
Der Fußball-Film zur Fußball-WM. Nichts könnte irreführender sein als dieses Label zum Film DRY LEAF von Aleksandre Koberidze. “Ende der 1950er Jahre führte der brasilianische Fußballer Didi eine Schusstechnik ein, die ‘Dry Leaf’ genannt wurde”, erklärt uns der Regisseur. Das meint “Flatterball”, oder? “So wie ein trockenes Blatt von einem Baum fällt und es für das menschliche Auge unmöglich ist zu berechnen, wo es landen wird, ist es bei dieser Technik für den Torwart unmöglich, die genaue Flugbahn des Balls vorherzusagen. Das Entscheidende ist: Auch für den Schützen bleibt sie ein Geheimnis. Versuchen Sie, an ein von oben herabfallendes Blatt zu denken – wie es seine Richtung und Geschwindigkeit verändert, wie es manchmal schnell und gerade auf den Boden fällt, nur damit sich plötzlich alles verschiebt. Es beginnt langsam und ruhig zu schweben, bevor es seine Bahn erneut ändert, und so weiter – abhängig von der Höhe, vom Wind, von der Luftfeuchtigkeit und von unzähligen anderen Faktoren, derer wir uns nicht einmal bewusst sind. Selbst wenn es den Boden erreicht, ist die Reise des Blattes nicht zu Ende – eine Windböe oder ein kleiner Junge auf dem Weg zur Schule könnte es in ein anderes Viertel tragen, oder jemand kehrt es mit Tausenden anderen Blättern in einen Sack und bringt es an einen Ort, an dem Blätter verbrannt werden.” Ich bin jetzt nicht der Riesen-Fußballspezialist, aber ich glaube, wer Flatterbälle produzieren kann, der weiß auch, wie man das macht. Die Fußballspezialisten mögen mich korrigieren, war David Beckham Spezialist für sowas? Ich meine mich zu erinnern. Und Beckham sah immer so aus, als ob er genau wüsste, was er mit dem Ball zu tun hätte, damit er nicht da hinflog, wie es zunächst aussah, wo er hinfliegen sollte. Ich glaube er wusste das auch und ich glaube dass es da eine Menge Physik gibt, mit der man dieses Phänomen erklären kann. Ich habe aber im Moment keine Lust, danach zu googeln. Vielleicht später. Aber man ahnt jedenfalls: Mit Fußballfilmen wie DAS WUNDER VON BERN, KICK IT LIKE BECKHAM oder DIE WILDEN KERLE wird dieser Film wohl eher wenig gemeinsam haben.
Aber erst einmal weg vom Fußball, hier am Morgen nachdem Deutschland sein letztes Vorrundenspiel gegen Ecuador verloren hat. Als ich das erste Mal vom Film “Dry Leaf” las und den Trailer sah, fiel mir, der ich ja auch als Fotograf tätig bin, eine Anekdote ein, die Helmut Newton zugeschrieben wird, keine Ahnung, ob sie wirklich ihm zuzuschreiben ist. Jedenfalls: Eines Abends soll Helmut Newton in einem feinen Restaurant essen gewesen sein. Als der Koch hörte, dass der Meister zu Gast ist, ließ er es sich nicht nehmen, zu seinem Tisch zu kommen, ihn zu begrüßen und sich vermeintlich lobend über sein Werk zu äußern: “Sie müssen eine tolle Kamera haben, bei den wunderbaren Bildern, die sie machen.” Newton bedankte sich artig, aß genussvoll zu Abend und ließ nach dem letzten Gang den Koch zu sich rufen und lobte ihn: “Sie müssen tolle Töpfe haben bei dem wunderbaren Abendessen!” Jedenfalls gehöre ich zu den Fotografen, die sich beinahe gänzlich aus den Technikdiskussionen seiner Kollegen heraushält. Jene Fotografen, die nur mit Canon fotografieren, oder mit Leica, oder nur analog, oder oder oder. Das alles interessiert mich persönlich gar nicht. Was ist die Technik einer Kamera im Vergleich zu einer großartigen Bildidee? Oder um noch auf eine andere Anekdote zu kommen, ich hab vergessen, von wem sie stammen soll, jedenfalls von einem Straßenfotografen, dessen Werk maßgeblich davon bestimmt wird, wie aufmerksam er durch die Städte wandert und sich umsieht: “Das wichtigste Ausrüstungsstück eines Straßenfotografen? Ein paar gute Schuhe.”

Zunächst zum Regisseur: Alexandre Koberidze ist gebürtiger Georgier aus Tiflis. In Berlin, an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) studierte er Regie, drehte dort seine ersten Kurzfilme und schließlich auch seinen ersten Langfilm, nämlich LASS DEN SOMMER NIE WIEDER KOMMEN, der auf vielen Festivals lief. Sein Abschlussfilm an der DFFB war WAS SEHEN WIR, WENN WIR ZUM HIMMEL SCHAUEN? — prompt lief er im Wettbewerb der Berlinale, der Corona-Berlinale 2021, wurde mit dem FIPRESCI-Preis ausgezeichnet und lief dann noch auf weiteren Festivals. Auch in jenem Film ging es um Fußball, der Tagesspiegel schrieb damals: “Fußball ist für Koberidze, der an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (Dffb) studiert hat, vergleichbar mit den Dramen der griechischen Antike. Zauberfuß Lionel Messi bleibt vermutlich ewig unvollendet, weil er mit Argentinien wohl nicht mehr Weltmeister wird. Ein tragischer Held. Im deutschen Filmmagazin ‘Revolver’ hat Koberidze ihm kürzlich das Gedicht ‘Für Leo’ gewidmet.” DRY LEAF ist nun sein dritter Langfilm.
Dokumentarische Stadtaufnahmen, Katzen, Fußgänger, Gebäude, Fenster, schmissige Klaviermusik — überhaupt erst einmal nur die Musik auf der Tonspur, ein Bücherflohmarkt, trockene Blätter am Boden — aha, dry leaf, ein Fußballerdenkmal, rennende Kinder, spielende Kinder. Woran erinnert mich das? An frühe Stummfilm-Dokumentarfilme mit Klavierbegleitung. Außer dass es Farbe ist. Die Bilder sind aber, wie oft in frühen Stummfilmen, auch hier nicht sehr hochauflösend — und da stoßen wir auf eines der visuellen Erzählprinzipien dieses Films: Er ist mit einer alten, einfachen Handykamera gefilmt, verpixelt und unscharf — und in der Tat erinnert mich das am ehesten an frühe Stummfilme. Die Musik verstärkt die Stimmungen im Film — nein, eigentlich erzeugt sie die Stimmungen, die die Bilder oft alleine gar nicht selbst ausstrahlen. Jetzt: Wehende Vorhänge, ein Interieur, nun ein Mann, der einen Brief vorliest, einen Brief der Sportfotografin Lisa, 28 Jahre alt, die spurlos verschwunden ist und ihren Eltern Nino und Irakli lediglich einen Brief hinterlassen hat, einen Brief mit der Bitte, nicht nach ihr zu suchen. “Glaubt nicht, dass es einfach war, diesen Brief zu schreiben. Aber ich hätte nicht gehen können, ohne etwas zu sagen. Ich werde heute nicht nach Hause kommen, und nicht morgen, nicht für einige Zeit.” Ruhig mögen sie bleiben, sie vertraue ihnen, schreibt Lisa. Egoistisch sei es von ihr, davonzulaufen. Aber sie würden sich irgendwann wiedersehen.

Zuletzt hat sie an einem Fotografieprojekt gearbeitet. Sie reiste durch Georgien, alleine, erfahren wir, und fotografierte in abgelegenen Dörfern die dortigen Fußballplätze. Nino und Irakli lassen sich beraten, sprechen mit der Polizei — dass sie einen Brief hinterlassen habe, sei schon einmal eine gute Sache. Vor einigen Monaten, erzählt die Mutter, sei Lisa wieder bei ihnen eingezogen, weil die Mieten so teuer sind. Konflikte habe es aber nie gegeben. Sie sei immer alleine unterwegs gewesen, aber das hier sei nun ein anderer Fall, sie würden sich ernsthafte Sorgen um ihre Tochter machen. Aber da sie nun einmal eine erwachsene Person sei, könne die Polizei da nichts unternehmen. Jedenfalls jetzt noch nicht. Den Eltern bleibt nichts anders übrig, als zunächst wieder in ihren Alltag zurückzukehren. Irakli ist Sportdozent, ein Kollege empfiehlt ihm, sich doch mit dem Chefredakteur der Sportzeitschrift, für die Lisa arbeitete, in Verbindung zu setzen. Auch er sagt, dass sie länger nicht mehr in Kontakt waren, dass aber das Fußballplatzprojekt schon weit durchgeplant war. Irakli nimmt zu Lisas Kollegen Levan Kontakt auf. Und dann erklärt der Off-Kommentator, dass, wie oft in diesem Film, Levan zwar in der Filmhandlung vorkomme, man ihn aber nicht sehen können. Sehr strange. Der unsichtbare Levan bietet an, ihm bei der Suche zu helfen und rät dazu, die für das Projekt geplanten Dörfer aufzusuchen. Derweil bittet Irakli seine Studentin Ana, sich während seiner Abwesenheit um den herrenlosen Hund Panda (what? Wie der Hund aus “The Love that remains”?) zu kümmern, um den sich Irakli sonst kümmert.
