­er mit Preg­nan­cy- und Baby-Con­tent!”

„In BABYSTAR möchte ich mich dem Phänomen der Family-Influencer:innen annehmen und auf 
psy­chol­o­gis­che, satirische Art die Untiefen von inner­famil­iären Abhängigkeit­en beleucht­en”, erzählt der Regis­seur.
„Ich möchte das Porträt ein­er Pro­tag­o­nistin zeich­nen, das nah am Zeit­geist ist und einen kri­tis­chen Blick auf die herrschende Aufmerk­samkeit­sökonomie wirft. Schließlich ist jet­zt die Zeit, in der die ersten YouTube-Babys zu Teenager:innen wer­den und teil­weise öffentlich gegen ihre Eltern auf­begehren und kri­tisch hin­ter­fra­gen, ob ihr Aufwach­sen im
 Ram­p­en­licht von Social Media ethisch richtig war. Diesen Moment möchte ich antizip­ieren und
 zuge­spitzt zur Diskus­sion stellen. Mit klar­er Hal­tung und den­noch nicht didak­tisch oder mit erhoben­em Zeigefin­ger. Denn wir alle begün­sti­gen und ver­stärken als Konsument:innen die Geset­ze des Inter­net-Kap­i­tal­is­mus.”

„Babystar” ist stilis­tisch und erzäh­lerisch so kon­se­quent und schlüs­sig (und mit der großar­ti­gen Maja Bons in der Haup­trol­le), dass man sich daran kaum sattse­hen kann. Am 23. April 2026 wird er ins Kino kom­men.

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