HIDDENSEE: Annekatrin Hendels Dokumentarfilm ab 20.8. im Kino

14 Hid­densee: Die Hei­de auf Hid­densee (© IT WORKS!)

Ich war noch nie auf Hid­densee. Zuerst dachte ich HIDDENSEE wäre so etwas wie die Fort­set­zung eines Inselzyk­lus, nach AMRUM etwa. Aber es ist ein Doku­men­tarfilm. Sech­sein­halb Stun­den etwa dauert die Reise von mir zu Hause laut Google, erst mit dem Zug nach Stral­sund, dann mit der Fähre rüber auf die Insel Hid­densee, die sich ans ungle­ich größere Rügen anschmiegt. 19 Quadratk­ilo­me­ter sei die Insel groß, sagt Wikipedia, 913 Men­schen leben dort, die höch­ste Erhe­bung ist über­raschende 72,5 Meter hoch. Meine Lieblings­beschäf­ti­gung bei Fil­men, die an beson­deren Orten spie­len, ist bei Wikipedia nachzuse­hen, welche berühmten Men­schen da geboren sind oder zumin­d­est da gelebt haben. Der Abschnitt „Per­sön­lichkeit­en” fehlt aber in der Onli­neen­zyk­lopädie. In Erman­gelung entsprechen­der Berühmtheit­en? Wir wer­den sehen. Immer­hin erwäh­nt der Ein­trag Hid­densees Rolle als Kün­stlerkolonie. Käthe Kruse, Willy Jaeck­el und Joachim Ringel­natz wer­den in diesem Zusam­men­hang genan­nt. Und Nina Hagen, die in „Du hast den Farb­film vergessen” die Insel erwäh­nt: „Hoch stand der Sand­dorn am Strand von Hid­densee”.

Anneka­trin Hen­del gehört zu den namhaftesten deutschen Filmemacher*innen, auch als Pro­duzentin, Autorin und Szenen­bild­ner­in machte sie sich einen Namen, vor allem im Doku­men­tarfilm­bere­ich. Zunächst studierte sie Design und in der Tat war das Kostüm- und Szenen­bild ihr Weg zum Film. Im Jahr 2004 grün­dete sie dann ihre Pro­duk­tions­fir­ma IT WORKS!, 2011 drehte sie ihren ersten Doku­men­tarfilm fürs Kino, VATERLANDSVERRÄTER, über den DDR-Schrift­steller Paul Gratzik. Im sel­ben Jahr erschien FLAKE – MEIN LEBEN über den Ramm­stein-Key­board­er Chris­t­ian „Flake“ Lorenz. Im Jahr 2014 lief ANDERSON auf der Berli­nale, über den DDR-Oppp­si­tionellen un Stasi-Infor­man­ten Sascha Ander­son. 2015 lief FASSBINDER in den Kinos, 2018 FAMILIE BRASCH. Zulet­zt war ihre Doku UNION – DIE BESTEN ALLER TAGE über Union Berlin im Kino zu sehen.

„Man kön­nte sagen, dieser Film begann vor zehn Jahren mit ein­er Unruhe”, erzählt Anneka­trin Hen­del über die Entste­hung des Films. „Nicht der Sorte, die einem ins Gesicht springt, son­dern der, die sich wie ein Stachel im All­t­ag fest­set­zt: zwis­chen zwei Sätzen am Küchen­tisch, zwis­chen U‑Bahn-Sta­tio­nen, zwis­chen Wahlplakat­en, die plöt­zlich wieder Far­ben tra­gen, die man nur noch aus Geschichts­büch­ern ken­nt. Und in dieser Zeit fuhr ich zurück nach Hid­densee – auf die Insel, die wir als Ost­ber­lin­er Teenag­er in den Achtzigern für uns gekapert hat­ten. Das Meer war umson­st. Das war unser Kap­i­tal. Ide­al für uns Stromer, Mit­tel­lose, Möchte­gern-Kün­stler.”

Ein­er ganzen Rei­he Hid­denseer Pro­tag­o­nis­ten und Lokal­promi­nen­ter begeg­nen wir in dem Film, Thomas Gens, dem Bürg­er­meis­ter und Land­tagskan­di­dat­en, Kon­rad Glöck­n­er, dem Insel­pas­tor, Vanes­sa Marx, Kur­di­rek­torin und Enter­tainer­in, Maren Lass, Mod­edesigner­in und Shop-Inhab­erin, Bar­bara Schnit­zler, Schaus­pielerin und Tochter von Karl-Eduard von Schnit­zler, Jana Leist­ner, Lei­t­erin des Heimat­mu­se­ums. Hid­densee ist klein genug, dass der eine oder die andere gerne auch mal zwei oder mehr Rollen ein­nimmt.

