Umbauen statt abreißen: Die Dokumentation „Barbara Buser – Pionierin der Nachhaltigkeit” läuft ab 29.10.2026 im Kino

Bar­bara Buser – Pio­nierin der Nach­haltigkeit. Regie: Gabriele Schär­er.

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Ich bin ja in der Nähe von Basel geboren und aufgewach­sen, in Lör­rach, auf deutsch­er Seite. Basel war für mich die mir als Kind und Jugendlich­er zur Ver­fü­gung ste­hende Großs­tadt. Dort war ich als Kind im Zoo, mit meinen Eltern in der Migros einkaufen, später als Jugendlich­er Fußball kuck­en beim FC Basel, Konz­erte im Joggeli, ZZ Top zum Beispiel, Open Air-Kino auf dem Mün­ster­platz, zu McDon­alds, weil es in Lör­rach noch keinen gab, ins Kun­st­mu­se­um, CDs kaufen in ein­schlägi­gen Fachgeschäften. Als Kind bin ich ein­mal mit dieser Zug­seil­fähre über den Rhein gefahren, sei­ther aber nie wieder, obwohl ich doch im Schnitt ein­mal im Jahr noch in Basel bin.

Tra­di­tionell wahren die für die Fähre zuständi­gen Men­schen natür­lich Män­ner. Die erste Frau, die diesen Job innehat­te, hieß Bar­bara Buser. Heute ist Bar­bara Buser als preis­gekrönte Basler Architek­tin bekan­nt. Sie machte es sich zur Auf­gabe, Gebäude, die abgeris­sen wer­den soll­ten, zu ret­ten und sie mit recycel­tem Mate­r­i­al umzubauen. Sie ver­wan­delte herun­tergekommene Indus­triege­bäude in lebenswerte urbane Leben­sräume, und sah sich als Kämpferin ein­er nach­haltigeren und gerechteren Welt. Das brachte ihr weltweit unzäh­lige Architek­tur­preise ein. Neben Basel war sie in Win­terthur und Zürich aktiv und gestal­tete zukun­ftsweisende Begeg­nung­sorte. Im Jahr 2020 wurde sie schließlich, gemein­sam mit ihrem Com­pagnon Eric Honeg­ger, mit dem Meret Oppen­heim Preis aus­geze­ich­net, einem der wichtig­sten Schweiz­er Preise für Kun­st- und Architek­turschaf­fende. „Ihre Vorstel­lung von Architek­tur wider­set­zt sich der «star­chi­tec­ture». Sie befind­et sich ausser­halb der Sys­teme und ken­nt bis heute nur wenig Konkur­renz. Bar­bara Buser und Eric Honeg­ger bauen leer­ste­hende Gebäude zu Leben­sräu­men um und schaf­fen neue urbane Struk­turen für ganze Quartiere”, schrieb die NZZ damals.

Ich bin ja nicht so sehr ein Architek­tur­spezial­ist, aber bisweilen ger­at­en mir doch Architek­tur­büch­er in die Fin­ger, die ich mir zumin­d­est anse­he, wenn nicht gar doch kaufe. Dazu gehört ein wun­der­schönes kleines Architek­tur­bänd­chen aus dem Birkhäuser-Ver­lag mit dem Titel „Architek­tur­führer Basel”, eigentlich eine Mogel­pack­ung, weil man das Buch schon auf­schla­gen muss, um den Unter­ti­tel „Neue Baut­en in der tri­na­tionalen Stadt seit 1980” lesen zu kön­nen. His­torische Basler Gebäude kom­men also gar nicht vor, aber egal, mir war das Buch span­nend genug und eben vor allem wun­der­schön gestal­tet. Das Sta­dion Rankhof find­et sich zum Beispiel darin, an dem ich regelmäßig mit der S‑Bahn nach Lör­rach vor­beifahre. Oder natür­lich die Riehen­er Fon­da­tion Beyel­er, die ich fast jedes Mal auf­suche, wenn ich in der Gegend bin. Bar­bara Busers Name find­et sich in dem Büch­lein lei­der nicht. Übri­gens gibt es noch ein anderes wun­der­schönes Büch­lein, das mir vor einiger Zeit in die Hände fiel: „Zwei­hun­dert­fün­fzig Dinge, die Architekt:innen wis­sen soll­ten” von Michael Sorkin, erschienen im Kun­st­mann-Ver­lag. Ein wun­der­volles Buch, auch für Nichtar­chitek­ten. Zum Beispiel Ding Nr. 5: „Wie weit ein Ruf durch die Stadt getra­gen wird”. Oder Nr. 14: „Wie man Ziegel­steine ver­mauert”. Auch in diesem Büch­lein wird Bar­bara Buser nicht zitiert, aber wir kom­men ihr schon näher: Nr. 137: „Wie ökol­o­gis­che Fußab­drücke berech­net wer­den” oder Nr. 146: „Ein biss­chen was über den Schiff­bau”. Das trifft doch sich­er auf die Ex-Fährfrau zu. Vielle­icht auch Nr. 138: „Drei gute, fußläu­fig erre­ich­bare Mit­tagslokale”. In jedem Fall aber die Nr. 198: „Weshalb man selb­st glaubt, dass Architek­tur Gutes bewirkt.”

