THE PIANO TUNER ab 2. Juli 2026 im Kino

THE PIANO TUNER — 01 Dustin Hoffmann und Leo Woodall
©Black Bear

„Die Quarte ist zu eng, das brummt.“ Die Fachsprache der Klavierstimmer. Das ist ein sonderbarer Beruf, man ist irgendwie Handwerker, aber dann wieder ist man so sehr mit der Kunst verbunden. Und manchmal wird man auch gefragt, ob man vielleicht das Klo reparieren könne, oder den Router einrichten. Niki und sein Onkel Harry sind in ganz New York City unterwegs. Der alte Harry ist schwerhörig, aber dennoch hat er das perfekte Gehör. Auch Niki hat ein Problem mit seinem Gehör, es ist überempfindlich, „Hyperakusis“ heißt das, aber auch er hat das perfekte Gehör. Tagein tagaus verbringen die beiden ihre Arbeitstage miteinander, man quatscht über alles Mögliche, Harry gerne über sein Alter und seine Gebrechen. Was fast alle Kunden gemeinsam haben ist, dass sie wohlhabend sind. Schließlich hat nicht jeder Normal-New Yorker Platz für einen echten Flügel in der überteuerten Wohnung. Und dann sind da die ganzen alten Stories aus der Vergangenheit, die Harry erzählen kann, wie er Oscar Peterson begegnete, oder Herbie Hancock.

Harrys Frau Marla ist besorgt über die Gesundheit ihres Mannes – und darüber, dass er sein Hörgerät verlegt hat. In den familieneigenen Tresor. Und den Code verstellt. Und diesen vergessen. Aber nun ist Niki nun mal jung, hat das großartigste aller Gehöre und ist so schlau, dass er bei Youtube ein Tresorknacktutorial findet und daraufhin den Safe des alten Harry öffnet, um ihm das Hörgerät auszuhändigen.

Derweil hat Niki an der Musikhochschule eine besondere Begegnung: Die junge und zutiefst begabte Pianistin und Komponistin Ruthie. Harry, der alte Schwerenöter, tut alles, um die beiden zu verkuppeln, doch zunächst will Niki sich nicht auf die junge Frau einlassen. Und auch Ruthie verweigert sich, aber schließlich begegnet man sich ja immer zweimal, und so ist das bei den beiden auch, als nämlich ein Wasserrohrbruch droht, ihrem heimischen Flügel immensen Schaden zuzufügen. Und so kommen sich die beiden dann doch allmählich näher.

Doch zunächst macht Niki noch eine andere Bekanntschaft, die mit Uri, dem Chef eines dubiosen Sicherheitsunternehmens. Bei einem reichen Typen zu Hause erwischt er ihn und seine Gang dabei, wie sie sich am Tresor zu schaffen machen, angeblich im Auftrag des Besitzers. Weil er seine Ruhe haben will und dringend den Flügel des Hauses stimmen muss, hilft er Uri mit seinen neu gewonnenen Fähigkeiten erstmal beim Öffnen des Tresors. Anerkennend äußert sich Uri über Nikis Fähigkeiten. Der erkennt, dass da etwas nicht stimmt, aber er will auch erstmal seine Ruhe haben.


02 Havana Rose Liu und Leo Woodall
©Black Bear

Doch da landet Harry im Krankenhaus, schwer erkrankt. Von Marla erfährt er, dass sie hochverschuldet sind, nie hätte sich Harry adäquat um die Geschäfte gekümmert. Und nun droht auch eine zigtausend Euro hohe Krankenhausrechnung. Niki besinnt sich des Angebots von Uri, beim deren Geschäft mitzumachen. Etwas Böses sei das nicht wirklich, es gehe schließlich nur um „Leute, die zu viel Scheiß haben“, und denen der Scheiß eigentlich gar nicht viel wert sei.

Zwei Dinge ergeben sich nun quasi gleichzeitig: Ruthie und Niki werden zum Paar – und Niki zum Helfer bei den Raubzügen durch die Anwesen betuchter Tresorbesitzer. Auf einmal kann Niki alle Schulden Harrys bezahlen – und er macht einen großen Fehler: Er schenkt der ahnungslosen Ruthie eine wertvolle, alte Uhr aus einer der Plünderungen. Doch dann geht einer der Raubzüge gründlich schief…

„THE PIANO TUNER ist ein Film über kreative Lähmung – über das, was passiert, wenn das, was einen bisher definierte, von jetzt auf gleich nicht mehr verfügbar ist“, erzählt Daniel Roher, der Regisseur. „Er erzählt von diesem beängstigenden Raum zwischen der Person, die man einmal gewesen ist, und der, zu der man werden könnte, sobald die eigene Identität ins Wanken gerät. Wenn der Selbstwert auf der Kunst gründet, die man erschafft – was geschieht, wenn man plötzlich keine Kunst mehr schaffen kann?“

Der schönste Part des Films ist die Begegnung mit zwei Altstars des Kinos, Dustin Hoffman als Harry, und Jean Reno als Starkomponist. „Mit THE PIANO TUNER wollte ich das Publikum in eine Welt einladen, in der Musik, Klang und Stille die Identität eines Menschen prägen“, erzählt Roher. „Niki, dargestellt von Leo Woodall, ist ein hochbegabter Pianist, der das Klavierspielen aufgibt, als er mit einer Hyperakusis diagnostiziert wird – einer Störung des Hörsinns, mit der selbst alltägliche Geräusche als schmerzhaft laut wahrgenommen werden.“

Diese Erzählung um die Welt des Hörens und die Welt der Stille gelingt dem Film auf durchaus beeindruckende Weise. In der zweiten Hälfte gleitet der Film allerdings allzusehr in die Welt des Klischees ab und nimmt ein paar unglaubwürdige Wendungen. „Wie persönlich diese Geschichte auch sein mag, bin ich überzeugt davon, dass sie universelle Erfahrungen anspricht“, sagt Roher. „Jeder Mensch kennt Phasen des Zweifelns, der Erschöpfung oder der Neuorientierung. THE PIANO TUNER erzählt davon, wie wir mit Veränderung, Verlust und der Hoffnung auf Erneuerung ringen. Der Film handelt von den unsichtbaren Kämpfen, die wir
führen, und von den unerwarteten Wegen, auf denen wir schließlich weitergehen.“ Das gelingt dem Film in der Tat – und insbesondere dank Dustin Hoffmann ist der Film dann doch sehenswert.

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