„Die noch unbekannten Tage“ von Jola Wieczorek beim Filmfestival Max-Ophüls-Preis

Regie: Jola Wieczorek | Österreich 2026 | Dokumentarfilm | Farbe, s/w | 80 Min. | Dt., Poln., mit dt. UT | Uraufführung

DIE NOCH UNBEKANNTEN TAGE. FAHRENHEIT FILMS.

„Was als Traum meiner Eltern von einer besseren Zukunft für sich und vor allem ihre Kinder begann, endetet in einem Trauma, über das in meiner Familie am liebsten Schweigen herrscht“, sagt die Dokumentarfilmemacherin Jola Wieczorek. Jola Wieczorek lebt in Österreich, ist polnischer Herkunft. Sie studierte in Lissabon, Budapest und Brüssel, ihr Abschlussfilm „O que resta“ lief in Locarno. Ihr erster abendfüllender Dokumentarfilm war „Stories from the sea“, er lief im Jahr 2021 auf der Viennale. Der Film handelt von Frauen, die auf See arbeiten, leben oder reisen, eine Auszubildende auf einem Containerschiff, eine Witwe auf Kreuzfahrt sowie junge Menschen auf einem Segeltörn. Den Film gibt es auf „Sooner“ zu sehen, ich werde ihn bei Gelegenheit unbedingt ansehen, allein der Trailer strahlt mit seinen Schwarzweißbildern so unerhört viel maritime Ruhe aus.

DIE NOCH UNBEKANNTEN TAGE. FAHRENHEIT FILMS.

Im Jahr 2023 erhielt sie in Österreich den „Outstanding Artist Award“, die Jury sagte: „Die Filmemacherin Wieczorek unternimmt Expeditionen an Orte, die zu Brennpunkten werden, an denen sie mit außergewöhnlicher Sensibilität für Sprache eine filmische Spurensuche betreibt, komplexe Prozesse des Erinnerns verhandelt oder an Lebensläufen deren zeitgeschichtliche Dimension freilegt.“ Und weiter: „Ihr Blick ist präzise beobachtend, sie arbeitet essayistisch mittels Tagebuch oder autofiktionalen Briefen und hat mit Stilsicherheit ihre eigene dokumentarische Handschrift entwickelt.“

Als Dokumentarfilmerin hat Jola Wieczorek uns gegenüber einen Vorteil, um den wir alle sie beneiden sollten: Sie forscht von Berufs wegen nach ihrer eigenen Vergangenheit, so lange die Menschen, die mehr darüber wissen, noch leben und noch gefragt werden können. Jola Wieczoreks Mutter leidet an einer beginnenden Demenz und so macht sich die Filmemacherin daran, nach eben dieser Vergangenheit zu forschen. Es ist eine Vergangenheit in einem anderen Land: In den 1980er Jahren ist die Regisseurin als Kind mit ihren Eltern und dem jüngeren Bruder aus Polen geflohen und dann in Österreich aufgewachsen. Wie war das Leben im Polen ihrer Kindheit, vor dem Niedergang des Kommunismus, vor den Grenzöffnungen? Was waren die Gründe für die Flucht, was die Umstände? Wie war das in dieser heute schon so fremden Vergangenheit?

Es war eine Fluchtbewegung, die Ende der Achtziger viele Polinnen und Polen unternahmen – über eine Million. „Meine Familie ist Teil dieser Migrationsbewegung“, erzählt die Filmemacherin. „Mit einem vollgepackten Fiat 126 fahren wir im März 1989 los in Richtung Westen, um im damals sogenannten ‚Flüchtlingslager Traiskirchen‘ Asyl zu beantragen. Österreich soll uns nur als Sprungbrett für ein Visum für Kanada oder Australien dienen. Doch wir bleiben. Ich war damals sechs Jahre alt.“ Ihre Erinnerungen an diese Zeit sind vorhanden, aber schwach. Und so macht sie sich an die Arbeit: Sie spricht mit ihren Eltern, sie unternehmen eine Reise in die Vergangenheit, so durchforschen das Familienarchiv, bestehend aus Fotos und mehreren Plastikkästen mit Briefen. Worin bestand eigentlich dieses Trauma, in das sich der familiäre Traum verwandelt hatte? Darüber wurde in der Familie immer geschwiegen, sagt Jola Wieczorek. „Und jetzt noch mehr, wo meine Mutter durch eine seltene neurodegenerative Erkrankung ihre Erinnerungen mehr und mehr verliert. Es wurde ein Lauf mit der Zeit, ihre Erinnerungen mit dem Medium Film aufzufangen und in mein eigenes Erinnerungskonstrukt einzubauen und so zu erweitern.“

DIE NOCH UNBEKANNTEN TAGE. FAHRENHEIT FILMS.

