DRY LEAF von Aleksandre Koberidze ab 2. Juli 2026 im Kino

DRY LEAF von Alek­san­dre Koberidze, Grand­film

Der Fußball-Film zur Fußball-WM. Nichts kön­nte irreführen­der sein als dieses Label zum Film DRY LEAF von Alek­san­dre Koberidze. “Ende der 1950er Jahre führte der brasil­ian­is­che Fußballer Didi eine Schusstech­nik ein, die ‘Dry Leaf’ genan­nt wurde”, erk­lärt uns der Regis­seur. Das meint “Flat­ter­ball”, oder? “So wie ein trock­enes Blatt von einem Baum fällt und es für das men­schliche Auge unmöglich ist zu berech­nen, wo es lan­den wird, ist es bei dieser Tech­nik für den Tor­wart unmöglich, die genaue Flug­bahn des Balls vorherzusagen. Das Entschei­dende ist: Auch für den Schützen bleibt sie ein Geheim­nis. Ver­suchen Sie, an ein von oben her­ab­fal­l­en­des Blatt zu denken – wie es seine Rich­tung und Geschwindigkeit verän­dert, wie es manch­mal schnell und ger­ade auf den Boden fällt, nur damit sich plöt­zlich alles ver­schiebt. Es begin­nt langsam und ruhig zu schweben, bevor es seine Bahn erneut ändert, und so weit­er – abhängig von der Höhe, vom Wind, von der Luft­feuchtigkeit und von unzäh­li­gen anderen Fak­toren, der­er wir uns nicht ein­mal bewusst sind. Selb­st wenn es den Boden erre­icht, ist die Reise des Blattes nicht zu Ende – eine Wind­böe oder ein klein­er Junge auf dem Weg zur Schule kön­nte es in ein anderes Vier­tel tra­gen, oder jemand kehrt es mit Tausenden anderen Blät­tern in einen Sack und bringt es an einen Ort, an dem Blät­ter ver­bran­nt wer­den.” Ich bin jet­zt nicht der Riesen-Fußball­spezial­ist, aber ich glaube, wer Flat­ter­bälle pro­duzieren kann, der weiß auch, wie man das macht. Die Fußball­spezial­is­ten mögen mich kor­rigieren, war David Beck­ham Spezial­ist für sowas? Ich meine mich zu erin­nern. Und Beck­ham sah immer so aus, als ob er genau wüsste, was er mit dem Ball zu tun hätte, damit er nicht da hin­flog, wie es zunächst aus­sah, wo er hin­fliegen sollte. Ich glaube er wusste das auch und ich glaube dass es da eine Menge Physik gibt, mit der man dieses Phänomen erk­lären kann. Ich habe aber im Moment keine Lust, danach zu googeln. Vielle­icht später. Aber man ahnt jeden­falls: Mit Fußball­fil­men wie DAS WUNDER VON BERN, KICK IT LIKE BECKHAM oder DIE WILDEN KERLE wird dieser Film wohl eher wenig gemein­sam haben.

Aber erst ein­mal weg vom Fußball, hier am Mor­gen nach­dem Deutsch­land sein let­ztes Vor­run­den­spiel gegen Ecuador ver­loren hat. Als ich das erste Mal vom Film “Dry Leaf” las und den Trail­er sah, fiel mir, der ich ja auch als Fotograf tätig bin, eine Anek­dote ein, die Hel­mut New­ton zugeschrieben wird, keine Ahnung, ob sie wirk­lich ihm zuzuschreiben ist. Jeden­falls: Eines Abends soll Hel­mut New­ton in einem feinen Restau­rant essen gewe­sen sein. Als der Koch hörte, dass der Meis­ter zu Gast ist, ließ er es sich nicht nehmen, zu seinem Tisch zu kom­men, ihn zu begrüßen und sich ver­meintlich lobend über sein Werk zu äußern: “Sie müssen eine tolle Kam­era haben, bei den wun­der­baren Bildern, die sie machen.” New­ton bedank­te sich artig, aß genussvoll zu Abend und ließ nach dem let­zten Gang den Koch zu sich rufen und lobte ihn: “Sie müssen tolle Töpfe haben bei dem wun­der­baren Aben­dessen!” Jeden­falls gehöre ich zu den Fotografen, die sich beina­he gän­zlich aus den Tech­nikdiskus­sio­nen sein­er Kol­le­gen her­aushält. Jene Fotografen, die nur mit Canon fotografieren, oder mit Leica, oder nur ana­log, oder oder oder. Das alles inter­essiert mich per­sön­lich gar nicht. Was ist die Tech­nik ein­er Kam­era im Ver­gle­ich zu ein­er großar­ti­gen Bil­didee? Oder um noch auf eine andere Anek­dote zu kom­men, ich hab vergessen, von wem sie stam­men soll, jeden­falls von einem Straßen­fo­tografen, dessen Werk maßge­blich davon bes­timmt wird, wie aufmerk­sam er durch die Städte wan­dert und sich umsieht: “Das wichtig­ste Aus­rüs­tungsstück eines Straßen­fo­tografen? Ein paar gute Schuhe.”

