SIRI HUSTVEDT – DANCE AROUND THE SELF ab 2. April 2026 im Kino

Siri Hustvedt
© Medea Film Fac­to­ry / Dschoint Ventschr / Fil­ip Zum­brunn

„Was mich beson­ders inter­essiert hat, ist der Aspekt der kör­per­lichen Symp­tome über die Siri recher­chiert und schreibt, bere­its in ihrem ersten Roman, ‚Die unsicht­bare Frau’, in dem sie ihre Migräne the­ma­tisiert”, erzählt die Regis­seurin Sabine Lidl. „Und in ‚Die zit­ternde Frau’ beschreibt sie ihre Übersen­si­bil­ität, ein zu hohes Maß an Empathie, das sie als Aus­lös­er für ihren Zit­ter­an­fall bei ein­er Rede auf ihren Vater erlebt hat­te. In diesem Wesen, das in einem ländlichen Umfeld aufwuchs, dass eher rau und hart ist, in dem die Kinder in der Schule wenig mit ihr anz­u­fan­gen wussten, sah ich auch eine Spieglung zu mein­er eige­nen Geschichte. Das Ander­s­sein, nicht rein­passen. Es berührte mich, wenn Siri im Film erzählt, dass sie als Kind häu­fig Kopf­schmerzen hat­te und dachte, das sei bei jedem so. Das ist etwas, was viele auf die eine oder andere Art ken­nen: Wir über­spie­len Dinge, die uns unan­genehm scheinen, anstatt sie offen zu zeigen. Eine Scham über die eigene Schwäche. Siris Texte haben mir ver­mit­telt, dass diese ver­meintliche Schwäche auch etwas Gutes hat, dass man sie annehmen sollte.”

Siri Hustvedt und Paul Auster haben 1982 geheiratet. Sie lebten in Brook­lyn, unweit des Prospect Parks. 2014 lebte ich vier Wochen in Brook­lyn unweit jenes Ortes, als ich auf ein­monatiger Foto­ex­pe­di­tion in New York war. Ich mochte die Gegend, den Prospect Park, Park Slope, Prospect Heights. Ich wohnte im Schlafz­im­mer eines Schmuck­de­sign­ers, er sel­ber schlief im Durch­gangsz­im­mer, manch­mal hat­te er auch seine Lebens­ge­fährtin zu Besuch und ver­schanzte sich mit ihr hin­ter einem Vorhang, hin­ter dem sein Hochbett ver­bor­gen war. In der Küche stank es immer nach Gas, wenige Wochen vorher war in Brook­lyn ein Wohn­haus durch eine lecke Gasleitung explodiert. Ich schaute, dass ich die meiste Zeit außer­halb des Haus­es ver­brachte, aber nachts war ich dann halt doch da, um zu schlafen. Der Gast­ge­ber hat­te mir bis zulet­zt eine falsche Haus­num­mer mit­geteilt, weil wohl schon damals Unter­ver­mi­etun­gen an Touris­ten und kurzfristige Besuch­er nicht ges­tat­tet waren. Die Müll­ton­nen im Hin­ter­hof hat­ten keine Deck­el, damit die Rat­ten bess­er ranka­men. Auf dem Weg nach Man­hat­tan fotografierte ich die Pendler in der U‑Bahn.

Siri Hustvedt
© Medea Film Fac­to­ry / Dschoint Ventschr / Meret Madörin

Über Siri Hustvedts Erstlingsro­man „Die unsicht­bare Frau” ätzte der Spiegel 1993: „Ihr Debütro­man ‚Die unsicht­bare Frau’, in Ameri­ka hoch gelobt, lei­det allerd­ings auch an einem Über­maß von Spuk und ist mit abgewet­zten lit­er­arischen Ver­satzstück­en – etwa dem roman­tis­chen Dop­pel­gänger­mo­tiv – gespickt. Allzu offenkundig eifert Hustvedt, 38, dem Vor­bild eines Erfol­gsautors nach, dem sie ihr Buch gewid­met hat und mit dem sie ver­heiratet ist: Paul Auster. Dessen männlichen Gestal­ten, die in quälen­der Iden­titätssuche befan­gen und von ungreif­baren Gefahren umstellt sind, gle­icht die schöne Iris wie ein weib­lich­es Spiegel­bild.” Du liebe Güte.

