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„Mein Anspruch war es, eine authentische Darstellung der Arbeit in einem Krankenhaus zu schaffen“, erzählt die Regisseurin Zinnini Elkington über die Entstehung des Films „Nachbeben“. „Der Film ist zu 100% fiktiv, basiert jedoch auf jahrelanger Recherche, einschließlich persönlicher Erfahrungen, die Ärztinnen und Ärzte mit mir geteilt haben, wissenschaftlicher Studien zu diesem Thema sowie Feldstudien, die auf einer realen Schlaganfallstation in Kopenhagen durchgeführt wurden. Darüber hinaus wurde der Film im 12. Stock des Herlev-Krankenhauses – einem aktiven, in Betrieb befindlichen Krankenhaus – in enger Zusammenarbeit mit dem Personal und in direktem Kontakt mit den Menschen gedreht, die wir darstellen.“
Das Herlev-Krankenhaus, in dem „Nachbeben“ gedreht wurde, liegt in Herlev, einem Nachbarort von Kopenhagen, das „Herlev Hospital, das sich als Eckpfeiler exzellenter Gesundheitsversorgung etabliert hat, ist seit seiner Eröffnung im Jahr 1976 ein Leuchtturm medizinischer Innovation und mitfühlender Pflege“, steht auf dessen Internetseite. „Mit dem Anspruch auf Exzellenz hat sich unser Krankenhaus zu einer führenden Institution entwickelt, die an der Spitze medizinischer Fortschritte und des Wohlbefindens der Patienten steht.“ Aber natürlich ist „Nachbeben“ eine fiktionale Geschichte, die an vermutlich jedem Ort in Europa (oder darüber hinaus) passieren könnte, so wie Petra Volpes Film „Heldin“ ja auch nicht notwendigerweise in der Schweiz spielen müsste – die Vergleiche mit „Heldin“ liegen nahe, aber ich verzichte auf Vergleiche, „Nachbeben“ ist ein eigener Film, eine eigene Geschichte, hat einen eigenen Charakter.
Zinnini Elkington ist die Regisseurin und Drehbuchautorin von „Nachbeben“, der Film ist ihr Langfilmdebüt, nach ihren Kurzfilmen „Rainbow Girls“, „A Fling“ und „Skifting“. „Nachbeben“ erhielt bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck den NDR-Filmpreis, beim Filmfest Hamburg den „Preis der Filmkritik“. Studiert hat Elkington an der 1999 gegründeten Filmschule Super16 in Kopenhagen, einer Alternativeinrichtung zur National Film School of Denmark. In der Tat hatte ich von Super16 noch nichts gehört; auf der Internetseite steht: „Es hat oberste Priorität, den Prozess frei von Einschränkungen durch ein Topmanagement und kreative Vorgaben zu halten, um ein mutiges und unabhängiges kreatives Umfeld zu fördern. Daher gibt es keine Führungskräfte oder eine übergeordnete Verwaltung.“ Klingt spannend.
Alex ist Assistenzärztin in einem Krankenhaus. Sie tritt morgens den Dienst an, der Bildhintergrund wirkt beinahe psychedelisch bunt. Man trifft sich in der Umkleide, der Arbeitstag beginnt. Emilie ist da, sie hat heute auf ihrer Station die erste Schicht alleine, sie ist noch nicht sehr erfahren und fühlt sich unsicher. Esben ist ein alter Hase, er ist Neurochirurg. Wisch dir den Lipgloss aus dem Gesicht, rät Alex Emilie, sonst würde man sie für eine Krankenschwester halten. Wir verfolgen Alex auf Schritt und Tritt, die Kamera ist ihr dicht auf den Fersen, die Musik ist hektisch und enervierend, im positiven Sinn. Die erste neue Patientin wird telefonisch angekündigt, Winnie, eine 68-jährige mit Schlaganfallsymptomen. Bei alledem übernimmt Alex heute auch den Job der Telefonaufsicht, ein Kollege ist krank. Alex wirkt souverän, man traut ihr Vieles zu, vor allem dass sie einschätzen kann, wann es zuviel wird.
Winnie wird inzwischen eingeliefert, sie wird versorgt, doch dann kommt der Anruf von Emilie, es geht um einen 18-Jährigen mit Kopfschmerzen und möglicherweise einer Nackensteifigkeit. Der junge Mann hat heute Geburtstag und will eigentlich so schnell wie möglich wieder nach Hause. Alex untersucht ihn, ihr fällt nichts Besorgnis erregendes auf, sie schickt ihn mit seiner Mutter nach Hause. Ob sie nicht doch ein MRT machen sollten, fragt Emilie. Alex verneint es, und schon wird sie auch von einem Notfallsignal zu Winnie zurückgerufen und kümmert sich um sie – und ihren aufgebrachten Sohn. In einem kurzen Moment der Ruhe signalisiert Emilie Alex, dass sie sich überfordert fühle. Alex beschwichtigt sie.
Doch dann herrscht plötzlich Hektik: Oliver ist mit seiner Mutter zurückgekehrt, weil es ihm schlechter geht – und dann bricht er zusammen. Das MRT ergibt eine Hirnblutung. Was tun? Man verhandelt, bei welcher Option die größere Überlebenschance für den jungen Mann besteht – und bei welcher Handlungsoption die Gefahr einer Hirnschädigung höher ist. Die Entscheidungen müssen sofort getroffen werden. Esben wird zu einer Operation überredet, zieht dann aber zurück: Die Gefahr ist zu groß.
Am Ende der Schicht wird über den Tag gesprochen und nun sind wir irgendwo zwischen Fehleranalyse, Schuldzuweisungen, Unsicherheit, fehlender Berufserfahrung, Überforderung – und dabei, was denn nun wer gesagt und getan hat – und vor allem wer was unterlassen hat? Olivers Chancen, gesund aus dem Vorfall herauszukommen, sind nicht sehr groß.
„Nachbeben“ ist ein berührendes Drama ebenso wie ein dramatischer psychologischer Thriller, der es uns schwer macht, eine feste Position einzunehmen: Welche Antworten können die Eltern bekommen, wo sind die Schwierigkeiten zwischen Kollegen und Vorgesetzten, wie sehr sind Irrtümer in Überforderungssituationen verzeihlich, wenn sie schwere Folgen haben? Wer ist für diese Überforderungssituationen verantwortlich? Insbesondere die Hauptdarstellerin, Özlem Saglanmak, trägt durch die Dramatik des Films, der immer wieder auch den Zuschauer vor der Herausforderung stellt, einzuordnen, ob das, was da geschieht richtig oder falsch ist, wer Fehler macht, ob es Schuldige gibt.
„Die Idee zu NACHBEBEN entstand 2020, als meine jüngere Schwester begann, mir von ihren Erfahrungen als junge Ärztin zu erzählen“, sagt Zinnini Elkington. „Ich war verblüfft über die großen Dilemmata, mit denen sie täglich konfrontiert war, und über die immense Verantwortung, die ihr seit ihrem Abschluss in Medizin übertragen wurde. Ich wusste, dass ich einen Film über eine Ärztin und die menschlichen Folgen unseres Gesundheitssystems drehen wollte, und als ich auf den psychologischen Begriff ‚Second Victim‘ stieß, wusste ich, dass ich den Kern der Geschichte gefunden hatte. ‚Second Victim‘ beschreibt die psychologischen Auswirkungen, die ein unerwünschtes Ereignis, wie z. B. eine Verletzung eines Patienten, auf medizinisches Personal hat. Hinter den OP-Kitteln stehen immer Menschen.“
Zinnini Elkington gelingt ein beeindruckender Film, der den Zuschauer mit seiner Nähe und seiner Authentizität immer wieder an den Rand der emotionalen Überforderung bringt. Und noch einmal die Worte der Regisseurin: „Ich möchte dem Publikum ein nahbares Filmerlebnis bieten, als hätte es selbst eine hektische Schicht gearbeitet. Der Film liefert keine einfachen Antworten, aber ich hoffe, dass er nach dem Abspann zu weiteren Gedanken, mehr Verständnis und sinnvollen Gesprächen anregt.“ Das ist ihr zutiefst gelungen.