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Ich bin ja in der Nähe von Basel geboren und aufgewachsen, in Lörrach, auf deutscher Seite. Basel war für mich die mir als Kind und Jugendlicher zur Verfügung stehende Großstadt. Dort war ich als Kind im Zoo, mit meinen Eltern in der Migros einkaufen, später als Jugendlicher Fußball kucken beim FC Basel, Konzerte im Joggeli, ZZ Top zum Beispiel, Open Air-Kino auf dem Münsterplatz, zu McDonalds, weil es in Lörrach noch keinen gab, ins Kunstmuseum, CDs kaufen in einschlägigen Fachgeschäften. Als Kind bin ich einmal mit dieser Zugseilfähre über den Rhein gefahren, seither aber nie wieder, obwohl ich doch im Schnitt einmal im Jahr noch in Basel bin.
Traditionell wahren die für die Fähre zuständigen Menschen natürlich Männer. Die erste Frau, die diesen Job innehatte, hieß Barbara Buser. Heute ist Barbara Buser als preisgekrönte Basler Architektin bekannt. Sie machte es sich zur Aufgabe, Gebäude, die abgerissen werden sollten, zu retten und sie mit recyceltem Material umzubauen. Sie verwandelte heruntergekommene Industriegebäude in lebenswerte urbane Lebensräume, und sah sich als Kämpferin einer nachhaltigeren und gerechteren Welt. Das brachte ihr weltweit unzählige Architekturpreise ein. Neben Basel war sie in Winterthur und Zürich aktiv und gestaltete zukunftsweisende Begegnungsorte. Im Jahr 2020 wurde sie schließlich, gemeinsam mit ihrem Compagnon Eric Honegger, mit dem Meret Oppenheim Preis ausgezeichnet, einem der wichtigsten Schweizer Preise für Kunst- und Architekturschaffende. „Ihre Vorstellung von Architektur widersetzt sich der «starchitecture». Sie befindet sich ausserhalb der Systeme und kennt bis heute nur wenig Konkurrenz. Barbara Buser und Eric Honegger bauen leerstehende Gebäude zu Lebensräumen um und schaffen neue urbane Strukturen für ganze Quartiere”, schrieb die NZZ damals.
Ich bin ja nicht so sehr ein Architekturspezialist, aber bisweilen geraten mir doch Architekturbücher in die Finger, die ich mir zumindest ansehe, wenn nicht gar doch kaufe. Dazu gehört ein wunderschönes kleines Architekturbändchen aus dem Birkhäuser-Verlag mit dem Titel „Architekturführer Basel”, eigentlich eine Mogelpackung, weil man das Buch schon aufschlagen muss, um den Untertitel „Neue Bauten in der trinationalen Stadt seit 1980” lesen zu können. Historische Basler Gebäude kommen also gar nicht vor, aber egal, mir war das Buch spannend genug und eben vor allem wunderschön gestaltet. Das Stadion Rankhof findet sich zum Beispiel darin, an dem ich regelmäßig mit der S‑Bahn nach Lörrach vorbeifahre. Oder natürlich die Riehener Fondation Beyeler, die ich fast jedes Mal aufsuche, wenn ich in der Gegend bin. Barbara Busers Name findet sich in dem Büchlein leider nicht. Übrigens gibt es noch ein anderes wunderschönes Büchlein, das mir vor einiger Zeit in die Hände fiel: „Zweihundertfünfzig Dinge, die Architekt:innen wissen sollten” von Michael Sorkin, erschienen im Kunstmann-Verlag. Ein wundervolles Buch, auch für Nichtarchitekten. Zum Beispiel Ding Nr. 5: „Wie weit ein Ruf durch die Stadt getragen wird”. Oder Nr. 14: „Wie man Ziegelsteine vermauert”. Auch in diesem Büchlein wird Barbara Buser nicht zitiert, aber wir kommen ihr schon näher: Nr. 137: „Wie ökologische Fußabdrücke berechnet werden” oder Nr. 146: „Ein bisschen was über den Schiffbau”. Das trifft doch sicher auf die Ex-Fährfrau zu. Vielleicht auch Nr. 138: „Drei gute, fußläufig erreichbare Mittagslokale”. In jedem Fall aber die Nr. 198: „Weshalb man selbst glaubt, dass Architektur Gutes bewirkt.”
Aber kommen wir endlich zum Film. Gabriele Schärer heißt die Regisseurin, geboren ist sie in Bern, studiert hat sie in Hamburg, Kunst, Medien und Film hatten es ihr wohl angetan, nach diversen Jobs in Hamburg war sie 1999 bis 2003 Mitglied der Berner Filmkommission und begann schließlich auch, eigene Dokumentarfilme zu drehen. „Ich entdeckte die Architektin Barbara Buser während meiner Recherchen rund um eine Caring Economy”, erzählt sie über ihren aktuellen Dokumentarfilm. „Eine Wirtschaft, die die Fürsorge in den Vordergrund stellt, die Erhaltung des Wohlergehens von Individuen, Gemeinschaften und der Umwelt als oberstes Gut betrachtet und sich auf den Aufbau einer nachhaltigen Fürsorgewirtschaft konzentriert. Diese Art des Wirtschaftens wird die sozialen Verbindungen und Möglichkeiten radikal verändern. Das hört sich utopisch an, und ja, ich denke, Utopien sind wichtig, weil sie uns vor konkrete Fragen stellen und uns Möglichkeiten eröffnen, die wir diskutieren und weiterentwickeln können.”