Aber kom­men wir endlich zum Film. Gabriele Schär­er heißt die Regis­seurin, geboren ist sie in Bern, studiert hat sie in Ham­burg, Kun­st, Medi­en und Film hat­ten es ihr wohl ange­tan, nach diversen Jobs in Ham­burg war sie 1999 bis 2003 Mit­glied der Bern­er Filmkom­mis­sion und begann schließlich auch, eigene Doku­men­tarfilme zu drehen. „Ich ent­deck­te die Architek­tin Bar­bara Buser während mein­er Recherchen rund um eine Car­ing Econ­o­my”, erzählt sie über ihren aktuellen Doku­men­tarfilm. „Eine Wirtschaft, die die Für­sorge in den Vorder­grund stellt, die Erhal­tung des Woh­lerge­hens von Indi­viduen, Gemein­schaften und der Umwelt als ober­stes Gut betra­chtet und sich auf den Auf­bau ein­er nach­halti­gen Für­sorgewirtschaft konzen­tri­ert. Diese Art des Wirtschaftens wird die sozialen Verbindun­gen und Möglichkeit­en radikal verän­dern. Das hört sich utopisch an, und ja, ich denke, Utopi­en sind wichtig, weil sie uns vor konkrete Fra­gen stellen und uns Möglichkeit­en eröff­nen, die wir disku­tieren und weit­er­en­twick­eln kön­nen.”

Bar­bara Buser führt uns zu Beginn durch das Basler Franck-Are­al, ein ehe­ma­li­gen Indus­trieare­al, in dem unter anderem Senf hergestellt wurde. Alle Gebäude, sagt die Architek­tin ihren Zuhör­ern, sollen ste­hen­bleiben. „Eine Begrü­nung wäre auch ganz toll”, regt sie an. Start-ups sollen dort unterkom­men. Nach-68erin sei sie gewe­sen, und auch ein biss­chen anar­chis­tisch ange­haucht. Einen Sprengkurs hat sie damals als Stu­dentin gemacht, klingt in dem Zusam­men­hang dubios, aber schließlich muss man als Architek­tin auch mal etwas spren­gen. „Stadtku­ra­torin” wird Bar­bara Buser von der Regis­seurin genan­nt. Ety­mol­o­gisch von „sor­gen für” oder „sich küm­mern um”. Nicht dem patri­ar­chalen, prof­it-ori­en­tierten Denken folge Bar­bara Buser, erfahren wir, son­dern ein­er „car­ing econ­o­my”, wo es um das Sor­gen füreinan­der und um die Umwelt gehe. Das Gun­deldinger Feld im Süden Basels gehörte zu diesen Pro­jek­ten. Nicht weit von dort wohnt sie, ihr Groß­vater hat­te damals ein Haus gekauft, in dem sie jet­zt noch lebt. Damals, vor vierzig Jahren, war eine Maschi­nen­fab­rik aus Basel wegge­zo­gen, und eben jenes Are­al wurde dann umgenutzt. Es war eines jen­er Pro­jek­te, an denen Bar­bara Buser maßge­blich beteiligt war. Sie kauften damals das Are­al, als die Fir­ma weg­zog und mussten dann Inve­storen anlock­en. Und schließlich wur­den Mieter gesucht – und gefun­den, in einem Fam­i­lien­zen­trum, mit einem Restau­rant, ein Indoor-Spielplatz, einem Hos­tel usw. Die Kosten mussten einge­spielt wer­den, aber es ging dem Pro­jekt nie um große Prof­ite.

