Tief in den familiären Bruchstellen: Ein Blick auf einige Filme über Familien auf den 60. Hofer Filmtagen.

DIE HEILUNG – EINE GESCHICHTE VOM WEITERMACHEN

Mar­cus Richardt und Lil­lian Rosa erzählen in diesem Doku­men­tarfilm von Rev­o­lu­tio­nen in der Medi­z­in­forschung. „Man pro­gram­miert den Kör­p­er ein­fach”, wird irgend­wann erk­lärt. Zufäl­lig ent­deck­te näm­lich der Dok­torand Ing­mar Hoerr im Jahr 1999 an der Uni Tübin­gen jene bahn­brechende mRNA-Tech­nik, ja genau jene, die mit Covid dann plöt­zlich schla­gar­tig berühmt wurde. Aber bei der Forschung ging es nicht nur um die Imp­fung gegen Viruserkrankun­gen, es geht auch um die Heilung von Krankheit­en, Krebs zum Beispiel. Hoerr grün­det die Fir­ma Cure­Vac, man erin­nert sich, eine der Mit­be­wer­ber­fir­men in Konkur­renz zu Bion­Tech.

Wir sehen den Ver­lauf der Fir­mengeschichte, die Patentab­schlüsse, Inter­views mit den Beteiligten, Siege und Nieder­la­gen – und große pri­vate, famil­iäre Dra­men. Der Doku­men­tarfilm mit dem etwas eso­ter­isch klin­gen­den Titel erzählt eine dur­chaus span­nende Geschichte, bisweilen etwas arg kon­ven­tionell. Vor allem denken wir alle doch lei­der in jed­er Minute des Films: Ich will „You Can See Every­thing” sehen, ich will „You Can See Every­thing” sehen, ich will „You Can See Every­thing” sehen.

Regie: Mar­cus Richardt, Lil­lian Rosa
Cast: Ing­mar Hoerr, Sara Hoerr, Katal­in Karikó, Wolf­gang Klein, Flo­ri­an von der Mülbe
84 Min., Doku­men­tarfilm

ZOEY & BEN

Alexan­der Con­rads ist der Regis­seur des diesjähri­gen Eröff­nungs­films der Hofer Film­tage, „Zoey & Ben”. Es ist die Geschichte des plöt­zlichen Vol­lzeit­vaters Ben, einem nicht sehr erfol­gre­ichen Schaus­piel­er – ein Vor­sprechen nach dem andern, der sich plöt­zlich um seine neun­jährige Tochter Zoey küm­mern muss. Mit ein­er Über­do­sis liegt deren Mut­ter im Kranken­haus, der Film begin­nt mit dem trau­ma­tis­chen Erleb­nis der Tochter, dass sie, mit dem rosa Scout-Schul­ranzen auf dem Rück­en, ihre Mut­ter zu Hause vorfind­et. Und nun muss eben der Vater ran, das Jugen­damt hat sich schon gemeldet. Bish­er haben sich die bei­den nur spo­radisch gese­hen. Wie wird das mit dem Sorg­erecht? „Ich denk auch manch­mal, dass alles Scheiße läuft”, erzählt Ben ihr etwas hil­f­los. Aber es würde dann schon irgend­wann wieder gut wer­den. Wenig­stens hil­ft Bens Vater hin und wieder aus. Nur blöd, dass der schon tagsüber gerne mal was trinkt. Und so kämpft Ben zwis­chen Tin­der, Super­mark­tjob und Kleinthe­ater­rollen darum, ein lieben­der, sor­gen­der Vater zu wer­den.

Höhen und Tiefen dro­hen nun und über einige Jahre hin­weg begleit­en wir die bei­den, er, der sich nun von einem über­forderten Alle­ingänger zum ver­ant­wor­tungsvollen Fam­i­lien­vater entwick­eln muss, sie, Zoey, die nun mit ihrem Schock, ihrem Trau­ma zurechtkom­men muss und sich im Leben ein­er Her­anwach­senden zurechtfind­en muss.

Alexan­der Con­rads gelingt ein wun­der­volles, über­raschen­des Langzeit­film­pro­jekt, das dur­chaus einen Sog entwick­elt, man fol­gt den bei­den sehr gerne über die Jahre hin­weg, wie sie sich inner­lich und äußer­lich verän­dern. Grandios ist es vor allem auch zu sehen, wie sich Zoe Lara Löh­mann von ein­er wun­der­baren Kinder­darstel­lerin zu ein­er beina­he erwach­se­nen Schaus­pielerin entwick­elt. Dass der Film erzäh­lerisch nicht alle Klis­cheek­lip­pen umschifft und bisweilen etwas arg geschwätzig ist, stört mich dabei nur ein biss­chen.

