
Kaili ist die Hauptstadt des Autonomen Bezirks Qiandongnan in der chinesischen Provinz Guizhou. Eine gute halbe Million Einwohner. In Kaili wurde 1989 Bi Gan geboren. Studiert hat er am Shanxi-Institut für Kommunikation in Taiyuan, bald fing er mit seinen ersten Filmversuchen an, aus dem Jahr 2025 stammt schließlich sein erster Spielfilm, „Kaili Blues“, der eben in seiner Geburtstsadt spielt und der in Locarno lief. „Long Day’s Journey into Night“, sein zweiter Langfilm, lief 2018 in Cannes in der Sektion „Un Certain Regard“. 2022 drehte er den Kurzfilm „A Short Story“ – aus dem Blickwinkel einer Katze. „Resurrection“ ist nun sein dritter Langfilm, am 25. Juni 2026 startet er in den deutschen Kinos.
„Ich denke, die Sprache mit der ich mich am wohlsten fühle, ist definitiv die des Kinos“, erzählt Bi Gan zur Entstehung von „Resurrection“. „Im Laufe des vergangenen Jahrhunderts stellt sich ganz natürlich die Frage: Mit welchen philosophischen Fragen ist ein Mensch konfrontiert, der heute an diesem Ort lebt? Zum Beispiel gibt es in der Literatur vieler Länder meiner Meinung nach immer diese Person, diese Figur oder dieses Symbol – jemanden, der leidet, sich nach etwas Besserem sehnt, sich aber gleichzeitig auf seine eigene Weise selbst zerstört. Plötzlich findet er sich in einem Schicksal gefangen, das er nicht kontrollieren kann, doch dieses Schicksal ist universell. Es ist nicht nur spezifisch für ein Land oder eine ethnische Gruppe. Das brachte mich auf die Idee, ein ‚Filmmonster‘ zu erschaffen, denn der Film ist als Medium am besten geeignet, ein solches Konzept auszudrücken. Gleichzeitig wollte ich den Film so dicht wie möglich erzählen. Ich wollte, dass das Publikum, genau wie das Monster selbst, ein Jahrhundert in einem zweieinhalbstündigen Film erlebt. Ich wollte die Schönheit wiederbeleben, die einst dem Kino gehörte.“
National Public Radio meinte über Bi Gan: „Bi (…) has made a name for himself by making films that glide in and out of subconscious worlds that feel suspended in time and space.“ Wir werden also in die Welt der Träume, die Welt des Unbewussten eintauchen. „Welches Tor kann niemals geöffnet werden?“ heißt es irgendwann, „das Tor zum Verstand.“ Janick Nolting schreibt ihm Presseheft zum Film: „Das Schaffen von Bi Gan hat sich bereits in den letzten Jahren der Welt der Träume, Erinnerungen und zerfließenden Zeit verschrieben. Der Film ist in den Arbeiten des chinesischen Regisseurs ein Medium und eine Eintrittspforte in das Unterbewusste. Nach KAILI BLUES und LONG DAY‘S JOURNEY INTO NIGHT dringt RESURRECTION nun noch selbstreflexiver in den Maschinenraum der Fiktion und Illusionsmaschine des Lichtspiels vor. Sich einer medial geformten Sicht auf die Welt hinzugeben, meint hier, sich in einem Kaleidoskop und Labyrinth getrübter Wahrnehmungsweisen zu verirren. Ein Körper verschmilzt in Bi Gans Kinopoesie mit dem filmischen Apparat und strebt so seinem erlösenden Ende entgegen.“

„In einer wilden und brutalen Zeit hat die Menschheit entdeckt, dass das Geheimnis des ewigen Lebens darin besteht, nicht länger zu träumen“, heißt es am Anfang des Films. Menschen, die nicht träumen seien wie Kerzen, die nicht brennen. „Sie können ewig existieren.“ Die heimlichen Träumer heißen „Fantasmer“. Ein Loch brennt sich in eine Kinoleinwand, durch dieses Loch können wir dann in den Stummfilmkinosaal hineinsehen, der nun von der Polizei geräumt wird. Die Fantasmer verstecken sich in alten Geschichten, in Filmen. Eine Frau taucht auf in dem Kino. Sie nennt ein Filmstudio ihr eigen. In einem wundersamen, expressionistischen Stummfilm, in den wir nun plötzlich eintauchen, entdeckt sie ihn, eine gebeugte, monsterhafte Figur, in einer Opiumhöhle, er befeuert seine Träume allmählich. In ihrem Auge gespiegelt, erkennt er nun, wie hässlich er ist. Die Träume sind auf Dauer tödlich: „Hör auf zu träumen, dein Leben wird zu Asche“, ruft sie ihm entgegen – und nimmt die Gestalt mit in ihr Filmstudio. In seinem verborgenen Herzen befindet sich ein Filmprojektor, in den sie nun einen Film einlegt, damit er sein Leben noch einmal in Träumen durchstehen kann. Sein Leben beginnt zu schwinden.
