A MISSING PART von Guillaume Senez ab 2. April 2026 im Kino

©LesFilmsPelleas_VersusProduction

Dreizehn Jahre ist es her, dass ich ein­mal für ein paar Tage in Tokio war. Viel habe ich fotografiert, in den nächtlichen Straßen, in den Parks, die altern­den Rock­a­bil­lies im Yoyo­gi-Park, die unver­mei­dliche Shibuya-Cross­ing, die vollen aber erstaunlich stress­frei zu nutzen­den U‑Bahnen, die Pendler früh­mor­gens noch im Halb­schlaf, die nach Hause ren­nen­den Pendler spätabends, wenn endlich der Chef das Büro ver­lassen hat. Irgend­wann hat­te ich sog­ar eine kleine Fotoausstel­lung in Berlin mit meinen Tokio-Fotografieren, für eine größere Ausstel­lung hätte ich doch noch ein, zwei, drei Mal wiederkom­men müssen. Das ergab sich aber lei­der nicht. Aber immer­hin inter­essiere ich mich sei­ther noch mehr für den japanis­chen Film, inter­essiere mich für die hiesi­gen Japan-Film­fes­ti­vals, aber auch die filmis­chen Beziehun­gen zwis­chen der west­lichen Welt und Japan – berühmtestes Exem­plar dieser Filme ist natür­lich „Lost in Trans­la­tion” mit Bill Mur­ray und Scar­lett Johans­son, der Film mit dem Sofia Cop­po­la wohl berühmt gewor­den ist. Zulet­zt gab es natür­lich Wim Wen­ders’ Toi­let­ten­film „Per­fect Days”. Und nun kommt am 6. Novem­ber 2025 „A Miss­ing Part”, der Film des in Brüs­sel gebore­nen Bel­giers Guil­laume Senez in die deutschen Kinos, mit Romain Duris in der Haup­trol­le.

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„A Miss­ing Part”, Une part man­quante im franzö­sis­chsprachi­gen Orig­i­nal, ist sein drit­ter Spielfilm, nach „Keep­er” aus dem Jahr 2015, einem Jugend­dra­ma um einen ange­hen­den Fußball­tor­wart und dessen schwan­gere Fre­undin, sowie „Our Strug­gles” (Nos batailles) aus dem Jahr 2018, der bei diversen Film­fes­ti­vals Preise erhielt, unter anderem beim Film­fest Ham­burg. Romain Duris, der gebür­tige Paris­er, ken­nt man spätestens seit Cédric Klapischs „L’auberge espag­nole”, in dem er die Haup­trol­le des Stu­den­ten Xavier beset­zte. Auch in „Our Strug­gles” spielte er bere­its mit. Bei­de Filme scheint es nicht gestreamt zu geben, die Trail­er sehen aber vielver­sprechend aus. Und nun kommt also „A Miss­ing Part” in die Kinos, von dem Guil­laume Senez sagt, dass es ihm um den kul­turellen Kon­trast ging: „Das war auch das, was mich an dieser Geschichte so reizte: Jen­seits des The­mas Kinde­sent­führung geht es auch um einen Frem­den, der sich mit einem reicheren Land, ein­er anderen Kul­tur, Sprache und Reli­gion auseinan­der­set­zen muss. Oft zeigen Filme Ein­wan­der­er aus Afri­ka oder Osteu­ropa, die nach Frankre­ich kom­men. Ich wollte das umkehren – einen franzö­sis­chen Ein­wan­der­er zeigen. Ich habe mich gefragt, wie man heutige Zuschauerin­nen «kon­fron­tieren» kann. Ich will sie nicht an die Hand nehmen oder für sie denken – ich möchte ihnen ein Gefühl mit­geben. Wenn sie inner­lich berührt wer­den, sich fra­gen, was sie empfind­en – dann ist der Film umso stärk­er.”

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Aber zurück zum Anfang. In den nächtlichen Straßen Tokios. Jerome ist Fran­zose und er ist Tax­i­fahrer, in Tokio. Japanisch spricht er fast per­fekt und immer wieder sorgt es für Erstaunen, dass ein europäisch ausse­hen­der Mann in Japans Haupt­stadt Taxi fährt. Eigentlich ist er ein­sam, hat nur ein kleines Äffchen als Hausti­er und ken­nt halt ein paar Men­schen in der Nach­barschaft. Irgend­wann wird er von sein­er Anwältin zu Hil­fe gerufen, eine verzweifelte Französin, Jes­si­ca, ist auf der Suche nach ihrem Sohn. Ihr von ihr getren­nt leben­der Mann, ein Japan­er, ist mit dem Kind abge­hauen aus Frankre­ich, nach Tokio. Und nun ist sie verzweifelt auf der Suche nach ihrem Sohn. Was sie nicht weiß: In Japan gibt es ein gän­zlich anderes Recht bei getren­nten Paaren. Es gibt kein Sorg­erecht und kein Umgangsrecht. Das alleinige Sorg­erecht geht fast immer an die Per­son, bei der das Kind zum Zeit­punkt der Schei­dung lebt. Und das ist mit über­großer Mehrheit die Mut­ter. Außer bei Aus­län­dern. Und Kinde­sentzug ist keine Straftat. Gut möglich, dass die Frau ihr Kind früh­estens wieder­sieht, wenn es volljährig ist und selb­st entschei­den darf, ob es seine Mut­ter wieder­se­hen möchte.

