Patrick Kilian erzählt in seinem Buch ASTRONAUTENFIEBER von spannenden und überraschenden Aspekten der Raumfahrtgeschichte.

„Am Anfang war der Affe” heißt das Kapitel, mit dem der Historiker Patrick Kilian, Jahrgang 1986, sein Buch „Astronautenfieber” eröffnet, das nun im Brandstätter Verlag erschienen ist. „Die Geschichte einer Sehnsucht. 1945 – 1969” heißt der Untertitel.
Für Raumfahrt interessiere ich persönlich mich seit ich ein Kind bin, spätestens seit dem allerersten Space Shuttle-Start 1981, als ich neun Jahre alt war und danach jeden Zeitungsausschnitt sammelte, in dem es um das Weltall, Astronomie und um die Raumfahrt ging. Columbia, Challenger, Discovery, Atlantis, Endeavour waren die Namen, die für mich von Bedeutung waren, ebenso wie MIR und später die ISS. Nicht mehr mitbekommen aber schon gelebt habe ich während der letzten paar Apollo-Missionen. Als Apollo 15 landete, war ich zwei Monate alt, als mit Apollo 17 die letzten Astronauten den Mond betraten, war ich anderthalb. Ambitionen, Astronaut werden zu wollen, hat ich zu keiner Zeit. Eigentlich weiß ich gar nicht, warum ich das nie auch nur im Entferntesten in Erwägung zog. Eher noch wäre ich Astrophysiker geworden, was ich wirklich einige Monate meines Lebens ernsthaft erwog, wäre ich dann nicht irgendwann anders abgebogen. Und natürlich habe ich eine Menge Assoziationen, was die Geschichte der Raumfahrt zwischen 45 und 69 angeht. Die V2 als Grundlage der Weltraumfahrt gleich in mehreren Ländern. Die sowjetischen Erfolge in den Nachkriegsjahrzehnten. JFKs Einforderung einer bemannten Mondlandung vor Ende der 60er Jahre. Und dann natürlich Neil Armstrong auf dem Mond.
Im Wesentlichen sind es zwei Bücher, die mir in meiner Kindheit und Jugend die Raumfahrt näher gebracht haben. Da ist zum einen Werner Büdelers beeindruckender Bildband „Das Abenteuer der Mondlandung”, mit einem Vorwort von Wernher von Braun, ein Buch, das ich als Kind so oft in der Hand hatte, dass es irgendwann reichlich zerfleddert war. Das andere Buch war Jesco von Puttkamers „Der erste Tag der neuen Welt. Vom Abenteuer der Raumfahrt zur Zukunft in All”, „Wernher” gewidmet und mit einigen Zeilen von Brauns am Anfang: „Ich glaube, daß wir nicht besorgt sein brauchen, daß die Raumfahrer der Zukunft in ihren himmelstürmenden Entdeckungsreisen ihre Maßstäbe und ihre Demut verlieren werden.”
Ich habe also schon einiges gelesen über die Raumfahrt, seit ich lesen kann, vieles lese ich gerne nochmal, dennoch will ich doch auch Neues über diese aufregende Phase der Geschichte der Weltraumfahrt erfahren, und so ist das Kapitel „Am Anfang war der Affe” ein hervorragender Einstieg, über die Rolle der Affen-Astronauten weiß ich jedenfalls deutlich weniger als über Laika und Co, auch wenn ich mich erinnern mag, dass in Büdelers Buch auch Affen abgebildet waren, die in den Weltraum gereist waren.
Patrick Kilian hat an der Universität Zürich promoviert, und zwar mit einer Arbeit über die Entwicklung der US-Raumfahrtmedizin während des Kalten Kriegs. Er lebt in Mannheim und ist inzwischen quasi Quereinsteiger bei einer Unternehmensberatung, und zwar, sehr interessant, als „Senior Storyteller”. Der Verlagstext sagt über ihn, dass er „sich für Mensch-Maschine-Beziehungen und die merkwürdigen Wege, auf denen Wissen in die Welt und den Weltraum kommt” interessiert. Das ist cool.
