Deutsch-koreanischer Culture Clash: Der Dokumentarfilm BECOMING KIM läuft ab 27. August 2026 im Kino

BECOMING KIM – Baustelle © neu­film

„Ob Liebe reicht? Ein Blick in eine interkul­turelle Ehe”, heißt es als Mot­to irgend­wo im Presse­heft zu diesem Doku­men­tarfilm. Auto­bi­ographis­ch­er kann ein Film kaum sein, naja, aber wenn man halt schon Doku­men­tarfilmerin ist, was liegt da näher als über ein The­ma zu fil­men, dem man näher kaum kom­men kann – die eigene Hochzeit, die eigene Ehe?

„Seit wir uns ken­nen, reiben wir uns”, schreibt die Filmemacherin. „Das ist in jed­er Beziehung so. Nur hat­ten wir am Anfang sehr naiv voraus­ge­set­zt, dass wir uns als Freigeis­ter mit dem Rein­stürzen in unsere Ehe auch gle­ichzeit­ig von den Kon­ven­tio­nen unser­er Kul­turen und Erwartung­shal­tun­gen unser­er Fam­i­lien befreien kön­nen. Dass wir für uns ste­hen und der Rest schon irgend­wie klap­pen wird. Sprach­bar­ri­eren, unter­schiedliche Wertevorstel­lun­gen – darüber hat­ten wir nicht nachgedacht. Aber wir mussten ler­nen: Unsere jew­eili­gen Kul­turen funk­tion­ieren sehr anders.”

Susanne Kim heißt also der deutsche Teil der Ehe, in Dres­den ist sie geboren, eine Zeit­lang habe sie mit ihren Eltern in Syrien gelebt, kurz vor dem Mauer­fall war sie mit ihren Eltern nach Ungarn in den „Urlaub” gereist, um dann nach West­deutsch­land zu fliehen. In Leipzig studierte sie dann wiederum Jour­nal­is­mus, drehte danach diverse Doku­men­tarfilme, ZUSAMMENGEBACKEN (2003), WHITE BOX (2010), DIE BANDE (2011) und TROCKENSCHWIMMEN (2016), MEINE WUNDERKAMMERN (2020÷21). Jeong Rae Kim heißt der kore­anis­che Teil der Ehe, was ihn so aus­macht, darüber wer­den wir noch einiges erfahren.

„Manch­mal bin ich noch froh, dass wed­er du noch ich eine Vorstel­lung davon hat­ten, wo wir herka­men.” Damit fängt der Film an, als Susanne sich in ein leuch­t­end rotes Kleid aus den Frühzeit­en ihrer Ehe zwängt, mit Sicher­heit­snadel gesichert passt’s noch halb­wegs. „Dann ist aber die Sehn­sucht in mir, dass ich alles ver­ste­hen will.” Jeong Rae hat­te immer eine Vielfalt an Ideen, Geld zu ver­di­enen, erzählt der Film: einen Roman schreiben, irgendwelche Dinge erfind­en, Secu­ri­ty­men­sch sein, Pok­er, Bogen­schießen. Klingt nicht so riesig vielver­sprechend, und dann war er auch noch die Hälfte seines Ehe- und Fam­i­lien­lebens im Aus­land, also außer­halb von Deutsch­land und weit weg von Frau und Tochter. Während sie eben zu Hause fürs Kind zuständig war, aber auch sich selb­st als Doku­men­tarfilmerin ver­wirk­lichen wollte. Fast ein Ding der Unmöglichkeit. Der näch­ste Plan war dann: Mit sein­er Mut­ter in Korea einen Häh­nchen­grill eröff­nen. „Wenn du diesen Grill eröffnest”, meinte die Ehe­frau, „dann drehe ich meinen näch­sten Film über uns!” Das sollte ver­mut­lich als Dro­hung gel­ten. „Oder wir kön­nen uns schei­den lassen!” Was war wohl die größere Dro­hung? Erlösendes Lachen, nicht ernst gemeint, com­ic relief, wie noch öfters in diesem über­aus humor­vollen und gerne mit Micky Maus-Schnipseln gar­nierten Doku­men­tarfilm. Und mit der Doku meint sie es ernst.

Dann kom­men die Som­mer­fe­rien, in denen Susanne plus Tochter nach Korea reisen, um Ehe­mann und Schwiegermut­ter in deren neuer Braterei in Won­ju aufzusuchen. Won­ju: 352.000 Ein­wohn­er, im Nor­dosten des Lan­des, östlich der Stadt liegt ein großer Nation­al­park, 678 wurde die Stadt als Bug­wongyeong gegrün­det, der ehe­ma­lige Präsi­dent Süd­ko­re­as, Choi Kyu-ha, stammt dort her, und Lee So-ra, Ten­nis­spielerin, war mal Platz 247 der Wel­tran­gliste; laut Inter­net­seite ist die Stadt immer­hin UNESCO City of Lit­er­a­ture. Also: Die Hüh­nchen liegen aus­ge­bre­it­et am Boden, die Tochter ist auch mal sauer, weil der Vater so abwe­send ist. Sog­ar nach ihrem Alter muss er fra­gen, tsss. Vielle­icht anderthalb Jahre noch, dann hätte er bes­timmt einen neuen Plan, wim­melt er das Nach­fra­gen sein­er Ehe­frau ab. Ken­nen­gel­ernt hat­ten sich die bei­den aus­gerech­net in Damaskus, wo sie mal gelebt hat und er hin­gereist war, um das beste Falafel­rezept zu find­en.