Über eine lange Zeit hin­weg begleit­ete die Regis­seurin Sabine Lidl Siri Hustvedt und Paul Auster und erzählt von ein­er großen Liebesgeschichte und vom Tod. „Die Jahre, in denen dieser Film ent­standen ist, waren außeror­dentlich hart”, erzählt Siri Hustvedt. „Es ist sehr selt­sam, unter einem Mikroskop zu liegen, während man der­art bru­tale Wirk­lichkeit­en durch­lebt. Über Schmerz und Lei­den, über trau­ma­tis­che Erfahrun­gen zu sprechen, kann sehr schw­er sein, und wir hat­ten ja bere­its mehrere Todes­fälle erlebt, Pauls Enke­lin, Pauls Sohn sind kurz hin­tere­inan­der gestor­ben. Lange Zeit, ja, bis zum Memo­r­i­al für Paul, kon­nte ich nicht über das sprechen, was uns zugestoßen ist, es kam mir ein­fach nicht über die Lip­pen. Doch, schon sehr kurz nach dem Tod meines Mannes, direkt nach der Gedenk­feier habe ich mich an den Schreibtisch geset­zt.”

Der Film begin­nt mit ani­mierten Zeich­nun­gen von Siri Hustvedt, die uns immer wieder durch den Film begleit­en wer­den. Wir sehen alte Super-8-Auf­nah­men von New York. Im Off hören wir die Stimme Siri Hustvedts, die davon erzählt, wie sie einst das ländliche Min­neso­ta ver­ließ, um in New York Fig­uren für ihren ersten Roman zu find­en. Im August 1978 hat­te sie noch lange keine erste Roman­fig­ur, aber sie ent­deck­te einen Rhyth­mus in der Stadt, „a col­lec­tive swell of move­ment”, wie sie sagt. Mit einem Kof­fer und fünf Kisten Büch­ern kommt sie in die Stadt, mehr nicht. Sie drückt sich in den ein­schlägi­gen Buch­lä­den herum, natür­lich im berühmten „Strand”.

Wir begleit­en sie in ein­er Mis­chung aus Inter­views, doku­men­tarischen Auf­nah­men und nachgestell­ten Szenen. „In der Bib­lio­thek hat­te ich Flügel”, so beschreibt sie die Kraft, die ihr die Lit­er­atur damals ver­lieh. Und dann gibt es jene Szenen, vor denen wahrschein­lich alle Doku­men­tarfilmer irgend­wie Angst habe: Autor:innen beim Schreiben. Tip­pen. Zögern. Denken. Nach­le­sen. Kor­rigieren. Der Film ver­liert uns darüber aber nicht, wir bleiben dabei.

„Der Anfang eines Buchs ist immer am schw­er­sten”, erzählt sie. „Man ken­nt die unge­fähre Rich­tung, aber man wirft qua­si Bälle in die Luft, und sie passen noch nicht so recht.” Und dann führt uns Siri Hustvedt, wie noch sel­ten in ein­er Autoren-Doku, in die Welt des Schreibens hinein. Bis dahin, und auch bis zum Schluss des Films. ist Hustvedt natür­lich die Haupt­fig­ur, aber nun tritt erst­mals Paul Auster auf. Als Neben­fig­ur, danke dafür! Auster liest aus der Zeitung vor, redet über eine Ausstel­lung im Whit­ney Muse­um. Dann sind wir wieder ganz bei der Autorin, der wir fasziniert zuhören, wie sie von ihrem Zugang zum Schreiben erzählt. Sie liest aus ihren Werken vor. Mit ihrer so unglaublich ruhi­gen Stimme. Das entwick­elt bald einen Sog.

Paul Auster
© Medea Film Fac­to­ry / Dschoint Ventschr / Sabine Lidl

Wir begleit­en sie schließlich an Orte von früher, teils mit der Kam­era, teils mit Worten – eine alte Woh­nung in Man­hat­tan, eine Bar etc. Sie berichtet, wie diese Orte in ihre ersten Romane einge­flossen sind: „Alles, was ich erzählte, ist wirk­lich passiert.” Schließlich begeg­nen wir Wegge­fährten, Fre­un­den, etwa Kate­ri­na Fotopoulou, eine Fre­undin, Neu­rowis­senschaft­lerin.

Wir erfahren, dass die bildende Kun­st auch eine mögliche Rich­tung gewe­sen wäre, die Hustvedt in ihrem Leben vielle­icht hätte ein­schla­gen kön­nen. Sie zeigt uns ihre Zeich­nun­gen, eben jene, die jet­zt auch als Ani­ma­tio­nen in den Film einge­flossen sind. „Als ich in der 5. Klasse war, unge­fähr mit 11, über­legte ich, Kün­st­lerin zu wer­den.” Uner­müdlich zeich­nete sie, doch mit 13 – in Island – beschloss sie, Schrift­stel­lerin zu wer­den.

Schließlich kam der Tag, an dem Paul Auster in ihr Leben trat. Sie sucht alte Briefe von ihm, find­et eine Notiz von 1981: „Liebe S, wie du siehst, bin ich hier. Und du? Ich habe viele Male angerufen, denn ich habe in der Gegend zu tun. Aber du bist ver­schwun­den, lei­der.” Gemein­sam mit Paul Auster sehen wir sie schließlich durch alte Fotoal­ben blät­tern. Sie erzählt von ihrem gemein­samen Leben, ihrem gemein­samen Schrift­steller­leben. No mon­ey, auf ihrer Hochzeit mussten die Gäste da Essen bezahlen, erzählt sie.

Siri Hustvedt
© Medea Film Fac­to­ry / Dschoint Ventschr / Fil­ip Zum­brunn

Wir ler­nen die Sta­tio­nen ihres Lebens ken­nen, die Kind­heit, die Jugend, die nor­wegis­che Herkun­ft, ihre Schwest­ern. Wir begeg­nen Men­schen, die ihr ein­mal wichtig waren. Louise Bour­geois, die Kün­st­lerin, die 2010 in New York gestor­ben ist. Oder Wim Wen­ders. Und dann kommt der Tag, der vieles ändern wird, der Tag, an dem sie erfährt, dass Paul Auster schw­er krank ist. Ihr „Lebens­men­sch”, wie sie auf deutsch sagt.

Sabine Lidl gelingt ein wun­der­voll erzählter Doku­men­tarfilm, der eine Geschichte über das Schreiben, das Leben, den Tod erzählt. Es ist ein langsam erzählter Film, der durch seine erzäh­lerische Vielfalt glänzt, den Sog, den er entwick­elt – keine Sekunde lang­weilt Sabine Lidl uns. „SIRI HUSTVEDT – DANCE AROUND THE SELF ist kein tra­di­tionelles Kün­st­lerin­nen­por­trait”, sagt die Pro­duzentin Irene Höfer. „Siri Hustvedt ist Schrift­stel­lerin, Wis­senschaft­lerin, eine Ikone weib­lich­er Selb­st­bes­tim­mung, eine der bedeu­tend­sten Intellek­tuellen unser­er Zeit. (…) Was als Por­trait ein­er Schrift­stel­lerin und Denkerin begann, entwick­elte sich zu einem außergewöhn­lich inti­men Doku­ment: Während der Drehar­beit­en wurde bei Paul Auster Krebs diag­nos­tiziert, und er ver­starb. Nur wenige Wochen vor seinem Tod gab er Sabine Lidl sein let­ztes Inter­view – ein Ver­mächt­nis, das in unserem Film bewahrt wird.”

