NACHBEBEN von Zinnini Elkington ab dem 7. Mai 2026 im Kino

Nach­beben / Özlem Saglan­mak
© 2026 Light­house

„Mein Anspruch war es, eine authen­tis­che Darstel­lung der Arbeit in einem Kranken­haus zu schaf­fen”, erzählt die Regis­seurin Zin­ni­ni Elk­ing­ton über die Entste­hung des Films „Nach­beben”. „Der Film ist zu 100% fik­tiv, basiert jedoch auf jahre­langer Recherche, ein­schließlich per­sön­lich­er Erfahrun­gen, die Ärztin­nen und Ärzte mit mir geteilt haben, wis­senschaftlich­er Stu­di­en zu diesem The­ma sowie Feld­stu­di­en, die auf ein­er realen Schla­gan­fall­sta­tion in Kopen­hagen durchge­führt wur­den. Darüber hin­aus wurde der Film im 12. Stock des Her­lev-Kranken­haus­es – einem aktiv­en, in Betrieb befind­lichen Kranken­haus – in enger Zusam­me­nar­beit mit dem Per­son­al und in direk­tem Kon­takt mit den Men­schen gedreht, die wir darstellen.”

Das Her­lev-Kranken­haus, in dem „Nach­beben” gedreht wurde, liegt in Her­lev, einem Nach­barort von Kopen­hagen, das „Her­lev Hos­pi­tal, das sich als Eckpfeil­er exzel­len­ter Gesund­heitsver­sorgung etabliert hat, ist seit sein­er Eröff­nung im Jahr 1976 ein Leucht­turm medi­zinis­ch­er Inno­va­tion und mit­füh­len­der Pflege”, ste­ht auf dessen Inter­net­seite. „Mit dem Anspruch auf Exzel­lenz hat sich unser Kranken­haus zu ein­er führen­den Insti­tu­tion entwick­elt, die an der Spitze medi­zinis­ch­er Fortschritte und des Wohlbefind­ens der Patien­ten ste­ht.” Aber natür­lich ist „Nach­beben” eine fik­tionale Geschichte, die an ver­mut­lich jedem Ort in Europa (oder darüber hin­aus) passieren kön­nte, so wie Petra Volpes Film „Heldin” ja auch nicht notwendi­ger­weise in der Schweiz spie­len müsste – die Ver­gle­iche mit „Heldin” liegen nahe, aber ich verzichte auf Ver­gle­iche, „Nach­beben” ist ein eigen­er Film, eine eigene Geschichte, hat einen eige­nen Charak­ter.

Zin­ni­ni Elk­ing­ton ist die Regis­seurin und Drehbuchau­torin von „Nach­beben”, der Film ist ihr Lang­filmde­büt, nach ihren Kurz­fil­men „Rain­bow Girls”, „A Fling” und „Skift­ing”. „Nach­beben” erhielt bei den Nordis­chen Film­ta­gen in Lübeck den NDR-Film­preis, beim Film­fest Ham­burg den „Preis der Filmkri­tik“. Studiert hat Elk­ing­ton an der 1999 gegrün­de­ten Film­schule Super16 in Kopen­hagen, ein­er Alter­na­tivein­rich­tung zur Nation­al Film School of Den­mark. In der Tat hat­te ich von Super16 noch nichts gehört; auf der Inter­net­seite ste­ht: „Es hat ober­ste Pri­or­ität, den Prozess frei von Ein­schränkun­gen durch ein Top­man­age­ment und kreative Vor­gaben zu hal­ten, um ein mutiges und unab­hängiges kreatives Umfeld zu fördern. Daher gibt es keine Führungskräfte oder eine über­ge­ord­nete Ver­wal­tung.” Klingt span­nend.

Alex ist Assis­ten­zärztin in einem Kranken­haus. Sie tritt mor­gens den Dienst an, der Bild­hin­ter­grund wirkt beina­he psy­che­delisch bunt. Man trifft sich in der Umk­lei­de, der Arbeit­stag begin­nt. Emi­lie ist da, sie hat heute auf ihrer Sta­tion die erste Schicht alleine, sie ist noch nicht sehr erfahren und fühlt sich unsich­er. Esben ist ein alter Hase, er ist Neu­rochirurg. Wisch dir den Lip­gloss aus dem Gesicht, rät Alex Emi­lie, son­st würde man sie für eine Kranken­schwest­er hal­ten. Wir ver­fol­gen Alex auf Schritt und Tritt, die Kam­era ist ihr dicht auf den Fersen, die Musik ist hek­tisch und enervierend, im pos­i­tiv­en Sinn. Die erste neue Pati­entin wird tele­fonisch angekündigt, Win­nie, eine 68-jährige mit Schla­gan­fall­symp­tomen. Bei alle­dem übern­immt Alex heute auch den Job der Tele­fonauf­sicht, ein Kol­lege ist krank. Alex wirkt sou­verän, man traut ihr Vieles zu, vor allem dass sie ein­schätzen kann, wann es zuviel wird.

