Eine Geschichte über Herkunft und Identität:

Koya Kamuras Lit­er­aturver­fil­mung „Win­ter in Sok­cho” ab 5. Feb­ru­ar 2026 im Kino.

„Ich komme aus einem mul­ti­kul­turellen Umfeld”, erzählt der Regis­seur Koya Kamu­ra. „Meine Mut­ter ist Französin und mein Vater Japan­er. Oft stolz, manch­mal verspot­tet, habe ich im Laufe meines Lebens eine Iden­tität um diese ‚Orig­i­nal­ität’ herum aufge­baut. Da ich in Frankre­ich nie ganz Fran­zose und in Japan noch weniger Japan­er war, habe ich sehr lange nach meinem Platz in der Gesellschaft gesucht, da ich das Bedürf­nis hat­te, in bei­den Län­dern akzep­tiert zu wer­den. WINTER IN SOKCHO erforscht die mul­ti­kul­turelle Herkun­ft und die Suche nach Iden­tität und ori­en­tiert sich dabei an dem Buch der franzö­sisch-kore­anis­chen Autorin Elisa Shua Dusapin, die mit ihrer Haupt­fig­ur Soo-Ha auf sehr ein­fühlsame Weise die Kom­plex­ität der Iden­tität the­ma­tisiert.” Koya Kamu­ra ist in Paris geboren und aufgewach­sen. Er studierte in Paris und Tokio, sein Kurz­filmde­büt gab er im Jahr 2019 mit dem Film „Home­sick”, der in der Sper­rzone von Fukushi­ma spielt. „Win­ter in Sok­cho” ist sein Lang­filmde­büt, sein näch­ster Film wird „Evap­oré” heißen, ein Film Noir, der eben­falls in Fukushi­ma spielt.

Sok­cho ist eine kleine Stadt im Nor­dosten Süd­ko­re­as am Japanis­chen Meer, unweit des Seo­rak­san Nation­al­parks, 82.000 Ein­wohn­er. Der Touris­mus spielt eine nen­nenswerte Rolle, Hotels wer­den gebaut: „Trav­el to Sok­cho, a place where you can enjoy moun­tains, the sea, and lakes all togeth­er”, ste­ht auf der Touris­ten­seite der Stadt. Land­wirtschaft, Fis­cherei und Indus­trie spie­len auch eine Rolle. Die Gren­ze nach Nord­ko­rea ist 50 Kilo­me­ter ent­fer­nt, vor dem Kore­akrieg gehörte die Stadt zu Nord­ko­rea. Es gibt einen Leucht­turm und eine Stern­warte sowie das Sok­cho City Muse­um. Ein Kino gibt’s, die Megabox Sok­cho, im Moment läuft Avatar 3 und irgendwelche kore­anis­chen Liebeskomö­di­en. Der Filmemach­er Park Kwang-su kommt dort her, die Schaus­pielerin Shin Ye-eun und der K‑pop-Star „Mon­day”. Part­ner­städte sind Mia­mi und Lon­don, eine deutsche Part­ner­stadt scheint es nicht zu geben. Das Meer ist nah, eben­so die Berge, anson­sten sind wir in der tief­sten Prov­inz. Bis 2002 hat­te Sok­cho sog­ar einen eige­nen Flughafen, jet­zt nicht mehr. Es scheint wirk­lich nicht viel los zu sein, immer­hin gab es 1971 nach ein­er Flugzeu­gent­führung einen Flugzeu­gab­sturz mit zwei Toten am Strand von Sok­cho. 58 Men­schen haben über­lebt.