Irgend­wann gibt es diese Szene, in der Siri Hustvedt nach Paul Austers Tod dessen Bib­lio­thek sortiert und über­legt, was mit eini­gen der Büch­ern geschehen soll. Irgend­wann nimmt sie ein Buch in die Hand und sagt, dass es wohl eines der Lieblings­büch­er von Paul Auster gewe­sen sei. Und diese Szene berührt mich per­sön­lich, weil es näm­lich auch eines mein­er Lieblings­büch­er in meinem Besitz ist, von dem ich mich nie tren­nen möchte: Es ist ein dick­er Bild­band von John McCabe und Al Kil­go­re über das filmis­che Werk von Lau­rel & Hardy, 1975 ist es erschienen. Es ist so toll, weil es mich an so viele dieser Filme erin­nert, die ich vor allem in mein­er Kind­heit gese­hen habe – und weil es mich erin­nert, dass ich ganz viele Filme von Lau­rel und Hardy noch gar nicht gese­hen habe – und weil auch mein Sohn sich bere­its über einige der Filme der bei­den tot­gelacht hat – und weil man mit diesem Buch die bei­den Komik­er und Schaus­piel­er dabei begleit­en kann, wie sie alt wur­den. Ich weiß nicht, wie Sabine Lidl es schafft, aber dem Film gelingt es immer wieder, solch berührende Verbindun­gen zu mir – und möglicher­weise auch zu vie­len anderen Zuschauern – aufzubauen.

Zulet­zt noch ein paar Worte von Siri Hustvedt: „Ich denke immer, Schriftsteller:innen bei der Arbeit zu fil­men, ist lang­weilig. Ander­er­seits geht der Akt des Schreibens mit ein­er rhyth­mis­chen Ver­sunken­heit ein­her, und ich per­sön­lich würde gerne unter­schiedlichen Schriftsteller:innen dabei zuschauen, wie sie schreiben, wie sie sich bewe­gen, was passiert. Insofern fiel es mir nicht schw­er, zumal Sabine zu diesem Zeit­punkt mein voll­stes Ver­trauen hat­te, und ich keine Angst davor, dass sie mich ver­rat­en kön­nte.”

Ich möchte gerne diesen Beitrag mit einem jen­er von mir erwäh­n­ten Brook­lyn-Pendler­fo­tos schließen, das ich damals machte, als ich für ein paar Wochen in Brook­lyn, Nähe Prospect Park, wohnte:

Atlantic Avenue, Jür­gen Bür­gin, 2014.

TERMINE DER KINOTOUR:

Dien­stag, 24. März
BREMEN, Schauburg um 18:00 Uhr 
Pre­mière in Anwe­sen­heit der Regis­seurin Sabine Lidl & Pro­duzentin Irene Höfer.
Tick­ets kön­nen hier käu­flich erwor­ben wer­den.

Mittwoch, 25. März 
MÜNSTER, Schlossthe­ather um 18:00 Uhr
In Anwe­sen­heit der Regis­seurin Sabine Lidl.
Tick­ets kön­nen hier käu­flich erwor­ben wer­den.

Fre­itag, 27. März
DRESDEN, Pro­grammki­no Ost um 19:30 Uhr
In Anwe­sen­heit der Regis­seurin Sabine Lidl.
Tick­ets kön­nen hier käu­flich erwor­ben wer­den.

Sam­stag, 28. März 
LEIPZIG, Pas­sage um 18:00 Uhr
In Anwe­sen­heit der Regis­seurin Sabine Lidl.
Tick­ets kön­nen hier käu­flich erwor­ben wer­den.

Son­ntag, 29. März
BERLIN, Kino Inter­na­tion­al um 11:00 Uhr
In Anwe­sen­heit der Regis­seurin Sabine Lidl & Pro­duzentin Irene Höfer.
Tick­ets kön­nen hier käu­flich erwor­ben wer­den.

Dien­stag, 31. März 
HAMBURG, Zeise Kino um 20:00 Uhr
In Anwe­sen­heit der Regis­seurin Sabine Lidl.
Tick­ets kön­nen hier käu­flich erwor­ben wer­den.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert