
Klingt erstmal wie eine Teenager-Coming-of-age-Komödie, ist es aber nicht. Charlotte, Helena und Oskar sind drei Freunde, die sich nach langer, langer Zeit wieder einmal treffen. Gemeinsam fahren sie in den Urlaub, mittlerweile haben sie sich verändert und weiterentwickelt. Charlotte beispielsweise ist eine reiche und bekannte Schauspielerin, sogar der Taxifahrer erkennt sie. Helena und Oskar hingegen sind sehr, sehr arm. Charlotte lädt die beiden in den Urlaub in den Süden ein. Früher waren sie die experimentelle Filmgruppe „Für immer 16”, aber dann hatten sie sich zerstritten. Jetzt, wo sie es noch einmal versuchen, brechen leider doch wieder Streit und Neid und und und wieder aus. Aber kurzerhand drehen sie dann doch vor Ort noch einen neuen Undergroundindependentfilm: „Demenzia”. Über eine männermordende Irre. Aber welches psychologische Motiv soll die Protagonistin haben?
Brezel Göring, der Regisseur des Films, erzählt: „Der Film ‚Für immer 16’ beruht auf einem Roman von Françoise Cactus. Sie hat sich vorgestellt wie es wäre alt zu sein und die Kumpels von früher wiederzusehen: also Science-Fiction, bezogen auf die Individualpsychologie. Sie machen da weiter, wo sie aufgehört haben: 1. sie drehen einen Film und 2. sie zanken sich! Neben den Rivalitäten und Streitereien stellen sich auch grundsätzliche Fragen: wie altern Subversion, schwarzer Humor, Antimoral, Genderidentitäten, Feminismus, jugendliche Fundamentalopposition? Und wie kann man verhindern, dass Subversion Teil des Mainstreams und der Verwertungskultur wird? Die drei Hauptpersonen stehen für unterschiedliche Formen des Scheiterns: Charlotte kommerzialisiert sich, Helena verbittert über der Erfolglosigkeit und Oskar gibt resigniert die Kunst auf. Die fiktive Kunstgruppe, um die es geht, drehte Super-8-Filme. Dieses preiswerte Format, ursprünglich für den Heimgebrauch und Urlaubsfilme entwickelt, wurde das Symbol kultureller Dissidenz und die Ästhetik des antikommerziellen Widerstands jenes
Zeitalters, in dem dieses dilettantisch-geniale Trio aktiv war. Der Film ‚Für immer 16’ wurde ebenfalls auf Super-8-Material gedreht. Das Leben der ProtagonistInnen zeichnet sich durch den rauen, grobkörnigen Charme, die traumgleiche Unschärfe und die Indifferenz des Amateurformats aus. Die Umwertung der Werte findet auch an der Peripherie statt.”
Bei der Gelegenheit fällt mir übrigens Michael Brynntrups wunderbares Buch „Super 8”, 2022 von Salzgeber herausgegeben, ein. Damals schrieb ich: „Michael Brynntrup – und dem Salzgeber-Buchverlag – gelingt also so Vieles mit diesem großartigen, bisweilen auch humorvollen und selbstironischen (um noch zwei Attribute zu nennen) Buch: Neben der eigenen, also Brynntrups, Super-8-Geschichte erzählt das Buch darüber hinaus viel über einen kaum erfassten Zweig der Filmgeschichte, gibt aber auch einen tiefen, faszinierenden Einblick in einen Teil der (vor allem) Berliner Kulturgeschichte, auch der queeren Berliner Kulturgeschichte und in eine Zeit, die ich in Berlin eben noch nicht erlebt habe, die auch, glaube ich, in Vergessenheit zu geraten droht – aber doch auch bis heute ihre Spuren hinterlassen hat – und sei es im bis heute existierenden Interfilm Festival.” Aber das nur nebenbei.
Zurück also zum Film. In seinen „Notizen” schreibt Brezel Göring: „Ich glaube, die Nerven und die Intelligenz des Publikums sind sehr belastbar. Vielleicht ist die psychologische Glaubwürdigkeit der Personen im Film das Wichtigste. Mit viel Fleiß und Geld könnte ich eine perfektere Kinoillusion als diesen Film herstellen. Aber ich halte das für sinnlos. Am analogen Super-8-Film schätze ich die Unschärfe und die Unklarheit.” Meine Nerven und meine Intelligenz sind aber ganz früh ausgestiegen. Leider. Und das liegt überhaupt gar nicht an den Super 8‑Bildern, obwohl natürlich die Bildqualität der Stop-Motion-Filme meines elfjährigen Sohnes besser ist, als die von „Für immer 16”, aber das ist gar nicht das Problem. Technisch „schlechte” Bilder kennen wir in jüngerer Vergangenheit ja auch aus dem digitalen Bereich, ich mag an den auf einer uralten Handykamera gedrehten DRY LEAF von Aleksandre Koberidze erinnern, der dieses Jahr in die Kinos kam. Hab ich geliebt, trotz der Pixelbilder. Manchmal auch wegen der Pixelbilder. „Aleksandre Koberidze gelingt ein wundervolles, kleines/großes Meisterwerk der georgischen Filmgeschichte. Dennoch schlage ich vor, dass wir zusammenlegen und ihm für seinen nächsten Film eine neue Kamera spendieren”, schrieb ich damals. Oder erinnern wir uns an alle Filme von Hong Sang-soo, ungefähr jährlich auf der Berlinale zu sehen.
Aber leider holt mich dann die sonderbar darübergesuppte „Synchron”-Tonspur von FÜR IMMER 16 ab Sekunde eins aus dem Film heraus und ich bekomme Ton und Bild in meinem Kopf nicht zusammengebracht. Tut mir leid.
So sehe ich mich leider nicht in der Lage, was Schlaues über den Film zu schreiben und kann nur raten: Schaut euch den Film selber an, aber seid auf diese Ton-Bild-Diskrepanz vorbereitet. Ihr schafft das, ich glaube ihr seid da offener als ich.