Der „Leitfaden der astronomischen Beobachtung“ aus dem Jahr 1928

In Berlin-Neukölln saß einst die Astro Gesellschaft m.b.H. In der Anzeige wirbt sie für „Identoskope mit Fernbildlinsen (…) Für Jäger, Tierfreunde, Bildberichter“, also für Fernrohre für die Naturbeobachtungen. Espen Susort ist ein norwegischer Spezialist für alte Kameraobjektive und ihm ist es zu verdanken, dass wir einiges über die Astro Gesellschaft wissen. Susort hat eine bemerkenswerte Internetseite über die Geschichte der Firma zusammengestellt.

Die Firma war auf verschiedenste Optiken spezialisiert, Objektive für Filmkameras, lichtstarke Fotoobjektive, Okulare für Fernrohre, Teleobjektive etc. Einer der Gesellschafter der Firma war ein gewisser Dr. Hugh Ivan Gramatzki. Er wurde 1882 in Shillong in Indien geboren, wo sein Vater als Ingenieur tätig war und wo die Familie bis 1896 lebte – um dann nach Deutschland zurückzukehren. 1922 gründete er gemeinsam mit Willy F. Bielicke und Walter Otto die Astro Gesellschaft, die zunächst in der Kreuzberger Belle-Alliance-Straße 39 saß, dem heutigen Mehringdamm.

Gramatzki war aber nicht nur im technischen und naturwissenschaftlichen Bereich tätig, in der Erfindung optischer Geräte, als Astronom, als Planetenbeobachter, als Theoretiker der Luft- und Raumfahrt und vieles mehr – er war auch literarisch aktiv, schrieb mehrere Romane, einige Drehbücher und Hörspiele. Bereits 1902 übersetzte er altindische Fabeln. 1917 schrieb er den Roman „Der Kristall“, angeblich während eines Einsatzes als Marineoffizier an Bord eines Schiffes im Ersten Weltkrieg.

Gramatzki beschäftigte sich mit Problemen der Weltraumfahrt, etwa in seinem Aufsatz „Ist die Weltraumfahrt wirklich möglich?“ aus dem Jahr 1927. Er führte einen jahrelangen Briefwechsel über wissenschaftliche Themen mit Albert Einstein und war ein erfolgreicher Planetenbeobachter und -forscher. 1922 veröffentlichte er eine detaillierte Beobachtungskarte des Mars, er beobachtet in Berlin mit einem vierzölligen und einem sechszölligen Spiegelteleskop. Er schrieb über die Möglichkeit von Leben auf anderen Planeten – und er behauptete, dass die Chinesen schon auf dem Mars gelandet seien. Ebenfalls 1922 schrieb er „Der Mensch und die Planeten“, ein populärwissenschaftliches Sachbuch über Astronomie und das Verhältnis des Menschen zum Weltall.

Neulich erwarb ich Gramatzkis „Leitfaden der astronomischen Beobachtung“ aus dem Jahr 1928, ein kleiner, sorgfältig gestalteter, gut hundertseitiger Band über die Praxis der astronomischen Beobachtung. „Sollen astronomische Kenntnisse mehr als ein Echo oder eine verblassende Erinnerung an Einstgehörtes sein, so müssen sie durch eigene Beobachtungen in uns ein Fundament finden“, schreibt Gramatzki im Vorwort. Der Autor beginnt mit einer Anleitung zur Orientierung am nächtlichen Sternenhimmel, etwas mehr theoretisch als praktisch. Danach geht es um Mond und Sonne, Sterne, Sternschnuppen, schließlich um die Technik von Fernrohren. So richtig interessant wird es eigentlich erst mit den Planeten, am spannendsten wohl beim Mars, dem man zur damaligen Zeit noch „Marskanäle“ zuschrieb. „Diese Marszeichnungen“, schreibt Gramatzki über die Illustrationen eines Hamburger Astronomen, „zeigen, dass man sich mit Instrumenten von drei bis vier Zoll Öffnung bei einer nicht zu ungünstigen Opposition eine Marskarte erkämpfen kann, die eine Reihe von Einzelheiten aufweist.“ Das Wort „erkämpfen“ spricht Bände über die Qualität dieser Karten. Jupitermonde waren damals neun entdeckt, der Große Rote Fleck, der damals erschwachte, wird höchstens am Rand erwähnt. Pluto wird erst zwei Jahre später entdeckt. Die Entdeckung, dass die Andromedagalaxie außerhalb unserer Galaxie liegt, ist erst wenige Jahre alt. Es folgt eine Beschreibung diverser Messgeräte für die Helligkeit und die Farbe von Sternen. Praktisch wird’s dann im Abschlusskapitel „Der Beobachtungsabend“: „Auch der gelegentliche Himmelsbeobachter lege sich ein Beobachtungsbuch an, in welche er seine Wahrnehmungen mit genauem Datum, also Zeitangabe bis auf wenigstens 5 Minuten abgerundet einträgt.“ Und: „Man warte nicht bis zum nächsten Tag mit irgendwelchen Eintragungen, auch nicht, wenn man überzeugt ist, dass die betreffende Wahrnehmung absolut im Gedächtnis haftet.“ Den Bleistift solle man sich an einer Schnur um den Hals hängen, die Taschenlampe versehe man mit einer lichtdämpfenden Umhüllung. Das Büchlein schließt mit diversen Tabellen und Grafiken und schließlich mit Buchwerbung, etwa für „Eine Fahrt durch die Sonnenwelt“ oder „Aus den Tiefen des Raumes“.

1930 schrieb Gramatzki dann das „Hilfsbuch der astronomischen Photographie“, das ihn auch als einen Pionier der Astrofotografie und des Astrofilmens auszeichnete. Er entwickelte ein Spezial-Röntgenobjektiv sowie ein Photometer, mit dem man die unterschiedlichen Helligkeiten auf durchs Fernrohr beobachteten Planetenoberflächen messen konnte; er arbeitete an den Grundlagen des Amateurfilmens. Er nutzte moderne Präsentationsmöglichkeiten – etwa einen von ihm erfundenen Bildprojektor – und er hielt Rundfunkvorträge über seine Spezialthemen. Bis in die New York Times gelangte seine These, dass eine neue Eiszeit drohe. Gerne äußerte er sich auch über gesellschaftlich relevante Themen, etwa in einem langen Aufsatz über den „Amerikanismus“. Er schrieb das vielfach ausgestrahlte Hörspiel „Die Katastrophe“, ein Buch über das Fliegen, und er war Sternwartenleiter in Kleinmachnow.

Nach dem Krieg war er freier Mitarbeiter in der Akademie der Wissenschaften in der DDR. In Kleinmachnow, wo er 1957 starb und beerdigt wurde, war er als illustre Figur bekannt. Eine schier unglaublich vielfältige Karriere, besonders für jemanden, den heute kein Mensch mehr kennt.

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