
Gäbe es so etwas wie das Kinotier des Jahres, dann müsste es nach dem recht amüsanten Schafskrimi GLENNKILL mit Hugh Jackman und dem ganz anders gelagerten Spielfilm HIRTEN von Sophie Deraspe, der am 10.9. in die Kinos kommt, eben das Schaf sein. Der berühmteste Genrevertreter des Schaffilms ist natürlich SHAUN DAS SCHAF, aber auch ins Horrorgenre ist das Tier mindestens einmal eingedrungen, im neuseeländischen Film BLACK SHEEP aus dem Jahr 2006 – und, auf ganz andere Weise, zuletzt im Jahr 2021 in LAMB mit Noomi Rapace.
Das Leben in einer Schafsherde ist natürlich weitgehend mit dem ländlichen Leben verknüpft, jedoch begegnet uns hier in der Großstadt doch auch regelmäßig eine kleine Schafsherde, auf dem Tempelhofer Feld nämlich, wo es genügend abzugrasen gibt, solange die Freifläche nicht bebaut wird.
Die kanadische Filmemacherin Sophie Deraspe hat sich nun einer Buchvorlage angenommen, „Woher kommst du, Hirte?“ von Mathyas Lefebure. „Seitdem diese Geschichte in den 2000er Jahren geschrieben wurde, ist einige Zeit vergangen”, erzählt die Filmemacherin. „Die Welt hat sich verändert, es gab eine Pandemie, zahlreiche Konflikte, und die Klimakrise – die damals zwar schon vorhanden war – hat sich verschärft. Das hat bestimmte Richtungen beeinflusst, die das Drehbuchschreiben und die Dreharbeiten selbst einschlagen konnten. Die Art des Zusammenbruchs, den wir gerade erleben, macht uns die Fragilität des Systems bewusst und damit auch die Tatsache, dass man daraus aussteigen kann – oder zumindest davon träumen kann, dass es anders geht. Dieser Traum, aus dem System auszusteigen, hat es schon immer gegeben, aber Mathyas hat mehr getan, als nur davon zu träumen. Er hat es getan, und zwar ohne große politische Parolen zu verbreiten. Einfach indem er es tat. Es war inspirierend, zu diesem Thema zurückzukehren, das so einfach und zugleich so groß ist.”

In der Hitze Südfrankreichs, in Arles, in einem kleinen Hotel gegenüber des antiken Theaters von Arles. Mathyas’ Kreditkarte ist am Limit. „Aber ich komme nicht zurück”, zurück meint nach Montréal, Kanada, wo er als Werbetexter arbeitete und einen stressbedingten Zusammenbruch erlebte. Eines Tages will er vielleicht zurückkehren, das weiß er noch nicht. Aber jetzt ist Südfrankreich erst einmal ein großartiger Ort, um sich von den Strapazen des heimischen Berufs und von der Großstadt zu erholen. Aber was dort tun? „Mein Gehirn sendet Signale, die mein Herz verlangsamen”, berichtet er in die Heimat. Aber jetzt kippt er erstmal vom Stuhl. Er sendet Nachrichten nach Hause, in denen er mit seiner Vergangenheit abschließt – und abrechnet. So wie es war, kann sein Leben nicht weitergehen. Da sitzt er also in Arles und denkt über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nach. In einem Antiquariat stößt er auf alte Werke wie „Der gute Schafhirte”. Oder ein Sachbuch darüber, wie man Schafe auf die Hochweide führt. Drei Schäfersachbücher, ein Messer und eine Wurst kauft er in dem Laden. Eine hervorragende Grundlage für die neue Karriere als Schäfer. Ein echtes Schäfermesser, handgefertigt, erläutert der Verkäufer. Was meinen denn die anderen Menschen in seinem Umfeld so? Dass er ein Romantiker sei. Vielleicht aber auch ungeeignet für den neuen Beruf. Oder ein Spinner? Aber wie wird man das überhaupt? Okay, mit Schafzüchtern sprechen, ist der Tipp. Stadtjunge, Kiffer, etc. Man macht sich über ihn lustig. „Ich möchte das echte Leben erleben”, sagt Mathyas zu seiner Verteidigung. Aber die Geschäfte stehen schlecht, die industrielle Landwirtschaft habe alles zerstört. Aber Mathyas hat auch einen Fürsprecher unter den Züchtern, der die Leidenschaft mag, die er ausstrahlt. Denn eigentlich gäbe es sehr wohl einen großen Bedarf an Schäfern. Also bekommt er die Chance, Monsieur Richard gewährt ihm diese. Aber Mathyas hat noch einen weiteren Plan: Er will ein Buch über seine neue Berufung schreiben. Aber zunächst einmal: Die Wollepreise sind im Keller.
Und dann ist er mitten in der neuen Leidenschaft. Aber natürlich hat er wenig Ahnung, die Kollegen begegnen ihm mit Misstrauen. Aber auch auf Kollegen, die bereit sind, ihm ihr Wissen zu vermitteln. Sie teilen mit ihm die Philosophie des Schäferberufs. Und: Was hält er eigentlich von Wölfen? Aber kaum hat er damit angefangen, sich mit Schafen zu beschäftigen, scheint seine Karriere schon zu Ende: Sein Chef hat keine Kapazitäten, ihn auszubilden. Aber so schnell lässt er sich nicht beirren. Vielleicht hilft man ihm auf dem Amt? Nein, aber immerhin lernt er dort eine junge Beamtin kennenlernen, Elise, für die er sich interessiert und mit der er in Kontakt bleibt.
Dann kommt ein Anruf: Man kann ihn brauchen. Gerard, ein Züchter meldet sich bei ihm. Schwierig, sehr schwierig sei die Arbeit. Und so geht es am nächsten Tag los. Der alte, erfahrene Schäfer Ahmed erzählt ihm, was er so wissen muss, wo der nächste Puff ist, und wie man mit Schafen umgeht. Und so lernt er von Tag zu Tag – und macht sich Notizen. Aber was man da alles falsch machen kann. Hüten, Impfen, Schlachten, die Schafe beobachten, und was noch alles.

„Die Verfilmung hat fast schon Märchencharakter”, erzählt Sophie Deraspe. „Mathyas, mit all seiner Unbefangenheit und Ausdauer, beginnt trotz seiner Unerfahrenheit eine Wandlung, die ihn in verschiedene Abenteuer führen wird. Während er das Leben als Hirte kennenlernt, wird er Teil einer mehr als tausendjährigen Tradition: dem nomadischen Leben mit den Herden. Die Natur prägt sein Wesen und eröffnet ihm einen inneren Raum, in dem Fürsorge für andere und Liebe trotz aller Schwierigkeiten ihren Weg finden können. Schon sehr früh bin ich nach Südfrankreich und in die Alpen gereist, um auf den Spuren von Mathyas zu wandeln. Ich musste die Welt der Hirten und Viehzüchter, ihre Beziehung zum Land und zu den Herden spüren, sie hören und schmecken – meine Sinne mussten voll und ganz angesprochen werden, um all das anschließend in Drehbuch und Inszenierung umsetzen zu können.”
Sophie Deraspes Hirten-Film ist an manchen Stellen etwas vorhersehbar und auch ein Viertelstündchen zu lang, aber dennoch ist es ein schöner, berührender Film mit tollen Bildern. Mir hätte weniger Dialog und mehr Schweigen, visuelles Erzählen besser gepasst, aber dennoch versetzt man sich sehr gerne in die Rolle des Protagonisten. Noch einmal die Regisseurin: „Eine Herde mit einem sehr guten Hirten und einem Hund lässt sich zwar mehr oder weniger dorthin führen, wo man will, aber das ist auch nicht sicher, und außerdem kann sie nicht zweimal denselben Weg gehen. Als Regisseurin ist es meine Aufgabe, bereit zu sein, Vertrauen zu haben und dieses Vertrauen dann meinem Team zu vermitteln, damit sie wissen, dass es darauf ankommt, präsent, aufmerksam und wachsam zu sein, um den richtigen Moment einzufangen. Und die Fähigkeit zu haben, sich schnell umzudrehen. Was ich daran außergewöhnlich finde, ist, dass die Realität oft reichhaltiger ist, als man es sich zu schreiben trauen würde.”
Regie SOPHIE DERASPE
Drehbuch SOPHIE DERASPE & MATHYAS LEFEBURE
Produktion KIM McCRAW, LUC DÉRY, ÉLAINE HÉBERT
CAROLINE BONMARCHAND & XENIA SULYMA
Produktionsfirmen MICRO_SCOPE & AVENUE B PRODUCTIONS
Kamera VINCENT GONNEVILLE
Künstlerische Leitung ANDRÉ-LINE BEAUPARLANT
Schnitt STÉPHANE LAFLEUR
Kostümgestaltung ÉRIC POIRIER
Originalmusik PHILIPPE BRAULT
Tonaufnahme STEPHEN DE OLIVEIRA
BESETZUNG
Mathyas FÉLIX-ANTOINE DUVAL
Élise SOLÈNE RIGOT
Cécile Espriroux GUILAINE LONDEZ
Ahmed MICHEL BENIZRI
Dudu DAVID AYALA
Agnès Tellier VÉRONIQUE RUGGIA SAURA
Nassim YOUNÈS BOUCIF
Gérard Tellier BRUNO RAFFAELLI
Clotilde ALOÏSE SAUVAGE