Barbara Buser führt uns zu Beginn durch das Basler Franck-Areal, ein ehemaligen Industrieareal, in dem unter anderem Senf hergestellt wurde. Alle Gebäude, sagt die Architektin ihren Zuhörern, sollen stehenbleiben. „Eine Begrünung wäre auch ganz toll”, regt sie an. Start-ups sollen dort unterkommen. Nach-68erin sei sie gewesen, und auch ein bisschen anarchistisch angehaucht. Einen Sprengkurs hat sie damals als Studentin gemacht, klingt in dem Zusammenhang dubios, aber schließlich muss man als Architektin auch mal etwas sprengen. „Stadtkuratorin” wird Barbara Buser von der Regisseurin genannt. Etymologisch von „sorgen für” oder „sich kümmern um”. Nicht dem patriarchalen, profit-orientierten Denken folge Barbara Buser, erfahren wir, sondern einer „caring economy”, wo es um das Sorgen füreinander und um die Umwelt gehe. Das Gundeldinger Feld im Süden Basels gehörte zu diesen Projekten. Nicht weit von dort wohnt sie, ihr Großvater hatte damals ein Haus gekauft, in dem sie jetzt noch lebt. Damals, vor vierzig Jahren, war eine Maschinenfabrik aus Basel weggezogen, und eben jenes Areal wurde dann umgenutzt. Es war eines jener Projekte, an denen Barbara Buser maßgeblich beteiligt war. Sie kauften damals das Areal, als die Firma wegzog und mussten dann Investoren anlocken. Und schließlich wurden Mieter gesucht – und gefunden, in einem Familienzentrum, mit einem Restaurant, ein Indoor-Spielplatz, einem Hostel usw. Die Kosten mussten eingespielt werden, aber es ging dem Projekt nie um große Profite.
Eine Zeitlang hatte sie in jungen Jahren im Südsudan verbracht, als Architektin und Brunnenbauerin. Sie ließ sich von lokalen Fachkräften helfen. Acht Männer waren das, bald wurden es mehr, man baute insgesamt siebzig Brunnen. Die Sprache zu lernen sei essenziell gewesen, sagt sie. Schließlich ging sie nach Tansania, als in Südsudan Krieg ausbrach. Sie heiratete dort, bekam ein Kind und arbeitete weiter. Doch dann zog es sie zurück nach Europa, mit Mann und Kind ging sie nach Portugal. Schließlich kam ihr die Idee der „Wiederverwendung” – in Abgrenzung zum „Recycling”. Ein Prinzip, das sie aus Afrika mitgebracht hat: „In Tansania habe ich gelernt, dass es keinen Abfall gibt”, sagt sie. „Das, was jemand wegwirft, ist für jemand anderen ein Rohstoff.” Und in der Schweiz sah sie dann, wie Häuser nach wenigen Jahrzehnten Nutzung wieder abgerissen werden und die Baustoffe einfach auf der Müllhalde landen. Das wollte sie auch in der Schweiz ändern. Das Prinzip der Wiederverwendung entstammte übrigens auch einer Erfahrung Busers in der Nachkriegszeit: Im Gundeldinger Quartier waren im Krieg – davon wusste ich gar nichts – Bomben gefallen, und aus jenen Ruinen wurden in der Nachkriegszeit wieder Gebäude aufgebaut. 1940 hatte nämlich die Royal Air Force versehentlich Basel getroffen, es gab sogar vier Todesopfer.
Und so werden die Projekte immer größer, spannender – und Barbara Buser wird immer mehr zur Pionierin der Nachhaltigkeit. „Die Frage ist, wie können wir erreichen, dass weniger abgerissen wird in dieser Stadt oder überhaupt in der westlichen Welt”, sagt Barbara Buser. „Ich glaube, es geht nur noch mit Gesetzen, weil das Wohnen und das Geschäftshäuser bauen, ist so ein Finanzprodukt geworden, dass es nur noch um das Geld geht. Man muss mit gleichen Spiessen aufzeigen können, was ist Neubau, was kostet er, wie viel CO₂ produziert er und was kann man mit einem Altbau erreichen?”
Die Regisseurin sagt: „Barbara Buser ist es wichtig, dass in einem Areal auch Raum für Experimente ist, es muss also Flächen oder Ecken geben, die nicht rentieren müssen. Sie macht sich Gedanken zu Zwischenräumen, öffentlichen Räumen und offenen Räumen. In der Basler Markthalle treffe ich auf Leute, die vielleicht wegen der Wärme und den Toiletten dort sind. Es gibt keinen Konsumzwang. Auch auf dem Lagerplatz in Winterthur oder im Gundeldinger Feld in Basel kann ich mich auf eine der zahlreichen Bänke setzen. Die beiden jungen Männer, die wir dort eines Abends trafen, erzählten, dass sie bereits als Kinder hier gespielt haben.” Gabriele Schärer gelingt eine beeindruckende und ebenso unterhaltsame Dokumentation über alternatives Bauen, eine ganz besondere Stadt und über die Biografie einer ebenso besonderen Frau.