Regie: Alexan­der Con­rads
Cast: Sebas­t­ian Boruc­ki, Zoe Lara Löh­mann, Franziska Bre­ite, Mar­tin Plass, Nina Ale­na Ruhz, Luz­ian Gup­ta, Anja S. Gläs­er, Anke Lanak, Hele­na Aljona Kühn
94 Min., Spielfilm

CHIET CHEA MANUSA (BECOMING HUMAN)

Kam­bod­scha. Ein uraltes, längst ver­fal­l­en­des Kino weckt Erin­nerun­gen an eine glänzende Ver­gan­gen­heit. Das Dach ist längst kaputt, jegliche Hoff­nung, das Licht­spielthe­ater wieder in Betrieb zu nehmen, ist längst geschwun­den, und so soll es denn auch bald abgeris­sen wer­den. Der Jour­nal­ist Hai möchte die Erin­nerung an das Haus auftechter­hal­ten und sucht die Ruine daher auf. Er begeg­net dort der jun­gen Thi­da, so etwas wie der Schutzgeist des ver­fal­l­en­den Kinos. Und eben jene Thi­da erhält Nachricht von einem spir­ituellen Boten: Sie soll sich bei einem Wiederge­burtscamp anmelden. Thi­da ist einst den Roten Khmer zum Opfer gefall­en.

Aber nicht nur dem Kino dro­ht der Abriss, auch Hais Haus ist in Gefahr: Es kön­nte einem Stein­bruch zum Opfer fall­en. Doch gemein­sam ist den bei­den der Hoff­nungss­chim­mer auf eine Neuen­twick­lung in ihrem Land.

BECOMING HUMAN ist eine leise erzählte Geschichte über das Nach­wirken der Ver­gan­gen­heit bis in die Gegen­wart, über die Trauer im Angesicht ver­gan­gener Trau­ma­ta. Der Film ist das Spielfilmde­büt von Polen Ly. Der Film ist beein­druck­end poet­isch und schweigsam – und set­zt sich nach­den­klich und emo­tion­al mit den Berührungspunk­ten zwis­chen Ver­gan­gen­heit, Gegen­wart und Zukun­ft auseinan­der.

Regie: Polen Ly
Cast: Savorn Ser­ak, Piseth Chhun
Kam­bod­scha 2025
99 Min., Spielfilm

FRIEDA

Felix Has­sen­fratz heißt der Regis­suer von „FRIEDA”, Jahrgang 1981, geboren in Heil­bronn in Baden-Würt­tem­berg, heute lebt er in Köln. Regie und Drehbuch studierte er in Köln an der Inter­na­tionalen Film­schule, heute ist er auch tätig als Dozent im Bere­ich Stof­fen­twick­lung & Drehbuch an der Inter­na­tionalen Film­schule Köln. Sein erster Lang­film war „VERLORENE” aus dem Jahr 2018.

Auch Has­sen­fratz wirft einen Blick in die famil­iären Bruch­stellen. „Frie­da” spielt irgend­wo auf dem Land in Süd­deutsch­land, im Jahr 1984, unweit irgen­dein­er US-Kaserne. Wir befind­en uns mit­ten im Kalten Krieg, die Angst vor dem Ein­satz von Atom­bomben ist hoch. Frie­da ist elf Jahre alt, eine Träumerin, aber den­noch sind ihre Beobach­tun­gen scharf genug, dass sie erken­nt, dass ihre Eltern etwas vor ihr zu ver­ber­gen haben. Von Anfang an sind wir ganz nahe bei ihr, bekom­men die Geschichte aus ihrer Per­spek­tive erzählt, lesen ihre Gedanken mit. Gewalt­frei wird sie erzo­gen, deshalb hat Krieg auch nichts in den Zeich­nun­gen zu suchen, die sie vor sich hin fan­tasiert, meinen ihre Eltern, die glauben, dass sie das mit der Gewalt alles nur aus diesen amerikanis­chen Comics hat. Amipro­pa­gan­da. Aber: Sagen ihre Eltern ihr gegenüber vielle­icht auch manch­mal die Unwahrheit? Pro­pa­gan­da? Und eines Tages deckt Frie­da dann auch die ersten Spuren dieses Fam­i­lienge­heimniss­es auf: Sie kommt auf eine Schwest­er von ihr, Aneke, ein „Him­mel­skind”, eine Schwest­er, von der nie­mand etwas wis­sen will/soll, und die sie nicht ken­nen­ler­nen durfte. Sie erken­nt die Lügen der Erwach­se­nen­welt, man kann ihr nichts vor­spie­len. Aber: Das ganze Kon­strukt beste­ht nur so lange, wie kein­er Fra­gen stellt – und das macht Frie­da jet­zt eben. Sie ver­sucht das Schweigen zu brechen und das Ver­drängte her­vorzu­holen.

Es ist großar­tig, wie nahe der Film an Frie­da dran bleibt, aus ihrer Per­spek­tive, aus ihren Gedanken her­aus erzählt. Die Schwest­erngeschichte ist mir dann doch etwas zu mys­ter­iös und unver­ständlich. Aber vielle­icht liegt das auch an mir und meinem man­gel­nden Ver­ständ­nis für solch mys­tis­che Geschicht­en.