Und nun erfahren wir: Genau so ging es auch Jerome. Lange hat er seine Tochter nicht mehr gese­hen, auf seinen nächtlichen Tax­i­fahrten ver­di­ent er nicht nur Geld, son­dern er hält auch nach sein­er Tochter Auss­chau. Aber er ist kurz davor aufzugeben, seine Woh­nung zu verkaufen und zurück nach Frankre­ich zu kom­men, wo noch sein Vater lebt – hätte er mal nicht den Verkauf­ster­min ver­pen­nt, wodurch sich alles um ein paar Tage verzögern dürfte. Nur wenige Tage wird seine verzweifelte Suche durch die Mul­ti­mil­lio­nen­stadt noch andauern, dann ist alles vor­bei. Der­weil wer­den Jes­si­ca und Jerome so etwas wie Lei­densgenossen, Jes­si­ca kann noch viel von ihm ler­nen.

Doch dann, eines Tages, sitzt eine junge Frau in Jeromes Taxi. Sie hat sich am Pool den Knöchel gebrochen, ist auf Krück­en unter­wegs, deswe­gen fährt sie aus­nahm­sweise mit dem Taxi zur Schule. Ist es seine Tochter? Er übern­immt die Tour für die ganze Woche und ver­sucht mehr her­auszufind­en. Doch wie kann er etwas erfahren, ohne die japanis­chen Hür­den der Höflichkeit zu über­schre­it­en? Dann hört er, wie sie von ihren Fre­undin­nen gerufen wird: Lily. Lily, der Name sein­er Tochter.

„Wir proben nicht – wir ’suchen’ die Fig­uren”, erzählt Guil­laume Senez. „Wir sprechen viel vorher, und ich möchte so viel wie möglich vom Instinkt und der Spon­taneität bewahren. Ich mache wenige Takes, filme aber von Anfang an alles. In den ersten Takes suchen wir Bewe­gun­gen, Posi­tio­nen, entwick­eln das gemein­sam – und manch­mal entste­ht dabei etwas ganz Beson­deres. Ich sage meinen Darsteller*innen immer, sie sollen die ersten Takes wie Proben betra­cht­en. Tat­säch­lich lan­den bei mir oft erste Takes im finalen Schnitt.” Diese intime Herange­hensweise spürt man und es ist in der Tat berührend zu sehen, wie sich Jerome langsam an Lily annähert – und diese sich an ihn. Weit­er sagt Senez: „Jay ist anfangs fast japanis­ch­er als die Japan­er – aber im Ver­lauf bricht seine Natur durch. Lily ste­ht auch zwis­chen den Kul­turen. Eine Szene war umstrit­ten – als sie ihren Vater fragt: ‚Stimmt es, dass sich Jugendliche in Frankre­ich mit der Zunge küssen?’ Einige fan­den das unangemessen – zu jung, zu japanisch. Aber nach dem Dreh gab es keine Ein­wände mehr – die Szene zeigt genau ihre Zer­ris­senheit. Und das Wort­spiel mit ‚Zunge’ fand ich reizvoll. Eine stim­mige Verkör­pe­rung kann viel Fein­heit ins Drehbuch brin­gen. Das ist meine Arbeit als Regis­seur: den Film bess­er machen als das Drehbuch.”

„A Miss­ing Part” ist ein drama­tis­ch­er und gle­ichzeit­ig berühren­der Film, der einen tief in die Hand­lung hineinzieht. Romain Duris gelingt es, diese Fig­ur zwis­chen zwei Kul­turen her­vor­ra­gend zu spie­len, großar­tig. Zwei Dinge wün­sche ich mir: Dass ich Guil­laume Senez’ bei­den früheren Filme zu sehen bekomme – und dass sein näch­ster Film nicht fünf Jahre auf sich warten lässt.

Einen kleinen Trost hat übri­gens das Presse­heft parat: „Am 17. Mai 2024 ver­ab­schiedete das japanis­che Par­la­ment eine Reform des Zivilge­set­zbuchs, die die Möglichkeit ein­er gemein­samen elter­lichen Sorge nach der Schei­dung ein­führt. Diese Reform, die 2026 in Kraft treten wird, erlaubt es geschiede­nen Eltern, zwis­chen alleiniger und gemein­samer elter­lich­er Sorge zu wählen. Let­ztere bedeutet, dass bei­de Eltern gemein­sam über wichtige Aspek­te im Leben des Kindes entschei­den.”

«A Miss­ing Part»
Ein Film von Guil­laume Senez
mit Romain Duris
Spielfilm, Frankre­ich, Bel­gium, 2024
DCP, Farbe, 90 min
OV: Franzö­sisch und Japanisch
Sprach­fas­sun­gen: Deutsch + Deutsch syn­chro­nisiert

CAST
Jérôme «Jay» Da Cos­ta – Romain Duris
Jes­si­ca – Judith Chem­la
Lily – Mei Cirne-Masu­ki
Michiko – Tsuyu
Lilys Gross­mut­ter – Shungiku Uchi­da
Keiko Nomu­ra, Lilys Mut­ter – Yumi Nari­ta
Jays Vater – Patrick Descamps
Yu – Shin­no­suke Abe

CREW
Regis­seur: Guil­laume Senez
Drehbuch: Guil­laume Senez, Jean Deni­zot
Pro­duzen­ten: Jacques-Hen­ri Bron­ckart, David Thion
Co-Produzent*innen: Philippe Mar­tin, Tat­jana Kozar
Pro­duzent Japan: Hiro­to Ogi
Kom­po­si­tion: Olivi­er Mar­guer­it
Cast­ing: Lau­re Coch­en­er, ARDA
Kam­era: Elin Kirschfink, AFC, SBC
Schnitt: Julie Brenta
Pro­duk­tions­de­sign: Takeshi Shimizu
Ton: Nico­las Paturle, Vir­ginie Mes­saien, Sab­ri­na Calmels, Fran­co Pis­copo
Kostüms­de­sign: Julie Lebrun
Make-up: Jill Wertz

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