Der Tod und das Kino: RESURRECTION von Bi Gan ab 25.06.2026 im Kino

Res­ur­rec­tion 4 © 2025 Dan­g­mai – CG Cin­e­ma – Arte France Cin­e­ma

Kaili ist die Haupt­stadt des Autonomen Bezirks Qian­dong­nan in der chi­ne­sis­chen Prov­inz Guizhou. Eine gute halbe Mil­lion Ein­wohn­er. In Kaili wurde 1989 Bi Gan geboren. Studiert hat er am Shanxi-Insti­tut für Kom­mu­nika­tion in Taiyuan, bald fing er mit seinen ersten Filmver­suchen an, aus dem Jahr 2025 stammt schließlich sein erster Spielfilm, „Kaili Blues”, der eben in sein­er Geburt­st­sadt spielt und der in Locarno lief. „Long Day’s Jour­ney into Night”, sein zweit­er Lang­film, lief 2018 in Cannes in der Sek­tion „Un Cer­tain Regard“. 2022 drehte er den Kurz­film „A Short Sto­ry” – aus dem Blick­winkel ein­er Katze. „Res­ur­rec­tion” ist nun sein drit­ter Lang­film, am 25. Juni 2026 startet er in den deutschen Kinos.

„Ich denke, die Sprache mit der ich mich am wohlsten füh­le, ist defin­i­tiv die des Kinos”, erzählt Bi Gan zur Entste­hung von „Res­ur­rec­tion”. „Im Laufe des ver­gan­genen Jahrhun­derts stellt sich ganz natür­lich die Frage: Mit welchen philosophis­chen Fra­gen ist ein Men­sch kon­fron­tiert, der heute an diesem Ort lebt? Zum Beispiel gibt es in der Lit­er­atur viel­er Län­der mein­er Mei­n­ung nach immer diese Per­son, diese Fig­ur oder dieses Sym­bol – jeman­den, der lei­det, sich nach etwas Besserem sehnt, sich aber gle­ichzeit­ig auf seine eigene Weise selb­st zer­stört. Plöt­zlich find­et er sich in einem Schick­sal gefan­gen, das er nicht kon­trol­lieren kann, doch dieses Schick­sal ist uni­versell. Es ist nicht nur spez­i­fisch für ein Land oder eine eth­nis­che Gruppe. Das brachte mich auf die Idee, ein ‚Film­mon­ster’ zu erschaf­fen, denn der Film ist als Medi­um am besten geeignet, ein solch­es Konzept auszu­drück­en. Gle­ichzeit­ig wollte ich den Film so dicht wie möglich erzählen. Ich wollte, dass das Pub­likum, genau wie das Mon­ster selb­st, ein Jahrhun­dert in einem zweiein­halb­stündi­gen Film erlebt. Ich wollte die Schön­heit wieder­beleben, die einst dem Kino gehörte.”

Nation­al Pub­lic Radio meinte über Bi Gan: „Bi (…) has made a name for him­self by mak­ing films that glide in and out of sub­con­scious worlds that feel sus­pend­ed in time and space.” Wir wer­den also in die Welt der Träume, die Welt des Unbe­wussten ein­tauchen. „Welch­es Tor kann niemals geöffnet wer­den?” heißt es irgend­wann, „das Tor zum Ver­stand.” Jan­ick Nolt­ing schreibt ihm Presse­heft zum Film: „Das Schaf­fen von Bi Gan hat sich bere­its in den let­zten Jahren der Welt der Träume, Erin­nerun­gen und zer­fließen­den Zeit ver­schrieben. Der Film ist in den Arbeit­en des chi­ne­sis­chen Regis­seurs ein Medi­um und eine Ein­trittsp­forte in das Unter­be­wusste. Nach KAILI BLUES und LONG DAY‘S JOURNEY INTO NIGHT dringt RESURRECTION nun noch selb­stre­flex­iv­er in den Maschi­nen­raum der Fik­tion und Illu­sion­s­mas­chine des Licht­spiels vor. Sich ein­er medi­al geformten Sicht auf die Welt hinzugeben, meint hier, sich in einem Kalei­doskop und Labyrinth getrübter Wahrnehmungsweisen zu verir­ren. Ein Kör­p­er ver­schmilzt in Bi Gans Kinopoe­sie mit dem filmis­chen Appa­rat und strebt so seinem erlösenden Ende ent­ge­gen.”

Res­ur­rec­tion 10 © 2025 Dan­g­mai – CG Cin­e­ma – Arte France Cin­e­ma

„In ein­er wilden und bru­tal­en Zeit hat die Men­schheit ent­deckt, dass das Geheim­nis des ewigen Lebens darin beste­ht, nicht länger zu träu­men”, heißt es am Anfang des Films. Men­schen, die nicht träu­men seien wie Kerzen, die nicht bren­nen. „Sie kön­nen ewig existieren.” Die heim­lichen Träumer heißen „Fan­tas­mer”. Ein Loch bren­nt sich in eine Kinolein­wand, durch dieses Loch kön­nen wir dann in den Stumm­filmki­nosaal hinein­se­hen, der nun von der Polizei geräumt wird. Die Fan­tas­mer ver­steck­en sich in alten Geschicht­en, in Fil­men. Eine Frau taucht auf in dem Kino. Sie nen­nt ein Film­stu­dio ihr eigen. In einem wun­der­samen, expres­sion­is­tis­chen Stumm­film, in den wir nun plöt­zlich ein­tauchen, ent­deckt sie ihn, eine gebeugte, mon­ster­hafte Fig­ur, in ein­er Opi­umhöh­le, er befeuert seine Träume allmäh­lich. In ihrem Auge gespiegelt, erken­nt er nun, wie hässlich er ist. Die Träume sind auf Dauer tödlich: „Hör auf zu träu­men, dein Leben wird zu Asche”, ruft sie ihm ent­ge­gen – und nimmt die Gestalt mit in ihr Film­stu­dio. In seinem ver­bor­ge­nen Herzen befind­et sich ein Film­pro­jek­tor, in den sie nun einen Film ein­legt, damit er sein Leben noch ein­mal in Träu­men durch­ste­hen kann. Sein Leben begin­nt zu schwinden.

Wir tauchen nun ein in den ersten Traum, der in ein­er düsteren, reg­ner­ischen Welt spielt, die stets von Luftan­grif­f­en bedro­ht ist. Es ent­fal­tet sich ein mys­ter­iös­er, schw­er nachvol­lziehbar­er Krim­i­nal­fall, der mit dem Fan­tas­mer Qiu Moyun zu tun hat und einem jun­gen Musik­er, der sich in die Ohren gestochen hat – oder dem in die Ohren gestochen wurde. Qiu Moyun ist nun verdächtig, möglicher­weise, so ste­ht es in den Akten, lei­det er unter ein­er psy­chis­chen Störung. In einem tropfend­en Ver­ließ wird er ver­hört und soll seine Tat geste­hen. Doch er erzählt einen anderen Ablauf: Der Musik­er sei von Qius Stimme besessen gewe­sen. Auf den Schienen fan­den sie sich wieder, ein Zug nahte. Der Musik­er habe sich in die Ohren gestochen und wollte mit Qiu gemein­sam ster­ben, doch Qiu kon­nte sich befreien, der Musik­er starb. Bachs „Komm, süßer Tod” kommt nun irgend­wie ins Spiel, hin­ter dem Musik­stück ver­birgt sich ein geheimer Code. Ein Kof­fer kommt ins Spiel, ein Kof­fer der ange­blich Men­schen in den Wahnsinn treibe. Qiu wird, an den Beinen aufge­hängt, gefoltert. Doch was hat es mit diesem Kof­fer auf sich? Was ver­birgt sich in ihm?

Ein zweit­er Traum: Zwanzig Jahre später, irgend­wo auf dem Land, in ein­er ver­schneit­en Land­schaft. Der Fan­tas­mer hat inzwis­chen immer wieder seine Gestalt gewech­selt, einst war er ein Mönch. Gemein­sam mit ein­er Truppe von Plün­der­ern sucht er ein altes, leer­ste­hen­des Kloster auf. Sie pack­en alles auf den LKW, was halb­wegs wertvoll aussieht. Doch eine der Bud­dhas­tat­uen zer­fällt in Steine, bevor sie weggeschafft wer­den kann. Über Nacht bleibt der Fan­tas­mer im Kloster zurück, er soll am näch­sten Tag abge­holt wer­den. Doch nachts hört er die Bud­dhas­timme, die ihm dabei hil­ft einen schmerzen­den Zahn auszuschla­gen. Und dann taucht jemand auf, der sich den „Geist der Bit­terkeit” nen­nt: „Bald werde ich erleuchtet wer­den”, sagt er. Aber er solle ihm doch nun beim let­zten Schritt zur Erleuch­tung helfen.

