
Im Jahr 2009 sind wir drei Wochen lang durch Argentinien gereist, eine Zeitlang davon waren wir natürlich in Buenos Aires, aber dann waren wir auch in der Provinz unterwegs; einerseits im Paranadelta auf einer kleinen Insel, auf die man mit dem Linienmotorbootkahn gebracht wurde, das Schiff legte jeweils gar nicht richtig an, man musste quasi auf den Steg hüpfen und bekam den Koffer hinübergereicht. Die Vogelwelt war paradiesisch, insbesondere die kleinen Kolibris waren putzig, bis heute habe ich in einem Buch, das ich damals las, einen winzigen Kolbrischiss. Und andererseits waren wir in Patagonien und später auf Feuerland, und zwar im Südwinter, sehr abenteuerlich. Es war weitgehend menschenleer, kaum Touristen. In Patagonien rutschte unser Reisebus von der Straße, Verletzte gab’s keine, aber wir mussten stundenlang in der Eiseskälte warten, bis wir rausgezogen wurden. Auf Feuerland wanderten wir viele Stunden lang durch den Nationalpark. Beeindruckend.
„El mundo al revés“, auf deutsch ‚Die Welt steht Kopf‘ spielt in der argentinischen Provinz, es ist der Film von Agostina Di Luciano und Leon Schwitter, der auf der diesjährigen Ausgabe des Filmfestivals Max Ophüls Preis zu sehen ist. Ein Film über Geschichten und da Erzählen von Geschichten sei es, sagen die Regisseure, die Menschen seien real, „ebenso wie ihr Leben und ihr Alltag. Doch eine fiktive Erzählung dringt zunehmend in ihr Leben ein, und beide Realitäten beginnen sich zu vermischen. Wir wollten eine Realität zeigen, die bisher selten dargestellt wurde, und diesen Stimmen Raum geben. Gleichzeitig gibt es eine fiktive Ebene – eine Geschichte, die sich mit dem Alltag dieser Menschen vermischt. Mystik und Spiritualität sind in dieser Region Teil des Alltags, und die Grenzen zwischen ‚real‘ und ‚übernatürlich‘ verschwimmen oft. Ein Mythos, der uns besonders fasziniert hat, ist das Phänomen der ‚luz mala‘ – ein schwebendes Licht, das nachts die Menschen in die Irre führen soll. Mit unserem Film wollten wir diesen Mythen nachspüren und erforschen, welche Auswirkungen solche Begegnungen auf Menschen haben. Was bedeutet in einer komplexen Welt, die wir immer weniger vollständig erfassen können, die Frage nach der Wahrheit für unsere Existenz – in einer Zeit, in der Meinungen zunehmend auseinanderdriften?“
Eine Höhle irgendwo in der argentinischen Provinz, ein Mann führt irgendein Ritual mit Rauch durch. Alte Höhlenmalereien an den Höhlenwänden. Eine Kirche in einem Dorf. Eine Frau erklärt ihren Kindern, welche Figuren sich in der Kirche befinden. Kinder spielen am Fluss, zwei Frauen unterhalten sich über Männer. Ein Mann, Omar, füttert seine Hühner, sein Enkel spielt mit seinem Hund. Später geht die Mutter des Jungen auf eine Party, ihr Sohn muss bei Omar bleiben, sein Vater lebt nicht mehr. Doch als der Junge schläft, und Omar noch draußen sitzt, erscheint ihm plötzlich ein sonderbares Licht. Nun macht er sich, gemeinsam mit seinem Enkel auf eine Reise mit dem Pferd, er zeigt ihm ihre kleine Welt, und sie machen sich auf die Suche nach dem Sinn des Lebens. Derweil putzen zwei Frauen eine alte, herrschaftliche Villa, in der niemand zu wohnen scheint. Irgendwann machen sie eine sonderbare Entdeckung: eine Wand in einem Schrank. Nun versuchen sie, sich das Haus mit Hilfe von Beschwörungsformeln anzueignen.
Leon Schwitter, die eine Hälfte des Regieduos ist 1994 in Lenzburg in der Schweiz geboren. Von 2016 bis 2021 studierte er in Zürich Film mit Schwerpunkt Drehbuch. Sein erster Spielfilm RÉDUIT lief 2023 im Wettbewerb des Filmfestival Max Ophüls Preis. Schwitter gelang mit RÉDUIT ein brillant und langsam erzähltes „Prepperdrama“, das von der Einsamkeit des Ortes lebt, aber auch von den beiden eindrücklich agierenden Darstellern, Dorian Heiniger und Peter Hottinger. „Der Mythos der Berge als Rückzugsort ist tief in der Schweizer Geschichte verwurzelt. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg wurde damit begonnen, die Alpen auszuhöhlen und mit unzähligen Bunkern zu befestigen, in die sich ein kleiner Teil der Gesellschaft im Falle einer Invasion zurückziehen sollte. Der Name dieser Bunker war Réduit national“, sagt der Regisseur damals. Agostina Di Luciano, die zweite Hälfte des Regieduos, stammt aus Buenos Aires und studierte ebenfalls in Zürich. Sie ist Teil des Theaterkollektivs bOdyssey. EL MUNDO AL REVÉS ist ihr Debütfilm.
„El mundo al revés“ ist ein langsam erzählter Spielfilm, manchmal am Rande zum Dokumentarfilm. Es geht um das Leben in der Provinz, das noch voller Aberglauben, Magie und religiösen Ritualen steckt. Das ist mit seinen einzelnen Handlungsfäden so langsam erzählt, dass man lange nicht so recht weiß, in welche Richtung es denn gehen wird. Das ist in Ordnung so, lässt mich aber auch relativ lange alleine. Dennoch habe ich einige Sympathie für diesen Film, der sich weitgehend dramatischen Handlungsstrukturen entzieht.
„El mundo al revés“ läuft am 22. und 23. Januar 2026 beim Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken.