
Dreizehn Jahre ist es her, dass ich einmal für ein paar Tage in Tokio war. Viel habe ich fotografiert, in den nächtlichen Straßen, in den Parks, die alternden Rockabillies im Yoyogi-Park, die unvermeidliche Shibuya-Crossing, die vollen aber erstaunlich stressfrei zu nutzenden U-Bahnen, die Pendler frühmorgens noch im Halbschlaf, die nach Hause rennenden Pendler spätabends, wenn endlich der Chef das Büro verlassen hat. Irgendwann hatte ich sogar eine kleine Fotoausstellung in Berlin mit meinen Tokio-Fotografieren, für eine größere Ausstellung hätte ich doch noch ein, zwei, drei Mal wiederkommen müssen. Das ergab sich aber leider nicht. Aber immerhin interessiere ich mich seither noch mehr für den japanischen Film, interessiere mich für die hiesigen Japan-Filmfestivals, aber auch die filmischen Beziehungen zwischen der westlichen Welt und Japan – berühmtestes Exemplar dieser Filme ist natürlich „Lost in Translation“ mit Bill Murray und Scarlett Johansson, der Film mit dem Sofia Coppola wohl berühmt geworden ist. Zuletzt gab es natürlich Wim Wenders‘ Toilettenfilm „Perfect Days“. Und nun kommt am 6. November 2025 „A Missing Part“, der Film des in Brüssel geborenen Belgiers Guillaume Senez in die deutschen Kinos, mit Romain Duris in der Hauptrolle.

„A Missing Part“, Une part manquante im französischsprachigen Original, ist sein dritter Spielfilm, nach „Keeper“ aus dem Jahr 2015, einem Jugenddrama um einen angehenden Fußballtorwart und dessen schwangere Freundin, sowie „Our Struggles“ (Nos batailles) aus dem Jahr 2018, der bei diversen Filmfestivals Preise erhielt, unter anderem beim Filmfest Hamburg. Romain Duris, der gebürtige Pariser, kennt man spätestens seit Cédric Klapischs „L’auberge espagnole“, in dem er die Hauptrolle des Studenten Xavier besetzte. Auch in „Our Struggles“ spielte er bereits mit. Beide Filme scheint es nicht gestreamt zu geben, die Trailer sehen aber vielversprechend aus. Und nun kommt also „A Missing Part“ in die Kinos, von dem Guillaume Senez sagt, dass es ihm um den kulturellen Kontrast ging: „Das war auch das, was mich an dieser Geschichte so reizte: Jenseits des Themas Kindesentführung geht es auch um einen Fremden, der sich mit einem reicheren Land, einer anderen Kultur, Sprache und Religion auseinandersetzen muss. Oft zeigen Filme Einwanderer aus Afrika oder Osteuropa, die nach Frankreich kommen. Ich wollte das umkehren – einen französischen Einwanderer zeigen. Ich habe mich gefragt, wie man heutige Zuschauerinnen «konfrontieren» kann. Ich will sie nicht an die Hand nehmen oder für sie denken – ich möchte ihnen ein Gefühl mitgeben. Wenn sie innerlich berührt werden, sich fragen, was sie empfinden – dann ist der Film umso stärker.“

Aber zurück zum Anfang. In den nächtlichen Straßen Tokios. Jerome ist Franzose und er ist Taxifahrer, in Tokio. Japanisch spricht er fast perfekt und immer wieder sorgt es für Erstaunen, dass ein europäisch aussehender Mann in Japans Hauptstadt Taxi fährt. Eigentlich ist er einsam, hat nur ein kleines Äffchen als Haustier und kennt halt ein paar Menschen in der Nachbarschaft. Irgendwann wird er von seiner Anwältin zu Hilfe gerufen, eine verzweifelte Französin, Jessica, ist auf der Suche nach ihrem Sohn. Ihr von ihr getrennt lebender Mann, ein Japaner, ist mit dem Kind abgehauen aus Frankreich, nach Tokio. Und nun ist sie verzweifelt auf der Suche nach ihrem Sohn. Was sie nicht weiß: In Japan gibt es ein gänzlich anderes Recht bei getrennten Paaren. Es gibt kein Sorgerecht und kein Umgangsrecht. Das alleinige Sorgerecht geht fast immer an die Person, bei der das Kind zum Zeitpunkt der Scheidung lebt. Und das ist mit übergroßer Mehrheit die Mutter. Außer bei Ausländern. Und Kindesentzug ist keine Straftat. Gut möglich, dass die Frau ihr Kind frühestens wiedersieht, wenn es volljährig ist und selbst entscheiden darf, ob es seine Mutter wiedersehen möchte.