Es fol­gt der dritte Traum. Zehn Jahre später…

In der Tat hat­te ich zwis­chen­durch die Idee, dass der Film eine raf­finierte Samm­lung von Kurz­fil­men sei. Ein Decamerone des chi­ne­sis­chen Films. Das greift aber viel zu kurz und trifft nicht die Kon­struk­tion des Drehbuchs. Auch der Regis­seur äußert sich in diese Rich­tung: „Ich möchte auf keinen Fall, dass diese Geschicht­en als eigen­ständi­ge Vignetten oder als Samm­lung
von Kurz­fil­men wahrgenom­men wer­den. Ich möchte, dass es sich los­gelöst anfühlt – so, als würde die Fig­ur ‚Fan­tas­mer’ durch ein ganzes Jahrhun­dert treiben. Deshalb sollte sich das Gefühl der Real­ität­snähe in jed­er Geschichte ver­wässert anfühlen. Manche Zuschauer kön­nten diesen Film als ein spir­ituelles Porträt des chi­ne­sis­chen Volkes wahrnehmen. Keine konkrete Gestalt, son­dern
etwas Abstrak­tes – eine Essenz des Chi­ne­sisch-Seins. Bei ein­er Laufzeit von zweiein­halb Stun­den geht es hier nicht um eine einzelne Epoche. Das Jahrhun­dert selb­st muss der Pro­tag­o­nist sein.” Raf­finiert verknüpft Bi Gan die unter­schiedlichen Erzählstile und die unter­schiedliche visuelle und nar­ra­tive Herange­hensweisen der einzel­nen Traumepiso­den miteinan­der. Visuell kann man sie ein­deutig von einan­der unter­schei­den – die Bilder haben einen sehr unter­schiedlichen Farbton und unter­schiedliche Bild­stim­mungen, sei es etwa in den reg­ner­ischen Nach­tauf­nah­men der ersten Episode im Kon­trast zu den ver­schneit­en Land­schafts­bildern der zweit­en Episode.

Res­ur­rec­tion 2 © 2025 Dan­g­mai – CG Cin­e­ma – Arte France Cin­e­ma

Fol­gen wir noch ein­mal dem, was Jan­ick Nolt­ing über den Film schreibt: „In der Dystopie von RESURRECTION wird das Träu­men zum Inbe­griff des Ster­bens und zu ein­er ambiva­len­ten Sehn­sucht, die sich nicht zulet­zt in der Pro­duk­tion und
Rezep­tion bewegter Bilder ent­fal­tet. Die Men­schheit hat das ewige Leben erlangt und dafür das Träu­men aufgegeben. Die, die sich dessen ver­weigern, sind Ver­fol­gte, Mon­ster, die soge­nan­nten Fan­tas­mer. Auf der let­zten Reise eines dieser Mon­ster führt uns Bi Gan durch imag­inierte kün­st­lerische Wel­ten, die ein ganzes Jahrhun­dert Filmgeschichte in sich tra­gen. Nicht als All­heilmit­tel und reine Utopie, son­dern als Übung, mit dem Leid, mit der Vergänglichkeit zu leben! Vielle­icht ger­ade deshalb, weil die Träume des Films sel­ten mit der All­t­agsre­al­ität vere­in­bar sind oder sog­ar dessen Dunkel­heit nach außen kehren. Oder: Weil sie an sich schon Spuren des Ver­lusts und Zer­falls in sich tra­gen. Davon zeu­gen die einzel­nen Episo­den und erzäh­lerischen Frag­mente, die der Film aneinan­der­rei­ht. Das bet­rifft aber auch den Film per se, der das Dis­tanzierte und Untote aus ein­er anderen Zeit, von einem anderen Ort vor uns als Trug­bild erscheinen lässt. Hier und Dort, Gegen­wart und Ver­gan­gen­heit lässt er ver­schmelzen.”

Bi Gan gelingt ein schwel­gerisches, bildge­waltiges Epos, das durch seine Teil­erzäh­lun­gen genau­so beein­druckt wie durch die fan­tasiere­iche Rah­men­hand­lung. Es ist ein klein­er Kampf für den Zuschauer, sich ins­beson­dere durch die Rah­men­hand­lung durchzukämpfen – und manch­es bleibt, zumin­d­est beim ersten Sehen, auch geheimnisvoll, schw­er erschließbar. Raf­finiert ver­webt „Res­ur­rec­tion” die Welt des Traumes, die Welt des Filmes, der Fan­tasie und die Welt des Todes miteinan­der. Bi Gan gelingt ein bisweilen schw­er zugänglich­es, den­noch über­wälti­gen­des kleines Meis­ter­w­erk des chi­ne­sis­chen Gegen­wart­films.

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