Von Elektroschocks und Bananen, mit denen die Weltraumaffen trainiert wurden, erzählt das Buch. Auf Lichtsignale mussten die Affen fix reagieren, um belohnt statt bestraft zu werden. Ham heißt einer der Affen, der, so schreibt Kilian, „Kundschafter für einen Prototyp des neuen Menschen, den Astronauten”, sei. Die Reaktionszeiten des Affen ließen sich wohl mit denen von Menschen vergleichen. Und so flog Ham denn am 31. Januar 1961 ins All, lediglich 16 Minuten lang, etwa so lange, wie Alan Shepards erster Weltraumflug dauerte, während Gagarins Reise ins All immerhin Spielfilmlänge hatte. 17g musste er ertragen, unfassbar viel im Vergleich zu dem, was menschliche Raumfahrer ertragen musste, Rabea Rogge beispielsweise, die erste deutsche Frau im All, musste gerade mal 4,5g oder so ertragen. „Auf die 50 Lichtsignale des Psychomotors”, schreibt Kilian, „hat Ham auf seinem Flug im Durchschnitt binnen 0,82 Sekunden reagiert”, einen Stromschlag wegen falscher Reaktion habe er nur einmal erhalten. Das strahlende Grinsen, dass er nach seiner überlebten Rückkehr zur Erde auf Fotos zeigte, sei aber wohl eher ein Zeichen von Angst und Verstörung gewesen. Verständlich.
Neben Ham stellt uns Patrick Kilian aber noch eine ganze Reihe mir zuvor weitgehend unbekannter Protagonisten der Raumfahrtgeschichte jener Jahre vor, Praktiker wie Theoretiker, Wegbereiter wie Techniker oder Abenteurer. Robert Jungk, Autor, Journalist und Zukunftsforscher gehört dazu – ein Berufsbild, das noch heute allzu selten in die engere Berufsauswahl kommt. Wir treffen auf „Hubertus” Strughold, den „Vater der Weltraummedizin”. Wir begegnen den „Robotergesetzen” von Isaac Asimov, darin enthalten „drei sehr praktische Gebote für das künftige Zusammenleben von Mensch und Maschine”, Regeln, die an Aktualität gar nicht zu überbieten sind. Die ganze Kulturgeschichte in Bezug auf das Verhältnis Mensch-Maschine gerät einem schlagartig in den Sinn, exemplarisch sei HAL 9000 aus Kubricks Literaturverfilmung „2001: Odyssee im Weltraum” genannt. Aber auch in den Nachkriegszeiten herrscht Technologieskepsis zumindest in Bezug auf Technologieethik: „Darauf, dass die Technologie so einsichtig ist, sich an Gebote zu halten, wollen sich die deutschen Luftfahrtmediziner jedoch nicht verlassen”, stellt Kilian fest. Wir treffen des Weiteren auf den Gründungsvater des Jet Propulsion Laboratory, den ungarischen Physiker Theodore von Kármán, dessen Namen wir heute vor allem noch von der berühmten Kàrmàn-Linie her kennen, der „Grenze” zwischen Atmosphäre und Weltraum. Übrigens war die Diskussion darüber, wo denn der Weltraum beginnt, in den Nachkriegsjahren noch sehr offen, niedrigste Einschätzungen begannen knapp über dem Gipfel des Mount Everest, immerhin war dort oben ja die Luft bereits so dünn, dass man nicht längerfristig überleben konnte. Das Buch schildert diese Diskussion anschaulich.
