
„Ob Liebe reicht? Ein Blick in eine interkulturelle Ehe”, heißt es als Motto irgendwo im Presseheft zu diesem Dokumentarfilm. Autobiographischer kann ein Film kaum sein, naja, aber wenn man halt schon Dokumentarfilmerin ist, was liegt da näher als über ein Thema zu filmen, dem man näher kaum kommen kann – die eigene Hochzeit, die eigene Ehe?
„Seit wir uns kennen, reiben wir uns”, schreibt die Filmemacherin. „Das ist in jeder Beziehung so. Nur hatten wir am Anfang sehr naiv vorausgesetzt, dass wir uns als Freigeister mit dem Reinstürzen in unsere Ehe auch gleichzeitig von den Konventionen unserer Kulturen und Erwartungshaltungen unserer Familien befreien können. Dass wir für uns stehen und der Rest schon irgendwie klappen wird. Sprachbarrieren, unterschiedliche Wertevorstellungen – darüber hatten wir nicht nachgedacht. Aber wir mussten lernen: Unsere jeweiligen Kulturen funktionieren sehr anders.”
Susanne Kim heißt also der deutsche Teil der Ehe, in Dresden ist sie geboren, eine Zeitlang habe sie mit ihren Eltern in Syrien gelebt, kurz vor dem Mauerfall war sie mit ihren Eltern nach Ungarn in den „Urlaub” gereist, um dann nach Westdeutschland zu fliehen. In Leipzig studierte sie dann wiederum Journalismus, drehte danach diverse Dokumentarfilme, ZUSAMMENGEBACKEN (2003), WHITE BOX (2010), DIE BANDE (2011) und TROCKENSCHWIMMEN (2016), MEINE WUNDERKAMMERN (2020÷21). Jeong Rae Kim heißt der koreanische Teil der Ehe, was ihn so ausmacht, darüber werden wir noch einiges erfahren.
„Manchmal bin ich noch froh, dass weder du noch ich eine Vorstellung davon hatten, wo wir herkamen.” Damit fängt der Film an, als Susanne sich in ein leuchtend rotes Kleid aus den Frühzeiten ihrer Ehe zwängt, mit Sicherheitsnadel gesichert passt’s noch halbwegs. „Dann ist aber die Sehnsucht in mir, dass ich alles verstehen will.” Jeong Rae hatte immer eine Vielfalt an Ideen, Geld zu verdienen, erzählt der Film: einen Roman schreiben, irgendwelche Dinge erfinden, Securitymensch sein, Poker, Bogenschießen. Klingt nicht so riesig vielversprechend, und dann war er auch noch die Hälfte seines Ehe- und Familienlebens im Ausland, also außerhalb von Deutschland und weit weg von Frau und Tochter. Während sie eben zu Hause fürs Kind zuständig war, aber auch sich selbst als Dokumentarfilmerin verwirklichen wollte. Fast ein Ding der Unmöglichkeit. Der nächste Plan war dann: Mit seiner Mutter in Korea einen Hähnchengrill eröffnen. „Wenn du diesen Grill eröffnest”, meinte die Ehefrau, „dann drehe ich meinen nächsten Film über uns!” Das sollte vermutlich als Drohung gelten. „Oder wir können uns scheiden lassen!” Was war wohl die größere Drohung? Erlösendes Lachen, nicht ernst gemeint, comic relief, wie noch öfters in diesem überaus humorvollen und gerne mit Micky Maus-Schnipseln garnierten Dokumentarfilm. Und mit der Doku meint sie es ernst.
Dann kommen die Sommerferien, in denen Susanne plus Tochter nach Korea reisen, um Ehemann und Schwiegermutter in deren neuer Braterei in Wonju aufzusuchen. Wonju: 352.000 Einwohner, im Nordosten des Landes, östlich der Stadt liegt ein großer Nationalpark, 678 wurde die Stadt als Bugwongyeong gegründet, der ehemalige Präsident Südkoreas, Choi Kyu-ha, stammt dort her, und Lee So-ra, Tennisspielerin, war mal Platz 247 der Weltrangliste; laut Internetseite ist die Stadt immerhin UNESCO City of Literature. Also: Die Hühnchen liegen ausgebreitet am Boden, die Tochter ist auch mal sauer, weil der Vater so abwesend ist. Sogar nach ihrem Alter muss er fragen, tsss. Vielleicht anderthalb Jahre noch, dann hätte er bestimmt einen neuen Plan, wimmelt er das Nachfragen seiner Ehefrau ab. Kennengelernt hatten sich die beiden ausgerechnet in Damaskus, wo sie mal gelebt hat und er hingereist war, um das beste Falafelrezept zu finden.
„Mich hat es aber schon immer interessiert, wie Ehen, Familie und überhaupt Beziehungen zwischen Menschen funktionieren,
wie der vermeintliche Mikrokosmos das gesellschaftliche Ganze widerspiegelt”, erzählt die Regisseurin. „Und natürlich hatte ich ein ganz eigenes Interesse daran, wie koreanische Vorstellungen und Rollenbilder und deutsche, in meinem Fall sogar speziell ostdeutsche, aufeinanderprallen.” Und: „Ich habe dann über die Jahre immer mehr hinterfragt, ob dieses Konzept der romantischen Liebe nicht auch ein Instrument ist, durch das gerade Frauen suggeriert bekommen: All diese Arbeit im Haushalt, bei der Kinderbetreuung und auch emotional in deinen Beziehungen, das machst du alles aus Liebe. Das ist Liebe. In der koreanischen Gesellschaft ist das konfuzianische Denken in einem Gemeinschaftsgefühl verankert. Es geht nicht um das Individuum, sondern um seine Rolle in der Gesellschaft. Dafür nimmst du einen bestimmten Platz in der Familie ein, den du ausfüllen sollst. Heißt das nicht auch wieder, dass die Frauen für die Harmonie zuständig sind? So gesehen hat jede Philosophie, Religion und Politik ihren eigenen Weg gefunden, Frauen zu vermitteln, dass es besonders ehrenvoll ist, wenn sie ihre Bedürfnisse hintenan stellen.”
Und so gibt es denn immer wieder Culture Clash zwischen den beiden, mit unterschiedlichsten Vorzeichen – und manchmal auch die Tochter etwas zwischen den Stühlen. Nie im Leben, sagt die, werde sie nach Korea ziehen, „weil ich mich hier nicht wohlfühle”, sagt sie. Aber wo genau er hingehört und hinwill, darüber kommen widersprüchliche Aussagen von ihm. Schnitt: Jetzt kommen skurrile Traumeinschübe: Von Hühnern habe sie geträumt, erzählt Susanne. Grotesk als Huhn verkleidet, lässt sie sich Filmen. Verkleidet durch Reisfelder tanzend. Und dann kommt der wohl berührendste Teil der Dokumentation: Als Jeong Rae Kim von seiner tragischen Familiengeschichte erzählt, von schmerzlichen Verlusten. Er denke viel an die Familie, aber er versuche es auch zu vermeiden.
„Meine Ehe ist in der Schwebe”, sagt Susanne irgendwann traurig. Und irgendwie kommt da dieses Flusspferd in Spiel, das wir dann auch gleich wieder in einer Traumszene vorgestellt bekommen.
BECOMING KIM ist ein so wundervoll berührender, persönlicher Dokumentarfilm über eine Beziehung über Distanz, über zwei Kulturen, die zusammenstoßen, über eine verletzte und enttäuschte Tochter. Aber eigentlich ist es auch erstaunlich, dass für mich ausgerechnet jene Szenen, die in diesem für die Tochter so fremden Korea spielen, jene sind, die mich am meisten berühren, die mir am meisten erzählen, über Herkunft, Heimat, Familie. Und übrigens über Essen. „Wer glaubt, es sei leicht, einen Film über
seine eigene Familie zu drehen, weil man schon einen vertrauten Zugang hat, der irrt”, erzählt Susanne Kim. „Zum Glück hatte ich Emma als Kamerafrau an meiner Seite und Marion als Editorin. (…) Der Film gab mir die Kraft, mich mit der Beziehung weiterhin auseinanderzusetzen. Denn ich hatte das Gefühl, dass wir als Familie, als Paar komplett feststeckten.”
BECOMING FILM ist ein großartiger, persönlicher Dokumentarfilm. Ab 27. August 2026 zeigt ihn der EKSYSTENT Filmverleih im Kino.
BECOMING KIM
von Susanne Kim
mit Jeong Rae Kim, Hannah Kim, Sun Ja Kwon, Isolde und Tilo Schulz
Deutschland / Korea 2026
89 min
Deutsch, Englisch, Koreanisch mit UTs