CHINA SEA von Jurgis Matulevičius beim goEast Filmfestival in Wiesbaden

Mit Kick­box­en hat­te ich in meinem Leben noch nicht so richtig viel zu tun, wohl aber mit Box­en. Für mein Buch PUNCH besuchte ich unzäh­lige Boxkämpfe in New York, Berlin, Liss­abon, Ham­burg. Ich war auf der Suche nach dem Schmerz, den ich als Bild ein­fan­gen kon­nte, keine leichte Angele­gen­heit. PUNCH wurde schließlich zu allem anderen als eine Sportre­portage, es wurde zu einem inti­men Blick hin­ter die Kulis­sen, die Konzen­tra­tion der Vor­bere­itung, das Train­ing, die Vor­bere­itung auf den Kampf und schließlich der Kampf selb­st. Alleine ein Foto eines K.O.s zu machen dauerte viele, viele Monate, schlicht weil es im Box­en gar nicht so riesig viele K.O.s gibt – und wenn dann stand ich am falschen Ort und es gelang mir keine vernün­ftige Auf­nahme. Irgend­wann schaffte ich es doch – und die ganze Serie war abgelichtet. Immer­hin hat die ZEIT dann über das Buch geschrieben: „Das Dra­ma aus Muskeln, Kopf und Willen spiegelt sich hier pack­end inten­siv im men­schlichen Antlitz.”

Aber nun zu dem Film, um den es mir hier geht: CHINA SEA von Jur­gis Mat­ule­vičius, der beim goEast Film­fes­ti­val in Wies­baden zu sehen ist. Und da geht es um Kick­box­en, eine Sportart, die eigentlich nur an der Ober­fläche viel mit Box­en zu tun hat. Die Strate­gien, die Abläufe sind beim Kick­box­en ganz andere. Auch das Pub­likum und die Kämpfer sind ganz ander­er Natur. Dass es seit eini­gen Jahren „Chess­box­ing”, eine Mis­chung aus Box­en und Schach spie­len gibt, ist gar nicht sehr über­raschend. Manch­mal ist da viel miteinan­der ver­wandt, oft braucht man strate­gis­ches Geschick beim Box­en, wie eben beim Schachspie­len. Kick­box­en ist davon Wel­ten ent­fer­nt.

Osvald, gespielt von Mar­ius Repšys, ist ein inter­na­tion­al gefeiert­er Kick­box­er. Vor ausverkauften Hallen kämpft er vor dem begeis­terten Pub­likum, hat eine Vielzahl von gewonnenen Kämpfen hin­ter sich. „Der litauis­che Bär ken­nt keine Gnade”, kom­men­tieren die Reporter, nach acht Sekun­den schickt er seinen japanis­chen Geg­n­er auf den Boden. Das schnell­ste K.O. in der Geschichte des Turniers. Welt­meis­ter im Wel­tergewicht.

Schnitt. Plöt­zlich ist die Welt eine ganz andere. Nachts fährt Osvald U‑Bahn. Osvald hat nur einen einzi­gen Fre­und, anson­sten ist er vol­lkom­men alleine, auf sich gestellt. Ju-Long, so heißt sein Fre­und, ist ein tai­wane­sis­ch­er Ein­wan­der­er. Ju-Long betreibt einen Imbiss, „Chi­na Sea” heißt der hüb­sch ein­gerichtete Laden. Osvald arbeit­et hier. Er ist von Schuldge­fühlen geplagt. Nach­dem er bei ein­er Schlägerei in ein­er Bar eine Frau verse­hentlich ver­let­zt hat, musst er seine Kick­box­erkar­riere an den Nagel hän­gen. Wohl für immer. Von der Kick­box­er­welt ist er soweit ent­fer­nt wie nur denkbar, nur seinem Fre­und zeigt er hin und wieder mal die Moves, die ihn so erfol­gre­ich gemacht haben. Ju-Longs Mut­ter sieht Osvald nicht gerne, sie hält ihn für einen Schmarotzer, wenn er im Laden ist, so soll er gefäl­ligst auch bezahlen. Im Fernse­hen ver­sucht Osvald die Chance zu nutzen, um Verzei­hung zu bit­ten. Aber trotz allem sucht er regelmäßig das Gym auf und trainiert. Auch sein alter Train­er will nichts mehr von ihm wis­sen.

Das Gericht hat ihm eine Grup­penther­a­pie ange­ord­net, um mit sein­er Gewalt zurecht zu kom­men. Skaistė ist auch dort. Voller Wut sei sie, schildert sie. Ich will nur geliebt wer­den, aber sie wisse nicht, wer sie sei. Osvald ist fasziniert von ihr. Aber Osvals lässt sich nicht hän­gen, er hat weit­ere Pläne: Gerne würde er ein eigenes Stu­dio eröff­nen, aber kann er über­haupt trainieren? Er fängt an, junge Box­erin­nen und Box­er zu trainieren. Engagiert ist er bei der Sache.

Eines Tages ent­deckt er beim Train­ing auf einem still­gelegten Fab­rikgelände einen aus­ge­set­zten Hund, den er mit­nimmt und der fürder­hin sein Gefährte ist. Asbo nen­nt er ihn und fürder­hin ist Asbo auch bei den Aus­dauer­train­ings an der frischen Luft mit den jun­gen Box­erin­nen und Box­ern dabei. Eis­baden gehört auch zum Train­ing dazu.

Osvald scheint auf einem guten Weg zu sein. Er kann die jun­gen Men­schen für den Sport begeis­tern, ist voller Lei­den­schaft bei der Sache und er begin­nt sich immer mehr für die faszinierende Skaistė zu inter­essieren. Die ist Sän­gerin in ein­er Band. Doch während er davon träumt, wieder ein besseres Leben zu haben, wird er von düsteren Typen aus der Ver­gan­gen­heit – und von der Gewalt einge­holt.

„Baltic-Noir“ nen­nt der Pres­se­text zum Film dieses Genre, keine Ahnung, ob das wirk­lich ein Ding ist. Jeden­falls ist es ein Film über Schuld, über das Vergessen, über zweite Chan­cen. Der Film lebt unter anderem auch von seinem Haupt­darsteller, Mar­ius Repšys, einem in Litauen recht bekan­nten Schaus­piel­er, der einst vom The­ater kam. Dazu kamen inzwis­chen auch etliche Film­rollen, 2026 wird er zum Beispiel im litauis­chen Film „How to Divorce Dur­ing the War” zu sehen sein. Offen hat er vor eini­gen Jahren über seine Depres­sion und psy­cho­tis­che Episo­den gesprochen, die er seit sein­er Kind­heit durch­litt.

Jur­gis Mat­ule­vičius ist der Regis­seur des Films, Jahrgang 1989. Er ist bekan­nt für seine Filme „Ani­ma Ani­mus” aus dem Jahr 2012 und „Izaokas” aus dem Jahr 2019. „Izaokas” war sein erster Lang­film, Der Film spielt in Kau­nas in Litauen im Jahr 1941 und erzählt die Geschichte eines Mas­sak­ers in Lietukio.

„Chi­na Sea” lebt von den starken Fig­uren und der düsteren Szener­ie und ist eigentlich genau dann am stärk­sten, wenn er am aller­wenig­sten Gen­re­film ist – wir erin­nern uns: „Baltic Noir”. Die per­sön­liche Geschichte ist in der Tat die viel span­nen­dere als die Krim­i/Noir-Geschichte und der Ein­blick in die Kick­box­er­szene ist faszinierend. Bei den Film­fest­spie­len in Tallinn gewann „Chi­na Sea” den Kri­tik­er­preis und in der Tat wird mir die Atmo­sphäre des Films, dieser her­vor­ra­gende Haupt­darsteller und auch einige der Szenen des Films noch lange in Erin­nerung bleiben.

KINŲ JŪRA

LTU, POL, CZE 202596 min / OmeU

Sprache: Litauisch, Englisch,

Regie: Jur­gis Mat­ule­vičius

Vorstel­lun­gen

  • Cali­gari Sa, 25.04. / 22:15 Uhr
  • DFF, Frank­furt So, 26.04. / 20:30 Uhr
  • Mur­nau Mo, 27.04. / 16:00 Uhr

Drehbuch: Saulė Bli­u­vaitė
Kam­era: Bar­tosz Świniars­ki
Schnitt: Ignė Narbu­taitė
Musik: Agnė Mat­ule­vičiūtė
Ton: Mar­ius Blazys
Beset­zung: Mar­ius Repšys, Sev­er­i­ja Janušauskaitė, Jian Huang, Vaido­tas Mar­ti­naitis

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