Patrick Kilian erzählt auch von jenem berühmten Popularisierer der bemannten Weltraumfahrt, Willy Ley, der unter anderem mit seinen Büchern wertvolle PR für das kostenintensive Projekt der bemannten Raumfahrt leistete. Es lohnt sich, mit den Büchern und der Person Leys darüber hinaus zu beschäftigen: Willy Ley ist 1906 in Berlin geboren und wuchs dort auch auf. Mit 19 veröffentlicht er bereits spannende, populärwissenschaftliche Artikel, beispielsweise den Beitrag „Tiere die Werkzeuge benutzen”, der im Februar 1926 im Vorwärts erschien. Im März erschien „Selbstmord bei Tieren” und im Mai einer seiner ersten Weltraumartikel: „Boten aus dem Weltenraum” über Meteoriten. Er spekuliert in dem Artikel über das Leben auf anderen Planeten – und darüber, dass diese „Bazillen” oder andere einfache Lebewesen transportieren könnten, das, was später Panspermietheorie genannt wurde: „Wie reisen denn aber diese Bazillen? Der leere Raum bildet doch sogar noch für den Menschen eine Schranke, die er—sehr gegen seinen Willen —respektieren muß. Es heißt, daß diese Schranke demnächst fallen werde, mit Riesenraketen will man, wahrscheinlich noch in diesem Jahre der Schwere auf den Leib rücken.” Eigentlich wollte Ley Paläontologe werden, doch schon 1927 war er Mitbegründer des berühmten „Vereins für Raumschiffahrt”. 1930 wirkte er am Raketenflugplatz in Berlin-Reinickendorf mit, regelmäßig berichtet er über die Raketenversuche. 1933 gibt es sogar Pläne der Gruppe um den Raketenflugplatz, in Magdeburg eine bemannte Rakete starten zu lassen. Eintrittsgelder am Raketenflugtag sollten das Projekt mitfinanzieren. Sogar der „Pilot” stand bereits fest: Kurt Heinisch. Er sollte aus einem Kilometer Höhe die Rakete verlassen und mit der Fallschirm abspringen. Es wurde schließlich nichts daraus. 1935 verließ Ley Deutschland und ging nach Großbritannien, dann in die USA. Dennoch schreibt er bis Anfang der 40erjahre für deutsche Zeitungen. 1944 erschien sein Fachbuch, „Rockets”, das mehrere Auflagen und Erweiterungen erlebte, später unter den Titeln „Rockets and Space Travel” und „Rockets, Missiles, and Space Travel”. Er war als Forscher, Journalist und Buchautor tätig. Bisweilen hatte er gar Fernsehauftritte, irgendwo in den Tiefen des Internets gibt es eine Talkshowaufzeichnung aus dem Jahr 1952, wo er sich zu UFOs äußern soll. Eines der faszinierendsten Bücher Leys ist „Fire” aus dem Jahr 1963, ein reich illustriertes Buch über – Feuer. Hausbrände, Waldbrände, die wissenschaftliche Erklärung von Feuer, die Geschichte des Feuers, seine Kulturgeschichte. 1969 starb Ley in New York, einen Monat vor der Apollo 11-Mondlandung.
Spannend und skurril – und unverwirklicht – sind Konzepte, die Kilian schildert, etwa das von Braunsche menschliche Projektil, eine kostengünstige Mischform aus technisch und menschlich gesteuerten Raketenwaffen. Der Plan war, dass der wagemutige Pilot sich kurz vor dem Einschlag per Fallschirm hätte retten können. In der Tat gab es dazu im März 1945 noch einen Versuch, der allerdings scheiterte und tödlich endete. Mit Fingerspitzengefühl selektiert Kilian aus der riesigen Fülle an Nachkriegsgeschichten und ‑anekdoten genau jene heraus, die nicht abgegriffen und langweilig sind, sondern spannend und über weite Strecken kaum bekannt. Wir begegnen etwa jener Romanfigur „Elon” aus den Sechzigern, der die Herrschaft auf dem Mars prognostiziert wurde.
Kilian wirft einen Blick auf die Vielfalt jener Deutschen, die nach dem Krieg in unterschiedlichsten Rollen daran beteiligt waren, die US-Raumfahrt voranzutreiben. Er schildert diese Geschichten mit solch einer Spannung, dass das Buch schon jetzt für mich zu den Klassikern der zeitgenössischen Raumfahrtsachliteratur gehört. Kilian schreibt präzise, witzig und unterhaltsam. Und er lässt es sich auch nicht nehmen, Fantasie und Wirklichkeit der Rolle der Künstlichen Intelligenz in der Vergangenheit und der Zukunft der Weltraumfahrt einzuweben (Philip K. Dick; Anthropic; etc.). Wir sind am Puls der Zeit: „Ist die Künstliche Intelligenz in der Lage, ein Fieber zu entwickeln, und wenn ja: Wie misst man es? Oder andersherum: Würden wir mitfiebern, wenn sie an unsere Stelle zur Erkundung ins All abhebt?”
Patrick Kilians „Astronautenfieber” wird einen hervorragenden Platz in meinem Raumfahrtbuchregal erhalten: Unweit von Büdeler, Puttkamer, Mailer und als Ergänzung direkt neben meinem bisherigen Favoriten des 21. Jahrhunderts: „Raketen – Die internationale Enzyklopädie”.
https://www.brandstaetterverlag.com/buch/astronautenfieber
Patrick Kilian
Astronautenfieber
Die Geschichte einer Sehnsucht, 1945 – 1969
ISBN: 978−3−7106−0967−1
Format: 13.5 x 21 cm
Seiten: 272
Einband: Hardcover mit Schutzumschlag
mit zahlreichen Abbildungen