Und so beginnt die Georgienreise von Irakli und dem geheimnisvollen, unsichtbaren Levan, mit dem Auto quer durch die Dörfer der georgischen Provinz. Sie begegnen spielenden Kindern, Kuhherden, Pferden, sprechen Menschen an, zeigen ihnen ein Foto von Lisa. Nein, die Person kenne man nicht. Sie bestaunen die Landschaft, suchen die Fußballplätze auf. Sie hören sich um, lassen sich Hinweise geben, auf den gefährlichen Fluss, auf die Sumpflandschaft — die Katzensümpfe — und so weiter. Auch einige der Befragten sind mysteriöse Unsichtbare, wie Levan. Und so gehen sie von Dorf zu Dorf, von Gemeinde zu Gemeinde, von Fußballplatz zu Fußballplatz, schauen sich um, machen Pausen, schauen die Landschaft an. Immer wieder sind Blätter im Bild. Dry Leaf. Ist das übrigens ein Wortspiel, kommt mir in den Sinn? Dry Leave? Trockenes Verschwinden, Abhauen?
Zunächst alles vergeblich, niemand kennt Lisa, niemand hat eine Spur, eine Vermutung oder einen Hinweis. Sie klappern ein Dorf nach dem andern ab, hier hat mal einer Idee, wen man noch fragen könnte, dort hat einer einen Tipp, wo man noch hinfahren könnte. Aber niemand weiß etwas. Immer tiefer tauchen sie in die ländliche georgische Provinz und deren Kultur ein. Von Ort zu Ort reisen wir, immer wieder bekommen wir dieselbe Antwort: Nein, die Frau haben wir noch nie gesehen. Das ist so iterativ, so wiederholend, wie es bisweilen im Märchen ist. Wir erleben über weite Strecken keine dramaturgische Weiterentwicklung der Protagonisten und der Handlung. Doch dann meint Irakli immerhin einen der Fußballplätze schon einmal in einem seiner Träume gesehen zu haben. Ist das eine Spur, die sie Lisa näher bringen wird?

Zutiefst faszinierend sind die Off-Kommentare, ich weiß gar nicht wie ich das formulieren soll: Sie erläutern Iraklis Gedanken und Überlegungen wie in einem alten Lehrfilm, wie in Schul-Dokumentarfilmen, die die Lehrer bei uns in den Siebzigern aus der Landesbildstelle ausgeliehen haben und mit dem Projektor nun in der Schule gezeigt haben: “Irakli denkt darüber nach und beschließt, den Ratschlag seines Freundes anzunehmen.” Und dann diese bereits erwähnte Stummfilmästhetik. Und die niedrige Pixelauflösung. Und die Unsichtbarkeit einiger Figuren. Das hat so etwas Überraschendes, Provokatives, Verwirrendes, Neuartiges, Altmodisches. Das hat etwas von magischem Realismus bisweilen. Oft ist es sehr fremd — und immer wieder verweigert sich der Film einfach unseren Sehgewohnheiten und den üblichen Dramaturgien. Es ist ein bisschen so, als ob wir hundert Jahre in der Filmgeschichte zurücksprängen und die dazwischenliegenden Erzählkonventionen einfach ignorieren und sich die Filmnarration nun in eine andere Richtung entwickeln lassen. Das ist faszinierend, provokant, verwirrend, das entwickelt einen tiefen Sog, aber es ist auch irgendwie berührend. Natürlich muss man sich darauf einlassen, dass man hier einen Bruch nach dem anderen mit herkömmlicher Narration erleidet. Wer die Filme des jüngst verstorbenen ungarischen Regisseurs Bela Tarr mag, der wird möglicherweise auch diesem Film etwas abgewinnen können, mit seiner Sprödigkeit, mit seiner Zähigkeit, mit seiner Sogentwicklung. Aber ich habe noch eine ganz andere filmgeschichtliche Assoziation, die vielleicht überraschen mag: Mehrfach erinnerte mich die Erzählweise des Films an Olle Helboms Astrid Lindgren-Fernsehserie “Die Kinder von Bullerbü” aus dem Jahr 1960, und zwar mit der erzählerischen Naivität, mit der Ländlichkeit, mit der undramatischen Erzählstruktur, mit den Off-Kommentaren, dem magischen Realismus, den starren Landschafts‑, Tierbildern und den Naturbilderschwenks und mit der Filmmusik. Irgendwer schrieb, DRY LEAF sei ein Anti-Sirat — und auch da ist was dran — und beide gehören zu den besten Filmen der letzten zwei Jahre.
Noch einmal der Regisseur, über seine Protagonisten: “Sie haben ein Ziel, aber keine genaue Vorstellung davon, wie sie es erreichen sollen, also lassen sie sich von den Umständen leiten. Und so war es auch mit uns, den wenigen Menschen, die diesen Film gemacht haben: Wir ließen uns fallen und vertrauten darauf, dass die Winde uns an einen Ort tragen würden, den wir uns nicht hätten vorstellen können.”
Aleksandre Koberidze gelingt ein wundervolles, kleines/großes Meisterwerk der georgischen Filmgeschichte. Dennoch schlage ich vor, dass wir zusammenlegen und ihm für seinen nächsten Film eine neue Kamera spendieren.