Der Film begin­nt mit Wass­er, Wellen, Wellen­rauschen. Natür­lich. „Wer ein­mal auf der Insel war, kommt nie mehr oder immer wieder”, erzählt eine Stimme aus dem Off. Es ist ein Ger­hart Haupt­mann-Zitat – und Haupt­mann wer­den wir immer, immer wieder begeg­nen in dieser Doku. Er ist so etwas wie der virtuelle Pro­tag­o­nist. Hid­densee ist von der restlichen Welt, vom restlichen Deutsch­land mehr abgeschlossen, als andere Gegen­den. Über­sichtlich ist die Welt hier. Es gibt eine Hun­dertjährige, die alle Hid­denseer der let­zten hun­dert Jahre kan­nte. Alles, außer die Zuge­zo­ge­nen. Und das wird schon ein­mal die Grund­stim­mung des Films andeuten: Die Dis­tanz zwis­chen der Insel­welt und der Ein­fluss dessen, was von außen here­in­strömt und die über­sichtliche Insel­welt bedro­ht. „Das Roman­is­che Café in der Ost­see” wurde Hid­densee bisweilen genan­nt, wenn mehr auf die Kün­stlerkolonie abge­hoben wer­den sollte. Dann wurde der Ver­gle­ich zu jen­em berühmten Berlin­er Kün­stleretab­lisse­ment unweit der Gedächt­niskirche herange­zo­gen. Oder, wenn die Abgeschlossen­heit, die Her­metik unter­strichen wer­den sollte, dann hieß es „Das Ver­steck im Meer”. Schon zu Beginn wird klar gemacht, dass es unzäh­lige Promi­nente gab, die einen engen Bezug zur Insel hat­ten. Neben Ger­hart Haupt­mann zum Beispiel Asta Nielsen, Thomas Mann, Ste­fan Zweig, Got­tfried Benn, Mascha Kaleko, Albert Ein­stein, Friedrich Wil­helm Mur­nau, Erich Käst­ner.

Der Film begin­nt also mit Wellen­bildern und die sind, wie der ganze Film in Schwarzweiß, mal in zarten Land­schaftss­chat­tierun­gen, mal mit harten, krassen Licht-Schat­ten-Bildern. Mar­tin Farkas ist für die Bilder zuständig, und die Regis­seurin selb­st. Die Musik hat Flake kom­poniert, eben jen­er Ramm­stein-Key­board­er, über den die Regis­seurin bere­its eine Doku gedreht hat­te. Eben­so wie die Bilder ist auch die Musik faszinierend: Mal syn­thetisch-ryth­misch eingängig, mal zart und zurück­hal­tend.

Es ist beein­druck­end, wie der Film nun seine Geschichte ent­fal­tet. Natür­lich bewe­gen wir uns durch die His­to­rie, aber der Film springt auch immer, in die Gegen­wart etwa, doch nie lässt er uns alleine oder ori­en­tierungs­los. Wir lan­den in den 1920ern, bei der kün­st­lerischen Avant­garde, bei Asta Nielsen zum Beispiel, die eine architek­tonisch inter­es­sante Vil­la ihr Eigen nan­nte. Es geht um den Kün­st­lerin­nen­bund, abschätzig „die Mal­weiber” genan­nt. Aber bere­its im Jahr 1922 gab es auch schon anti­semi­tis­che Auswüchse: Ein Insel­prospekt warb damit, dass die Insel „juden­frei” sei.

Dann das Dritte Reich das, je nach­dem wie man es sieht oder wen man fragt mit unter­schiedlich­er Inten­sität auf der Insel ankam. Vom Krieg, sagt eine Frau, habe man nicht viel gemerkt. Außer das alle ihre Klassenkam­er­aden gefall­en seien. Die Flieger hinge­gen flo­gen über die Insel hin­weg Rich­tung Berlin und so.

Den größten Teil der doku­men­tarischen Erzäh­lung wird dann, das wird nicht über­raschen, die DDR-Zeit ein­nehmen. „Frei­heit”, oder „Freiraum”, wie der Insel­pas­tor ein­mal sagt, waren schon zu DDR-Zeit­en Begriffe, die mit Hid­densee ver­bun­den waren.

Aber wie erwäh­nt, wer­den wir auch immer wieder in die Gegen­wart sprin­gen. Es wird um die lokalen Verkehrsmit­tel gehen: Fahrräder, Boote, Elek­tro­roll­stüh­le und ein Polizeiau­to. Es wird um den Bürg­er­meis­ter gehen, um dessen umstrit­tene Rolle im Zusam­men­hang mit der Zukun­ft der Insel, Stich­wort „Hid­densee wird niemals Mal­lor­ca”. Jür­gen Drews wird eine Rolle spie­len und im Gegen­satz dazu immer wieder Ger­hart Haupt­mann.

Der Film springt zwis­chen The­men und Zeit­en, das macht er aber unter erstaunlich­er Beibehal­tung der erzäh­lerischen Geschlossen­heit: Kun­st, Kul­tur, Natur, Geschichte, Poli­tik usw. Aber was den Film schließlich wirk­lich zu einem faszinieren­den Werk macht, zu einem kleinen Gesamtkunst­werk, ist die stilis­tis­che Vielfalt. HIDDENSEE vere­int die erwäh­n­ten beein­druck­enden Schwarzweiß­bilder mit wun­der­vollen Pup­penthe­ater­szenen, der grandiosen Musik und unvergesslichem Archiv­ma­te­r­i­al. HIDDENSEE ist alles andere als ein Wer­be­film aber ger­ade deswe­gen gelingt es ihm, das Inter­esse an der Insel zu erweck­en.

„Was haben wir hier gelacht, geliebt und gebroch­ene Herzen geflickt”, sagt die Regis­seurin. „Die ‚Gold­gräber­stim­mung’ der schnellen Wiedervere­ini­gung Deutsch­lands 1990 brachte mich dazu, nicht mehr hier her reisen zu wollen. (…) Die Insel wurde mir fremd. Jahre später erzählten Fre­unde, die geblieben waren, von neuen Ver­w­er­fun­gen. Und plöt­zlich wurde diese kleine Insel, die auf der Land­karte kaum auf­fällt, wieder inter­es­sant. Also zogen wir los mit der Kam­era. Nicht wegen der Natur – die ist sowieso unver­schämt schön –, son­dern wegen eines Stre­its, der die Insel spal­tet. Pas­tor gegen Bürg­er­meis­ter. Zwei Män­ner, zwei Wel­ten, zwei Deu­tun­gen von Heimat. Kein pit­toreskes Duell, son­dern ein Kampf um Räume, Werte, Kul­tur und poli­tis­che Macht. Doch dieser Stre­it ist nur eine Schicht. Denn während diese Kräfte rin­gen, gibt es stets immer auch die Stim­men der Achtziger­jahre, mein­er Gen­er­a­tion. Die erzählen, wie Hid­densee einst war– Insel der Frei­heit, der laut­en Rebel­lion. Und darunter die Stim­men der 1920er, als der Hid­densee Mythos über­haupt erst ent­stand. Dann die Jun­gen von heute. Sie kom­men, weil sie etwas suchen, das sie ander­swo nicht find­en: Ruhe, Klarheit und vielle­icht eine Ahnung davon, wie man leben kön­nte, wenn man sich traut. Und über allem die Alten, die das ganze let­zte Jahrhun­dert überblick­en. In diesem Mikrokos­mos erken­nt man plöt­zlich die größeren Driftlin­ien. Deutsch­land unter der Lupe. Man schaut hin und merkt, dass man ein­er Wieder­hol­ung bei­wohnt.”

Im Som­mer gibt es übri­gens auf Hid­densee ein erstaunlich vielfältiges Inselki­no, das „Zeltki­no”, das auch im Film zu sehen ist. Da läuft zum Beispiel „Vival­di und ich”, „Michael”, „Dann passiert das Leben”, „Ham­net” und „Rose”, aber auch eine Vielzahl an Kinder­fil­men. Und ab Mitte August wird natür­lich HIDDENSEE zu sehen sein. Ein biss­chen träume ich davon, mir diesen grandiosen Doku­men­tarfilm genau dort noch ein­mal anzuse­hen.

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