Der Film kompiliert Filmaufnahmen der Vergangenheit, mit den Aufnahmen von heute und mit nachgestellten, nachimaginierten Aufnahmen von Ereignissen von früher: „Wie oft wird die Perspektive der Geflüchteten und Asylsuchenden ignoriert. Besonders die erste Generation, die auswandert, kommt kaum zu Wort. Oft fehlt ihr die nötige Distanz zum Erlebten, manchmal auch das sprachliche Werkzeug. Erst die nächste Generation beginnt zu fragen, zu hinterfragen und versucht die Geschehnisse nachzuvollziehen. Also, ich.“ Wir erleben die Auswanderung aus der Stadt Posen unter anderem nach Wien, in eine gänzlich andere Stadt, in ein fremdes Leben. „Man könnte sagen, es war eine normale Welt, die sich von selbst drehte. Als wäre es ein System, das etwas für die Menschen tut“, sagt ihr Vater. „Und nicht umgekehrt, dass wir für ein bestimmtes System existieren.“

Aber in dieser Welt wurde man nicht unbedingt mit offenen Armen empfangen. Jolas Vater war alleine vorausgereist, um in Österreich Geld zu verdienen. Aber nirgendwo in der Welt, sagt er, habe er sich so schlecht gefühlt, wie damals in Österreich. Er habe Probleme gehabt, sich anzupassen, sagt er. Aber ins Detail will er nicht gehen, das Reden fällt ihm schwer. Er kehrte zurück nach Polen, um seine Familie nachzuholen. Zu viert, Jolas Eltern, Jola selbst und ihr Bruder Kacper, brechen sie mit einem kleinen, überladenen Auto auf. Und diese Reise stellen sie nun nach, zu viert in einem gelben Fiat, ein Roadmovie in die Vergangenheit. Vor der Grenze hatten sie noch einmal übernachtet, auch diesen Ort suchen sie nun wieder auf: Er wirke noch heute wie aus den Achtzigern, sagt Kacper. „Wie wäre mein Leben verlaufen, wenn wir in Polen geblieben wären“, fragt sich Jola. Es gibt Dinge, an die sie sich nur noch schwach erinnern, oder auch intensiv, wie etwa an die Durchsuchung durch die Grenzbeamten an der Grenze oder an die Unterbringung im Übergangslager. „Schon abgefahren aber noch nicht angekommen.“ Das sei das Gefühl gewesen, das sie für lange begleiten sollte.

Die Zeit im Lager war ein furchtbares Provisorium. Ihre Pläne, nach Australien oder Kanada auszuwandern stellten sich als beinahe unmöglich heraus. Sie lernen schließlich eine österreichische Familie kennen, die sie aus dem Lager heraus nach Bad Goisern holt, ein gänzlich andere Welt. Jola lernt Deutsch, kann bald zur Schule gehen. Aber auch dort war sie sofort eine Fremde, alleine schon wegen ihrer Kleidung und wegen der billigsten aller Schultaschen. Verängstigt war sie, ohne Selbstbewusstsein, wurde gemobbt.

Jola Wieczorek gelingt eine berührende, schmerzhafte und persönliche Geschichte über ihre eigene Familie. Es ist eine Geschichte vom Verlust von Heimat und dem Fehlen eines wirklichen Zuhauses. Es waren Gefühle von Hilflosigkeit, „in der Leere schwebend“ sagt ihr Vater einmal. Man kann diese Schmerzen von vorne bis hinten nachfühlen. Es ist die Innensicht, gerade die Briefe von früher, die emotionale, persönliche Erzählung, die diesen Film so stark macht. „In DIE NOCH UNBEKANNTEN TAGE blättere ich zurück in dieses Kapitel meiner Kindheit und erforsche, was damals tatsächlich passiert ist“, sagt die Filmemacherin. „Nicht nur uns, sondern so vielen anderen Immigrant*innen. Damals und heute. (…) Es wurde ein Lauf mit der Zeit, ihre Erinnerungen mit dem Medium Film aufzufangen und in mein eigenes Erinnerungskonstrukt einzubauen und so zu erweitern.“ Wie der Film dieses Trauma allmählich entdeckt und ausgräbt, nimmt einen mit und rührt einen zu Tränen. War diese Flucht ein Fehler, fragt man sich irgendwann. Aber auch darauf gibt es eine Antwort.

Jola Wieczoreks tief beeindruckender Dokumentarfilm ist vom 20. bis zum 24. Januar 2026 beim Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken zu sehen:

https://ffmop.de/film_detail/movie-693fd85968eff

Premiere | Dienstag, 20.01.2026 20:45 Uhr | CineStar 2
Mittwoch, 21.01.2026 18:00 Uhr | Filmhaus
Donnerstag, 22.01.2026 15:00 Uhr | CineStar 5
Samstag, 24.01.2026 18:30 Uhr | CineStar 8

Regie Jola Wieczorek
Buch Jola Wieczorek
Kamera Klemens Koscher, Serafin Spitzer
Montage Ewa Golis, Rubén Rocha
Musik Dorit Chrysler
Ton Andreas Hamza, Andreas Pils
Produzenten Jola Wieczorek, Hanne Lassl
Producer Hanne Lassl
Produktion Fahrenheit Films
Redaktion Julia Sengstschmid (ORF)
Förderung ÖFI+, Bundesministerium für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport, ORF, Land Oberösterreich, MA7

Verleih Stadtkino Filmverleih
Weltvertrieb Austrian Films

Website https://fahrenheitfilms.at/DAYS-YET-UNKNOWN

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