Aber nun zum Film. In der Ferne sehen wir die win­ter­liche, ver­schneite Natur in der Nähe von Sok­cho. Soo-Ha schläft bei ihrem Fre­und Jun-oh, der mit dem Mod­el­busi­ness liebäugelt, was natür­lich in Sok­cho nichts wer­den kann, daher hängt er viel im nicht allzufer­nen Seoul herum, während Soo-Ha ganz viel Zeit mit ihrer Mut­ter ver­bringt. Mama arbeit­et als Köchin, sie ist Stam­m­gast auf dem Fis­chmarkt – und sie ist Fugu-Spezial­istin, sie darf mit jenen gifti­gen Fis­chen umge­hen, die, wenn man’s falsch macht, den Kon­sumenten schnell das Leben kosten kön­nen. Und die Mama ist etwas ungeduldig darüber, dass es mit der Beziehung ihrer Tochter zu Jun-Ho nicht so recht weit­erge­ht. „Die Zeit ist grausam. Sie rin­nt einem durch die Fin­ger wie ein Aal”, unkt sie in Fis­chmetaphorik über das Beziehungsleben ihrer Tochter. Soo-Ha arbeit­et im Touris­mus­gewerbe, und zwar in der liebenswürdi­gen kleinen Pen­sion von Her­rn Park – Blue House heißt sie, es gibt auch ein liebevolles kleines Restau­rant, für das Soo-Ha eben­falls kocht. Eigentlich hat­te sie in Seoul Kore­anis­che Lit­er­atur sowie Franzö­sisch studiert, aber als die Frau von Her­rn Park ver­starb, kehrte sie nach Sok­cho zurück und über­nahm den Job, Mäd­chen für alles, in der kleinen Pen­sion. Soo-Has Vater ist Fran­zose, doch sie hat ihn nie ken­nen­gel­ernt, er ist schon nach Frankre­ich zurück­gekehrt, bevor sie über­haupt geboren ist.

Und da ist es schon etwas Beson­deres, dass nun aus­gerech­net ein Fran­zose in dem Hotel eincheckt – Yan Ker­rand heißt er – inter­na­tionalen Touris­mus gibt es in Sok­cho eigentlich kaum. Aber das ist so fremd, dass Herr Park Soo-Ha ermah­nen muss, doch mit dem schon etwas älteren Her­rn Franzö­sisch und nicht Englisch zu sprechen. Unbes­timmt lange wolle er in der Pen­sion bleiben – und das ist doch ver­wun­der­lich. Die Neugierde der jun­gen Angestell­ten ist immer­hin geweckt, und so begin­nt sie nach dem Mann zu googeln. Sie find­et her­aus, dass er Autor und Zeich­n­er von Graph­ic Nov­els ist. Heim­lich und voller Neugierde blät­tert sie sein Skizzen­buch durch, schließlich kommt sie mit ihm ins Gespräch, hil­ft ihm im örtlichen Kun­sthandel Arbeits­ma­te­r­i­al zu besor­gen. Er suche Orte auf, erzählt er ihr, die nor­maler­weise voller Men­schen sind, nun aber ver­lassen – so wie eben das im Som­mer von Touris­ten über­schwemmte Sok­cho, das im Win­ter ver­lassen und ruhig wirkt. Heim­lich beobachtet sie ihn bei der Arbeit – und sie ent­deckt, dass er an ein­er mas­siv­en kün­st­lerischen Block­ade lei­det.

Und nun ent­deckt sie qua­si neben­bei eine Mis­sion für sich: Gelingt es ihr, den gebrem­sten Graph­ic Nov­el-Autor zu neuer Inspi­ra­tion zu ver­helfen? Was so span­nend für sie ist, ist dass in dem Mann gle­ich mehrere Dinge zusam­menkom­men: Er ist Fran­zose, wie ihr entschwun­den­er Vater; er ist Kün­stler; und er ist eben auch so etwas wie eine Vater­fig­ur. Als erstes hil­ft sie ihm bei der Erfül­lung eines Wun­sches: Er will die DMZ besuchen, die „Demil­i­tarisierte Zone” an der Gren­ze zu Nord­ko­rea, er hat aber keinen inter­na­tionalen Führerschein und darf daher kein Auto mieten. Diese Puffer­zone an der Gren­ze existiert seit 1953 und in den let­zten Jahren gab es Bemühun­gen Süd­ko­re­as, aus dem Übel das Pos­i­tive zu ziehen und die DMZ in eine touris­tis­che Attrak­tion zu ver­wan­deln, mit Fahrrad­we­gen, Wan­der­we­gen, Touris­ten­zen­tren, Museen und so weit­er. Soo-Ha fährt kurz­er­hand mit ihm hin, sie besuchen auch das Muse­um. Diesem Aus­flug fol­gen weit­ere Trips, etwa mit der Seil­bahn ins Gebirge, wo sie ihm von der Natur und den mythis­chen gestal­ten, die man in den Bergen erken­nen könne, erzählt. Aber auf ihrem Weg, dem Kün­stler beim Wiederfind­en sein­er Kreativ­ität zu helfen, spielt nicht nur die Natur eine Rolle, son­dern ins­beson­dere auch die Kuli­narik…

„Wird unsere Iden­tität dadurch geprägt, wie uns unsere Umge­bung wahrn­immt?” fragt der Filmemach­er Koya Kamu­ra. „Soo-Ha bewegt sich zwis­chen den Erwartun­gen ihrer Mut­ter, ihres Fre­un­des Jun-Oh und Ker­rand, einem älteren Mann, der zu ein­er Vater­fig­ur wird und schließlich Fra­gen über ihre eigene Iden­tität aufwirft”, sagt er. „Ihre Mut­ter ist beschützend, schweigt aber über die Ver­gan­gen­heit und weigert sich, die Geschichte ihrer Fam­i­lie zu teilen. Jun-Oh wiederum spiegelt die gesellschaftlichen Nor­men und den ästhetis­chen Druck wider, während Ker­rand durch seinen Blick als Kün­stler und als Per­son mit eigen­em Stand­punkt Fra­gen zu sein­er Iden­tität stellt. Ker­rand eröffnet Soo-Ha durch seinen Blick als Kün­stler und als Per­son mit eigen­er Sicht auf die Gesellschaft eine neue, aber beun­ruhi­gende Per­spek­tive auf sich selb­st. WINTER IN SOKCHO ist eine visuelle und intime Erkun­dung dieser uni­versellen Fra­gen nach der Iden­tität eines jeden Men­schen. Das Kochen, eine von ihrer Mut­ter weit­ergegebene Kun­st, wird für Soo-Ha zu einem Mit­tel des Aus­drucks und des Trostes, das ihre kul­turellen Wurzeln sym­bol­isiert. Die Inter­ak­tio­nen zwis­chen Soo-Ha und den anderen Fig­uren offen­baren ihre inneren Kämpfe und ihren Weg zur Akzep­tanz ihrer gemis­cht­en Wurzeln. Diese inneren Kämpfe wer­den durch ani­mierte Sequen­zen her­vorge­hoben, die dem Pub­likum einen Ein­blick in Soo-Has emo­tionalen Zus­tand geben.”

Das Herz dieser Lit­er­aturver­fil­mung sind in der Tat die bei­den Haupt­darsteller. „Win­ter in Sok­cho” ist das Spielfilmde­büt von Bel­la Kim, die Soo-Ha spielt; zuvor hat­te die in Paris geborene Schaus­pielerin einige TV-Rollen und eine Rolle in einem Kurz­film. Sie arbeit­et auch als Mod­el. Sie spielt die junge Soo-Ha so ein­dringlich und überzeu­gend, dass ich mich schon jet­zt danach sehne, sie in weit­ere Fil­men wiederzuse­hen. Im Gegen­satz zu ihr kann der marokkanisch-stäm­mige Roschdy Zem auf eine län­gere Filmkar­riere zurück­blick­en, seit eini­gen Jahren führt er auch Regie, zulet­zt im Jahr 2022 in dem Fam­i­lien­dra­ma „Les miens”. Wie diese bei­den Charak­tere aufeinan­der­stoßen ist beein­druck­end erzählt.

Sel­ten habe ich eine kün­st­lerische Block­ade so überzeu­gend erzählt bekom­men wie in diesem Film. Wun­der­voll ist auch der zarte Humor, der vor allem dann entste­ht, wenn der alte Pen­sions­be­sitzer Herr Park ins Spiel kommt. Großar­tig ver­webt Koya Kamu­ra die Hand­lungsstränge der Geschichte miteinan­der – jen­er über den unbekan­nten Vater, jenen der Fremd­heit in ein­er anderen Kul­tur, jen­er der Beziehung Soo-Has zu ihrer Mut­ter, jen­er über den Ver­lust der Kreativ­ität, etc. Was dem Film dann endgültig seine Poe­sie und seine Melan­cholie ver­lei­ht, sind die eingeschobe­nen Ani­ma­tion­sszenen, die von Träu­men, von der Kreativ­ität und von Gefühlen erzählen. Koya Kamu­ra ist ein wun­der­bar­er klein­er Film gelun­gen.

Winter in Sokcho

Hiv­er à Sok­cho
Ein Film von Koya Kamu­ra
nach dem Roman von Elisa Shua Dusapin
Mit Bel­la Kim & Roschdy Zem

Frankre­ich 2024 Flat – 1:1.85, 105 Minuten OmU FSK ab 12
(Franzö­sisch und Kore­anisch mit deutschen Unter­titeln)

Fes­ti­vals
Toron­to Inter­na­tion­al Film Fes­ti­val 2024 – Plat­form
San Sebas­t­ian Fes­ti­val 2024 – Dis­cov­ery
Film­fest München 2025

Ab 5.2.2026 nur im Kino

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