Und nun erfahren wir: Genau so ging es auch Jerome. Lange hat er seine Tochter nicht mehr gesehen, auf seinen nächtlichen Taxifahrten verdient er nicht nur Geld, sondern er hält auch nach seiner Tochter Ausschau. Aber er ist kurz davor aufzugeben, seine Wohnung zu verkaufen und zurück nach Frankreich zu kommen, wo noch sein Vater lebt – hätte er mal nicht den Verkaufstermin verpennt, wodurch sich alles um ein paar Tage verzögern dürfte. Nur wenige Tage wird seine verzweifelte Suche durch die Multimillionenstadt noch andauern, dann ist alles vorbei. Derweil werden Jessica und Jerome so etwas wie Leidensgenossen, Jessica kann noch viel von ihm lernen.
Doch dann, eines Tages, sitzt eine junge Frau in Jeromes Taxi. Sie hat sich am Pool den Knöchel gebrochen, ist auf Krücken unterwegs, deswegen fährt sie ausnahmsweise mit dem Taxi zur Schule. Ist es seine Tochter? Er übernimmt die Tour für die ganze Woche und versucht mehr herauszufinden. Doch wie kann er etwas erfahren, ohne die japanischen Hürden der Höflichkeit zu überschreiten? Dann hört er, wie sie von ihren Freundinnen gerufen wird: Lily. Lily, der Name seiner Tochter.
„Wir proben nicht – wir ’suchen‘ die Figuren“, erzählt Guillaume Senez. „Wir sprechen viel vorher, und ich möchte so viel wie möglich vom Instinkt und der Spontaneität bewahren. Ich mache wenige Takes, filme aber von Anfang an alles. In den ersten Takes suchen wir Bewegungen, Positionen, entwickeln das gemeinsam – und manchmal entsteht dabei etwas ganz Besonderes. Ich sage meinen Darsteller*innen immer, sie sollen die ersten Takes wie Proben betrachten. Tatsächlich landen bei mir oft erste Takes im finalen Schnitt.“ Diese intime Herangehensweise spürt man und es ist in der Tat berührend zu sehen, wie sich Jerome langsam an Lily annähert – und diese sich an ihn. Weiter sagt Senez: „Jay ist anfangs fast japanischer als die Japaner – aber im Verlauf bricht seine Natur durch. Lily steht auch zwischen den Kulturen. Eine Szene war umstritten – als sie ihren Vater fragt: ‚Stimmt es, dass sich Jugendliche in Frankreich mit der Zunge küssen?‘ Einige fanden das unangemessen – zu jung, zu japanisch. Aber nach dem Dreh gab es keine Einwände mehr – die Szene zeigt genau ihre Zerrissenheit. Und das Wortspiel mit ‚Zunge‘ fand ich reizvoll. Eine stimmige Verkörperung kann viel Feinheit ins Drehbuch bringen. Das ist meine Arbeit als Regisseur: den Film besser machen als das Drehbuch.“
„A Missing Part“ ist ein dramatischer und gleichzeitig berührender Film, der einen tief in die Handlung hineinzieht. Romain Duris gelingt es, diese Figur zwischen zwei Kulturen hervorragend zu spielen, großartig. Zwei Dinge wünsche ich mir: Dass ich Guillaume Senez‘ beiden früheren Filme zu sehen bekomme – und dass sein nächster Film nicht fünf Jahre auf sich warten lässt.
Einen kleinen Trost hat übrigens das Presseheft parat: „Am 17. Mai 2024 verabschiedete das japanische Parlament eine Reform des Zivilgesetzbuchs, die die Möglichkeit einer gemeinsamen elterlichen Sorge nach der Scheidung einführt. Diese Reform, die 2026 in Kraft treten wird, erlaubt es geschiedenen Eltern, zwischen alleiniger und gemeinsamer elterlicher Sorge zu wählen. Letztere bedeutet, dass beide Eltern gemeinsam über wichtige Aspekte im Leben des Kindes entscheiden.“
«A Missing Part»
Ein Film von Guillaume Senez
mit Romain Duris
Spielfilm, Frankreich, Belgium, 2024
DCP, Farbe, 90 min
OV: Französisch und Japanisch
Sprachfassungen: Deutsch + Deutsch synchronisiert
CAST
Jérôme «Jay» Da Costa – Romain Duris
Jessica – Judith Chemla
Lily – Mei Cirne-Masuki
Michiko – Tsuyu
Lilys Grossmutter – Shungiku Uchida
Keiko Nomura, Lilys Mutter – Yumi Narita
Jays Vater – Patrick Descamps
Yu – Shinnosuke Abe
CREW
Regisseur: Guillaume Senez
Drehbuch: Guillaume Senez, Jean Denizot
Produzenten: Jacques-Henri Bronckart, David Thion
Co-Produzent*innen: Philippe Martin, Tatjana Kozar
Produzent Japan: Hiroto Ogi
Komposition: Olivier Marguerit
Casting: Laure Cochener, ARDA
Kamera: Elin Kirschfink, AFC, SBC
Schnitt: Julie Brenta
Produktionsdesign: Takeshi Shimizu
Ton: Nicolas Paturle, Virginie Messaien, Sabrina Calmels, Franco Piscopo
Kostümsdesign: Julie Lebrun
Make-up: Jill Wertz