Eine Zeit­lang hat­te sie in jun­gen Jahren im Süd­su­dan ver­bracht, als Architek­tin und Brun­nen­bauerin. Sie ließ sich von lokalen Fachkräften helfen. Acht Män­ner waren das, bald wur­den es mehr, man baute ins­ge­samt siebzig Brun­nen. Die Sprache zu ler­nen sei essen­ziell gewe­sen, sagt sie. Schließlich ging sie nach Tansa­nia, als in Süd­su­dan Krieg aus­brach. Sie heiratete dort, bekam ein Kind und arbeit­ete weit­er. Doch dann zog es sie zurück nach Europa, mit Mann und Kind ging sie nach Por­tu­gal. Schließlich kam ihr die Idee der „Wiederver­wen­dung” – in Abgren­zung zum „Recy­cling”. Ein Prinzip, das sie aus Afri­ka mit­ge­bracht hat: „In Tansa­nia habe ich gel­ernt, dass es keinen Abfall gibt”, sagt sie. „Das, was jemand weg­wirft, ist für jemand anderen ein Rohstoff.” Und in der Schweiz sah sie dann, wie Häuser nach weni­gen Jahrzehn­ten Nutzung wieder abgeris­sen wer­den und die Baustoffe ein­fach auf der Müll­halde lan­den. Das wollte sie auch in der Schweiz ändern. Das Prinzip der Wiederver­wen­dung entstammte übri­gens auch ein­er Erfahrung Busers in der Nachkriegszeit: Im Gun­deldinger Quarti­er waren im Krieg – davon wusste ich gar nichts – Bomben gefall­en, und aus jenen Ruinen wur­den in der Nachkriegszeit wieder Gebäude aufge­baut. 1940 hat­te näm­lich die Roy­al Air Force verse­hentlich Basel getrof­fen, es gab sog­ar vier Todes­opfer.

Und so wer­den die Pro­jek­te immer größer, span­nen­der – und Bar­bara Buser wird immer mehr zur Pio­nierin der Nach­haltigkeit. „Die Frage ist, wie kön­nen wir erre­ichen, dass weniger abgeris­sen wird in dieser Stadt oder über­haupt in der west­lichen Welt”, sagt Bar­bara Buser. „Ich glaube, es geht nur noch mit Geset­zen, weil das Wohnen und das Geschäft­shäuser bauen, ist so ein Finanzpro­dukt gewor­den, dass es nur noch um das Geld geht. Man muss mit gle­ichen Spiessen aufzeigen kön­nen, was ist Neubau, was kostet er, wie viel CO₂ pro­duziert er und was kann man mit einem Alt­bau erre­ichen?”

Die Regis­seurin sagt: „Bar­bara Buser ist es wichtig, dass in einem Are­al auch Raum für Exper­i­mente ist, es muss also Flächen oder Eck­en geben, die nicht ren­tieren müssen. Sie macht sich Gedanken zu Zwis­chen­räu­men, öffentlichen Räu­men und offe­nen Räu­men. In der Basler Mark­thalle tre­ffe ich auf Leute, die vielle­icht wegen der Wärme und den Toi­let­ten dort sind. Es gibt keinen Kon­sumzwang. Auch auf dem Lager­platz in Win­terthur oder im Gun­deldinger Feld in Basel kann ich mich auf eine der zahlre­ichen Bänke set­zen. Die bei­den jun­gen Män­ner, die wir dort eines Abends trafen, erzählten, dass sie bere­its als Kinder hier gespielt haben.” Gabriele Schär­er gelingt eine beein­druck­ende und eben­so unter­halt­same Doku­men­ta­tion über alter­na­tives Bauen, eine ganz beson­dere Stadt und über die Biografie ein­er eben­so beson­deren Frau.

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