FANTASY LIFE von Matthew Shear beim Jüdischen Filmfestival Berlin Brandenburg

Gle­ich in mehreren Fil­men von Noah Baum­bach hat Matthew Shear schon mit­ge­spielt, „Mis­tress Amer­i­ca” aus dem Jahr 2015, „The Meyerowitz Sto­ries” von 2017 und „Mar­riage Sto­ry” aus dem Jahr 2019. Auch bei M. Night Shya­malan hat er schon mit­ge­spielt, näm­lich in „Old”, das war 2021. Shear ist 1984 in New York geboren, er studierte in Annapo­lis, Mary­land und nahm ab dem Jahr 2009 zunächst kleinere Film- und Fernsehrollen an.

„Es gab eine zen­trale Erfahrung, die viele Schaus­piel­er ken­nen: die typ­is­che Phase zwis­chen zwei Engage­ments, in der man auf der Stelle tritt”, erzählt Shear in einem Inter­view über die Idee, sich als Autor und Regis­seur zu betäti­gen. „Ich befand mich zwis­chen zwei Staffeln ein­er Serie, als ich mit dem Schreiben begann, und es dauerte zwei Jahre, bis die Serie fort­ge­set­zt wurde. Ich wusste nicht, ob ich den Job und das Einkom­men behal­ten würde, und so weit­er. Das hat die Fig­ur defin­i­tiv bee­in­flusst. Die weib­liche Verkör­pe­rung war eine kreative Her­aus­forderung, die mir sehr viel Spaß gemacht hat, und sie gab mir die Möglichkeit, mich in eine Schaus­pielerin hineinzu­ver­set­zen, die es schw­er­er hat als ich. Schaus­pielerin­nen in ihren Fün­fzigern haben vielle­icht eine beein­druck­ende, dynamis­che Kar­riere hin­ter sich, und dann plöt­zlich scheint es, als gäbe es keine Rollen mehr für sie.”

Diese Schaus­pielerin, von der er spricht ist Aman­da Peet, und wenn man sich Peets gigan­tis­che Fil­mo­gra­phie ansieht, so stellt man fest, dass sie seit dem Jahr 2013 zwar noch oft im Fernse­hen, aber nicht mehr im Kino zu sehen war. Und sie hat­te wirk­lich in den Nuller­jahren einen guten Kino-Namen und einige bedeu­tende Rollen gespielt: „Keine hal­ben Sachen” von Jonathan Lynn zum Beispiel, in „Iden­tität” von James Man­gold, in „Was das Herz begehrt” von Nan­cy Mey­er, in „Melin­da und Melin­da” von Woody Allen. Es fol­gte „Syr­i­ana” von Stephen Gaghan und „2012” von Roland Emmerich, dann aber eben nicht mehr viel. Auch Aman­da Peet zeigte sich in etlichen Inter­views und Pod­casts begeis­tert, endlich wieder ein­mal fürs Kino spie­len zu dür­fen. An ihrer Seite spiel­ten der Regis­seur selb­st, Alessan­dro Nivola (zulet­zt u.a. in „The Bru­tal­ist”), Judd Hirsch, der u.a. in Spiel­bergs „The Fabel­mans” spielte, undun­dund, eine vielver­sprechende Beset­zung und ein Regie-Neul­ing aus dem Baum­bach-Umfeld. Da kann nichts schief gehen, hoffe ich!

Mit „Herb­st” ist das erste Kapi­tel betitelt. Sam, gespielt vom Regis­seur hochselb­st, hat’s nicht leicht. Ein Los­er. Er ver­liert irgen­deinen unin­ter­es­san­ten Büro­job, hat bisweilen Panikstörun­gen, zap­pelt nervös herum, hat in einem Buch­laden einen kleinen Zusam­men­bruch, bei dem er sich auch noch am Kopf ver­let­zt, er hat keine Kranken­ver­sicherung mehr. Wohnen tut er, was ja aber in New York bei den Miet­preisen nicht so riesig außergewöhn­lich ist, in ein­er WG mit einem anderen Mann, eine Fre­undin hat­te er seit etlichen Jahren nicht mehr. Nun sitzt er also notwendi­ger­weise wieder ein­mal bei einem Psy­chi­ater, der ihn mit knarzen­der Stimme nach sein­er Ver­gan­gen­heit befragt, wann er so seine let­zte Panikat­tacke hat, 2019, nach dem Studi­um, ob er Gras rauche, ja. Das nützt aber nichts urteilt der Psy­chi­ater pauschal. Aber es hört ja kein­er auf ihn. Mit OCD-Zeug würde er sich abkämpfen, meint Sam. Ein­er Zwangsstörung also, aber in der Psy­chi­ater­sprache find­et man natür­lich Abkürzun­gen für län­gere Begriffe, in dem Fall: Obses­sive-Com­pul­sive Dis­or­der, OCD. Unter krankhaftem, zwang­haftem Anti­semitismus litte er, geste­ht Sam seinem Psy­chi­ater. Vielle­icht hat das ja alles mit einem inter­gen­er­a­tionalen Trau­ma zu tun. Äng­ste, depres­sive Gedanken, die Medika­mente, die er braucht, das würde doch damit in Verbindung ste­hen kön­nen. Welche Juden sind das Prob­lem? Nur die ortho­dox­en, oder alle? Fragt der Psy­chi­ater, dessen Vater in Auschwitz ermordet wurde. Alle. „Haken­nase” und so geht ihm dann durch den Kopf. Naja, dann kriegt er halt irgendwelche Medika­mente. Und dann fragt ihn auch noch die Sprech­stun­den­hil­fe, die schon seine Eltern kan­nte, ob er nicht mal ihre Enke­lin­nen babysit­ten wolle. Auf seine Zweifel erwidert die Frau wohlurteilend: „You are funci­tion­al!”

