
Geunyeoga doraon nal | The Day She Returns von Hong Sangsoo
KOR 2026, Panorama
© Jeonwonsa Film
Ich bin keineswegs ein Spezialist der Filmographie des koreanischen Regisseurs Hong Sangsoo, trotzdem versuche ich seit ein paar Jahren, keinen seiner Filme zu verpassen, aber trotzdem fehlen mir bisweilen etwas die Worte und das Wissen, seine Filme einzusortieren, zu untersuchen, zu deuten. Hong Sangsoos Filme waren ja inzwischen etliche Male bei der Berlinale, so ist also auch die Berlinale meist der Ort, an dem ich seine Filme sehe. Was ich spüre ist, dass es sowohl unter Filmjournalisten als auch unter den normalen Berlinalebesuchern ein gespaltenes Publikum gibt: Die begeisterten Befürworter seiner Filme – nicht umsonst wurden diese ja auch schon mehrfach mit Bären ausgezeichnet – und den nicht weniger vehementen Ablehnern seiner Filme, bisweilen gibt es auch Besucher, die den Saal früher verlassen. Am ehesten vergleichbar ist diese Reaktion vielleicht mit den Filmen von Angela Schanelec, die dieses Jahr ja auch wieder bei der Berlinale vertreten war, mit „Meine Frau weint“, aus dessen Vorführung, die ich gestern in der Urania gesehen habe, auch wieder locker zwei Dutzend Zuschauer den Saal verließen. Das nervt zwar, weil es die Vorführung stört, aber ich kann’s ja verstehen, zumal die Zuschauer der Berlinale sich ja traditionell auch auf Filme einlassen, von denen sie gar keine Vorstellung haben, wie sie aussehen, was sie da erwartet. Das ist ja auch das tolle an der Berlinale, dass sich ganz normale Menschen auf außergewöhnliche Filme einlassen.
Zur 75. Berlinale, letztes Jahr, lief sein Film „Geu jayeoni nege mworago hani“ im Wettbewerb, um mich selbst aus meiner letztjährigen Kritik des Films zu zitieren: „Hong Sangsoo ist Spezialist für Beobachtungen der koreanischen Gesellschaft, des Alltags, der Menschen. Er macht das mit einfachsten Mitteln und minimalem Personal, der Abspann ist nach 10 Sekunden erledigt. Wer aber weiß, worauf er sich einlässt, darf auch dieses Mal wieder sich auf intelligent entworfene Szenen freuen, eine schöne, einfache Geschichte, mit einfachsten Mitteln, so einfach, dass man gerne mit dem Hut durch die Berlinale-Pressevorführung laufen möchte, um für eine neue Kamera für Hong Sangsoo zu sammeln. Das ist mir aber alles trotzdem weitgehend egal, und ich freue mich jedes Mal wieder auf einfache Geschichten ohne Effekte und Schnickschnack aus Südkorea.“
Sein neuer Film läuft nun im Panorama, „Geunyeoga doraon nal“, auf englisch „The Day She Returns“ – und wenn ich ehrlich bin, ist vielleicht das Panorama wirklich die bessere Sektion um nicht jene Besucher abzuschrecken, die wie vielleicht im Wettbewerb des Öfteren, gehobenen Mainstream-Arthouse-Film erwarten. Im Panorama gibt es doch glaube ich viel öfters die Erwartungshaltung, dass einen da Schräges. Experimentelles, Kleines, Unerwartetes, Unfertiges erwarten könnte. Dieses Jahr gab es ja etwa im Panorama einen mexikanischen Film über die „hypermaskuline“ Welt des Rodeos, einen über nigerianische Sexarbeiterinnen, einen Film über einen Rock’n Roller im Paraguay der 50er undundund.
In einem Restaurant gibt eine nicht mehr ganz junge Schauspielerin (gespielt von Song Sunmi) ein Interview zu ihrem neuen Film. Zunächst bittet sie, die Sonnenblenden heruntermachen zu dürfen, ihre Augen seien nicht mehr so toll. Dann überrascht sie die junge Journalistin mit der Frage, wie sie den Film denn gefunden habe. Die Frage ist der Journalistin aber unrecht, eigentlich will sie die Fragen stellen, aber die Schauspielerin beharrt, sie sei eben neugierig. „Er war schön“, lässt diese sich entlocken. Es gäbe viel zum Nachdenken. Ob sie denn auch nicht lüge, hakt die Schauspielerin nach. Dann beginnt die Journalistin mit ihren Fragen: Wie sie denn dazu gekommen sei, einen Independentfilm zu drehen. Vor allem auch nach solch einer langen Zeit – zwölf Jahre, in der sie keine Filme gedreht habe, ob es da nicht eine Menge Regisseure gegeben habe, die Interesse gehabt hätten, mit ihr zu drehen. Nein. Nun sei aber der Regisseur des Independentfilms auf sie zugetreten und sie mochte das Drehbuch. Ihre früheren Filme konnte die Journalistin damals noch gar nicht gesehen haben, da war sie noch zu jung. Aber sie habe einige der Filme online gesehen, sagt sie. Immer wieder schwenkt das Gespräch auch weg vom Thema, als sie etwa über die jung gebliebene Mutter der Schauspielerin reden. Das junge Aussehen läge wohl in den Genen, meint die Journalistin. Und dann erzählt die Schauspielerin vom Restaurant, in dem sie sich befinden: Es ist ein deutsches Restaurant, die Besitzerin sei Koreanerin, aber ihr Ehemann, der Koch, Deutscher. Einst habe er ein Restaurant in Berlin gehabt. Das Essen, sagt sie, insbesondere das Fleisch sei sehr gut. Und so mäandert sich das Gespräch um Privates, Oberflächliches, dann wiederum um die Arbeit und den Film. Die Schauspielerin erzählt davon, dass sie wieder anfing zu arbeiten, weil ihre Tochter nun etwas älter sei. Und sie erzählt, dass sie geschieden ist. Aber dann wiederum wehrt sie ab, als die Fragen tiefer dringen. Und irgendwann kippt das Gespräch sogar kurz in die andere Richtung: Die Schauspielerin befragt die Journalistin nach deren Privatleben und nach deren Probleme, die sie derzeit beschäftigten. Übers Biertrinken, Lebensphilosophien, Zen, übers Fasten und Diäten geht es – und so weiter. Und dann kommt auch schon der Presseagent – nein es ist der Regisseur – aus dem Off und sagt, das Interview sei zu Ende – doch eine Frage hat sie noch: Ob sie einen Rat für junge Menschen habe? Liebt euch selbst, sagt sie. Dann gibt es eine Pause – und das nächste Interview folgt. Und das nimmt durchaus einen anderen Verlauf. Aber wiederum wandelt das Gespräch zwischen dem Film und Privatem, sowohl der Journalistin als der Schauspielerin – und auch dieses Mal geht es um deutsches Bier und Würstchen. Irgendwann geht es auch um den Alkoholkonsum der Schauspielerin – und um die düstere Gegenwart. Worum es aber nie wirklich geht – auch im dritten Interview, auch wiederum mit einer jungen Journalistin – ist der Film. Der wird nur oberflächlich angesprochen.
Später, im Schauspielunterricht, den sie an jenem Tag noch hat, wird sie die Interviews des Morgens quasi re-enacten. Doch dann gibt es immer eine Stelle, an der sie sich nicht weiter erinnert.
Für mich sind die Filme von Hong Sangsoo eigentlich immer auch so etwas wie eine wunderbare, erwünschte 90-minütige Wirklichkeitsflucht, anderthalb Stunden Eskapismus. Das trifft es natürlich nicht vollständig, was Hong Sangsoo vermutlich beabsichtigt, aber es trifft in meinen Augen die Stimmung, die Atmosphäre, die er ausstrahlt – und das ist in jedem Fall positiv gemeint. Natürlich ist das konstruiert und artifiziell, aber ich kann da mitgehen in dieser Konstruktion, während mich das etwa – um den Vergleich einmal vorzubringen – bei Angela Schanelec unter Umständen herauswirft. Natürlich braucht man ein großes Maß an Bereitschaft, sich auf diese ruhigen Einstellungen, diese Variationen desselben Gesprächs einzulassen, aber ich finde auch hier hat sich das gelohnt.