„Mich hat es aber schon immer inter­essiert, wie Ehen, Fam­i­lie und über­haupt Beziehun­gen zwis­chen Men­schen funk­tion­ieren,
wie der ver­meintliche Mikrokos­mos das gesellschaftliche Ganze wider­spiegelt”, erzählt die Regis­seurin. „Und natür­lich hat­te ich ein ganz eigenes Inter­esse daran, wie kore­anis­che Vorstel­lun­gen und Rol­len­bilder und deutsche, in meinem Fall sog­ar speziell ost­deutsche, aufeinan­der­prallen.” Und: „Ich habe dann über die Jahre immer mehr hin­ter­fragt, ob dieses Konzept der roman­tis­chen Liebe nicht auch ein Instru­ment ist, durch das ger­ade Frauen sug­geriert bekom­men: All diese Arbeit im Haushalt, bei der Kinder­be­treu­ung und auch emo­tion­al in deinen Beziehun­gen, das machst du alles aus Liebe. Das ist Liebe. In der kore­anis­chen Gesellschaft ist das kon­fuzian­is­che Denken in einem Gemein­schafts­ge­fühl ver­ankert. Es geht nicht um das Indi­vidu­um, son­dern um seine Rolle in der Gesellschaft. Dafür nimmst du einen bes­timmten Platz in der Fam­i­lie ein, den du aus­füllen sollst. Heißt das nicht auch wieder, dass die Frauen für die Har­monie zuständig sind? So gese­hen hat jede Philoso­phie, Reli­gion und Poli­tik ihren eige­nen Weg gefun­den, Frauen zu ver­mit­teln, dass es beson­ders ehren­voll ist, wenn sie ihre Bedürfnisse hin­te­nan stellen.”

Und so gibt es denn immer wieder Cul­ture Clash zwis­chen den bei­den, mit unter­schiedlich­sten Vorze­ichen – und manch­mal auch die Tochter etwas zwis­chen den Stühlen. Nie im Leben, sagt die, werde sie nach Korea ziehen, „weil ich mich hier nicht wohlfüh­le”, sagt sie. Aber wo genau er hinge­hört und hin­will, darüber kom­men wider­sprüch­liche Aus­sagen von ihm. Schnitt: Jet­zt kom­men skur­rile Traumein­schübe: Von Hüh­n­ern habe sie geträumt, erzählt Susanne. Grotesk als Huhn verklei­det, lässt sie sich Fil­men. Verklei­det durch Reis­felder tanzend. Und dann kommt der wohl berührend­ste Teil der Doku­men­ta­tion: Als Jeong Rae Kim von sein­er tragis­chen Fam­i­liengeschichte erzählt, von schmer­zlichen Ver­lus­ten. Er denke viel an die Fam­i­lie, aber er ver­suche es auch zu ver­mei­den.

„Meine Ehe ist in der Schwebe”, sagt Susanne irgend­wann trau­rig. Und irgend­wie kommt da dieses Flusspferd in Spiel, das wir dann auch gle­ich wieder in ein­er Traum­szene vorgestellt bekom­men.

BECOMING KIM ist ein so wun­der­voll berühren­der, per­sön­lich­er Doku­men­tarfilm über eine Beziehung über Dis­tanz, über zwei Kul­turen, die zusam­men­stoßen, über eine ver­let­zte und ent­täuschte Tochter. Aber eigentlich ist es auch erstaunlich, dass für mich aus­gerech­net jene Szenen, die in diesem für die Tochter so frem­den Korea spie­len, jene sind, die mich am meis­ten berühren, die mir am meis­ten erzählen, über Herkun­ft, Heimat, Fam­i­lie. Und übri­gens über Essen. „Wer glaubt, es sei leicht, einen Film über
seine eigene Fam­i­lie zu drehen, weil man schon einen ver­traut­en Zugang hat, der irrt”, erzählt Susanne Kim. „Zum Glück hat­te ich Emma als Kam­er­afrau an mein­er Seite und Mar­i­on als Edi­torin. (…) Der Film gab mir die Kraft, mich mit der Beziehung weit­er­hin auseinan­derzuset­zen. Denn ich hat­te das Gefühl, dass wir als Fam­i­lie, als Paar kom­plett fest­steck­ten.”

BECOMING FILM ist ein großar­tiger, per­sön­lich­er Doku­men­tarfilm. Ab 27. August 2026 zeigt ihn der EKSYSTENT Filmver­leih im Kino.

BECOMING KIM
von Susanne Kim
mit Jeong Rae Kim, Han­nah Kim, Sun Ja Kwon, Isol­de und Tilo Schulz
Deutsch­land / Korea 2026
89 min
Deutsch, Englisch, Kore­anisch mit UTs

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