
Bereits das 32. Jüdische Filmfestival findet vom 5.-10. Mai 2026 statt, „Jewcy Movies“ wie der Spitzname seit einigen Jahren lautet, „vom Blockbuster über Komödien bis zum Arthouse Kino“, beschreiben sich die Festivalmacher. „Sechs Tage lang gibt es ein internationales Filmprogramm, das die diverse, lebendige jüdische Kulturszene zeigt und einen außergewöhnlichen Einblick in jüdisches Leben auf der ganzen Welt gibt.“ In jedem Fall ist es seit Jahren eines der spannendsten kleineren Festivals Deutschlands, ich mag mich an einige denk- und erinnerungswürdige Entdeckungen, die ich auf dem Jüdischen Filmfestival gemacht habe, erinnern. Und außerordentlich spannend und interessant sind dann erst recht die kleineren, nischigeren Filme, die man da zu sehen bekommt – die es halt aber nicht unbedingt bis zu einem deutschen Verleih schaffen. Insofern kann ich nur die Empfehlung geben, die Chance auf diesem wunderbaren, kleinen Festival zu nutzen.
Und jedes Jahr gibt es auch bei den Regisseurinnen und Regisseuren Neuentdeckungen zu machen, so etwa beim Debütspielfilm von Esty Shushan, deren Filmographie sich bisher auf den Kurzfilm „Barren“ aus dem Jahr 2015 und auf ihre Episode des Fernsehepisodenfilms „Why Is This Night Different than Other Nights? (Ma Nishtana?)“ beschränkt. Zweiterer klingt sehr interessant, es ist ein Episodenfilm über die Pessachnacht zu Zeiten der Coronepidemie.
Ruth und ihr Mann Shmuel sind glückliche Eltern eines Jungen, der in den Kindergarten geht, so glücklich, dass sie auch schon ein weiteres Kind planen, Ruth würde sich eine Tochter wünschen. Sie gehören einer ultraorthodoxen Glaubensrichtung an, voller Traditionen und besonderen Bräuchen. Shmuel ist Rabbi, Ruth arbeitet in einer Marketingfirma, beide sind sehr beschäftigt, nicht einfach, das mit dem Familienleben übereinzubekommen.
Schnitt. Etwas Dramatisches ist passiert. Ihr Kind ist tot. Erst wissen wir gar nicht genau, was passiert ist. Es muss wohl Gottes Wille gewesen sein, heißt es in der Gemeinde. „Und warum ist uns das passiert?“, sagt ein Rabbi. „Wir wissen es nicht. Die einzige Frage, die wir uns fragen müssen: Was will Gott von uns? (…) Tragödien treffen uns wegen Sünden wider der Bescheidenheit. (…) Und das ist euer Job, ihr Frauen.“ Und was bewegt Shmuel? Dass andere Menschen das Kind gefunden haben – und nicht er. Und Ruth? Sie gibt sich selbst eine Mitschuld am Tod ihres Kindes. Und was meinen die Frauen in der Gemeinde? Ruth sei gut dran, denn Gott möge die mit gebrochenem Herzen. Außerdem könne sie ja bald ein neues Kind zur Welt bringen. Und wer war nun Schuld am Tod des Kindes? Einzig und allein Shmuel, der seinen Sohn zum Kindergarten bringen sollte, ihn aber im Auto vergessen hat, wo er in der Hitze starb.
Und was fällt Shmuel nun ein? Ein Schweigegelübde, damit er darüber nicht reden muss. Er vergisst auch nicht, Ruth ihr „Taschengeld“ zu geben. Von dem Geld, das einzig und allein sie verdient. Er suhlt sich im Selbstmitleid. Er beschäftigt sich stundenlang mit religiösem Händewaschen. Und er beschäftigt sich damit, ihr Vorwürfe zu machen: Dass sie die falsche Musik hört, dass sie geschäftig durch die Gegend renne. Man spräche schon über ihr lasterhaftes Verhalten. Jemand müsse ja die Verantwortung übernehmen. Sagt er. Niemand, noch nicht mal Ruth selbst, hat den Mut ihm die Wahrheit ins Gesicht zu sagen: Niemand anderes als du, Shmuel, ist Schuld daran, dass unser Kind tot ist. Ihre Rolle als Frau in dieser tiefgläubigen Gesellschaft lässt diese Erkenntnis nicht zu. Im Zentrum steht Ruths innerer Prozess, ihre Entwicklung nach dem Tod ihres Sohnes, denn sie spürt, dass eigentlich etwas nicht stimmt. Diese Entwicklung vollzieht sich ganz leise und langsam. Für ihre Trauer lassen die Rituale ihrer religiösen Gemeinschaft keinen Platz. Selbst für die Wut auf ihren Ehemann nicht. Es gibt keinen Hass, keine Wut auf diesen verantwortungslosen, verlogenen, verblendeten Mann, der Schuld am Tod ihres Sohnes ist.
Mir fällt das etwas schwer, diesen Film einzuordnen, insbesondere müsste ich über den Schluss sprechen können, aber dazu müsste ich allzu sehr spoilern, genau genommen bin ich mir gar nicht so sicher, ob ich das Ende überhaupt verstanden habe. Jedenfalls bestünde für mich eine Lösung des Konflikts im Film doch nur darin, dass Ruth ihre Wut und ihren Hass auf ihren Ehemann zulässt, der den Tod des Sohnes verursacht hat. Aber das sagt der Film in meinen Augen doch gar nicht aus. Ja, sie findet einen Weg, ihre innere Freiheit, ihre Autonomie zu entdecken, aber die bleibt doch in kleinen Äußerlichkeiten stecken – Haare abschneiden, Auto fahren; oder verstehe ich da etwas falsch? Im Festivaltext steht: „Ruths Geschichte stellt damit auch die Frage, welche Handlungsspielräume Frauen in der streng geregelten, religiösen Gemeinschaft haben.“ Ja natürlich, aber das reicht doch nicht aus?
Spielzeiten im Festival: 6., 7. und 8. Mai 2026
https://jfbb.info/programm/filme/book-of-ruth