Na dann taucht er eben, bei David und dessen drei Töchtern auf, die eine macht ständig Hausauf­gaben, die anderen zock­en per­ma­nent. Die Mut­ter ist für einige Zeit ver­reist. Sams Babysitkom­pe­ten­zen wer­den nicht abge­fragt, er bekommt kurz die Regeln herun­terge­betet, und dann geht’s auch schon los. Für üppige 300 Dol­lar. Irgend­was wichtiges mit Musik­ern oder so hat David zu tun. Aber natür­lich ist Sam gnaden­los über­fordert von den Dreien.

Das zweite Kapi­tel heißt „Früh­ling”. Wir begeg­nen Dianne, eben gespielt von Aman­da Peet, Schaus­pielerin, deren Kar­riere etwas abge­flacht ist, auch sie ist Stam­mgästin bei ein­er Ther­a­peutin und Medika­mente nimmt sie en masse – den Kindern ist der Begriff „men­tal health issues” bekan­nt. Auch sie hat Verbindun­gen zur Shoah, über­all und immer wieder taucht das The­ma bei ihr auf: in Gesprächen, in den Büch­ern, die sie liest etc. Und sie ist: Die Mut­ter eben jen­er Mädels, die Sam let­zten Herb­st babysit­tete. Und nun ist Sam irgend­wie Teil dieser Fam­i­lie gewor­den – und eigentlich hat er das sit­ten mit­tler­weile ganz gut drauf. Während Dianne mit ihrer düm­pel­nden Kar­riere zu tun hat während David wiederum durch die Welt­geschichte tourt. Und manch­mal hängt David auch in der Fam­i­lie rum, wenn eines der Eltern­teile da ist. Ergibt sich halt so. Und so kommt er ins Gespräch mit Dianne, wohinge­gen David sich noch nicht mal seinen Namen merken kann. „Bat­tlestar Galac­ti­ca” habe ihn, erzählt Sam, durch seine erste Depres­sion gebracht. Die Serie. Und so erweit­ert sich Sams Rolle immer mehr: Er hil­ft ihr auch Schaus­pieltapes für Cast­ings für sie zu erstellen. Und dann kommt der Som­mer.

Und so kommt es zur einen oder anderen über­raschen­den Wen­dung über die Jahreszeit­en hin­weg, aber es geht weniger um die großen Dra­men, als um die kleinen Kon­flik­te, die komis­chen Vor­fälle und um die leicht schrä­gen Charak­tere der Haupt­fig­uren. Und da gibt es in der Tat das eine oder andere über­raschende Wieder­se­hen. Der Grund­ton der Hand­lung ist der, dass uns alle Fig­uren immer mehr ans Herz wach­sen. Sam der Los­er, der sich auch mal was traut. Dianne, die allmäh­lich wieder Opti­mis­mus in Bezug auf ihre Kar­riere gewin­nt. Der stre­it­süchtige, den­noch liebenswerte Vater von Dianne. Sog­ar der erst recht unan­genehme David. Und natür­lich die Kinder. Das ist so ein empathis­ch­er, herzensguter, wun­der­voller Film.

Naja gut, irgend­wann eskaliert es dann doch im Fam­i­lienkreis…

„Fan­ta­sy Life” läuft vom 7. bis zum 10. Mai beim Jüdis­chen Film­fes­ti­val Berlin Bran­den­burg und danach doch hof­fentlich bald auch reg­ulär im Kino.

https://jfbb.info/programm/filme/fantasy-life

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