Win­nie wird inzwis­chen ein­geliefert, sie wird ver­sorgt, doch dann kommt der Anruf von Emi­lie, es geht um einen 18-Jähri­gen mit Kopf­schmerzen und möglicher­weise ein­er Nack­en­steifigkeit. Der junge Mann hat heute Geburt­stag und will eigentlich so schnell wie möglich wieder nach Hause. Alex unter­sucht ihn, ihr fällt nichts Besorg­nis erre­gen­des auf, sie schickt ihn mit sein­er Mut­ter nach Hause. Ob sie nicht doch ein MRT machen soll­ten, fragt Emi­lie. Alex verneint es, und schon wird sie auch von einem Not­fallsig­nal zu Win­nie zurück­gerufen und küm­mert sich um sie – und ihren aufge­bracht­en Sohn. In einem kurzen Moment der Ruhe sig­nal­isiert Emi­lie Alex, dass sie sich über­fordert füh­le. Alex beschwichtigt sie.

Doch dann herrscht plöt­zlich Hek­tik: Oliv­er ist mit sein­er Mut­ter zurück­gekehrt, weil es ihm schlechter geht – und dann bricht er zusam­men. Das MRT ergibt eine Hirn­blu­tung. Was tun? Man ver­han­delt, bei welch­er Option die größere Über­leben­schance für den jun­gen Mann beste­ht – und bei welch­er Hand­lung­sop­tion die Gefahr ein­er Hirn­schädi­gung höher ist. Die Entschei­dun­gen müssen sofort getrof­fen wer­den. Esben wird zu ein­er Oper­a­tion überre­det, zieht dann aber zurück: Die Gefahr ist zu groß.

Am Ende der Schicht wird über den Tag gesprochen und nun sind wir irgend­wo zwis­chen Fehler­analyse, Schuldzuweisun­gen, Unsicher­heit, fehlen­der Beruf­ser­fahrung, Über­forderung – und dabei, was denn nun wer gesagt und getan hat – und vor allem wer was unter­lassen hat? Oliv­ers Chan­cen, gesund aus dem Vor­fall her­auszukom­men, sind nicht sehr groß.

„Nach­beben” ist ein berühren­des Dra­ma eben­so wie ein drama­tis­ch­er psy­chol­o­gis­ch­er Thriller, der es uns schw­er macht, eine feste Posi­tion einzunehmen: Welche Antworten kön­nen die Eltern bekom­men, wo sind die Schwierigkeit­en zwis­chen Kol­le­gen und Vorge­set­zten, wie sehr sind Irrtümer in Über­forderungssi­t­u­a­tio­nen verzeih­lich, wenn sie schwere Fol­gen haben? Wer ist für diese Über­forderungssi­t­u­a­tio­nen ver­ant­wortlich? Ins­beson­dere die Haupt­darstel­lerin, Özlem Saglan­mak, trägt durch die Dra­matik des Films, der immer wieder auch den Zuschauer vor der Her­aus­forderung stellt, einzuord­nen, ob das, was da geschieht richtig oder falsch ist, wer Fehler macht, ob es Schuldige gibt.

„Die Idee zu NACHBEBEN ent­stand 2020, als meine jün­gere Schwest­er begann, mir von ihren Erfahrun­gen als junge Ärztin zu erzählen”, sagt Zin­ni­ni Elk­ing­ton. „Ich war verblüfft über die großen Dilem­ma­ta, mit denen sie täglich kon­fron­tiert war, und über die immense Ver­ant­wor­tung, die ihr seit ihrem Abschluss in Medi­zin über­tra­gen wurde. Ich wusste, dass ich einen Film über eine Ärztin und die men­schlichen Fol­gen unseres Gesund­heitssys­tems drehen wollte, und als ich auf den psy­chol­o­gis­chen Begriff ‚Sec­ond Vic­tim’ stieß, wusste ich, dass ich den Kern der Geschichte gefun­den hat­te. ‚Sec­ond Vic­tim’ beschreibt die psy­chol­o­gis­chen Auswirkun­gen, die ein uner­wün­scht­es Ereig­nis, wie z. B. eine Ver­let­zung eines Patien­ten, auf medi­zinis­ches Per­son­al hat. Hin­ter den OP-Kit­teln ste­hen immer Men­schen.”

Zin­ni­ni Elk­ing­ton gelingt ein beein­druck­ender Film, der den Zuschauer mit sein­er Nähe und sein­er Authen­tiz­ität immer wieder an den Rand der emo­tionalen Über­forderung bringt. Und noch ein­mal die Worte der Regis­seurin: „Ich möchte dem Pub­likum ein nah­bares Filmer­leb­nis bieten, als hätte es selb­st eine hek­tis­che Schicht gear­beit­et. Der Film liefert keine ein­fachen Antworten, aber ich hoffe, dass er nach dem Abspann zu weit­eren Gedanken, mehr Ver­ständ­nis und sin­nvollen Gesprächen anregt.” Das ist ihr zutief­st gelun­gen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert