Die späten Nachwirkungen eines Bildersturms

Der Doku­men­tarfilm TRIEGEL TRIFFT CRANACH ab dem 5. Feb­ru­ar 2026 im Kino

TRIEGEL TRIFFT CRANACH – MALEN IM WIDERSTREIT DER ZEITEN (© Emil­ian Tsub­a­ki)

Nur wenige Wochen ist es her, dass ich zulet­zt mit Lucas Cranach zu tun hat­te, als ich näm­lich in Weimar im Renais­sance­saal der berühmten Her­zo­gin Anna Amalia Bib­lio­thek die Ausstel­lung „Cranachs Bilder­fluten” gese­hen habe. Seit dem Juni 2022 zeigt die Weimar­er Klas­sik Stiftung in ein­er mod­er­nen Präsen­ta­tion die bedeu­tende Cranachausstel­lung in dem Saal. Der Renais­sance­saal ist kurz nach Cranachs Tod ent­standen und zeigt somit einige Werke des Malers in ein­er zeit­genös­sis­chen Umge­bung. Beein­druck­end fand ich beispiel­sweise das Porträt von Sibylle von Kleve als Braut aus dem Jahr 1526, das berührende Porträt ein­er jun­gen, rothaari­gen Frau, die nach­den­klich-selb­st­be­wusst am Betra­chter vor­bei in die Ferne träumt, mit dem wal­lend roten Haar über den Schul­tern. Daneben hängt das Porträt ihres Bräutigams, Johann Friedrich I. der Großmütige Kur­fürst von Sach­sen, eben­falls aus dem Jahr 1526. Neben sein­er attrak­tiv­en Braut wirkt er beina­he noch etwas unreif und ver­legen, seine Groß­mut schien er erst noch entwick­eln zu müssen. Johann Friedrich der I. hängt aber noch mit einem weit­eren von Cranach gefer­tigten Porträt in der Ausstel­lung, das fün­fzehn bis zwanzig Jahre später ent­standen ist, in prächtigem Herrscherge­wand und mit Schw­ert, aber mit weit­er­hin mit nicht sehr offe­nen, dem Kün­stler ent­ge­gen blick­enden Augen. Gemein­sam mit den Bild­nis­sen von Johann I. der Beständi­ge Kur­fürst von Sach­sen sowie von Friedrich III. der Weise Kur­fürst von Sach­sen, alle drei im sel­ben Stil und mit ver­gle­ich­barem Out­fit gemalt, bilden sie eine Gruppe, die mich irgend­wie an die Drei Tenöre erin­nert. Neben zwei von Cranachs berühmten Luther-Bildern hat mich aber noch mehr eigentlich das Bild­nis von Luthers Gat­tin beein­druckt, Katha­ri­na Luther geb. von Bora, aus dem Jahr 1528.

TRIEGEL TRIFFT CRANACH – MALEN IM WIDERSTREIT DER ZEITEN (© Emil­ian Tsub­a­ki)

Die Geschichte, um die es nun in diesem Doku­men­tarfilm geht, hat ihren Ursprung keine 50 Kilo­me­ter von Weimar ent­fer­nt, in Naum­burg, wo sich der berühmte Naum­burg­er Dom befind­et, UNESCO-Weltkul­turerbe seit dem Jahr 2018 – übri­gens möchte ich aus diesem Anlass einen der schön­sten gel­ben Reclam-Bände empfehlen, den ich besitze: Gün­ter Bau­manns „Weltkul­turerbe – Stät­ten und Denkmäler”, der Band erscheint 2026 in ein­er ergänzten Neuau­flage. Jeden­falls: Der Naum­burg­er Dom entstammt dem 13. Jahrhun­dert und im Jahr 1519 schuf Lucas Cranach einen Marien­al­tar für den Naum­burg­er Dom, der aus drei Teilen bestand. Dieser befind­et sich immer noch im Naum­burg­er Dom, nicht jedoch der Mit­tel­teil, der wurde näm­lich bere­its im Jahr 1541 von refor­ma­torischen Ikonok­las­ten zer­stört. Das war noch zu Cranachs Lebzeit­en, er starb erst am 16. Okto­ber 1553 in Weimar, mit 81 Jahren. Religiöse Bilderz­er­störung hat ja eine lange Tra­di­tion, die bis heute andauert, man erin­nere sich etwa an die Zer­störung der Bud­dha-Stat­ue in Bamiyan durch die Tal­iban oder die Zer­störung von Palmyra durch den IS. Bei Gele­gen­heit sollte ich ein­mal ein Buch über die Geschichte des Ikonok­las­mus lesen finde ich. Es gibt ja auch noch skur­rilere, nicht so sehr religiöse Kun­stzer­störun­gen: etwa die verse­hentliche Zer­störung der Beuyss­chen Fet­tecke.

Aber zurück nach Naum­burg. Wie der Mit­tel­teil des Cranach­schen Marien­al­tars entschwand, beschreibt die Inter­net­seite des Naum­burg­er Doms wie fol­gt: „Das der Gottes­mut­ter Maria gewei­hte Retabel stand mehr als 20 Jahre auf dem Altar. Im Zuge der Reli­gion­sstre­it­igkeit­en der Refor­ma­tion­szeit ver­schaffte sich der evan­ge­lis­che Super­in­ten­dent Niko­laus Medler mith­il­fe der Fleis­cherin­nung 1542 gewalt­sam Zugang zum Naum­burg­er Dom. Ver­an­lasst durch den Befehl des Kur­fürsten von Sach­sen ent­fer­nte er ver­schiedene Marien­darstel­lun­gen, zu denen auch das Mit­tel­teil des Cranach-Altars zählte.” Die Seit­en­flügel des Altars blieben erhal­ten, waren aber natür­lich durch das Fehlen des Mit­tel­teils weit­ge­hend nut­z­los. Sie zeigen die bei­den Stifter­bis­chöfe und einige Heilige, etwa Maria Mag­dale­na oder Jakobus der Ältere. „Sämtlichen auf den Flügelin­nen- und Außen­seit­en dargestell­ten Heili­gen (Bar­bara, Katha­ri­na, Philip­pus, Jakobus d. Ä., Jakobus d. J. und Maria Mag­dale­na) waren zuvor Nebenaltäre im Westchor gewei­ht”, schreibt die Inter­net­seite des Naum­burg­er Doms. „Insofern ist der Cranach-Altar als entschei­den­der litur­gis­ch­er Tra­di­tion­spunkt des Westchors aufz­u­fassen. Auf­fäl­lig ist der gestal­tete Gold­hin­ter­grund der Innen­seit­en der Seit­en­flügel, der mit Sicher­heit auch auf dem ver­lore­nen Mit­tel­teil fort­ge­führt wor­den war und auf eine prächtige Wirkung des Retabels abzielte.”

TRIEGEL TRIFFT CRANACH – MALEN IM WIDERSTREIT DER ZEITEN (© Emil­ian Tsub­a­ki)

Nun kam, und das wird nun die Geschichte sein, um die sich „Triegel trifft Cranach” dreht, man auf die Idee, dass man doch die Attrak­tiv­ität des Naum­burg­er Doms dadurch steigern kön­nte, dass der Marien­al­tar durch ein zeit­genös­sis­ches Gemälde ergänzt und kom­plet­tiert wer­den kön­nte. Nun ist es ja mit zer­störter oder ver­schwun­den­er Kun­st aus dem 20. Jahrhun­dert meis­tens so, dass es von vie­len Werken entwed­er detail­re­iche Far­bre­pro­duk­tio­nen – oder aber zumin­d­est Schwarzweiß­fo­tografien gibt, man denke ins­beson­dere an Kun­st, die im 2. Weltkrieg zer­stört wurde oder ver­schwun­den ist. Das gilt natür­lich nicht für den Mit­tel­teil des Naum­burg­er Marien­al­tars, weil Fotografie gab’s damals noch nicht. Also gab es nur einen Weg: Ein zeit­genös­sis­ch­er Kün­stler sollte den fehlen­den teil imag­inieren und ergänzen. Die Wahl fiel auf den 1968 in Erfurt gebore­nen Maler Michael Triegel. Triegel hat­te in Leipzig Grafik und Buchkun­st studiert und qual­i­fizierte sich für diesen Job möglicher­weise dadurch, dass er im Jahr 2010 den Auf­trag erhal­ten hat­te, Papst Benedikt XVI. zu porträtieren. Altare und Andachts­bilder wur­den zu einem sein­er Lieblings­gen­res – und so erhielt er eben den Naum­burg­er Auf­trag.

Der Regis­seur des Films, Paul Smaczny, begleit­ete Triegel filmisch bei diesem Auf­trag. Die Arbeit­en des Malers hat­te er bere­its vor langer Zeit ken­nen gel­ernt. „Bei Michael Triegel hat man den Ein­druck, er male wie Raf­fael”, meint der Filmemach­er. „Doch nie han­delt es sich um bloße Imi­ta­tion. Es sind Zitate, Anspielun­gen, Ver­beu­gun­gen. Ver­beu­gun­gen, die in ein vol­lkom­men neues Gefüge hineingestellt sind, das sich häu­fig erst auf den zweit­en Blick erschließt. Irri­tierend gebrochen, ver­schoben in der Zeitwer­den sie zum Aus­druck der fra­gen­den, zweifel­nden Welt­sicht des Malers.” Aus Smacznys Worten ist eine gewisse Bewun­derung abzule­sen: „Dabei richt­en die Bilder Michael Triegels einen höchst zeit­genös­sis­chen Blick auf den großen his­torischen Zeitraum, den man fast vergessen hat und den der oft exk­lu­sive Fokus auf das Neue manch­mal versper­rt. Inter­es­san­ter­weise zeigt sich diese strenge Fix­ierung auf die Mod­erne beson­ders stark in der bilden­den Kun­st. In der Musik existiert sie in dieser Form nicht. Dort sind Zitate, spielerische Rück­griffe auf die Musikgeschichte, auf andere Kom­pon­is­ten und Werke seit jeher selb­stver­ständlich und erweit­ern wesentlich die Aus­drucksmöglichkeit­en. In diesem Sinne nimmt Michael Triegel inner­halb der zeit­genös­sis­chen Kun­st eine sin­guläre Stel­lung ein. Seine Bilder sind handw­erk­lich von vol­len­de­ter Präzi­sion und von alt­meis­ter­lich­er Anmu­tung. Zugle­ich erzählen sie unmit­tel­bar: unheim­liche, wun­der­bare, bewe­gende und rät­sel­hafte Geschicht­en.”

„Die UNESCO, über alle Schritte informiert, hält sich vor­erst bedeckt”, heißt es im Vorspann. Wir erin­nern uns, die UNESCO reagiert auf Ein­griffe in Weltkul­turerbestätte gerne empfind­lich, man erin­nere sich an Dres­den. Fünf Jahre ist es her, dass Michael Triegel an der Arbeit zum Mit­tel­teil des Altars begann, mit Zoll­stock und Notizblock fing er an, im Naum­burg­er Dom. Bals begin­nt er mit dem Studi­um der erhal­te­nen Seit­en­teile des Altars, er erken­nt den Wider­spruch zwis­chen Detail­re­ich­tum und Vere­in­fachung in Cranachs Mal­stil. Triegel berichtet von seinem Bezug zur Renais­sance, dieser wird in dem Bild, das er plant, in jedem Fall eine Rolle spie­len – aber auch der Bezug zu den Men­schen von heute. Und dann begin­nt Triegel mit den ersten Skizzen, er über­legt sich das Fig­uren­per­son­al, skizziert eine junge Frau, die als Vor­bild dienen wird. Diese Arbeit erweist sich ziem­lich schnell als faszinierend.

Dann untern­immt der Kün­stler eine sein­er Forschungsreisen, nach Pro­ci­da, der Insel im Golf von Neapel. Er wohnt ein­er Kar­fre­itagsprozes­sion bei und beobachtet die Volks­fröm­migkeit der Bevölkerung, eine Reli­giosität, die tief in die Ver­gan­gen­heit reicht – eine Fasz­i­na­tion, die ich als Athe­ist nichts­destoweniger nachvol­lziehen kann. Prozes­sio­nen in Frankre­ich und in den USA, die ich begleit­et habe, haben mir genau dieses Gefühl ver­mit­telt. „Zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt”, beschreibt Triegel seine Rezep­tion von Kun­st und Tra­di­tio­nen. Er beschreibt auch sein eigenes Ver­hält­nis zu Glaube und Kirche. Man müsse den Wider­spruch aushal­ten; er betont seine Sehn­sucht, glauben zu kön­nen.

Schließlich ziehen wir um in die Leipziger Baum­woll­spin­nerei, in der Triegel sein Ate­lier hat. Er macht sich an die Arbeit – und das wird in jedem Fall der faszinierend­ste Teil dieser Doku­men­ta­tion sein: Wenn wir dem Kün­stler bei der Arbeit zuse­hen; wie er die Skizze ausar­beit­et; sein Spiel mit der alt­meis­ter­lichen Anmu­tung; seine Arbeit an der Plas­tiz­ität, am Licht, an der Farbe. Ich hätte ja sofort eine Mal­block­ade.

Dann begleit­en wir Triegel auf eine Reise in die Ver­gan­gen­heit: nach Flo­renz. Er erzählt von seinen DDR-Träu­men, die Welt zu bereisen; vom Mauer­fall; als er 1000 West­mark geschenkt bekam und damit nach Flo­renz und Rom gereist war. Er erzählt von seinem Studi­um, als es darum ging, ob man denn noch figür­lich malen dürfe. „Da müssen Sie bock­ig sein”, ermunterte ihn ein­er sein­er Lehrer. Und dann begleit­en wir ihn wieder bei sein­er Arbeit an der Lein­wand, bei der Auswahl der Mod­elle – Bon­ho­ef­fer zum Beispiel, oder Triegels Frau Chris­tine.

Wie schon erläutert finde ich jene Szenen, in denen wir Triegel bei der malerischen Arbeit begleit­en, die span­nend­sten Szenen des Films. Ich kann halt eigentlich mit diesem Mal­stil nichts anfan­gen, erst recht nicht mit der Reli­giosität. Natür­lich ist bei­des auch The­ma des Films: „Malen im Wider­stre­it der Zeit­en” heißt sehr tre­f­fend schon der Unter­ti­tel des Films. Den­noch erscheint mir die Idee, heutige Kun­st in Bezug zur Renais­sance zu stellen zumin­d­est skur­ril. Den­noch ist es faszinierend, Triegel in sein­er Pas­sion zu begleit­en.

Smaczny hat bere­its eine län­gere Kar­riere als Doku­men­tarfilmer hin­ter sich, man verzei­he mir, dass ich seinen Namen bish­er nicht kan­nte. Ursprünglich hat­te er Jura, Franzö­sis­che Lit­er­atur und Ger­man­is­tik studiert, und zwar in Regens­burg und Paris. Er war Mit­be­grün­der ein­er Film- und The­ater­gruppe, „Le Grande Nuage de Mag­el­lan”. Heute lebt er in Leipzig und ist als Autor, Regis­seur und Pro­duzent tätig. Pro­duk­tio­nen im Bere­ich Musik und Kun­st sind seine Spezial­ität. Für seinen Film „Knowl­edge is the Begin­ning” aus dem Jahr 2006 erhielt er gar einen Emmy. Zu seinen weit­ere Fil­men gehören „Entre-qua­tre-z-yeux (1998), „Mul­ti­ple Iden­ti­ties – Daniel Baren­boim“ (2001), „Clau­dio Abba­do – Hear­ing the Silence“ (2003), „El Sis­tema“ (2009), „Die Thoman­er“ (2012), „John Cage – Jour­neys in Sound“ (2012),
„Music, a Jour­ney for Life – Ric­car­do Chail­ly“ (2014), „Zhu Xiao-Mei – How Bach Defeat­ed Mao“ (2016), „Gidon Kre­mer – Die eigene Stimme find­en“ (2018) und „When Music resounds, the soul is spo­ken to – Her­bert Blom­st­edt“ (2022).

Wegen mir hätte Smaczny Triegels Idee, so zu malen, wie er malt, ruhig mehr hin­ter­fragt wer­den dür­fen, eben­so seine Äußerun­gen zu Reli­gion und Kirche. Das ist mir etwas zu wohlwol­lend, man spürt da schon die Bewun­derung des Regis­seurs für die Arbeit des Kün­stlers. Was mich aber noch etwas mehr stört, ist, dass sich der Film gegen Ende hin ganz schön zieht. Ihm beim Arbeit­en zuzuse­hen, ist span­nend, dem Kün­stler beim Reden zuzuhören nicht ganz so sehr, das hätte ruhig kürz­er sein dür­fen. Gegen Ende hin kommt aber den­noch wieder Span­nung auf, und zwar mit der Frage: Was wird die UNESCO sagen?

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