Zunächst zum Regis­seur: Alexan­dre Koberidze ist gebür­tiger Georgi­er aus Tiflis. In Berlin, an der Deutschen Film- und Fernse­hakademie Berlin (DFFB) studierte er Regie, drehte dort seine ersten Kurz­filme und schließlich auch seinen ersten Lang­film, näm­lich LASS DEN SOMMER NIE WIEDER KOMMEN, der auf vie­len Fes­ti­vals lief. Sein Abschlussfilm an der DFFB war WAS SEHEN WIR, WENN WIR ZUM HIMMEL SCHAUEN? — prompt lief er im Wet­tbe­werb der Berli­nale, der Coro­na-Berli­nale 2021, wurde mit dem FIPRESCI-Preis aus­geze­ich­net und lief dann noch auf weit­eren Fes­ti­vals. Auch in jen­em Film ging es um Fußball, der Tagesspiegel schrieb damals: “Fußball ist für Koberidze, der an der Deutschen Film- und Fernse­hakademie Berlin (Dffb) studiert hat, ver­gle­ich­bar mit den Dra­men der griechis­chen Antike. Zauber­fuß Lionel Mes­si bleibt ver­mut­lich ewig unvol­len­det, weil er mit Argen­tinien wohl nicht mehr Welt­meis­ter wird. Ein tragis­ch­er Held. Im deutschen Film­magazin ‘Revolver’ hat Koberidze ihm kür­zlich das Gedicht ‘Für Leo’ gewid­met.” DRY LEAF ist nun sein drit­ter Lang­film.

Doku­men­tarische Stad­tauf­nah­men, Katzen, Fußgänger, Gebäude, Fen­ster, schmis­sige Klavier­musik — über­haupt erst ein­mal nur die Musik auf der Ton­spur, ein Bücher­flohmarkt, trock­ene Blät­ter am Boden — aha, dry leaf, ein Fußballer­denkmal, ren­nende Kinder, spie­lende Kinder. Woran erin­nert mich das? An frühe Stumm­film-Doku­men­tarfilme mit Klavier­be­gleitung. Außer dass es Farbe ist. Die Bilder sind aber, wie oft in frühen Stumm­fil­men, auch hier nicht sehr hochau­flösend — und da stoßen wir auf eines der visuellen Erzähl­prinzip­i­en dieses Films: Er ist mit ein­er alten, ein­fachen Handykam­era gefilmt, ver­pix­elt und unscharf — und in der Tat erin­nert mich das am ehesten an frühe Stumm­filme. Die Musik ver­stärkt die Stim­mungen im Film — nein, eigentlich erzeugt sie die Stim­mungen, die die Bilder oft alleine gar nicht selb­st ausstrahlen. Jet­zt: Wehende Vorhänge, ein Interieur, nun ein Mann, der einen Brief vor­li­est, einen Brief der Sport­fo­tografin Lisa, 28 Jahre alt, die spur­los ver­schwun­den ist und ihren Eltern Nino und Irak­li lediglich einen Brief hin­ter­lassen hat, einen Brief mit der Bitte, nicht nach ihr zu suchen. “Glaubt nicht, dass es ein­fach war, diesen Brief zu schreiben. Aber ich hätte nicht gehen kön­nen, ohne etwas zu sagen. Ich werde heute nicht nach Hause kom­men, und nicht mor­gen, nicht für einige Zeit.” Ruhig mögen sie bleiben, sie ver­traue ihnen, schreibt Lisa. Ego­is­tisch sei es von ihr, davonzu­laufen. Aber sie wür­den sich irgend­wann wieder­se­hen.