Wir tauchen nun ein in den ersten Traum, der in einer düsteren, regnerischen Welt spielt, die stets von Luftangriffen bedroht ist. Es entfaltet sich ein mysteriöser, schwer nachvollziehbarer Kriminalfall, der mit dem Fantasmer Qiu Moyun zu tun hat und einem jungen Musiker, der sich in die Ohren gestochen hat – oder dem in die Ohren gestochen wurde. Qiu Moyun ist nun verdächtig, möglicherweise, so steht es in den Akten, leidet er unter einer psychischen Störung. In einem tropfenden Verließ wird er verhört und soll seine Tat gestehen. Doch er erzählt einen anderen Ablauf: Der Musiker sei von Qius Stimme besessen gewesen. Auf den Schienen fanden sie sich wieder, ein Zug nahte. Der Musiker habe sich in die Ohren gestochen und wollte mit Qiu gemeinsam sterben, doch Qiu konnte sich befreien, der Musiker starb. Bachs „Komm, süßer Tod“ kommt nun irgendwie ins Spiel, hinter dem Musikstück verbirgt sich ein geheimer Code. Ein Koffer kommt ins Spiel, ein Koffer der angeblich Menschen in den Wahnsinn treibe. Qiu wird, an den Beinen aufgehängt, gefoltert. Doch was hat es mit diesem Koffer auf sich? Was verbirgt sich in ihm?
Ein zweiter Traum: Zwanzig Jahre später, irgendwo auf dem Land, in einer verschneiten Landschaft. Der Fantasmer hat inzwischen immer wieder seine Gestalt gewechselt, einst war er ein Mönch. Gemeinsam mit einer Truppe von Plünderern sucht er ein altes, leerstehendes Kloster auf. Sie packen alles auf den LKW, was halbwegs wertvoll aussieht. Doch eine der Buddhastatuen zerfällt in Steine, bevor sie weggeschafft werden kann. Über Nacht bleibt der Fantasmer im Kloster zurück, er soll am nächsten Tag abgeholt werden. Doch nachts hört er die Buddhastimme, die ihm dabei hilft einen schmerzenden Zahn auszuschlagen. Und dann taucht jemand auf, der sich den „Geist der Bitterkeit“ nennt: „Bald werde ich erleuchtet werden“, sagt er. Aber er solle ihm doch nun beim letzten Schritt zur Erleuchtung helfen.
Es folgt der dritte Traum. Zehn Jahre später…
In der Tat hatte ich zwischendurch die Idee, dass der Film eine raffinierte Sammlung von Kurzfilmen sei. Ein Decamerone des chinesischen Films. Das greift aber viel zu kurz und trifft nicht die Konstruktion des Drehbuchs. Auch der Regisseur äußert sich in diese Richtung: „Ich möchte auf keinen Fall, dass diese Geschichten als eigenständige Vignetten oder als Sammlung
von Kurzfilmen wahrgenommen werden. Ich möchte, dass es sich losgelöst anfühlt – so, als würde die Figur ‚Fantasmer‘ durch ein ganzes Jahrhundert treiben. Deshalb sollte sich das Gefühl der Realitätsnähe in jeder Geschichte verwässert anfühlen. Manche Zuschauer könnten diesen Film als ein spirituelles Porträt des chinesischen Volkes wahrnehmen. Keine konkrete Gestalt, sondern
etwas Abstraktes – eine Essenz des Chinesisch-Seins. Bei einer Laufzeit von zweieinhalb Stunden geht es hier nicht um eine einzelne Epoche. Das Jahrhundert selbst muss der Protagonist sein.“ Raffiniert verknüpft Bi Gan die unterschiedlichen Erzählstile und die unterschiedliche visuelle und narrative Herangehensweisen der einzelnen Traumepisoden miteinander. Visuell kann man sie eindeutig von einander unterscheiden – die Bilder haben einen sehr unterschiedlichen Farbton und unterschiedliche Bildstimmungen, sei es etwa in den regnerischen Nachtaufnahmen der ersten Episode im Kontrast zu den verschneiten Landschaftsbildern der zweiten Episode.

Folgen wir noch einmal dem, was Janick Nolting über den Film schreibt: „In der Dystopie von RESURRECTION wird das Träumen zum Inbegriff des Sterbens und zu einer ambivalenten Sehnsucht, die sich nicht zuletzt in der Produktion und
Rezeption bewegter Bilder entfaltet. Die Menschheit hat das ewige Leben erlangt und dafür das Träumen aufgegeben. Die, die sich dessen verweigern, sind Verfolgte, Monster, die sogenannten Fantasmer. Auf der letzten Reise eines dieser Monster führt uns Bi Gan durch imaginierte künstlerische Welten, die ein ganzes Jahrhundert Filmgeschichte in sich tragen. Nicht als Allheilmittel und reine Utopie, sondern als Übung, mit dem Leid, mit der Vergänglichkeit zu leben! Vielleicht gerade deshalb, weil die Träume des Films selten mit der Alltagsrealität vereinbar sind oder sogar dessen Dunkelheit nach außen kehren. Oder: Weil sie an sich schon Spuren des Verlusts und Zerfalls in sich tragen. Davon zeugen die einzelnen Episoden und erzählerischen Fragmente, die der Film aneinanderreiht. Das betrifft aber auch den Film per se, der das Distanzierte und Untote aus einer anderen Zeit, von einem anderen Ort vor uns als Trugbild erscheinen lässt. Hier und Dort, Gegenwart und Vergangenheit lässt er verschmelzen.“
Bi Gan gelingt ein schwelgerisches, bildgewaltiges Epos, das durch seine Teilerzählungen genauso beeindruckt wie durch die fantasiereiche Rahmenhandlung. Es ist ein kleiner Kampf für den Zuschauer, sich insbesondere durch die Rahmenhandlung durchzukämpfen – und manches bleibt, zumindest beim ersten Sehen, auch geheimnisvoll, schwer erschließbar. Raffiniert verwebt „Resurrection“ die Welt des Traumes, die Welt des Filmes, der Fantasie und die Welt des Todes miteinander. Bi Gan gelingt ein bisweilen schwer zugängliches, dennoch überwältigendes kleines Meisterwerk des chinesischen Gegenwartfilms.