Regie: Felix Has­sen­fratz
Cast: Naila Schu­berth, Julia Jentsch, Rafael Sta­chowiak, Dana Plaul, Markus Her­ing, Heike Hanold-Lynch, Anne Weinknecht, Judith Altenberg­er, Bet­ti­na Stucky, Dar­ja Mahotkin
D/Ö 2026
102 Min./Spielfilm

WO IST AVA

Ger­ade komme ich aus dem Kino aus dem Film „Die andere Seite”, dem beein­druck­enden Virus-Epi­demiefilm von Mariko Minoguchi, mit Nina Hoss in der Haup­trol­le, jet­zt fol­gt gle­ich der näch­ste Film des gle­ichen Gen­res, WO IST AVA des Schweiz­er Regis­seurs Romed Wyder, Jahrgang 1967, geboren in Brig, Kun­st- und Design­studi­um in Genf, Mit­be­grün­der eines Filmemacherkollek­tivs in Genf, Laï­ka Films, Grün­der der Pro­duk­tions­fir­ma Par­a­dig­ma Films. Wyder schaut auf eine schon etwas län­gere Kar­riere als Doku­men­tar- und Spielfilm­regis­seur zurück, etwa dem Spielfilm PAS DE CAFÉ, PAS DE TÉLÉ, PAS DE SEXE, der 1999 in Hof lief, oder dem Doku­men­tarfilm AND THERE WAS ISRAEL … aus dem Jahr 2018.

Die Grun­didee, näm­lich sich in den Bergen vor der Epi­demie zu ver­steck­en, teilt WO IST AVA in der Tat mit DIE ANDERE SEITE, doch während in Minoguchis Film die Epi­demie auf ein­er schlim­meren Coro­na-Vari­ante zu beruhen scheint, geht es hier zwar auch um ein Virus, allerd­ings um ein anderes: Näm­lich eines, das Frau in Män­ner ver­wan­delt. Naja mal sehen, in welche Gen­rerich­tung sich dieser Film entwick­eln wird. Jeden­falls ver­schanzt sich eine Fam­i­lie in einem ein­sam gele­ge­nen Chalet in den Bergen, mit der Absicht, Frau und Tochter davor zu bewahren, angesteckt und in Män­ner ver­wan­delt zu wer­den. Eben das ist näm­lich der ältesten Tochter Mona bere­its passiert, wie man neben­bei pein­lich berührt äußert, das Ex-Mäd­chen wohnt näm­lich inzwis­chen bei Opa. Unwahrschein­lich, dass man Mona auf abse­hbare Zeit wieder­se­hen wird. Doch schon der Weg zum abgele­ge­nen Chalet erweist sich als hin­dernisre­ich: Der Fam­i­lien­wa­gen erlei­det einen Plat­ten: möglicher­weise eine Falle? Max, der Vater, ver­sucht verzweifelt das Rad zu wech­seln. Jeden­falls: Im Autora­dio hört man inzwis­chen von Auf­stän­den in den Quar­an­tänelagern (ähn­lich wie in DIE ANDERE SEITE) und die Welt scheint nicht mehr sich­er zu sein, wer weiß, wer einem Bös­es wün­scht. Und dann kommt da auch noch jemand und nähert sich dem Auto. Aber der Mann, sagt er zumin­d­est, wolle die Fam­i­lie nur war­nen, die Straße sei näm­lich nicht sich­er son­dern würde bisweilen von Angesteck­ten belagert, um an Lebens­mit­tel zu kom­men.

Endlich schaf­fen sie es mit­ten in der Nacht zu ihrem Ziel, der Schneefall wird auch schon stärk­er. Aber ist es über­haupt das richtige Haus? In der Dunkel­heit ist man sich unsich­er. Aber wird schon stim­men. Man richtet sich ein, Handyemp­fang gibt es natür­lich keinen in der Ein­samkeit. Aber sind sie da wirk­lich alleine? Allmäh­lich entwick­elt die Fam­i­lie eine regel­rechte Para­noia. Und bei den Eltern liegen die Ner­ven blank. Und dann begeg­nen sie plöt­zlich einem Mann. Was tun mit ihm? Die Dinge ent­gleit­en der Fam­i­lie. Alles dro­ht zu eskalieren. Radikalisierung, Kon­troll­wahn, Außerkraft­set­zung von Moral und Recht ste­hen nun zu befürcht­en…

Der Film hat einige Stärken, die ins­beson­dere in den über­raschen­den Wen­dun­gen liegen. Ich habe etwas Bauch­schmerzen damit, dass die Grund­prämisse so skur­ril ist, aber nur so funk­tion­ieren eben die Wen­dun­gen. In der Summe ist dann halt eben ein biss­chen zurechtkon­stru­iert, wenn auch außeror­dentlich unter­halt­sam. Und auch hier find­en wir wieder eines der Grundthe­men der vorher genan­nten Filme wieder: Fam­i­lien am Rande des Zer­brechens.

Regie: Romed Wyder
Cast: Car­los Leal, Sabine Tim­o­teo, Lino Seil­er, Alex­ia Robert, Isabelle Cail­lat, Gae­tane Tièche, Roland Bon­jour
Schweiz 2026

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