Zulet­zt hat sie an einem Fotografiepro­jekt gear­beit­et. Sie reiste durch Georgien, alleine, erfahren wir, und fotografierte in abgele­ge­nen Dör­fern die dor­ti­gen Fußballplätze. Nino und Irak­li lassen sich berat­en, sprechen mit der Polizei — dass sie einen Brief hin­ter­lassen habe, sei schon ein­mal eine gute Sache. Vor eini­gen Monat­en, erzählt die Mut­ter, sei Lisa wieder bei ihnen einge­zo­gen, weil die Mieten so teuer sind. Kon­flik­te habe es aber nie gegeben. Sie sei immer alleine unter­wegs gewe­sen, aber das hier sei nun ein ander­er Fall, sie wür­den sich ern­sthafte Sor­gen um ihre Tochter machen. Aber da sie nun ein­mal eine erwach­sene Per­son sei, könne die Polizei da nichts unternehmen. Jeden­falls jet­zt noch nicht. Den Eltern bleibt nichts anders übrig, als zunächst wieder in ihren All­t­ag zurück­zukehren. Irak­li ist Sport­dozent, ein Kol­lege emp­fiehlt ihm, sich doch mit dem Chefredak­teur der Sportzeitschrift, für die Lisa arbeit­ete, in Verbindung zu set­zen. Auch er sagt, dass sie länger nicht mehr in Kon­takt waren, dass aber das Fußballplatzpro­jekt schon weit durchge­plant war. Irak­li nimmt zu Lisas Kol­le­gen Lev­an Kon­takt auf. Und dann erk­lärt der Off-Kom­men­ta­tor, dass, wie oft in diesem Film, Lev­an zwar in der Filmhand­lung vorkomme, man ihn aber nicht sehen kön­nen. Sehr strange. Der unsicht­bare Lev­an bietet an, ihm bei der Suche zu helfen und rät dazu, die für das Pro­jekt geplanten Dör­fer aufzusuchen. Der­weil bit­tet Irak­li seine Stu­dentin Ana, sich während sein­er Abwe­sen­heit um den her­ren­losen Hund Pan­da (what? Wie der Hund aus “The Love that remains”?) zu küm­mern, um den sich Irak­li son­st küm­mert.

Und so begin­nt die Georgien­reise von Irak­li und dem geheimnisvollen, unsicht­baren Lev­an, mit dem Auto quer durch die Dör­fer der geor­gis­chen Prov­inz. Sie begeg­nen spie­len­den Kindern, Kuh­her­den, Pfer­den, sprechen Men­schen an, zeigen ihnen ein Foto von Lisa. Nein, die Per­son kenne man nicht. Sie bestaunen die Land­schaft, suchen die Fußballplätze auf. Sie hören sich um, lassen sich Hin­weise geben, auf den gefährlichen Fluss, auf die Sumpfland­schaft — die Katzen­sümpfe — und so weit­er. Auch einige der Befragten sind mys­ter­iöse Unsicht­bare, wie Lev­an. Und so gehen sie von Dorf zu Dorf, von Gemeinde zu Gemeinde, von Fußballplatz zu Fußballplatz, schauen sich um, machen Pausen, schauen die Land­schaft an. Immer wieder sind Blät­ter im Bild. Dry Leaf. Ist das übri­gens ein Wort­spiel, kommt mir in den Sinn? Dry Leave? Trock­enes Ver­schwinden, Abhauen?

Zunächst alles verge­blich, nie­mand ken­nt Lisa, nie­mand hat eine Spur, eine Ver­mu­tung oder einen Hin­weis. Sie klap­pern ein Dorf nach dem andern ab, hier hat mal ein­er Idee, wen man noch fra­gen kön­nte, dort hat ein­er einen Tipp, wo man noch hin­fahren kön­nte. Aber nie­mand weiß etwas. Immer tiefer tauchen sie in die ländliche geor­gis­che Prov­inz und deren Kul­tur ein. Von Ort zu Ort reisen wir, immer wieder bekom­men wir dieselbe Antwort: Nein, die Frau haben wir noch nie gese­hen. Das ist so iter­a­tiv, so wieder­holend, wie es bisweilen im Märchen ist. Wir erleben über weite Streck­en keine dra­matur­gis­che Weit­er­en­twick­lung der Pro­tag­o­nis­ten und der Hand­lung. Doch dann meint Irak­li immer­hin einen der Fußballplätze schon ein­mal in einem sein­er Träume gese­hen zu haben. Ist das eine Spur, die sie Lisa näher brin­gen wird?

Zutief­st faszinierend sind die Off-Kom­mentare, ich weiß gar nicht wie ich das for­mulieren soll: Sie erläutern Irak­lis Gedanken und Über­legun­gen wie in einem alten Lehrfilm, wie in Schul-Doku­men­tarfil­men, die die Lehrer bei uns in den Siebzigern aus der Lan­des­bild­stelle aus­geliehen haben und mit dem Pro­jek­tor nun in der Schule gezeigt haben: “Irak­li denkt darüber nach und beschließt, den Ratschlag seines Fre­un­des anzunehmen.” Und dann diese bere­its erwäh­nte Stumm­filmäs­thetik. Und die niedrige Pix­e­lau­flö­sung. Und die Unsicht­barkeit einiger Fig­uren. Das hat so etwas Über­raschen­des, Pro­voka­tives, Ver­wirren­des, Neuar­tiges, Alt­modis­ches. Das hat etwas von magis­chem Real­is­mus bisweilen. Oft ist es sehr fremd — und immer wieder ver­weigert sich der Film ein­fach unseren Sehge­wohn­heit­en und den üblichen Dra­maturgien. Es ist ein biss­chen so, als ob wir hun­dert Jahre in der Filmgeschichte zurück­sprän­gen und die dazwis­chen­liegen­den Erzäh­lkon­ven­tio­nen ein­fach ignori­eren und sich die Film­nar­ra­tion nun in eine andere Rich­tung entwick­eln lassen. Das ist faszinierend, pro­vokant, ver­wirrend, das entwick­elt einen tiefen Sog, aber es ist auch irgend­wie berührend. Natür­lich muss man sich darauf ein­lassen, dass man hier einen Bruch nach dem anderen mit herkömm­lich­er Nar­ra­tion erlei­det. Wer die Filme des jüngst ver­stor­be­nen ungarischen Regis­seurs Bela Tarr mag, der wird möglicher­weise auch diesem Film etwas abgewin­nen kön­nen, mit sein­er Sprödigkeit, mit sein­er Zähigkeit, mit sein­er Sogen­twick­lung. Aber ich habe noch eine ganz andere filmgeschichtliche Assozi­a­tion, die vielle­icht über­raschen mag: Mehrfach erin­nerte mich die Erzählweise des Films an Olle Hel­boms Astrid Lind­gren-Fernsehserie “Die Kinder von Buller­bü” aus dem Jahr 1960, und zwar mit der erzäh­lerischen Naiv­ität, mit der Ländlichkeit, mit der undrama­tis­chen Erzählstruk­tur, mit den Off-Kom­mentaren, dem magis­chen Real­is­mus, den star­ren Landschafts‑, Tier­bildern und den Natur­bilder­schwenks und mit der Film­musik. Irgendw­er schrieb, DRY LEAF sei ein Anti-Sir­at — und auch da ist was dran — und bei­de gehören zu den besten Fil­men der let­zten zwei Jahre.

Noch ein­mal der Regis­seur, über seine Pro­tag­o­nis­ten: “Sie haben ein Ziel, aber keine genaue Vorstel­lung davon, wie sie es erre­ichen sollen, also lassen sie sich von den Umstän­den leit­en. Und so war es auch mit uns, den weni­gen Men­schen, die diesen Film gemacht haben: Wir ließen uns fall­en und ver­traut­en darauf, dass die Winde uns an einen Ort tra­gen wür­den, den wir uns nicht hät­ten vorstellen kön­nen.”

Alek­san­dre Koberidze gelingt ein wun­der­volles, kleines/großes Meis­ter­w­erk der geor­gis­chen Filmgeschichte. Den­noch schlage ich vor, dass wir zusam­men­le­gen und ihm für seinen näch­sten Film eine neue Kam­era spendieren.

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